Franz Josef Lütke Wentrup sen. (um 1900; Foto: Hiltruper Museum)
Wentrup 1886-1981
Wer Brot backen will, muss Korn mahlen. Hiltrup hatte Ende des 19. Jahrhunderts ein Problem: Die alte Windmühle im Himmelreich war altersschwach (und wurde um 1900 abgerissen). Der Mühlenteich des Bauern Bornemann sollte für den Bau des Kanals beseitigt worden; die alte Wassermühle hatte ohnehin nicht genug Wasser, in Zukunft hatte sie überhaupt keinen Antrieb mehr. Bornemann überlegte zwar, sich eine Lokomobile als neuzeitlichen Antrieb zu kaufen, aber Josef Wentrup (1841-1915) war schneller. ….
Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die Frühindustrialisierung und das Bevölkerungswachstum lösen in den Staaten des Deutschen Bundes Massenverelendung und tiefe Strukturveränderungen der Wirtschaft aus. Noch widerstehen die Regierungen dem Verlangen des Volkes nach nationaler Einheit und Demokratie. Oppositionelle Bestrebungen werden scharf unterdrückt. Schlechte Ernten, Arbeitslosigkeit und ein ungerechtes Steuersystem („Mahl- und Schlachtsteuer“) führen 1848 in Münster zu Unruhen; eine Vielzahl von Vereinen und Gruppierungen entsteht, darunter auch der Arbeiterverein in Münster. ….
Herberge
Unauffällig im Schatten fünfhundertjähriger Kastanien liegt ein schlichtes Fachwerkhaus am Ausgang von Hiltrup in Richtung Süden, gleich nach der Emmerbach-Brücke. Uralt und voller Geschichte ist dieses Haus, das älteste uns bekannte in Hiltrup. Der Volksmund nennt es „Dicke Weib“ und weiß, daß es ehemals ein Gasthaus war. ….
„Die beste Krankheit taugt nicht“, sagt der Volksmund. Aber wer half, wenn beispielsweise ein Kind den Arm brach oder eine Lungenentzündung drohte? Wenn eben möglich mussten alte Hausmittel helfen. Aber auch kräuterkundige und in der Pflege erfahrene Frauen aus der Nachbarschaft, oft von kleinen Kotten, halfen mit Rat und Tat. Ihr praktisches Wissen und Können hatten sie von ihren Müttern und Großmüttern erlernt. Aber auch Hilfe von außerhalb wurde geholt. ….
Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, historische Postkarte; Privatbesitz Henning Klare)
Der 1866 an den gegenwärtigen Ort verlegte Bahnhof wurde zum Ausgangspunkt der Entwicklung von Hiltrup. Mit der Befestigung der Bahnhofstraße, die zuvor nur ein krummer Sandweg gewesen war, bestand ab 1878 eine gut befahrbare Verbindung zur Chaussee Münster-Hamm und zum alten Dorfkern rund um Alt-St. Clemens. ….
Franz Anton Hanses-Ketteler, Inhaber der Forstbaumschulen Gebr. Hanses, HIltrup i. Wf., beidseits des Kanals in Hiltrup (1892; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)
Hiltrup im Übergang von der Agrarwirtschaft zu Industrie und Dienstleistung
Die Familie Hanses leitet ihre Herkunft von Hamburger Patrizierfamilien des 16. Jahrhunderts ab. Im 19. Jahrhundert war sie im Sauerland ansässig, Josef Hanses-Ketteler gründete 1852 in Rinsecke bei Oberhundem Forstbaumschulen. Zwei seiner Brüder wanderten in die USA aus und gründeten dort die Baumschulen „Hanses Brothers“. ….
"Märtyrer von St. Paul" (vermutlich: Monatshefte zu Ehren Unserer Lieben Frau vom hlst. Herzen Jesu, herausgegeben vom Missionskloster zu Hiltrup bei Münster i. W., Ausgabe Oktober 1904; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)
Deutscher Kolonialismus und Hiltruper Südsee-Mission
Die Baining oder Baininger sind ein indigenes Volk im Osten der Insel Neubritannien (New Britain, ehemals Neupommern) im Bismarck-Archipel von Papua-Neuguinea. Ihr angestammtes Gebiet sind die Bainingberge auf der nordöstlich gelegenen Gazelle-Halbinsel, wohin sie als vermutliche Urbevölkerung von den aus dem Osten einwandernden Tolai vor geschätzten 250 Jahren verdrängt wurden. ….
Hiltruper Terrazzo- und Cementwaren-Werke F. M. Dalhoff (1905; Foto: Hiltruper Museum)
Boom
Die Industrie- und Gewerbebetriebe in Hiltrup entwickelten sich. Am 15.9.1904 meldete der Westfälische Merkur: „Eine neue Zementfabrik in Westfalen. Die Firma F. M. Dahlhoff in Borghorst errichtet in der Nähe des Bahnhofes in Hiltrup bei Münster eine Zementfabrik, welche Anschluss an den Dortmund-Emskanal wie auch an die Staatsbahn erhält.“ Die königliche Baugewerkschule in Münster zählte das Gebäude im Jahr 1907 zu den „hervorragendsten Bauwerken der Stadt“ in einer Reihe mit Zuschauertribüne der Kaiserparade, Westfälischem Bankverein, Rathaus, Stadtweinhaus, Dom usw. (Münsterischer Anzeiger 27.8.1907). ….
Kirchhof Alt-St. Clemens um 1700: Östlich der Kirche (oben) die Chaussee Monasterium-Diekenwieff, westlich der Kirche die Küsterei (Quelle: Hiltruper Museum)
Herausforderungen
Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gab es in Hiltrup weder eine Schule noch regelmäßigen Unterricht. Wahrscheinlich erst nach 1675 wurde eine Schule eingerichtet, als Bischof von Galen allen Kirchengemeinden die Einrichtung von Schulen vorschrieb. Den rudimentären Unterricht in Religion, Lesen und Singen erteilte der Küster in der Küsterei neben seinen übrigen Aufgaben. ….
1866 war mit der Verlegung des Hiltruper Bahnhofs vom Dicken Weib an den heutigen Standort ein Zweigpostamt im Bahnhof geschaffen worden. Postagent (und Küster) in Hiltrup war Lehrer Voß (1824-1887). ….