Aufbau nach dem 2. Weltkrieg

little more than a heap of rubble, kaum mehr als ein Haufen Geröll: amerikanische und englische Soldaten Anfang April 1945 auf Münsters Prinzipalmarkt

little more than a heap of rubble, kaum mehr als ein Haufen Geröll: amerikanische und englische Soldaten Anfang April 1945 auf Münsters Prinzipalmarkt

Die britische Militärregierung stand vor dem Problem, „ein einfaches und ordentliches Leben“ für die Deutschen zu gewährleisten, wie Oberbefehlshaber Montgomery seine Aufgabe in einer Proklamation vom 30.5.1945 bezeichnete. Dazu mussten die Reste der deutschen Verwaltungen reaktiviert werden. In Münster ernannte die Militärregierung am 14.4.1945 den 74jährigen Justizrat Fritz Carl Peus zum kommissarischen Oberbürgermeister. Rudolf Amelunxen wurde am 6.7.1945 beauftragt, eine Provinzial-Regierung für Westfalen, Lippe und Schaumburg-Lippe zu bilden.

Karte aus russischer Kriegsgefangenschaft (24.11.1945)

Hunderttausende waren noch in Kriegsgefangenschaft (Karte eines Münsteraners aus russischer Kriegsgefangenschaft an seine ausgebombte Familie (24.11.1945; Privatbesitz)

Ende 1945 gründeten sich demokratische Parteien, auf Vorschlag des Oberbürgermeisters ernannte der britische Stadtkommandant im Januar 1946 eine neue Stadtvertretung; Vertreter der SPD war neben anderen der Handwerksmeister Theodor Geringhoff, der im August 1945 die Wiederbegründung der münsterschen SPD betrieben hatte. Die erste demokratische Wahl zum Stadtrat fand dann am 13.10.1946 statt.

In Hiltrup war es nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen zu Plünderungen gekommen. Nach Erinnerungen der Familie Vogt kamen die deutschen Nachbarn und plünderten Vogts Bäckerei und Kolonialwarenladen an der Bahnhofstr. 72. Auch das von der Deutschen Arbeitsfront beschlagnahmte Paterkloster (als Zwangsarbeiterlager genutzt) sei von Hiltrupern – zum Teil von der Klosterstraße – geplündert worden.

Am 4. April 1945 bildete sich ein vorläufiger Gemeindeausschusses. Auf Wunsch des vorläufigen Gemeindeausschusses und „mit Zustimmung weiter Kreise der Hiltruper Bevölkerung“ erklärte sich schließlich Josef Elfering (Zentrum) bereit, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Er wurde am 6.4.1945 vom belgischen Ortskommandanten zum Bürgermeister bestellt. Nach seinem Bericht in der ersten Sitzung des Beirates für die Gemeinde Hiltrup, der von der Ortskommandantur eingesetzt worden war, waren 48 Häuser mit 118 Wohnungen völlig zerstört, Straßen kaum befahrbar und Strom- und Wasserversorgung vielfach unterbrochen. Innerhalb von 8 Tagen wurde die Stromversorgung wieder hergestellt, danach die Wasserversorgung.

Die Bevölkerung der Stadt Münster litt schwer unter den Folgen des Krieges. Die Stadt war verwüstet durch die Bombenangriffe, viele Wohnungen waren zerstört. In Hiltrup waren nach 12 Bombenangriffen 48 Häuser mit 118 Wohnungen total zerstört, 32 Wohnungen schwer und 80 Wohnungen leicht beschädigt. 298 Hiltruper waren als Soldaten umgekommen und 35 Menschen aus der Hiltruper Zivilbevölkerung.

Serben und andere Gestrandete, die während des II. Weltkriegs auf Bauernhöfen in Deutschland gearbeitet hatten und nicht in ihre Heimat zurück konnten. Auf dem linken Pferd Arssen NN, ein Familienvater aus Serbien (Weesen in der Lüneburger Heide, um 1945;

Serben und andere Gestrandete, die während des II. Weltkriegs auf Bauernhöfen in Deutschland gearbeitet hatten und nicht in ihre Heimat zurück konnten. Auf dem linken Pferd Arsen NN, ein Familienvater aus Serbien (Weesen in der Lüneburger Heide, um 1945; Privatfoto)

Überall in Deutschland waren während des Krieges Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene als Arbeitskräfte eingesetzt. Ungefähr 1000 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern waren bei Kriegsende in Hiltrup untergebracht. Einheimische Bevölkerung und Zwangsarbeiter standen sich nach Kriegsende verständnislos gegenüber: Überlebende ukrainische sowie weißrussische Arbeitseinsätzler versuchten sich der Repatriierung zu entziehen, da Stalin sie als Kollaborateure ansah und in die GULAGs seines Imperiums steckte. Auf deutscher Seite hingegen registrierte man vor allem Übergriffe und Straftaten, die von einigen unter den Displaced Persons verübt oder ihnen zugeschrieben wurden.

Das in Münster ausgebombte Clemenshospital nutzte einen großen Teil des Hiltruper Paterklosters.

Die früheren Einwohner strömten in die Stadt zurück. Da Wohnraum knapp war, mussten sie zunächst eine formelle „Rückkehrgenehmigung“ bzw. „Zuzugsgenehmigung“ beantragen. Zugleich kamen Flüchtlinge und suchten eine Bleibe.

Auch der frühere NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Gustav Fiegenbaum, der im März 1945 geflohen war, beantragte 1946 nach der Entlassung aus dem Internierungslager eine Zuzugsgenehmigung für die Rückkehr nach Hiltrup. Der Gemeinderat lehnte dies ab: Fiegenbaum habe verantwortungslos gehandelt, als er die Gemeinde ohne Bestellung eines Vertreters verlassen habe; er habe durch sein unwürdiges Verhalten sein Bürgerrecht verloren. Bei seiner Rückkehr seien schwere Ausschreitungen zu erwarten, die es notwendig machen würden, ihn in Schutzhaft zu nehmen. Eine Arbeitsmöglichkeit sei für ihn nicht gegeben, da seine früheren Arbeitgeber (Fiegenbaum war Betriebsinspektor in der Personalabteilung von Glasurit gewesen) einmütig die Weiterbeschäftigung ablehnten.

Die Westfälischen Nachrichten berichteten detailliert über grauenhafte Einzelheiten der Nazi-Verbrechen, die in den Gerichtsverfahren öffentlich wurden (siehe Online-Archiv der Westfälischen Nachrichten ab 1946, https://e-paper.wn.de/titles/wnarchive/13657/archive), aber: Es war keine Zeit der Reflexion über die vergangenen Jahre, sondern eine Zeit des sich neu Orientierens, des Anpackens. Auf Anordnung der Besatzungsmacht (Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946) wurden auch in Hiltrup einige Straßennamen geändert (Adolf-Hitler-Straße, Albert-Leo-Schlageter-Straße, Bismarckstraße, Hindenburgstraße, Horst-Wessel-Straße, Weddigenstraße).

In dem sehr kalten Winter wurde die Lage Anfang 1946 in Münster zusätzlich durch Hochwasser der Aa verschärft, Notstandsmaßnamen wurden angeordnet. „Man musste sich irgendwie über Wasser halten“: Die zerbombte Gärtnerei Lange in Hiltrup pflanzte unter anderem Tabak an, um diesen auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel einzutauschen.

Die Clemensschule war Ende 1944 von der Organisation Todt mit Zwangsarbeitern belegt worden. Das Gebäude an der Clemensstraße war durch eine Bombe beschädigt und nach dem Krieg zunächst von der englischen Armee belegt. Der Schulbetrieb wurde erst Ende Januar 1946 wieder aufgenommen mit der Rektorin Alma Neisemeyer. Durch den Zuzug von Flüchtlingen wuchs die Zahl evangelischer Kinder, am 10.5.1946 wurde eine evangelische Volksschule eröffnet.

Gruppenfoto der noch lebenden Schützenkönige des Hiltruper Bürgerschützenvereins, rechts Gustav Fiegenbaum (Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier, Juni 1951; Hiltruper Museum)

Gruppenfoto der noch lebenden Schützenkönige des Hiltruper Bürgerschützenvereins, rechts Gustav Fiegenbaum (Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier, Juni 1951; Hiltruper Museum)

Der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Gustav Fiegenbaum, der im März 1945 zunächst geflohen war, blieb bis 1947 (!) Schützenkönig des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup. 1951 weist ihn die Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup für die Zeit von 1939 bis 1947 als Schützenkönig aus.

Männergesangverein 1848 Hiltrup auf dem Weg zu einem Wettstreit (1946; Foto: Chronik des MGV)

Männergesangverein 1848 Hiltrup auf dem Weg zu einem Wettstreit (1946; Foto: Chronik des MGV)

Auf der einen Seite wurde sofort das Vereinsleben wiederbelebt, der Männergesangverein 1848 Hiltrup fuhr schon 1946 im offenen LKW zu einem Wettstreit nach Altena ins Sauerland, …

Suche nach dem vermissten Sohn per Kleinanzeige (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

Suche nach dem vermissten Sohn per Kleinanzeige (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

…, auf der anderen Seite suchten auseinandergerissene Familien noch mit Kleinanzeigen nach verlorenen Angehörigen. Das deutsche Rote Kreuz organisierte einen Suchdienst (“Nachforschungsdienst”), der Heimkehrer befragte und auch über das Radio Informationen sammelte. Bei der Suche nach einer Wohnung war Fantasie gefragt, …

“Suche Frau mit Wohnung, biete Pension und Barvermögen“ (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

“Suche Frau mit Wohnung, biete Pension und Barvermögen“ (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

…, und auch in Hiltrup stand Tatkraft am Beginn des Wirtschaftswunders, wie Zeitzeugen berichten.

Schon im Oktober 1946 beschloss der Kirchenvorstand von St. Clemens Hiltrup, Ersatz für die 1942 eingeschmolzenen Glocken zu beschaffen. Die Pfarre hatte im Jahr 1945 Gussbronze kaufen können gegen Mithilfe bei der Beschaffung von Einkellerungskartoffeln. Auch die verbliebene Glocke aus dem Jahr 1925 nahm die Glockengießerei in Zahlung.

Die Bevölkerung wurde zu Räumarbeiten herangezogen. Die Versorgung mit Wasser und Elektrizität und die Entwässerung wurden zunächst nur provisorisch wieder hergestellt. Heizmaterial und Kleidung waren knapp. Nahrungsmittel waren rationiert, Selbstversorgung bis hin zur eigenen Ziege half ; im Mai 1945 standen nur noch 910 Kalorien pro Person zur Verfügung, im Mai 1947 885.

Die Nahrungsmittelzuteilung für den gesamten Monat April 1946 listet eine Hiltruper Zeitzeugin auf: „3600g Brot, 125g Nährmittel, 100g Kaffee-Ersatz, 550g Fleisch, 300g Fett, 62,5g Köse, 375g Zucker, 10kg Kartoffeln“ – wenn man sie überhaupt bekam. In der ersten Nachkriegsnummer des Landwirtschaftlichen Wochenblatts (zunächst in Steinhagen, später in Hiltrup produziert) rief die britische Besatzungsmacht die Bauern auf: „… Es ist unnötig, den Ernst der Ernährungslage zu betonen. Aber wenn Sie auf dem Lande schwere Zeiten haben, so denken Sie daran, daß es in den Städten noch viel schlimmer aussieht. … Es ist Pflicht eines jeden in Stadt und Land, jeden Zoll Bodens zu bestellen, damit der nächste Winter statt mit düsteren Vorahnungen mit Vertrauen erwartet werden kann. Halten Sie sich heran und lassen Sie sich nicht selbst im Stich!“

Das Glasurit-Werk in Hiltrup war im September 1944 und März 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, die Forschungs- und Entwicklungslabore waren vollständig zerstört. Das Werk nahm wenige Monate nach Kriegsende die Fabrikation wieder auf.

Die Prinzbrücke in Hiltrup Mai 1945 (links neben der Brücke der Unterstand des Fährmanns für die provisorische Fähre über den Kanal)

Die Prinzbrücke in Hiltrup 1945

Die 1936 gebaute (zweite) Prinz-Brücke über den Kanal in Hiltrup war in den letzten Kriegstagen von deutschen Truppen gesprengt worden. Hiltruper Bürger hatten vergeblich versucht, das zu verhindern. Eine Personenfähre hielt den Verkehr notdürftig aufrecht, das Fähr-Häuschen ist auf dem Foto neben der zerstörten Brücke zu sehen. Als Ersatz wurde 1946 ein Brücken-Überbau von der Ruhr nach Hiltrup umgesetzt, der 1907 in Duisburg als „Karl-Lehr-Brücke“ errichtet worden war. (Diese dritte Prinzbrücke ist inzwischen baufällig und wird 2023/2024 durch einen Neubau ersetzt.)

“Karneval der Liebe“ (Jugendverbot!) im Hiltruper Gloria-Theater (Westfälische Nachrichten 7.8.1946)

“Karneval der Liebe“ (Jugendverbot!) im Hiltruper Gloria-Theater (Westfälische Nachrichten 7.8.1946)

Schon 1946 gründete der spätere „Zelluloid-König“ Heinz Riech in Hiltrup sein erstes Kino.

“Gloria-Theater“ im Saal der Gaststätte Vogt (1949; Foto: Hiltruper Museum)

“Gloria-Theater“ im Saal der Gaststätte Vogt (1949; Foto: Hiltruper Museum)

Das Gloria-Theater im Saal der Gaststätte Vogt an der Bahnhofstraße (heute Marktallee) war Ausgangspunkt der Münstersche Filmtheaterbetriebe GmbH, die im Jahr 2023 u.a. das Cineplex in Münster betreibt.

Leo Schencking begann 1946 nach der Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft mit dem Wiederaufbau des Kalksandsteinwerks, das er 1928 am Hiltruper Bahnhof gegründet hatte. Zunächst beschäftigte er 12 Esten, später Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Das Unternehmen wuchs schnell auf bis zu 200 Mitarbeiter, es lieferte bis zu 200.000 Mauersteine täglich für den Wiederaufbau.

Kinderbetreuung in Hiltrup Weihnachten 1946 (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

Kinderbetreuung in Hiltrup Weihnachten 1946 (Westfälische Nachrichten 31.12.1946)

Die allgemeine Aufbruchssituation spiegelt das Foto eines Trauerzugs im August 1947 wieder:

Hiltrup, Clemensstraße: Trauerzug für den Gastwirt Franz Aulenkamp (9.8.1947; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Clemensstraße: Trauerzug für den Gastwirt Franz Aulenkamp (9.8.1947; Foto: Hiltruper Museum)

Nach alter Tradition ist der pferdebespannte Leichenwagen auf dem Weg vom Trauerhaus zur Kirche. Ringsum wird Hiltrup wieder aufgebaut: Im Hintergrund sind vor Alt St. Clemens das wieder aufgebaute Gasthaus Heithorn, die Tankstelle und die Bäckerei Heithorn an der Hammer Straße (heute: Westfalenstraße) zu erkennen. Rechts im Bild ist die 1944 durch eine Bombe beschädigte alte Clemensschule eingerüstet und erhält ein neues Dach; ab Frühjahr 1948 konnte sie wieder für den Schulbetrieb genutzt werden.

Lehrer Wolf mit seiner Klasse vor der alten Clemensschule (1947; Foto: Hiltruper Museum)

Lehrer Wolf mit seiner Klasse vor der alten Clemensschule (1946/1947; Foto: Hiltruper Museum)

Das Foto von Lehrer Wolf mit seiner Schulklasse 1946/1947 zeigt aber auch: Die Militarisierung der gesamten Gesellschaft durch das NS-System hat tiefe Spuren hinterlassen. Noch nach Kriegsende stehen die Schulkinder für den Fotografen „mit den Händen an der Hosennaht“ in militärischer Haltung.

Stundenweise Stromabschaltungen in Münster (Westfälische Nachrichten 19.11.1947)

Stundenweise Stromabschaltungen in Münster (Westfälische Nachrichten 19.11.1947)

Die Stromversorgung war zunächst eingeschränkt. Je nach „Belastungszustand des Stromnetzes Nordrhein-Westfalen“ mussten die Stadtwerke Münster noch 1947 vormittags und nachmittags stundenweise den Strom abschalten.

Das Hiltruper Hoesch-Röhrenwerk war zu fast 80% zerstört worden. 1945 fanden sich 47 Belegschaftsmitglieder zusammen und begannen „ohne Dach und Fach bei Wind und Wetter“ mit der Wiederherstellung der Betriebsgebäude. Bereits 1946 konnte mit 70 bis 80 Arbeitern die Produktion wieder aufgenommen werden, „mit Rücksicht auf Ihre betrieblichen Leistungen insbesondere beim Wiederaufbau unseres Werkes“ bekam ein Arbeiter im Juni 1946 eine Lohnerhöhung von 0,84 auf 0,88 Reichsmark pro Stunde.

1947 wuchs die Belegschaft auf 111 Beschäftigte. Im Oktober 1947 konnte die von der englischen Besatzungsmacht geplante Demontage der wichtigsten Fertigungstechnik (der elektrischen Rohrschweißanlage) abgewendet werden, 1948 waren die Gebäude nach der Währungsreform wieder hergestellt. Beteiligt waren auch „Fremdarbeiter“, die während des 2. Weltkriegs zwangsweise nach Hiltrup gebracht worden waren; der Landkreis Münster meldete 1949 der britischen Militärregierung 118 Männer und 63 Frauen bei den Hiltruper Röhrenwerken, die in einem Lager auf dem Werksgelände untergebracht waren.

Bei der Wahl zur Amtsvertretung St. Mauritz am 15. September 1946 entfielen in Hiltrup 5542 Stimmern auf das Zentrum; CDU 2217 Stimmen, SPD 1926 Stimmen, FDP 1150 Stimmen, KPD 165 Stimmen. In Hiltrup gewann das Zentrum 13 Sitze, die CDU 3 Sitze, je 1 Sitz entfiel auf SPD und FDP. Josef Elfering (Zentrum) wurde zum Bürgermeister gewählt, er hatte das Amt schon im April 1945 vorübergehend inne. Die Gemeindevertretung befasste sich zum Beispiel mit der Schul- und Wohnungsversorgung, Zulassung von Gewerbebetrieben und Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs. In der Sitzung am 15.4.1948 ging es etwa um das Fehlen von Glühbirnen („unhaltbarer Zustand in vielen Familien“).

"Handwerklich und moralisch sauber": Filmkritik der Westfälischen Nachrichten zu einem Film im Hiltruper Gloria-Theater (9.12.1948)

„Handwerklich und moralisch sauber“: Filmkritik der Westfälischen Nachrichten zu einem Film im Hiltruper Gloria-Theater (9.12.1948)

Eine „schärfere Überprüfung der Filme auf ihre Zulassung für Jugendliche“ wurde im Gemeinderat gefordert – das Kino löste in Hiltrup Diskussionen aus, wie sie in den 60er Jahren bundesweit geführt wurden unter Berufung auf die „allgemeine sittliche Ordnung“ und das „gesunde Volksempfinden“ (Aktion saubere Leinwand).

Durch die Kommunalwahl am 17.10.1948 verschoben sich die Mehrheitsverhältnisse im Hiltruper Gemeinderat. Auf das Zentrum entfielen nur noch 5 Sitze, SPD und CDU je 3 Sitze und FDP 1 Sitz. In der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats wurde von einzelnen Mitgliedern erklärt, „daß ein Vertreter der Landwirtschaft nicht als Gemeindebürgermeister gewählt werden könne, da 80% der Hiltruper Einwohnerschaft den anderen Berufsständen angehöre“. Nach hitziger Diskussion unterlag der Bauer Bornemann (Zentrum), zum Bürgermeister gewählt wurde der Diplomlandwirt Anton Niehoff (CDU, 1882-1950).

Wahlplakate der CDU und CSU zur Bundestagswahl 1949

Wahlplakate der CDU/CSU zur Bundestagswahl 1949

Der Wahlkampf vor der Bundestagswahl am 14.8.1949 wurde von der CDU/CSU auch mit Diffamierung des politischen Gegners SPD geführt. Die „Gefahr aus dem Osten“ wurde auf den Plakaten mit asiatischen Rotarmisten beschworen, denen die SPD angeblich keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzte. Trotz dieser heftigen Agitation lag die CDU im Endergebnis bundesweit mit 31,0 Prozent nur ganz knapp vor der SPD (29,2 Prozent).

Hiltrup, Bahnhofstraße: Blick von St. Clemens nach Osten (um 1949, historische Postkarte)

Hiltrup, Bahnhofstraße: Blick von St. Clemens nach Osten (um 1949, historische Postkarte)

Der Aufbau in Hiltrup war mühsam. Die Postkarte um 1949 zeigt große Lücken in der Bebauung der Bahnhofstraße (heute: Marktallee): Links unten im Bild das Haus Moränenstr. 5, rechts unten Bahnhofstr. 31/33 (Beitelhoff). Am rechten Bildrand Bahnhofstr. 42 (Suhrheinrich), dahinter zwei unbebaute Grundstücke; an Nr. 48 steht ein später durch einen Neubau ersetztes Wohn- und Geschäftshaus (Anton Jaspert, Viehhändler und Metzgerei / Fleisch- und Wurstwaren W. Meixner, später Kolata / Superbiomarkt). In der Baulücke dahinter (Nr. 52) stehen Fahrzeuge des Tiefbauunternehmers Rink; an dieser Stelle stand bis 1944 die Villa Burmann, sie wurde 1944 durch Bomben zerstört (ab 1956: Sparkasse). Dahinter sind zu erkennen: Villa Brüning (Nr. 54), Haus Gescher (Nr. 56, später „Villa Korte“), Nr. 60, Nr. 62 (Richters) und – durch einen Baum teilweise verdeckt – Nr. 64 (Harling).

Mit Hinweis auf die Wohnungsnot fragten die Westfälischen Nachrichten am 14.12.1949: „Warum wird in der Hiltruper „Kleinsiedlung Holsenkamp“ nicht gebaut?“. 33 Siedlungshäuser für Werksangehörige unter der Patenschaft der Glasuritwerke waren 1939 begonnen worden, nur 7 waren bis 1949 ohne Unterstützung des Werkes fertiggestellt. „Dank der Initiative von Direktor Stein (Hiltruper Röhrenwerke)“ waren bis 1943 36 Siedlungshäuser für Werksangehörige des Röhrenwerks fertiggestellt worden, 1950 wurden in Nachbarschaftshilfe weitere Siedlungshäuser errichtet für die Neusiedler der „Neuen Heimat“.

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten. Der Wagen auf der Straße ein Cabriolet Wanderer Spezial W 51. Links das Haus Vielmeyer/Grünstraß, dahinter Beitelhoff (1930er Jahre; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 01

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten. Der Wagen auf der Straße ein Cabriolet Wanderer Spezial W 51. Links das Haus Säger, dahinter Beitelhoff (um 1950; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0104)

Auch auf der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) gab es zunächst wenig Bewegung. Auf der Nordseite der Bahnhofstraße zeigt die Postkarte um 1950 ganz links Haus Nr. 29 (Säger), das 2023 schon zum zweiten Mal durch einen Neubau ersetzt worden ist. Nr. 31/33 dahinter (Beitelhoff) ist mit einigen Umbauten und wechselnden Nutzungen (Installateur, Haushaltswaren, Eisdiele Martini) bis 2024 erhalten. Im nächsten Haus Nr. 35 gibt es 1950 die Drogerie Säger und den Laden der Lebensmittelkette „Hill“ (2024: Rosenapotheke), erst wenige Jahre später entsteht gegenüber mit Nr. 38-40 ein Neubau mit größerer Ladenfläche für Hill (2024: Drogeriemarkt dm). Das kleine Haus am rechten Bildrand mit der Hausnummer 34 gehört Heinrich Averesch, Schuh- und Kolonialwaren, zwei Häuser weiter (Nr. 36) haben Friseur Heßling und Drogist Säger ihre Ladenlokale (2022 abgebrochen, bis Ende 2023 nicht wieder bebaut); dahinter steht mit einigem Abstand das Wohnhaus des Betonsteinunternehmers Suhrheinrich (Nr. 42).

"Klosterfrau Schnupfpulver" (Werbeanzeige, Westfälische Nachrichten 30.5.1951)

„Klosterfrau Schnupfpulver“ (Werbeanzeige, Westfälische Nachrichten 30.5.1951)

In den Geschäften gab es wieder Waren „in Friedensgüte für verwöhnte Ansprüche“. In ihrem Weihnachtskatalog 1950 warben die Hiltruper Kaufleute für den Einkauf in Hiltrup: „… haben die Hiltruper Kaufleute mit viel Mühe und großer Sorgfalt das Niveau ihrer Geschäfte in den letzten Jahren derart gehoben, dass sie jetzt mit den münsterischen Kaufhäusern jederzeit konkurrieren können und sie in manchen Artikeln sogar noch übertreffen“. Die mechanische Holzschuhmacherei von Franz Israel bot wieder Holzschuhe von sämtlichen Sorten an (Werbeanzeige von 1948).

Die Fresswelle der Nachkriegszeit rollte an. Im Hiltruper Museum ist eine Schneiderrechnung von 1950 aufbewahrt, der Direktor des Röhrenwerks musste einen Anzug weiter machen lassen (Kosten: 5,50 DM). Die Rechnung zeigt auch, wie wertvoll Kleidung in dieser Zeit noch war: Einen neuen Anzug arbeitete der Schneider (92,50 DM), er flickte, arbeitete auf und bügelte.

Die Verteilstellen der Konsumgenossenschaften, die nach dem I. Weltkrieg aufgeblüht waren (in Hiltrup zum Beispiel der Laden der Konsumgenossenschaft Eintracht an der Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße), spielten keine Rolle mehr. Die Genossenschaften waren in der NS-Zeit aufgelöst worden, das Vermögen und die Verteilstellen (Läden) waren auf die NS-Organisation „Deutsche Arbeitsfront“ übergegangen; die Läden waren zum Teil auf die früheren Marktleiter übertragen worden, die nach Kriegsende häufig die Rückgabe verweigerten. (Im Jahr 1954 besiegelte das Rabattgesetz das Ende der Konsumgenossenschaften.)

Bahnhofstraße Hiltrup: Oben Landwirtschaftsverlag und Villa Schencking; unten Mitte Gaststätte Elfering, rechts daneben die Schenckingschen Kolonaden (um 1955)

Bahnhofstraße Hiltrup: Oben Landwirtschaftsverlag und Villa Schencking; unten Mitte Gaststätte Elfering, rechts daneben die Schenckingschen Kolonaden (um 1955)

Einige Geschäfte bildeten in den 1950er Jahren noch ein kleines Geschäftszentrum am Bahnhof, eine weiß verputzte Häuserzeile gegenüber dem Bahnhofsgebäude (die „Schenckingschen Kolonaden“).

Hiltrup, "Gaststätte zum Bahnhof" Elfering mit Tanzcafé (r.), links die Schenckingschen Kolonaden (um 1965)

Hiltrup, „Gaststätte zum Bahnhof“ Elfering mit Tanzcafé (r.), links die Schenckingschen Kolonaden (um 1965)

Neben der Gaststätte Elfering gab es den Goldschmiedemeister August Raring (ab 1965 an der Marktallee), August Kasberg Blumen Gemüse Obst Südfrüchte / Blumen Lange, im Eckgeschäft die Bahnhofsdrogerie Niemeier / Karl Tesch, das Textilgeschäft Kirchhoff / Textil Thüning (ab 1967 an der Marktallee), Konditor Baumeister / Heinz Baumeister Toto Lotto, Radio Oexmann, Hermann Schürmann Schuh-, Maß- und Reparaturwerkstatt und zuletzt Frisör Helmer. „Konditor Baumeister bot viele Dinge des täglichen Bedarfes, Backwaren, Zeitschriften, Süßigkeiten und Schreibwaren“, erinnerte sich Raring (WN 28.7.2012).

Gegenüber gab es im Bahnhofsgebäude die Bahnhofsgaststätte Heinrich Hagehülsmann, auf der anderen Kanalseite die Gaststätte Zur Prinz-Brücke. Im Bahnhofsumfeld und bei Elfering trafen sich laut Raring bevorzugt die Arbeiter der umliegenden Betriebe.

Der Güterbahnhof von Münster war durch Bomben zerstört. Der Hiltruper Güterbahnhof war nicht zerstört.

(Güter)Bahnhof HIltrup um 1950: 5 Gleise und ein Industriegleis (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

(Güter)Bahnhof HIltrup um 1950: 5 Gleise und ein Industriegleis (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Für den Güterverkehr war der Hiltruper Bahnhof nur eingeschränkt nutzbar, da er keine Kopframpe (OK) besaß. Neben den Hauptgleisen 1 und 2 hatte er 3 weitere Gleise. Von Gleis 5 auf der Ostseite zweigte das Industriegleis zum Röhrenwerk ab, auf der Westseite zweigten das Industriegleis zu Glasurit (heute BASF Coatings) und ein weiteres Gleis zu dem Güterschuppen neben dem Bahnhofsgebäude ab (der Güterschuppen wurde im Jahr 2000 abgerissen).

Güterabfertigung am Bahnhof Hiltrup: Umladen vom Güterschuppen auf LKW (1941; Foto: Hiltruper Museum)

Güterabfertigung am Bahnhof Hiltrup: Umladen vom Güterschuppen auf LKW (1941; Foto: Hiltruper Museum)

Fracht für Münster wurde in den 1950er Jahren am Hiltruper Güterbahnhof auf LKW umgeladen. Hier fanden auch viele Dienstbesprechungen mit der Bundesbahndirektion statt.

Bahnhof Hiltrup: Schulausflug, im Hintergrund Güterwagen am Güterschuppen (1955; Foto: Hiltruper Museum)

Bahnhof Hiltrup: Schulausflug, im Hintergrund Güterwagen am Güterschuppen (1955; Foto: Hiltruper Museum)

Die Güterwagen standen zum Entladen auf einem Gleis parallel zum Hauptgleis 1 an der Ostseite des Güterschuppens.

Auf ein Bier in der Bahnhofsgaststätte Hagehülsmann (Hiltrup 1949; Foto: Hiltruper Museum)

Auf ein Bier in der Bahnhofsgaststätte Hagehülsmann (Hiltrup 1949; Foto: Hiltruper Museum)

Gleisarbeiter, Aushilfen und das vielköpfige Bahnhofspersonal trafen sich in der Bahnhofsgaststätte, daneben mancher Glasurit-Arbeiter. Der Wochenlohn wurde bis zur Umstellung auf Girokonten bar ausgezahlt, es lag nahe, hier ein Bier zu trinken. Die „Bürger“ trafen sich laut Raring bei Ötte Vogt (2023: Nikos).

In den folgenden Jahrzehnten, verstärkt nach dem Bau der Hochbrücke 1980 wanderten die Geschäfte ab. Der Hiltruper Güterbahnhof wurde 1962 geschlossen und danach auch das Bahnhofsgebäude, die Schenckingschen Kolonaden wurden 2000 abgerissen und das Bahnhofsumfeld verödete. Es wurde erst ab 2007 durch Wohn-/Geschäftsbauten und 2017 durch die Geschäfte des Stroetmann-Komplexes (Wiewel-Supermarkt u.a.) neu strukturiert.

Hiltrup wuchs rasch, Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat, und die Industrie florierte. Mit dem Zuzug von Flüchtlingen kamen auch immer mehr Evangelische nach Hiltrup, 1948/1949 wurde die Paul-Gerhardt-Schule als evangelische Bekenntnisschule von der katholischen Clemensschule „abgezweigt“ (ab 1972 Gemeinschaftsschule). 1950 wurden dem damaligen Amt St. Mauritz, zu dem Hiltrup gehörte, 880 Vertriebene zugewiesen; Hiltrup erschloss die Baugebiete Ringstraße, Amelsbürener Straße und Lange Straße. 1950 hatte Hiltrup bereits 7.348 Einwohner (davon über 700 Flüchtlinge).

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war um 1950 noch sehr kleinteilig bebaut. Zwischen den Häusern lagen Gärten, einzelne Grundstücke waren noch frei.

Weihnachtspostkarte: Hiltrup, Bahnhofstraße um 1950 (v.r. Jasper, Grünstraß, Vielmeyer; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Weihnachtspostkarte: Hiltrup, Bahnhofstraße um 1950 (v.r. Grünstraß – vormals Vielmeyer -, Jasper; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Die Weihnachtspostkarte von 1951 zeigt einen Abschnitt der Bahnhofstraße (später: Marktallee): Rechts Grünstraß (ehemals Vielmeyer, Nr. 27), dahinter Jasper (Nr. 23-25) und die Kreuzung Münsterstraße (heute: Hohe Geest) – längst durch mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt. Das Haus rechts (Vielmeyer/Grünstraß) wurde später durch ein mehrstöckiges Wohnhaus ersetzt, das 2022/2023 schon wieder durch einen Neubau ersetzt wurde.

Der Verkehr auf der Bahnhofstraße nahm „in einem solchen Maße zu, daß es notwendig erscheint, die Bahnhofstraße den übrigen Dorfstraßen gegenüber verkehrstechnisch höher einzustufen“ (WN 10.11.1951), an der Kreuzung Bahnhofstraße / Münsterstraße (heute: Hohe Geest) wurden Verkehrsschilder aufgestellt.

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund die Sandgrube Mertensheide (1950)

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund die Sandgrube Mertensheide (1950)

Zwischen dem Glasuritwerk und dem Hiltruper Ortskern wurde 1950 noch Sand abgebaut für das Kalksandsteinwerk Schencking. Das Foto zeigt in der Bildmitte die Polizeischule, dahinter den Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund eine Sandgrube in der Mertensheide.

Übergabe des Ehrenmals im September 1951 (Foto: Henning Stoffers)

Übergabe des Ehrenmals im September 1951 (Foto: Henning Stoffers)

„Unseren Toten“ der beiden Weltkriege wurde 1951 das Ehrenmal an der Hammer Straße (später: Westfalenstraße) gewidmet. Zur Übergabe an die Gemeinde erschienen Fahnenabordnungen der Vereine, Kinder der Gefallenen, Bürger der Gemeinde, Feuerwehrleute mit brennenden Fackeln, Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene (Bericht der Westfälischen Nachrichten vom 11.9.1951). Eschweiler als Vorsitzender des Ehrenmal-Ausschusses erinnerte daran, dass die Gemeinde schon 1930 ein Ehrenmal geplant hatte.

"Unseren Toten": Das Ehrenmal an der Westfalenstraße (um 1952, im Hintergrund Heithorn und Scheller; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0101)

„Unseren Toten“: Das Ehrenmal an der Westfalenstraße (um 1952, im Hintergrund Heithorn und Scheller; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0101)

Inschrift am Hiltruper Ehrenmal: "1914/1918 Unseren Toten 1939/1945" (13.11.2021; Foto: Henning Klare)

Inschrift am Hiltruper Ehrenmal: „1914/1918 Unseren Toten 1939/1945“ (13.11.2021; Foto: Henning Klare)

Neben „Unseren Toten“ hatten die Initiatoren des Ehrenmals andere Gewaltopfer nicht im Blick. Noch 1967 wurde der Volkstrauertag ungeniert „Heldengedenktag“ genannt in einem Leserbrief an den von der CDU herausgegebenen Hiltruper Anzeiger. 1974 beklagt Dobelmann in seiner Darstellung der Hiltruper Geschichte (Hiltrup, Aschendorffsche Buchdruckerei Münster 1974) die „Schreckensherrschaft der freigelassenen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter“ nach dem II. Weltkrieg (ähnlich die Hiltruper Missionsschwestern in ihrem Kriegstagebuch), ohne auf deren schreckliche Lebensumstände einzugehen.

Hiltruper Ehrenmal: Nachträglich angebrachte Gedenktafel (13.11.2021; Foto: Henning Klare)

Hiltruper Ehrenmal: Nachträglich angebrachte Gedenktafel (13.11.2021; Foto: Henning Klare)

Das Ehrenmal wurde erst später um eine Bronzetafel ergänzt mit der Aufschrift „Zum Gedenken aller Opfer von Krieg und Gewalt“.)

1950 überschritt der Umsatz des Glasurit-Werks das Vorkriegsniveau.

Anfang 1950 wurden die Arbeiten an der II. Fahrt des Hiltruper Kanalbogens wieder aufgenommen. Am 23.1.1952 wurde die II. Fahrt feierlich eröffnet. 1959 wurde der Kanal für das 1000-Tonnen-Schiff freigegeben, 1963 für das 1350-Tonnen-Schiff („Europaschiff“).

Plakat der FDP zur Bundestagswahl 1953: SPD-Vorsitzender Ollenhauer als Gehilfe der Russen

Plakat der FDP zur Bundestagswahl 1953: SPD-Vorsitzender Ollenhauer als Gehilfe der Russen

Zur Bundestagswahl am 6.9.1953 stellten CDU, CSU und FDP wie schon 1949 die „Gefahr aus dem Osten“ in den Vordergrund. Die FDP verunglimpfte mit diesem Plakat die SPD als Landesverräter. Der Vorsprung der CDU (45,2 Prozent) wuchs im Ergebnis bundesweit deutlich gegenüber der SPD (28,8 Prozent). Ab Dezember 1953 ließen Bundeskanzler Adenauer und sein Staatssekretär Globke durch Reinhard Gehlen (Chef der Organisation Gehlen, des späteren Bundesnachrichtendienstes) den Vorstand der SPD illegal ausspionieren ( der Historiker Klaus-Dietmar Henke legte dazu 2022 auf der Grundlage der historischen Akten die Untersuchung Geheime Dienste vor).

Die Bevölkerung musste in dieser Zeit noch eng zusammenrücken, wie eine Hiltruperin in ihren Erinnerungen 1926 bis 1980 beschreibt. Wohnraum wurde bewirtschaftet, das kommunale Wohnungsamt entschied über die Zuweisung einzelner Zimmer. Im II. Weltkrieg waren Viele ausgebombt und hatten dadurch ihre gesamte Habe verloren. Sie konnten einen Kriegssachschaden anmelden. Im Jahr 1950 dauerte es in Münster nach dem Antrag in einem Beispielsfall 10 Monate, bis Ausgebombte eine erste „Hausrathilfe“ von 100,00 DM erhielten. Zwei Jahre dauerte es von 1952 bis zur Bewilligung einer Hausratentschädigung: 700,00 DM insgesamt für den zweimaligen Verlust der gesamten Habe. (Bis zum abschließenden „Gesamtbescheid“ dauerte es im Beispielsfall weitere 4 Jahre: 1958 erhielten die Ausgebombten noch einmal 400,00 DM.) Wer vor 1945 gespart und zum Beispiel Kommunalobligationen gekauft hatte, dem ging es nicht viel besser: Aus 5.000 Reichsmark wurden 1954 im Beispielsfall 190,00 DM.

Notgemeinschaft der besatzungsverdrängten Hausbesitzer (1950; Hiltruper Museum)

Notgemeinschaft der besatzungsverdrängten Hausbesitzer (1950, Hiltruper Museum)

Auch in Hiltrup waren noch Häuser von der Britischen Armee für ihre Offiziere beschlagnahmt und wurden erst um 1950 wieder freigegeben.

„Zusammenrücken“ galt nicht nur für das Wohnen, sondern auch für den Schulunterricht. In der alten Klemensschule (heute: Bezirksverwaltungsstelle, Patronatsstr. 22) wurde in drei Schichten unterrichtet. Etwas Entspannung brachte im Herbst 1951 der erste Abschnitt des Schulneubaus an der Kardinalstraße 25 (damals: Volksschule Ludgerusschule).

Gesellschaftliche Veränderungen schlugen sich in den Berufswünschen der Schulabgänger nieder: „Zwei Drittel der schulentlassenen Mädchen haben die Absicht, Büroangestellte oder Verkäuferinnen zu werden. Nur eine verhältnismäßig geringe Zahl will sich der Hauswirtschaft widmen“ berichteten die WN (29.3.1952) – man spürt zwischen den Zeilen das Bedauern des Redakteurs. Weiter: „Von den Jungen will rund ein Drittel einen kaufmännischen Beruf erlernen.“

Viele Dinge waren nicht frei verkäuflich, sondern konnten nur über Bezugsschein gekauft werden. So konnte es passieren, dass man zwar die Zuteilung für einen Schlauch fürs Fahrrad bekam, aber nicht die dazugehörende Decke.

Das Fernsehen kam Heiligabend 1952 nach Hiltrup (Zeitungsbericht 30.12.1952)

Das Fernsehen kam Heiligabend 1952 nach Hiltrup (Zeitungsbericht 30.12.1952)

Aber es ging aufwärts. Nachdem schon 1939 der erste Deutsche Einheits-Fernseh-Empfänger entwickelt worden war, ging das Fernsehen zu Weihnachten 1952 auf Sendung. Die Geräte kosteten mit 1000 DM zunächst ein Mehrfaches des durchschnittlichen Monatslohns. Durchschnittlich beschäftigte Arbeitnehmer verdienten im Jahr 1950 zum Beispiel 212 DM netto / Monat.

Bahnhofstraße / Klosterstraße, von St. Clemens aus gesehen (1960)

Bahnhofstraße / Klosterstraße, von St. Clemens aus gesehen (1960)

Die Kriegsschäden verschwanden: Die an der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald) durch Luftangriffe beschädigten Häuser wurden repariert bzw. durch Neubauten ersetzt. Das Textilhaus Grosche reparierte nach dem Krieg die zerbombte ehemalige „Kaiserliche Post“ an der Ecke Klosterstraße / Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee), die zerstörte Hausecke wurde zunächst provisorisch wieder hergestellt. Anfang der 1950er Jahre baute Grosche auf dem bis dahin unbebauten Nachbargrundstück (auf dem Foto links an das Eckhaus anschließend) das Modewarengeschäft. Auch eine weitere Baulücke wurde gefüllt, links an die giebelständigen Häuser der Bahnhofstraße anschließend wurde das Haus Nr. 38/40 gebaut. In dies größere Ladenlokal (im Jahr 2023: Parfümerie Pieper, dm, InfoPunkt) zog damals u.a. die Filiale der Lebensmittel-Ladenkette Hill, die mindestens seit 1940 gegenüber in Haus Nr. 35 bestanden hatte (im Jahr 2023: Optik Nühlen).

Gemeindeschwester Altrudis MSC mit ihrem neuen Moped, ein Geschenk des Gemeinderats (29.5.1954; Foto: Hiltruper Museum)

Gemeindeschwester Altrudis MSC mit ihrem neuen Moped, ein Geschenk des Gemeinderats (29.5.1954; Foto: Hiltruper Museum)

Die Gemeindeschwester war ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens, sie kümmerte sich um die häusliche Krankenpflege. Mit der beginnenden Motorisierung bekam die Missionsschwester Altrudis von der Kommune ein Moped geschenkt.

Neubau des Textilhauses Grosche, Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (Foto: 1970, Hiltruper Museum)

Neubau des Textilhauses Grosche, Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (Foto: 1970, Hiltruper Museum)

Das zunächst provisorisch geflickte Eckhaus Bahnhofstr. 32 / Klosterstraße ersetzte Grosche erst Anfang der 1960er Jahren durch einen schlichten Neubau, in dem sich bis in die 1980er Jahre das Kurzwarengeschäft Grosche befand.

Glasuritwerk (um 1955, Blick von Westen; Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0111)

Glasuritwerk (um 1955, Blick von Westen; Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0111)

Das Glasuritwerk (heute BASF) wurde in den 50er Jahren mehrfach erweitert. Auf dem Foto von Mitte der 50er Jahre erkennt man noch einzelne Wohnhäuser auf dem Werksgelände und im Vordergrund ein mit Wasser gefülltes Baggerloch, den „Silbersee“.

Hiltrup war nach einem Bericht der Westfälischen Nachrichten (23.5.1953) das „Dorf der Sandgruben“. Mehr als die Hälfte des abgebauten Sands ging als Bausand nach Münster zum Wiederaufbau der zerbombten Stadt. Das auf dem Foto sichtbare Baggerloch („Silbersee“) ist noch im Flächennutzungsplan von 1963 eingezeichnet. Es wurde später zum größten Teil verfüllt, heute verläuft hier die Glasuritstraße. Glasurit beschäftigte wieder über 1.000 Mitarbeiter.

Werbe-Faltblatt des Hiltruper Röhrenwerks (1956 ca., Ausschnitt, Hiltruper Museum)

Werbe-Faltblatt des Hiltruper Röhrenwerks (1956 ca., Ausschnitt, Hiltruper Museum)

Auch das Hiltruper Röhrenwerk wuchs: Die Produktion in Hiltrup war auf Rohre von 10 bis 76 Millimeter Durchmesser begrenzt. Die Ölindustrie brauchte größere Rohre bis 219 Millimeter, für die erforderliche Werkserweiterung in Hiltrup kam der Grunderwerb nicht zustande. Auf Initiative des Direktors Stein baute Hoesch 1954 für größere Rohre ein Werk in Hagen, 1957 entstand ein Spiralrohrwerk in Barop. In Hiltrup arbeiteten 1956 schon rund 500 Mitarbeiter.

Das Hiltruper "Seebad" (Steiner See, um 1955; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0115)

Das Hiltruper „Seebad“ (Steiner See, um 1955; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0115)

Das Leben bestand auch in diesen Jahren nicht nur aus Wiederaufbau-Arbeit. Die Gemeinde Hiltrup hatte 1935 am Nordufer des Steiner Sees ein öffentliches Freibad eröffnet, das „Seebad Hiltrup“. Es bestand neben dem privaten Badestrand, den der Unternehmer Steiner 1925 mit seinem exklusiven „Steinersee-Klub“ an seinem Haus am Nord-West-Ufer des Sees aufgemacht hatte. Nach dem Krieg erhielt das Freibad einen durch eine feste Barriere abgegrenzten Nichtschwimmerbereich und den auf der Postkarte abgebildeten Sprungturm. 1963 wurde der Bereich als Wasserschutzgebiet (ab 1985 mit Badeverbot) ausgewiesen, das „Seebad“ wurde 1965 geschlossen. Die Verkrautung und Tiefenströmungen hatten die Unfallzahlen im Badebetrieb ansteigen lassen. 1968 wurden die neu gebauten Schwimmbecken im heutigen Freibad eröffnet. Der (nördliche) „Steiner See“ wurde später mit dem „Schencking-See“, dem südlichen Seeteil, verbunden, nachdem das Kalksandsteinwerk dort 1967 den Sandabbau einstellte.

Schenckings Kalksandsteinwerk und Glasurit, rechts der "Silbersee" (um 1957)

Schenckings Kalksandsteinwerk und Glasurit, rechts der „Silbersee“ (um 1956)

Wer nicht so weit laufen wollte, ging im „Silbersee“ baden: Durch den Sandabbau für das Schenckingsche Kalksandsteinwerk war zwischen Polizeischule und Glasuritwerk ein Baggersee entstanden. Im Hintergrund zeigt das Foto bereits den Neubau der Marienkirche in Hiltrup-Ost.

Hiltrup-Ost: Ringstraße / St. Marien / Marienschule / Prinzbrücke / Bahnhof (1957; historische Postkarte  Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0114)

Hiltrup-Ost: Ringstraße / St. Marien / Marienschule / Prinzbrücke / Bahnhof (1957; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0114)

Neue Baugebiete entstanden an der Ringstraße, Amelsbürener Straße und Lange Straße. In Hiltrup-Ost wurde 1955/1956 die Marienschule gebaut und für eine neue Kirchengemeinde die Marienkirche. Für den Kirchbau hatten Glasurit 75.000 DM und das Schenckingsche Kalksandsteinwerk 50.000 Steine gespendet, das Hiltruper Röhrenwerk schenkte die Dachkonstruktion im Wert von 18.252 DM (Westfälische Nachrichten, Bericht über die Grundsteinlegung vom 28.7.1955). Am 8.12.1956 wurde die Kirche geweiht.

Der Hiltruper Goldschmiedemeister August Raring bei der Arbeit an der Monstranz für die Pfarrkirche St. Marien in Hiltrup-Ost (1956)

Der Hiltruper Goldschmiedemeister August Raring bei der Arbeit an der Monstranz für die Pfarrkirche St. Marien in Hiltrup-Ost (1956)

Messgewänder usw. waren zum Teil von Gemeindemitgliedern angefertigt, die große Monstranz und der Speisekelch stammten aus der Werkstatt des Hiltruper Goldschmiedemeisters August Raring. Die erste Glocke stiftete 1957 die Familie Buermann, die Turmuhr bezahlte die Kommune Hiltrup.

Der Hiltruper Gemeinderat (1956, ohne Marga Niedenführ; Foto: Hiltruper Museum)

Der Hiltruper Gemeinderat (1956, ohne Marga Niedenführ; Foto: Hiltruper Museum)

Das Foto aus dem Jahr 1956 zeigt den Hiltruper Gemeinderat: Eine Runde überwiegend älterer Männer, die SPD-Gemeindevertreterin Marga Niedenführ fehlt – zufällig?

Das neue Miteinander mit den aus Schlesien und Ostpreußen kommenden zahlreichen Flüchtlingen war nach dem Bericht von Albert Schäpers anfangs nicht leicht.

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten: vorn links Nr. 31 (Beitelhoff), rechts Nr. 36 (Frisör Heßling) (1957, historische Postkarte)

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten: vorn links Nr. 31 (Beitelhoff), rechts Nr. 36 (Frisör Heßling) (1957, historische Postkarte)

Von der alten kleinteiligen Bebauung fielen die ersten Häuser, die Postkarte aus dem Jahr 1957 zeigt bereits erste geschlossene Bebauung.

Die Postkarte zeigt auch den beginnenden Umbruch im Einzelhandel. Eine Filiale der überregionalen Lebensmittel-Ladenkette „Hill“ war schon in den 1940er Jahren in einem kleinen Ladenlokal in der Bahnhofstr. 35 vertreten. 1957 ist „Hill“ umgezogen in das neue größere Ladenlokal gegenüber in Hausnummer 38/40 (rechts im Bild; 2023: Drogeriemarkt dm). Die traditionellen kleinen „Kolonialwarenläden“ (Tante Emma-Läden) in Hiltrup kommen unter Konkurrenzdruck: Einige Häuser weiter gibt es das Lebensmittelgeschäft Holthenrich an der Ecke Klosterstraße / Marktallee 30, es gibt 1978 auf (im Jahr 2022 nutzt CityFoto Wohlgemuth das Ladenlokal). Weitere kleine Lebensmittelgeschäfte: An der Münsterstraße 24 (heute: Hohe Geest) Miling, an der Friedhofstr. 13 Bernhard Terbeck (1948), an der Bodelschwinghstr. 13 Staeck, in Hiltrup-Ost an der Wolbecker Str.58 Nolte (und am Heckenweg 14-16), an der Ringstraße Schiffels, an der Westfalenstr. 152 Anton Heithorn, am Burgwall 52 ab 1950 Büscher, an der Langestraße ab 1963 Wietheger, an der Amelsbürener Straße 44 Vogelsang, usw.; „Hill“ gibt später auf in der Konkurrenz mit noch größeren Supermärkten (die Drogeriekette dm übernimmt dann das Ladenlokal an der Marktallee). In dem kleinen Ladenlokal links von Hill existiert lange das Schuhgeschäft Hemp (im Jahr 2023 nutzt die Parfümerie Pieper das Ladenlokal); nachdem der Besitzer sich zur Ruhe gesetzt hat, kann hier oder zwei Häuser weiter kein Schuhgeschäft mehr Fuß fassen in der Konkurrenz zu dem späteren „Schuhpark“ (Marktallee 56). In dem kleinen Ladenlokal rechts von Hill verkauft der Amelsbürener Bäcker Rose Backwaren und lose Süßigkeiten (Gummibärchen und Drops aus großen Gläsern), bis bei Hill der Filialbäcker Hosselmann einzieht; dem Schreibwarengeschäft „Schreib und Spiel“ als Nachfolger ist die Miete später zu hoch, an seiner Stelle zieht der InfoPunkt als Geschäftsstelle der Stadtteiloffensive Hiltrup e. V. ein.

Der Milchmann kommt mit dem Dreirad-Lieferwagen (Goliath “Goli”, um 1960; Foto: Hiltruper Museum)

Der Milchmann kommt mit dem Dreirad-Lieferwagen (Goliath “Goli”, um 1960; Foto: Hiltruper Museum)

1960 waren in Hiltrup noch verschiedene “Milchmänner” unterwegs und lieferten Frischmilch bis an die Haustür. In der Konkurrenz mit den Supermärkten und anderen Vertriebsformen hatten sie keine Chance.

Einwohnerstatistik für Hiltrup-Ost, -Mitte und -West (Grafik: Henning Klare)

Einwohnerstatistik für Hiltrup-Ost, -Mitte und -West (Grafik: Henning Klare)

Mit dem anhaltenden Wachstum des Ortes mussten auch die Schulen weiter wachsen.

Hiltrup, kleines Schulzentrum (1958; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, kleines Schulzentrum (1958; Foto: Hiltruper Museum)

Im Herbst 1958 bezog die Paul-Gerhardt-Schule als evangelische Volksschule ihr neues Gebäude an der Bodelschwinghstraße (rechte Bildmitte). Die katholische Ludgerus-Volksschule hatte 1951 den Neubau an der Kardinalstraße bezogen (untere Bildmitte) und war danach in Leichtbauweise erweitert worden (Anbau links).

1960 wohnten in Hiltrup schon 9.300 Einwohner. Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) wurde 1960 umgebaut. Die Anlieger mussten ihre Vorgärten opfern, eine neue Baumreihe rückte näher an die Häuser heran, Radwege wurden angelegt und neue Laternen aufgestellt. 1960 wurde im Westen das Baugebiet an der Langestraße erweitert, das Glasurit-Werk baute hier erste Wohnblöcke für Werksangehörige; weitere Neubaugebiete folgten.

Luftbild von Hiltrups Mitte: Clemenskirche, Hohe Geest, Klosterstraße, Marktallee (ungefähr 1960; historische Postkarte)

Luftbild von Hiltrups Mitte: Clemenskirche, Hohe Geest, Klosterstraße, Marktallee (ungefähr 1960; historische Postkarte)

Erste „Gastarbeiter“ aus Spanien kamen im Jahr 1960 nach Hiltrup. Ihr spanischer Seelsorger gab ihre Zahl im Jahr 1971 mit gut 300 an, zwei Drittel davon bei Glasurit, die „im allgemeinen meist die unangenehmsten Arbeiten erledigen“ mussten. Ihre Wohnverhältnisse waren „im allgemeinen prekär“, eine Gruppe von ihnen gründete 1967 das Spanische Zentrum.

Mit den Steuereinnahmen von Glasurit und Röhrenwerk finanzierte die Gemeinde den Aufbau von Infrastruktur. Wasserleitung, Kanalisation, Straßenbau und Müllabfuhr standen 1960 auf dem Programm, ein „Leitplan“ zur Entwicklung der Gemeinde wurde erarbeitet. Im Erläuterungsbericht zum ersten Flächennutzungsplan für Hiltrup von 1962 hieß es: „Die Gemeinde, die in den letzten Jahrzehnten aus kleinen dörflichen Verhältnissen herausgewachsen ist, hat heute fast 10.000 Einwohner. Mit diesem Wachstum haben die gemeindlichen Pläne und Einrichtungen nicht Schritt gehalten. Da auch weiterhin damit zu rechnen ist, daß ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, steht die Gemeinde vor der Notwendigkeit, Bauleitpläne aufzustellen.“

Aus einem Zeitungsartikel „Hiltrup in der Gärung“ vom 2.4.1960.

Aus einem Zeitungsartikel „Hiltrup in der Gärung“ vom 2.4.1960.

Die Gemeinde war reich. „Hiltrup ist und bleibt die Gemeinde der idealen Möglichkeiten“ jubelte 1960 der Zeitungsbericht Gemeinde in der Gärung. In dem Bericht schwingen aber auch Töne aus vergangenen Zeiten mit: als kennzeichnendes Merkmal Hiltrups wird genannt „… ein volksverbindendes Gemeinsamkeits-Bewußtsein. Die Betriebsgemeinschaft setzt sich fort in den idealen Werkswohngemeinschaften. … So kann man Hiltrup in seiner Entwicklung auch Gemeinde der Betriebsfamilien nennen, …“.

Zeitungsbericht vom 2.4.1960: Der Gemeinderat bei der Arbeit (Bürgermeister: Mühlenbesitzer Ludger Wentrup)

Bürgermeister wurde 1960 der Mühlenbesitzer Ludger Wentrup, CDU-Vorsitzender war Rektor Theo Harbaum, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat war August Harling. Die CDU-Fraktion dominierte den Gemeinderat.

Vor dem Hintergrund der „atomaren Finanzkraft“ Hiltrups diskutierte der Gemeinderat 1961 sogar eine Senkung der Gewerbesteuer, der Antrag der SPD wurde nur knapp (7 zu 9 Stimmen) abgelehnt (Münstersche Zeitung 2.12.1961).

Hiltrup sollte „Stadtlandschaft im Grünen“ werden. Mit dem Leitplan sollte als Hauptaufgabe ein Zentrum geschaffen werden, nachdem “sich die Bautätigkeit über das ganze Gemeindegebiet erstreckt“ hatte. „Ein eigentlicher Mittelpunkt wie in alten Kreisstädten mit der konzentrischen Häufung von Geschäften hat sich nicht gebildet und wird auch derartig nicht geschehen, weil die beiden Reihenstraßen [heute: Marktallee und Westfalenstraße] gleichzeitig zu den Hauptgeschäftsstraßen geworden sind.“ An der Marktallee, heute fast durchgehend mit mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut, stand noch eine sehr gemischte Bebauung, darunter eine Vielzahl kleiner eingeschossiger Häuser mit großen Gärten.

Luftbild der Hiltruper Marktallee um 1963 (vorn rechts die Baustelle der Realschule, im Hintergrund die Marienkirche in Hiltrup-Ost)

Luftbild der Hiltruper Marktallee um 1963 mit dem Blick nach Hiltrup-Ost (vorn rechts die Baustelle der Realschule, im Hintergrund die Marienkirche in Hiltrup-Ost)

Der Zeitungsartikel Leistungsfähiger Einzelhandel von 1960 lobt die Hiltruper Einzelhandelsgeschäfte, die aus den alten Handwerksbetrieben hervorgegangen seien: „Ein Supermarkt als neue Manie und Magie braucht hier nicht zu sein“, durch die Ausbreitung des Markenartikels gebe es keinen Unterschied in der Qualität der Ware und auch kein Preisgefälle mehr – man wollte sich abschotten.

Man diskutierte die Verbreiterung der Bahnhofstraße (heute: Marktallee), die Anlieger mussten dafür ihre Vorgärten opfern; hier sollten „Hochhäuser“ mit bis zu sechs Geschossen entstehen. („Die Grundstückseigentümer an der Bahnhofstraße müssen im Interesse des Gesamtwohls der Gemeinde auch zu Opfern bereit sein“ heißt es im Zeitungsbericht vom 2.4.1960.

"DER LETZTE vom Bf Hiltrup" (1962; Foto: Hiltruper Museum)

„DER LETZTE vom Bf Hiltrup“ (1962; Foto: Hiltruper Museum)

Der Gleisanschluss der Glasuritwerke wurde nicht mehr benötigt und stillgelegt. Daraufhin stellte die Deutsche Bundesbahn (DB) den Betrieb im Güterbahnhof ein.

1961 war Hiltrup bereits auf 10.137 Einwohner gewachsen. 1963 stand im Röhrenwerk die nächste große Werkserweiterung an mit einer neuen Fertigungshalle.

Hiltrup, Verkehr auf der Hammer Straße Richtung Süden in Höhe der Drogerie Himmelmann (r.) Nr. 156A (1962; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Verkehr auf der Hammer Straße Richtung Süden in Höhe der Drogerie Himmelmann (r.) Nr. 156A (1962; Foto: Hiltruper Museum)

Verwaltung und Gemeinderat diskutierten vor diesem Hintergrund Anfang der 60er Jahre, wie Hiltrup sich weiter entwickeln sollte. Das Bauerndorf Hiltrup hatte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein klar definiertes Zentrum rund um Alt-St. Clemens. Nach dem Bau des Bahnhofs 1868 und dem Neubau von St. Clemens an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war Hiltrup entlang der Hauptachsen gewachsen, ohne ein eindeutiges Zentrum auszubilden. Mit der beginnenden breiten Motorisierung zeichneten sich Verkehrsprobleme auf diesen Achsen ab. Der gesamte Verkehr von Münster nach Süden lief durch Hiltrup über die Hammer Straße (die danach gebaute Autobahn A 1 brachte erst ab 1968 Entlastung). Mindestens 5 Tankstellen lebten in Hiltrup davon, eine links im Foto („Benzin 46 ₰ „).

Hiltrup: Flächennutzungsplan vom 16.1.1963 (Ausschnitt)

Hiltrup: Flächennutzungsplan vom 16.1.1963 (Ausschnitt)

Im Januar 1963 beschloss der Gemeinderat einen Flächennutzungsplan mit weitreichenden Zielen: Der Nord-Süd-Verkehr sollte über eine neu zu bauende Straße östlich der Westfalenstraße geführt werden. In Ost-West-Richtung sollten neue Straßen den Verkehr nördlich und südlich weiträumig um den Ortskern herumführen; die Südumgehung – heutige Hansestraße – sollte zwischen Bahnhof und Glasuritwerk die Bahn und den Kanal queren und erst in Höhe des heutigen Pfarrer-Ensink-Wegs auf die Straße Osttor treffen. (Realisiert wurde letztlich nur ein Teil der Hansestraße, für die sich die Hiltruper SPD beim SPD-Landesverkehrsminister Zöpel einsetzte. Die Anbindung der Hansestraße an den Knoten Glasuritstraße/ Hülsebrockstraße hat sich später als höchst problematisch erwiesen wegen der übergroßen Verkehrsmengen.)

Der Alltag veränderte sich, Textilien aus Kunstfasern kamen auf, zum Beispiel bügelfreie Nyltest-Hemden, und Wäsche wurde nicht mehr mühsam von Hand gewaschen.

"Die weltberühmten Miele-Waschautomaten": Werbung des Selbstbedienungs-Münz-Waschsalons Inh. Alfred Kösters, Münster, Kettelerstr. 27 (1960er Jahre)

„Die weltberühmten Miele-Waschautomaten“: Werbung des Selbstbedienungs-Münz-Waschsalons Inh. Alfred Kösters, Münster, Kettelerstr. 27 (1960er Jahre)

Seit 1952 war die Hebamme Marga Niedenführ für die SPD im Gemeinderat, bis 1969 war sie Fraktionsvorsitzende.

Marga Niedenführ (Mitte) beim Richtfest für die Erweiterung der Marienschule 1963 (v.l.: Amtsbaurat Plagemann, NN, Heinrich Schütte, NN, Pfarrer Bernhard Ensink, Wilhelm Pfeifer, Marga Niedenführ, Bürgermeister Wentrup)

Marga Niedenführ (Mitte) beim Richtfest für die Erweiterung der Marienschule 1963 (v.l.: Amtsbaurat Plagemann, NN, Heinrich Schütte, NN, Pfarrer Bernhard Ensink, Wilhelm Pfeifer, Marga Niedenführ, Bürgermeister Wentrup)

Marga Niedenführ verfolgte eine Konsens-Politik mit der CDU. Man kannte sich … und fuhr im September 1964 kurz vor der Kommunalwahl schnell noch auf „Besichtigungsfahrt“.

Gemeinderat Hiltrup am 7.9.1964 auf Stadtbesichtigung in Goslar: v.l. NN, Hermann Becker, Wilhelm Pfeifer, Theo Harbaum, Franz Lübcke, Heinrich Schütte, Marga Niedenführ (SPD), Karl Schorlemer (SPD)

Stadtbesichtigung in Goslar: v.l. NN, Hermann Becker, Wilhelm Pfeifer, Theo Harbaum, Franz Lübcke, Heinrich Schütte, Marga Niedenführ (SPD), Karl Schorlemer (SPD)

Politik wurde am Abend beim Bier gemacht:

v.l. Marga Niedenführ, Karl Georges, Heinrich Schütte (7.9.1964)

v.l. Marga Niedenführ, Karl Georges, Heinrich Schütte

Der spätere Nachfolger Wentrups als Bürgermeister, Rechtsanwalt Dr. Franz Tölle, war mit von der Partie. Bier und Zigarre, man gab sich selbstbewusst.

v.l.: Dr. Franz Tölle, Theo Harbaum und Amtsbaurat Plagemann

v.l.: Dr. Franz Tölle, Theo Harbaum und Amtsbaurat Plagemann

Im 1964 gewählten Gemeinderat saß neben CDU und SPD auch ein Vertreter der Christlichen Volkspartei (Heinrich Schwöppe). Bürgermeister wurde erneut Ludger Wentrup (mit 23 von 25 Stimmen). Für die Position der/des 1. Stellvertreterin/s kandidierten die beiden SPD-Ratsmitglieder gegeneinander, Marga Niedenführ gewann mit 16 von 25 Stimmen gegen Otto Weinrich (8 Stimmen). 2. Stellvertreter wurde Dr. Franz Tölle (CDU, 15 Stimmen).

Oktober 1964: Bürgermeister Ludger Wentrup gratuliert seiner 1. Stellvertreterin Marga Niedenführ zur Wahl

Oktober 1964: Bürgermeister Ludger Wentrup gratuliert seiner 1. Stellvertreterin Marga Niedenführ zur Wahl

1966 übernahm die SPD die Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen. Im selben Jahr führten Willy Brandt und Herbert Wehner die SPD auf Bundesebene in die Regierungsverantwortung (zunächst im Rahmen einer großen Koalition mit der CDU, 1969 in einer sozial-liberalen Koalition mit der FDP). In den meisten Großstädten der Bundesrepublik gewann die SPD in den 1950er und 1960er Jahren das Vertrauen der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in der Kommunalpolitik.

1966 verlegte die Hoesch AG das Röhrenwerk nach Hamm, Hiltrup verlor rund 400 Arbeitsplätze. Die Firma Basalan übernahm das Betriebsgelände, Ende 1966 beantragte sie die Errichtungs- und Betriebsgenehmigung für eine Anlage zur Herstellung von Basaltwolle. Der Antrag gab an, dass die Anlagen gewaltige Mengen Feinstaub und Schwefeldioxid ausstoßen sollten, die als Bindemittel eingesetzten Phenolharze sollten angeblich in einer katalytischen Verbrennungsanlage vollständig verbrannt und über Dach abgeführt werden.

Goggomobil: Werbung der Hiltruper Firma Karl Georges (Hiltruper Anzeiger Juni 1967)

Goggomobil: Werbung der Hiltruper Firma Karl Georges (Hiltruper Anzeiger Juni 1967)

Mit steigendem Wohlstand nahm die allgemeine Motorisierung Fahrt auf. Kleinstfahrzeuge wie der Janus, die Isetta oder das von der Hiltruper Firma Karl Georges angebotene Goggomobil fanden keine Käufer mehr. An ihre Stelle traten in wachsender Zahl größere Fahrzeuge.

Mittelklasse-Autos sind zunehmend gefragt: Firma Karl Georges (Postkarte um 1968/1969; Hiltruper Museum)

Mittelklasse-Autos sind zunehmend gefragt: Firma Karl Georges (Postkarte um 1968/1969; Hiltruper Museum)

Vor der Firma Karl Georges steht auf der Postkarte um 1968/1969 nur noch ein einziges Goggomobil. Auf dem Hof steht noch ein Kleinwagen (NSU-Fiat Jagst 770) und mit dem Ford Escort Mk. I ein Vertreter der Kompaktklasse. Im Übrigen fährt Hiltrup bereits Mittelklasse-Modelle: Ford 12M und Ford 17M (P3 und P5), daneben ein Glas 1700.

Auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände an der Nobelstraße zwischen Eisenbahn und Kanal eröffnete 1968 die Basalan Isolierwolle GmbH ein Werk. Basalan verschmutzte die Luft in unzumutbarem Maß (Quelle: Bericht im Hiltruper Anzeiger Nr. 6 von 1968); laut mündlichem Bericht von Zeitzeugen fielen wegen der in die Luft abgegebenen Schadstoffe Passanten auf der Straße um. Basalan (später: Reinhold+Mahla / DEUTSCHE ROCKWOOL Mineralwoll GmbH & Co. OHG) musste später den Abluftkamin erhöhen und zusätzliche Filteranlagen einbauen, Umweltschutz war ein Thema geworden. (Das Werk wurde 2002 stillgelegt, die städtebauliche Brache an der Nobelstraße wartet auf eine der zentralen Lage angemessene Entwicklung.)

Mit steigender Lebenserwartung und Veränderung der Familienstrukturen stieg der Bedarf an Alten-Pflege. Im alten Pfarrhof An der Alten Kirche hatten die Schwestern schon seit 1927 alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen, nebenan baute die katholische Kirchengemeinde St. Clemens im Jahr 1968 das Marienheim für zunächst 60 Bewohner.

Im Sommer 1968 eröffnete die Familie Krautkrämer, die bis dahin das Davertjagdhaus in Amelsbüren geführt hatte, ihr Hotel am Steiner See. Die Kapazität betrug zunächst 66 Betten, von vornherein geplant waren 140 Betten. Im selben Jahr wurde nebenan das neue beheizte Freibad eröffnet, und der am 15.11.1968 gegründete Segelclub durfte an der Landzunge zwischen den beiden Seen eine Steganlage mit Schutzhütte bauen. (In den 1970er Jahren wurden die zwei Wasserflächen miteinander verbunden, 1984 entstand das Clubhaus am Nordufer.)

Hiltrup wuchs währenddessen unaufhörlich weiter: 1970 wohnten hier schon 14.663 Einwohner. Für ihre Kinder war das Schulsystem auch in Hiltrup 1968 neu geordnet worden. An die Stelle der zwei Volksschulen Klemensschule (an der Clemens-/Patronatsstraße) und Ludgerusschule (an der Kardinalstraße) traten eine Hauptschule (an der Kardinalstraße) und vier Grundschulen: Clemens- und Paul-Gerhardt-Schule in Hiltrup-Mitte, Marienschule in Ost und Ludgerischule in West.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 19.02.2024 aktualisiert.)

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