Sand trifft Geld

Industrie am Hiltruper Bahnhof: Links die Bahn, Glasurit mit Tankwagen auf eigenem Industriegleis, Schencking, Naturstein Weck (1961 oder später; Foto: Hiltruper Museum)
Industrie am Hiltruper Bahnhof: Links die Bahn, Glasurit mit Tankwagen auf eigenem Industriegleis, Schencking, Naturstein Weck (1961 oder später; Foto: Hiltruper Museum)

Das Hiltruper Hartsteinwerk Schencking

Das Dorf Hiltrup war nicht reich. Die Eiszeit hatte große Mengen Sand auf dem Geestrücken („Breiter Weg“, „Münsterstraße“ bzw. „Hohe Geest“) hinterlassen. In den umliegenden Dörfern hatten die Bauern besseren Boden. Sand bekam erst nach und nach Wert als Baustoff. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in der Hohen Ward Sand abgebaut. Ab 1913/1914 wurde mit dem Sand aus Heidhorns Fläche in der Hohen Ward der Bahndamm der Neubaustrecke von Münster nach Dortmund aufgeschüttet, aus dem Baggerloch entstand der Steiner See.

Sandiger Boden im heutigen Hiltrup gehörte auch zum Gut Hülsebrock. Der Kaufmann August Bernhard Schencking (1827-1903) investierte sein in Frankreich verdientes Geld in den Kauf des Gutes Hülsebrock. Einen Teil der sandigen Flächen konnte er weiterverkaufen an die Brüder Hanses, sie gründeten hier eine Forstbaumschule.

Schenckings Erbe Paul Schencking (1854-1934) hatte 14 Kinder. Sohn Leo Schencking (1901-1979) machte eine Ausbildung als Schmied bei der Firma Pieper in Sudmühle und arbeitete anschließend als Maschinenbauingenieur bei der Firma Windhoff in Rheine.

In Rheine war auch die 1898 gegründete Firma Cirkel ansässig. Sie entwickelte Verfahren zur Herstellung von preisgünstigen und hochwertigen Mauersteinen aus Kalksandstein und war an der Formulierung der Kalksandstein-Norm DIN 106 im Jahr 1925 beteiligt.

Nach dem Ende der Inflation 1923 belebte sich die Baukonjunktur. Leo Schencking sah die Perspektive, den Sand des Gutes Hülsebrock und weiterer Bauern in Hiltrup zu Kalksandsteinen zu verarbeiten. Das Gründungskapital für die Hiltruper Hartsteinwerk GmbH & Co KG in Höhe von 100.000 Reichsmark sammelte er 1928 bei Verwandten und bei Sandlieferanten ein, den Bauern Peperhowe und Bornemann. Zwischen Glasuritwerk und Hiltruper Bahnhof entstand im Frühjahr 1928 das Werk. Der Stundenlohn der Arbeiter betrug 70 Pfennig zuzüglich Prämie: 1 Pfennig pro Kopf und Stunde bei einer Tagesproduktion von über 12.000 Steinen, 12 Pfennig pro Kopf und Stunde bei einer Tagesproduktion von 24.000 Steinen. Für den Transport der Steine erhielt das Werk 1929 einen Bahnanschluss. Der Verkauf lief auch über den Hiltruper Baustoffhändler Dalhoff, der mit Schencking verschwägert war. Im Jahr 1933 einigten sich die Kalksandsteinwerke Hiltrup und Kinderhaus mit der konkurrierenden Ziegelindustrie unter dem Dach der Ziegelkontor GmbH (Münster, Ludgeristr. 5) auf feste Absatzquoten: 41% für die Kalksandsteinindustrie, 59% für die Ziegelwerke. (Kartelle zwischen Unternehmen waren in Deutschland bis zum Ende des II. Weltkriegs grundsätzlich erlaubt. Erst In den 1950er Jahren wurde mit dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen nach dem Vorbild der USA ein grundsätzliches Kartellverbot eingeführt.)

Schencking KG in Hiltrup (1960 oder später; Foto: Hiltruper Museum)

Schencking KG in Hiltrup (1960 oder später; Foto: Hiltruper Museum)

Der Absatz entwickelte sich langsam. Im II. Weltkrieg wurde Leo Schencking zur Armee eingezogen, seine Frau Käthe führte den Betrieb mit Hilfe von 15 Gefangenen. 1944 wurde der Betrieb durch Bomben fast vollständig zerstört. Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft startete Schencking 1946 die Produktion mit 12 Esten.

Fertige Steine warten auf den Abtransport (um 1965; Foto: Hiltruper Museum)

Fertige Steine warten auf den Abtransport (um 1965; Foto: Hiltruper Museum)

Für den Wiederaufbau von Münster wurde Baumaterial gebraucht. Hiltrup lieferte Sand und war nach einem Bericht der Westfälischen Nachrichten (23.5.1953) das „Dorf der Sandgruben“. Mehr als die Hälfte des abgebauten Sands ging als Bausand nach Münster zum Wiederaufbau der zerbombten Stadt. Die Produktion von Mauersteinen in Hiltrup stieg bis auf 200.000 Stück am Tag. Bis zu 200 Mitarbeiter waren beschäftigt, darunter viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten.

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund die Sandgrube Mertensheide (1950)

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund die Sandgrube Mertensheide (1950)

An vielen Stellen Hiltrups wurde Sand abgebaut. Das Foto von 1950 zeigt die Aussandung der Mertensheide südlich der damaligen Polizeischule.

Hiltrup: (l.) Glasurit und (r.) Schencking (1970; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup: (l.) Glasurit und (r.) Schencking (1970; Foto: Hiltruper Museum)

Das Werk lag am Rand des Betriebsgeländes von Glasurit.

Schencking-Betriebsleiter Wehrmann in der Schlosserwerkstatt (um 1970; Foto: Hiltruper Museum)

Schencking-Betriebsleiter Wehrmann in der Schlosserwerkstatt (um 1970; Foto: Hiltruper Museum)

Von 1956 bis 1967 kam der benötigte Sand aus dem „Schencking-See“, der später mit dem nördlich benachbarten Steiner See verbunden wurde.

Der Silbersee (heute: Glasuritstraße) lieferte Sand für die Produktion (um 1970; Foto: Hiltruper Museum)

Der Silbersee (heute: Glasuritstraße) lieferte Sand für die Produktion (um 1970; Foto: Hiltruper Museum)

Sand für die Produktion von Schencking kam auch aus dem auf dem Foto sichtbaren Baggerloch. Es wurde damals „Silbersee“ genannt, im Sommer badeten Hiltruper darin.

Flächennutzungsplan Hiltrup, Stand 16.1.1963 (Ausschnitt)

Flächennutzungsplan Hiltrup, Stand 16.1.1963 (Ausschnitt)

Der „Silbersee“ ist im Flächennutzungsplan von 1963 als Baggerloch eingezeichnet und wurde später zum größten Teil verfüllt. Heute verläuft hier die Glasuritstraße, sie ist im Plan von 1963 als gestrichelte Planung nördlich der später realisierten Trasse eingezeichnet (die Gärtnerei Mertens wurde 1965 von der Gemeinde aufgekauft und überplant).

Als die Hiltruper Sandvorkommen erschöpft waren, wurde Sand mit LKW von Telgte herangebracht. Das war auf Dauer unwirtschaftlich, das Werk Hiltrup wurde 1978 geschlossen. Die Firmengruppe Schencking hatte inzwischen weitere Produktionsstätten im In- und Ausland gegründet.

(Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 28.2.2024.)