"Märtyrer von St. Paul" (Hiltruper Museum)
"Märtyrer von St. Paul" (Hiltruper Museum)

Deutscher Kolonialismus und Hiltruper Südsee-Mission

Die Baining oder Baininger sind ein indigenes Volk im Osten der Insel Neubritannien (New Britain, ehemals Neupommern) im Bismarck-Archipel von Papua-Neuguinea. Ihr angestammtes Gebiet sind die Bainingberge auf der nordöstlich gelegenen Gazelle-Halbinsel, wohin sie als vermutliche Urbevölkerung von den aus dem Osten einwandernden Tolai vor geschätzten 250 Jahren verdrängt wurden. ….

Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, Historische Postkarte)
Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, historische Postkarte; Privatbesitz Henning Klare)

Hiltrups verkehrsgünstige Lage an Straße, Eisenbahn und Kanal war um die Jahrhundertwende eine günstige Ausgangssituation für die weitere Entwicklung. Angetrieben wurde der kräftige Entwicklungsschub von externen Akteuren. ….

Franz Anton Hanses-Ketteler, Inhaber der Forstbaumschulen Gebr. Hanses, HIltrup i. Wf., beidseits des Kanals in Hiltrup (1892; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)
Franz Anton Hanses-Ketteler, Inhaber der Forstbaumschulen Gebr. Hanses, HIltrup i. Wf., beidseits des Kanals in Hiltrup (1892; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup im Übergang von der Agrarwirtschaft zu Industrie und Dienstleistung

Die Familie Hanses leitet ihre Herkunft von Hamburger Patrizierfamilien des 16. Jahrhunderts ab. Im 19. Jahrhundert war sie im Sauerland ansässig, Josef Hanses-Ketteler gründete 1852 in Rinsecke bei Oberhundem Forstbaumschulen. Zwei seiner Brüder wanderten in die USA aus und gründeten dort die Baumschulen „Hanses Brothers“. ….

Kaiserliches Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (1904; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)
Kaiserliches Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (1904; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

1868 war mit der Verlegung des Hiltruper Bahnhofs vom Dicken Weib an den heutigen Standort ein Zweigpostamt im Bahnhof geschaffen worden. Postagent (und Küster) in Hiltrup war bis zu seinem Tode Lehrer Voß. Nach Voß‘ Tod wurde im November 1879 in der Wirtschaft Stähler (später: Rohrkötter) an der Hammer Straße eine Postagentur eingerichtet. ….

Steiner See in Hiltrup (Karte: Stadt Münster / webgis, 24.9.2023)
Steiner See in Hiltrup (Karte: Stadt Münster / webgis, 24.9.2023)

Am Anfang war Sand

Südlich von Hiltrup im Waldgebiet der Hohen Ward liegt ein See. Korrekt heißt er „Hiltruper See“, die Hiltruper kennen ihn als „Steiner See“. Die Hohe Ward im Süden von Hiltrup war im Mittelalter mit einer Größe von 600 Morgen die bedeutendste Markgenossenschaft, ein Nachbarschaftsverband zur gemeinsamen, reglementierten Nutzung von Wald-, Weide- und Ödland. Die Markgenossen nutzten die Hohe Ward gemeinsam als Viehweide und schlugen Holz. Die in der Mark gestochenen Plaggen dienten als Einstreu für das Vieh und anschließend als Dünger für die Felder. Die Hohe Ward wurde durch das Plaggenstechen mehr und mehr zu einem besseren Heidegebiet, bis sie 1827 geteilt wurde. 1844 kaufte die Familie Hötte, wohlhabende Pelzgroßhändler, das Gut Heidhorn, 1868/1869 übernahm Joseph Hötte (1838-1919) das Gut. Von ursprünglich 150 Hektar wurde es durch Zukäufe auf 415 Hektar vergrößert, Einnahmen kamen aus der Holzwirtschaft (ab 1890 Förster Himmelmann).

Auch der Abbau von Kies und Sand hatte in dieser Gegend Tradition. 1847 wurde aus den Kiesgruben bei Hiltrup das Material für den Bahndamm der neuen Strecke Münster-Hamm gewonnen. Der Sandabbau auf Grundstücken des Gutes Heidhorn, der späteren Stiftung Heidhorn, begann 1901. ….

Mit der Stürzkarre zum Kloster
Mit der Stürzkarre zum Kloster

Hermann Dierksmeier (1906 -1996) berichtet von seiner Zeit als Schüler bei den Hiltruper Missionaren:

Eines Tages im Jahre 1916 fuhr eine Stürzkarre an unserem Haus an der Hammer Straße vorbei. Mein Freund Hermes von der Augustastraße saß mit Koffern und Kisten auf dem Wagen und wurde von seinen Eltern nach Hiltrup zu den Patres gebracht. ….

Hamsternde Kinder auf einer Landstraße bei Hiltrup, August 1918 (Foto: © Stadtarchiv Münster)
Hamsternde Kinder auf einer Landstraße bei Hiltrup, August 1918 (Foto: © Stadtarchiv Münster)

Regierung und Generalstab hatten mit einer schnellen Beendigung des Krieges gerechnet und keinerlei Vorsorge zur Versorgung der Bevölkerung getroffen. Schon 1914 verschlechterte sich die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung Münsters. Die Lage der Bevölkerung wurde im Verlaufe des 1. Weltkrieges immer schlechter. ….

"Die Ziege ist es wert, daß man sie ehrt, weil sie ihren Mann ernährt.": Denkmal zum 25jährigen Bestehen des Hiltruper Ziegen Zucht Vereins 1900-1925 (Hiltrup, Garten der Kaffeewirtschaft Bernard Vogt an der Marktallee; historische Postkarte um 1935)
"Die Ziege ist es wert, daß man sie ehrt, weil sie ihren Mann ernährt.": Denkmal zum 25jährigen Bestehen des Hiltruper Ziegen Zucht Vereins 1900-1925 (Hiltrup, Garten der Kaffeewirtschaft Bernard Vogt an der Marktallee; historische Postkarte um 1935)

„Die Kuh des kleinen Mannes“

In einigen Städten gibt es Ziegendenkmale, auch in Hiltrup hatte der Ziegen-Zucht-Verein in Vogts Garten der Ziege ein Denkmal gesetzt. Als karnevalistische Tradition hat sich im Nachbar-Stadtteil Wolbeck der Ziegenbocksmontag erhalten. Humor und Sicherung des Lebensunterhalts waren lange eng miteinander verbunden, wie das Leben des „Ziegenbarons“ Alfred von Renesse zeigt.

Die Bezeichnung der Ziege als „Kuh des kleinen Mannes“ hatte bis weit ins 20 Jahrhundert einen ganz realen Hintergrund. ….

SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"
SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien ….

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)
Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Musik für die Republik

Johann Hüls (1873-1950) aus Rinkerode kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten. Er war lange Jahre bis 1932 Vorsitzender der Hiltruper SPD. Neben seiner Arbeit als Sozialdemokrat war er auch Vorsitzender der Hiltruper Ortsgruppe des Reichsbanners (siehe auch Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924-1933), einer Initiative aus den drei Parteien SPD, Zentrum und DDP zum Schutz der Weimarer Republik gegen ihre radikalen Feinde. Die Zeitung „Das Reichsbanner“ berichtet unter Heerschau im Münsterland am 1.2.1926 über ein Treffen der Reichsbanner-Gruppen im Münsterland; von 1924 bis 1926 waren 24 Ortsgruppen gegründet worden: „Kamerad Hüls (Hiltrup) schildert die Arbeit seiner Gruppe und freut sich, sagen zu können, daß es weiter bergauf geht.“

Hüls war auch Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Hiltruper Röhrenwerk.

1927 gründete Hüls die erste Hiltruper Musikkapelle Schwarz-Rot-Gold. ….