Behelf – und erste freie Wahlen
Die britische Militärregierung stand vor dem Problem, „ein einfaches und ordentliches Leben“ für die Deutschen zu gewährleisten, wie Oberbefehlshaber Montgomery seine Aufgabe in einer Proklamation vom 30.5.1945 bezeichnete. Dazu mussten die Reste der deutschen Verwaltungen reaktiviert werden. In Münster ernannte die Militärregierung am 14.4.1945 den 74jährigen Justizrat Fritz Carl Peus zum kommissarischen Oberbürgermeister. Peus versuchte sofort, Hiltrup und drei weitere Gemeinden nach Münster einzugemeinden. Er bat die englische Militärregierung um eine entsprechende Anordnung „Um zu vermeiden, daß mit Verhandlungen eine längere Zeit ungenutzt verstreicht“. Die Militärregierung lehnte ab. Im Juni 1945 wurde Dr. Zuhorn zum Oberbürgermeister ernannt, der das Amt bis 1933 innegehabt hatte.
Rudolf Amelunxen wurde am 6.7.1945 beauftragt, eine Provinzial-Regierung für Westfalen, Lippe und Schaumburg-Lippe zu bilden.

Ende 1945 gründeten sich demokratische Parteien, auf Vorschlag des Oberbürgermeisters ernannte der britische Stadtkommandant im Januar 1946 eine neue Stadtvertretung; Vertreter der SPD war neben anderen der Handwerksmeister Theodor Geringhoff, der im August 1945 die Wiederbegründung der münsterschen SPD betrieben hatte. Die erste demokratische Wahl zum Stadtrat fand dann am 13.10.1946 statt.
In Hiltrup herrschte nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen Ostern 1945 für kurze Zeit Anarchie. Am verlassenen Bahnhof stand ein mit Fleisch beladener „herrenloser“ Eisenbahnzug, die Schweinehälften wurden mit Handwagen und Fahrrädern abtransportiert. Es gab Plünderungen, nach Erinnerungen der Familie Vogt kamen die deutschen Nachbarn und plünderten Vogts Bäckerei und Kolonialwarenladen an der Bahnhofstr. 72. Auch das von der Deutschen Arbeitsfront beschlagnahmte Paterkloster (als Zwangsarbeiterlager genutzt) sei von Hiltrupern – zum Teil von der Klosterstraße – geplündert worden. Die früheren Zwangsarbeiter waren auf sich selbst gestellt, einige versorgten sich durch Überfälle und Einbrüche; besonders gefährdet waren einzeln liegende Häuser und Bauernhöfe. Im leeren Bahnhofsgebäude spielten die Kinder mit den Fahrkarten.
Die Ortskommandantur übernahm zunächst eine belgische Armeeeinheit im Haus der Familie Dalhoff an der Bahnhofstraße.
Am 4. April 1945 bildete sich ein vorläufiger Gemeindeausschusses. Auf Wunsch des vorläufigen Gemeindeausschusses und „mit Zustimmung weiter Kreise der Hiltruper Bevölkerung“ erklärte sich schließlich der Gastwirt Josef Elfering (Zentrum) bereit, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Elfering wurde am 6.4.1945 vom belgischen Ortskommandanten zum Bürgermeister bestellt, der Baustoffhändler Heinrich Dalhoff zum stellvertretenden Bürgermeister. Nach Elferings Bericht in der ersten Sitzung des Beirates für die Gemeinde Hiltrup, der von der Ortskommandantur eingesetzt worden war, waren 48 Häuser mit 118 Wohnungen völlig zerstört, Straßen kaum befahrbar und Strom- und Wasserversorgung vielfach unterbrochen. Elfering rief am 23.4.1945 alle männlichen Einwohner im Alter von 16-55 Jahren zu einem gemeinsamen Arbeitseinsatz auf. Innerhalb von 8 Tagen wurden Straßensperren und Trümmer geräumt, die Stromversorgung wieder hergestellt, danach die Gas- und Wasserversorgung.
Einzelne Haushalte in Hiltrup erhielten einen Schutzbrief, der vom amerikanischen Kommandanten und von Bürgermeister Elfering unterschrieben war: „Die Angehörigen dieses Haushalts stehen unter dem Schutz der Militär Regierung der Amerikanischen Armee“.
Die amerikanische Armee, die Ostern 1945 in Hiltrup einmarschiert war, wurde am 11.6.1945 durch die englische Armee abgelöst (Kriegstagebuch der HIltruper Missionsschwestern).
Die Bevölkerung der Stadt Münster litt schwer unter den Folgen des Krieges. Die Stadt war verwüstet durch die Bombenangriffe, Luftaufnahmen der US Air Force vom 12.5.1945 zeigen eine Ruinenlandschaft. Münsters Stadtkern war zu über 91 Prozent zerstört, innerhalb des Promenadenrings hausten nur noch 17 Familien. Die Gesamtstadt war zu 63 Prozent zerstört; nur noch 23.500 Menschen lebten in Münster. Viele Wohnungen waren zerstört.
In Hiltrup waren nach 12 Bombenangriffen 48 Häuser mit 118 Wohnungen total zerstört, 32 Wohnungen schwer und 80 Wohnungen leicht beschädigt. 298 Hiltruper waren als Soldaten umgekommen und 35 Menschen aus der Hiltruper Zivilbevölkerung.

Überall in Deutschland waren während des Krieges Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene als Arbeitskräfte eingesetzt. Ungefähr 1000 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern waren bei Kriegsende in Hiltrup untergebracht. Sie hausten zum Beispiel in den Baracken der früheren Flakstellung Vogelmann beim Hof Hackenesch, im Lager Waldfrieden, im Lager des Röhrenwerks und im Paterkloster, einige sogar auf einem Kanalschiff. Am 6. Mai 1945 waren 682 italienische und 288 polnische Menschen in Hiltruper Lagern registriert.
Die einheimische Bevölkerung und die Zwangsarbeiter / Displaced Persons standen sich nach Kriegsende verständnislos gegenüber: Überlebende ukrainische sowie weißrussische Arbeitseinsätzler versuchten sich der Repatriierung zu entziehen, da Stalin sie als Kollaborateure ansah und in die GULAGs seines Imperiums steckte. Auf deutscher Seite hingegen registrierte man vor allem Übergriffe und Straftaten, die von einigen unter den Displaced Persons verübt oder ihnen zugeschrieben wurden.
Das in Münster ausgebombte Clemenshospital nutzte einen großen Teil des Hiltruper Paterklosters.
Die früheren Einwohner strömten in die Stadt zurück. Da Wohnraum knapp war, mussten sie zunächst eine formelle „Rückkehrgenehmigung“ bzw. „Zuzugsgenehmigung“ beantragen. Zugleich kamen Flüchtlinge und suchten eine Bleibe.
Auch der frühere NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Gustav Fiegenbaum, der im März 1945 geflohen war, beantragte 1946 nach der Entlassung aus dem Internierungslager eine Zuzugsgenehmigung für die Rückkehr nach Hiltrup. Der Gemeinderat lehnte dies ab: Fiegenbaum habe verantwortungslos gehandelt, als er die Gemeinde ohne Bestellung eines Vertreters verlassen habe; er habe durch sein unwürdiges Verhalten sein Bürgerrecht verloren. Bei seiner Rückkehr seien schwere Ausschreitungen zu erwarten, die es notwendig machen würden, ihn in Schutzhaft zu nehmen. Eine Arbeitsmöglichkeit sei für ihn nicht gegeben, da seine früheren Arbeitgeber (Fiegenbaum war Betriebsinspektor in der Personalabteilung von Glasurit gewesen) einmütig die Weiterbeschäftigung ablehnten.
Viele Menschen „hatten die Nase voll“ von Uniformen. Noch Anfang 1948 wurden Feuerwehrleute angefeindet, weil sie in der Öffentlichkeit ihre Uniform trugen. Die Westfälischen Nachrichten berichteten detailliert über grauenhafte Einzelheiten der Nazi-Verbrechen, die in den Gerichtsverfahren öffentlich wurden (siehe Online-Archiv der Westfälischen Nachrichten ab 1946, https://e-paper.wn.de/titles/wnarchive/13657/archive), aber: Es war keine Zeit der Reflexion über die vergangenen Jahre, sondern eine Zeit des sich neu Orientierens, des Anpackens. Auf Anordnung der Besatzungsmacht (Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946) wurden auch in Hiltrup einige Straßennamen geändert (Adolf-Hitler-Straße, Albert-Leo-Schlageter-Straße, Bismarckstraße, Hindenburgstraße, Horst-Wessel-Straße, Weddigenstraße).
In dem sehr kalten Winter wurde die Lage Anfang 1946 in Münster zusätzlich durch Hochwasser der Aa verschärft, Notstandsmaßnamen wurden angeordnet. „Man musste sich irgendwie über Wasser halten“: Die zerbombte Gärtnerei Lange in Hiltrup pflanzte unter anderem Tabak an, um diesen auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel einzutauschen.
Die Clemensschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) war Ende 1944 mit Zwangsarbeitern der Organisation Todt belegt worden. Das Gebäude war durch eine Bombe beschädigt und wurde 1945 nach dem Krieg von der amerikanischen Armee belegt.

Ein Zeitzeuge erinnert sich: Als Jugendliche seien sie zu mehreren zur Clemensschule gegangen, dort seien unter anderen auch farbige amerikanische Soldaten gewesen; einige von ihnen hätten die Amerikaner abgelenkt, andere hätten die Armeefahrzeuge nach brauchbaren Sachen durchsucht.
Der Hiltruper Schulbetrieb wurde am 30. Januar 1946 wieder aufgenommen mit der Rektorin Alma Neisemeyer (1886-1962), zunächst nur in der alten Mädchenschule an der Burchardstraße (heute: Zur Alten Kirche; das Gebäude ist durch ein neues Wohnhaus ersetzt). Die Clemensschule war noch bis Frühjahr 1948 von der englischen Armee besetzt. Durch den Zuzug von Flüchtlingen wuchs die Zahl evangelischer Kinder, am 10.5.1946 wurde eine evangelische Volksschule eröffnet. Im Mai 1946 stimmten die Eltern in Münster darüber ab, ob das Schulsystem aus Einheits- oder Konfessionsschulen bestehen sollte. 94% der katholischen Eltern und 56% der evangelischen Eltern stimmten dafür, die Konfessionsschulen wieder herzustellen.

Der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Gustav Fiegenbaum, der im März 1945 zunächst geflohen war, blieb bis 1947 (!) Schützenkönig des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup. 1951 weist ihn die Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup für die Zeit von 1939 bis 1947 als Schützenkönig aus.

Die Gleichschaltung aller Bereiche von Politik, Gesellschaft und Kultur durch das NS-System hatte 1945 geendet, das vielfältige Hiltruper Vereinsleben belebte sich wieder. Der Männergesangverein 1848 Hiltrup fuhr schon 1946 im offenen LKW zu einem Wettstreit nach Altena ins Sauerland. Neben dem Bürgerschützenverein wurde im „Swieneduarp“ auch der Schützenverein Hiltrup-Nord von 1923 e.V. wieder aktiv. Wenige Jahre später gründeten sich weitere Schützenvereine: Der Schützenverein Vennheide von 1951 e. V. und der Schützenverein „Dicke Eiche“ von 1952 Hiltrup-Ost e. V..
Auf der anderen Seite suchten auseinandergerissene Familien noch mit Kleinanzeigen nach verlorenen Angehörigen. Das deutsche Rote Kreuz organisierte einen Suchdienst (“Nachforschungsdienst”), der Heimkehrer befragte und auch über das Radio Informationen sammelte. Bei der Suche nach einer Wohnung war Fantasie gefragt, …
…, und auch in Hiltrup stand Tatkraft am Beginn des Wirtschaftswunders, wie Zeitzeugen berichten.
Schon im Oktober 1946 beschloss der Kirchenvorstand von St. Clemens Hiltrup, Ersatz für die 1942 eingeschmolzenen Glocken zu beschaffen. Die Pfarre hatte im Jahr 1945 Gussbronze kaufen können gegen Mithilfe bei der Beschaffung von Einkellerungskartoffeln. Auch die verbliebene Glocke aus dem Jahr 1925 nahm die Glockengießerei in Zahlung.
Die Bevölkerung wurde zu Räumarbeiten herangezogen, neben den „Bürgerräumern“ mussten in Münster anfangs auch Displaced Persons Trümmer räumen. Die Versorgung mit Wasser und Elektrizität und die Entwässerung wurden zunächst nur provisorisch wieder hergestellt. Heizmaterial und Kleidung waren knapp. Nahrungsmittel waren rationiert, Selbstversorgung bis hin zur eigenen Ziege half ; im Mai 1945 standen nur noch 910 Kalorien pro Person zur Verfügung, im Mai 1947 885.
Die Nahrungsmittelzuteilung für den gesamten Monat April 1946 listet eine Hiltruper Zeitzeugin auf: „3600g Brot, 125g Nährmittel, 100g Kaffee-Ersatz, 550g Fleisch, 300g Fett, 62,5g Köse, 375g Zucker, 10kg Kartoffeln“ – wenn man sie überhaupt bekam. In der ersten Nachkriegsnummer des Landwirtschaftlichen Wochenblatts (zunächst in Steinhagen, später in Hiltrup produziert) rief die britische Besatzungsmacht die Bauern auf: „… Es ist unnötig, den Ernst der Ernährungslage zu betonen. Aber wenn Sie auf dem Lande schwere Zeiten haben, so denken Sie daran, daß es in den Städten noch viel schlimmer aussieht. … Es ist Pflicht eines jeden in Stadt und Land, jeden Zoll Bodens zu bestellen, damit der nächste Winter statt mit düsteren Vorahnungen mit Vertrauen erwartet werden kann. Halten Sie sich heran und lassen Sie sich nicht selbst im Stich!“ Die Baumschule Eschweiler wurde von der britischen Besatzungsmacht angewiesen, an Stelle der Gehölze Obst und Gemüse zu produzieren.
Das Glasurit-Werk in Hiltrup war im September 1944 und März 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, die Forschungs- und Entwicklungslabore waren vollständig zerstört. Das Werk nahm wenige Monate nach Kriegsende die Fabrikation wieder auf.

Die 1936 gebaute (zweite) Prinz-Brücke über den Kanal in Hiltrup war in den letzten Kriegstagen von deutschen Truppen gesprengt worden. Hiltruper Bürger hatten vergeblich versucht, das zu verhindern. Eine Personenfähre hielt den Verkehr notdürftig aufrecht, das Fähr-Häuschen ist auf dem Foto neben der zerstörten Brücke zu sehen.
Um die Fähre zu benutzen, brauchte man eine Erlaubnis. Die einfachen „Berechtigungsscheine zur Benutzung der Fähre an der Prinzbrücke in Hiltrup“ wurden durch „Erlaubnisscheine“ abgelöst.

Monatsweise wurden die Erlaubnisscheine auf der Rückseite abgestempelt, das dokumentierte Exemplar zuletzt noch im Dezember 1946.

Als Ersatz wurde 1946 ein Brücken-Überbau von der Ruhr nach Hiltrup umgesetzt, der 1907 in Duisburg als „Karl-Lehr-Brücke“ errichtet worden war. (Diese dritte Prinzbrücke ist inzwischen wegen Baufälligkeit gesperrt, sie ist 2023/2024 durch einen Neubau ersetzt worden.)
Auch die Brücke der Hammer Straße über den Kanal war gesprengt worden, die Alliierten hatten als Ersatz eine Pontonbrücke gebaut. Wer sie passieren und sich auf der Straße bewegen wollte, brauchte einen Passierschein der Ortskommandantur.

Die zuerst belgische Ortskommandantur war im Haus der Familie Dalhoff an der Hiltruper Bahnhofstraße einquartiert. Dalhoffs Tochter konnte Französisch, sie entwarf am 16.4.1945 den Passagierschein für den elfjährigen Ludwig Leding aus der Hiltruper Bahnhofstraße; Leding holte für die Familie jeweils einen Liter Milch vom Bauern Kussel in Rinkerode.

Der belgische Kommandant beschränkte den Passagierschein handschriftlich auf die Ostseite von Straße und Kreuzung.
Schon 1946 gründete der spätere „Zelluloid-König“ Heinz Riech in Hiltrup sein erstes Kino.

Das Gloria-Theater im Saal der Gaststätte Vogt an der Bahnhofstraße (heute Marktallee) war Ausgangspunkt der Münstersche Filmtheaterbetriebe GmbH, die im Jahr 2023 u.a. das Cineplex in Münster betreibt.
Leo Schencking begann 1946 nach der Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft mit dem Wiederaufbau des Kalksandsteinwerks, das er 1928 am Hiltruper Bahnhof gegründet hatte. Zunächst beschäftigte er 12 Esten, später Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Das Unternehmen wuchs schnell auf bis zu 200 Mitarbeiter, es lieferte bis zu 200.000 Mauersteine täglich für den Wiederaufbau.
Die allgemeine Aufbruchssituation spiegelt das Foto eines Trauerzugs im August 1947 wieder:

Nach alter Tradition ist der pferdebespannte Leichenwagen auf dem Weg vom Trauerhaus zur Kirche. Ringsum wird Hiltrup wieder aufgebaut: Im Hintergrund sind vor Alt St. Clemens das wieder aufgebaute Gasthaus Heithorn, die Tankstelle und die Bäckerei Heithorn an der Hammer Straße (heute: Westfalenstraße) zu erkennen. Rechts im Bild ist die 1944 durch eine Bombe beschädigte alte Clemensschule eingerüstet und erhält ein neues Dach; ab Frühjahr 1948 konnte sie wieder für den Schulbetrieb genutzt werden.

Das Foto von Lehrer Wolf mit seiner Schulklasse 1946/1947 zeigt aber auch: Die Militarisierung der gesamten Gesellschaft durch das NS-System hat tiefe Spuren hinterlassen. Noch nach Kriegsende stehen die Schulkinder für den Fotografen „mit den Händen an der Hosennaht“ in militärischer Haltung.
Die Stromversorgung war zunächst eingeschränkt. Je nach „Belastungszustand des Stromnetzes Nordrhein-Westfalen“ mussten die Stadtwerke Münster noch 1947 vormittags und nachmittags stundenweise den Strom abschalten.
Das Hiltruper Hoesch-Röhrenwerk war zu fast 80% zerstört worden. 1945 fanden sich 47 Belegschaftsmitglieder zusammen und begannen „ohne Dach und Fach bei Wind und Wetter“ mit der Wiederherstellung der Betriebsgebäude. Bereits 1946 konnte mit 70 bis 80 Arbeitern die Produktion wieder aufgenommen werden, „mit Rücksicht auf Ihre betrieblichen Leistungen insbesondere beim Wiederaufbau unseres Werkes“ bekam ein Arbeiter im Juni 1946 eine Lohnerhöhung von 0,84 auf 0,88 Reichsmark pro Stunde.
1947 wuchs die Belegschaft auf 111 Beschäftigte. Im Oktober 1947 konnte die von der englischen Besatzungsmacht geplante Demontage der wichtigsten Fertigungstechnik (der elektrischen Rohrschweißanlage) abgewendet werden, 1948 waren die Gebäude nach der Währungsreform wieder hergestellt. Beteiligt waren auch „Fremdarbeiter“, die während des 2. Weltkriegs zwangsweise nach Hiltrup gebracht worden waren; der Landkreis Münster meldete 1949 der britischen Militärregierung 118 Männer und 63 Frauen bei den Hiltruper Röhrenwerken, die in einem Lager auf dem Werksgelände untergebracht waren. Um 1949/1950 kehrte der technische Betriebsleiter Schorr in den Betrieb zurück, nachdem er eine Strafe von 4 Jahren in Polen abgesessen hatte. Ein anderer Betriebsleiter (Friedrich Eubel) war 1951 noch in polnischer Haft, über seinen Werdegang nach der Haftentlassung ist nichts bekannt.
Bei der Wahl zur Amtsvertretung St. Mauritz am 15. September 1946 entfielen in Hiltrup 5542 Stimmern auf das Zentrum; CDU 2217 Stimmen, SPD 1926 Stimmen, FDP 1150 Stimmen, KPD 165 Stimmen. In Hiltrup gewann das Zentrum 13 Sitze, die CDU 3 Sitze, je 1 Sitz entfiel auf SPD und FDP. Josef Elfering (Zentrum) wurde zum Bürgermeister gewählt, er hatte das Amt schon im April 1945 vorübergehend inne. Die Gemeindevertretung befasste sich zum Beispiel mit der Schul- und Wohnungsversorgung, Zulassung von Gewerbebetrieben und Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs. In der Sitzung am 15.4.1948 ging es etwa um das Fehlen von Glühbirnen („unhaltbarer Zustand in vielen Familien“).

Eine „schärfere Überprüfung der Filme auf ihre Zulassung für Jugendliche“ wurde im Gemeinderat gefordert – das Kino löste in Hiltrup Diskussionen aus, wie sie in den 60er Jahren bundesweit geführt wurden unter Berufung auf die „allgemeine sittliche Ordnung“ und das „gesunde Volksempfinden“ (Aktion saubere Leinwand).
Durch die Kommunalwahl am 17.10.1948 verschoben sich die Mehrheitsverhältnisse im Hiltruper Gemeinderat. Auf das Zentrum entfielen nur noch 5 Sitze, SPD und CDU je 3 Sitze und FDP 1 Sitz. In der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats wurde von einzelnen Mitgliedern erklärt, „daß ein Vertreter der Landwirtschaft nicht als Gemeindebürgermeister gewählt werden könne, da 80% der Hiltruper Einwohnerschaft den anderen Berufsständen angehöre“. Nach hitziger Diskussion unterlag der Bauer Bornemann (Zentrum), zum Bürgermeister gewählt wurde der Diplomlandwirt Anton Niehoff (CDU, 1882-1950).

Hiltrup hatte einen gewaltigen Zuwachs von Einwohnern zu verkraften. Zu den ungefähr 5000 Einwohnern bei Kriegsende waren bis 1948 mehr als 2000 hinzugekommen. Neue Häuser waren noch nicht gebaut, die Wohnungsnot war groß. Das Foto von 1948 (aufgenommen vom Turm St. Clemens) zeigt oben in der Mitte des fernen Horizonts Münsters Wasserturm in der Geist, davor an der Münsterstraße (heute Hohe Geest) die evangelische Kirche, im Vordergrund das Haus Hohe Geest Nr. 24, schräg rechts dahinter hell das Haus Zimmermann (Nr. 26). Wo heute die Hülsebrockstraße verläuft, stehen an einem Sandweg Behelfswohnungen.
Als Behelfswohnungen dienten nach dem Krieg auch die Baracken des Zwangsarbeiterlagers Waldfrieden, die Baracken der Flakbatterie Vogelmann auf dem Feld zwischen Hohe Geest und Hof Hackenesch, die ehemalige Leitflakstellung am Pfarrer-Ensink-Weg, Baracken an der Amelsbürener Straße und die Baracken des „Russenlagers“ am Schwarzen Weg (heute: Hohe Ward) östlich der Eisenbahn (erwähnt in WN 27.12.1960 als Baracken-Wohnungsschwerpunkt neben den Baracken an der Amelsbürener Straße). Die Organisation Todt hatte die Baracken in der Hohen Ward während des II. Weltkriegs für russische (?) Zwangsarbeiter gebaut nahe/in einer Kiesgrube; Koordinaten ungefähr: 51.8837° N, 7.6701° E. Als im Juni 1949 der Eisenbahn-Haltepunkt „Steiner-See“ eröffnet wurde, hieß es im Bericht der Westfälischen Nachrichten vom 9.6.1949, der Haltepunkt „bringe für die hier entstandenen und bisher von jeglichem Verkehr abgeschnittenen Barackensiedlungen manche Erleichterungen. Da in dieser Gegend noch weitere Siedlungen geplant seien, stehe der Station noch eine bedeutende Zukunft bevor im Dienste und zum Wohle der Allgemeinheit.“ (1960 kaufte die Gemeinde Hiltrup Flächen rund um den Steiner See und beendete damit Spekulationen über einen Siedlungsbau in diesem Bereich.)
Auch an anderen Stellen in Hiltrup standen Behelfswohnungen: Ein ehemaliger Eisenbahner hauste von 1945 bis 1957 in einer 4m² großen Gartenlaube an der Bahn gegenüber vom Bahnhof, eine Zeitzeugin wohnte mit ihren Eltern in einem Behelfsheim an der Kardinalstraße.
Die Gaststätte Vogt an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) bekam 1949 einen neue Kegelbahn, die „Doppel-Bundesbahn“ war eine der wenigen im Münsterland und wurde mit einem dreiwöchigen Preiskegeln eröffnet; dazu kamen Kegelfreunde aus allen Teilen des Münsterlandes und des Industriegebietes (Westfälische Nachrichten 28.12.1949).

Der Wahlkampf vor der Bundestagswahl am 14.8.1949 wurde von der CDU/CSU auch mit Diffamierung des politischen Gegners SPD geführt. Die „Gefahr aus dem Osten“ wurde auf den Plakaten mit asiatischen Rotarmisten beschworen, denen die SPD angeblich keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzte. Trotz dieser heftigen Agitation lag die CDU im Endergebnis bundesweit mit 31,0 Prozent nur ganz knapp vor der SPD (29,2 Prozent).

Der Aufbau in Hiltrup war mühsam. Die Postkarte um 1949 zeigt große Lücken in der Bebauung der Bahnhofstraße (heute: Marktallee): Links unten im Bild das Haus Moränenstr. 5, rechts unten Bahnhofstr. 31/33 (Beitelhoff). Am rechten Bildrand Bahnhofstr. 42 (Suhrheinrich), dahinter zwei unbebaute Grundstücke; an Nr. 48 steht ein später durch einen Neubau ersetztes Wohn- und Geschäftshaus (Anton Jaspert, Viehhändler und Metzgerei / Fleisch- und Wurstwaren W. Meixner, später Kolata / Superbiomarkt). In der Baulücke dahinter (Nr. 52) stehen Fahrzeuge des Tiefbauunternehmers Rink; an dieser Stelle stand bis 1944 die Villa Burmann, sie wurde 1944 durch Bomben zerstört (ab 1956: Sparkasse). Dahinter sind zu erkennen: Villa Brüning (Nr. 54), Haus Gescher (Nr. 56, später „Villa Korte“), Nr. 60, Nr. 62 (Richters) und – durch einen Baum teilweise verdeckt – Nr. 64 (Harling).
Mit Hinweis auf die Wohnungsnot fragten die Westfälischen Nachrichten am 14.12.1949: „Warum wird in der Hiltruper „Kleinsiedlung Holsenkamp“ nicht gebaut?“. 33 Siedlungshäuser für Werksangehörige unter der Patenschaft der Glasuritwerke waren 1939 begonnen worden, nur 7 waren bis 1949 ohne Unterstützung des Werkes fertiggestellt. „Dank der Initiative von Direktor Stein (Hiltruper Röhrenwerke)“ waren bis 1943 36 Siedlungshäuser für Werksangehörige des Röhrenwerks fertiggestellt worden.
An der Ringstraße wurden 1950 in Nachbarschaftshilfe weitere Siedlungshäuser errichtet für die Neusiedler der „Neuen Heimat“. Finanziert wurden sie mit öffentlichen Mitteln und zinslosen Arbeitgeberdarlehen des Hiltruper Röhrenwerks und „Muskelhypotheken“.
In den Folgejahren stellte die Gemeinde Grundstücke zur Verfügung für 76 Wohnungen der Wohnbau- und Siedlungs-GmbH des Landkreises Münster. Bis ca. 1960 konnten die meisten Baracken und Notwohnungen beseitigt werden, allerdings wurden noch 1962 zwei alte Baracken des früheren Zwangsarbeiterlagers „Waldfrieden“ bewohnt.
In Münster wurde in dieser Zeit das zerstörte Schloss wieder aufgebaut, beteiligt war der Hiltruper Bildhauer Ferdinand Kozole.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)






