Industrialisierung und Aufschwung in Hiltrup I

Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, Historische Postkarte)
Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, historische Postkarte; Privatbesitz Henning Klare)

Neue Akteure

Der 1866 an den gegenwärtigen Ort verlegte Bahnhof wurde zum Ausgangspunkt der Entwicklung von Hiltrup. Mit der Befestigung der Bahnhofstraße, die zuvor nur ein krummer Sandweg gewesen war, bestand ab 1878 eine gut befahrbare Verbindung zur Chaussee Münster-Hamm und zum alten Dorfkern rund um Alt-St. Clemens.

Hiltrup, Bahnhofstraße: Schenkwirtschaft von Wilhelm Soetkamp (Postkarte, Foto um 1905?)

Hiltrup, Bahnhofstraße: Schenkwirtschaft von Wilhelm Soetkamp (Postkarte, Foto um 1905?)

Gegenüber vom Bahnhof und der 1864 gebauten Villa Schencking baute 1886 Wilhelm Soetkamp seine Schenkwirtschaft. Sie zog mit ihrer Gartenwirtschaft Ausflügler aus Münster an. Soetkamp betrieb daneben einen Landhandel, das Vereinslager des Landwirtschaftlichen Lokalvereins Amelsbüren-Hiltrup für den gemeinschaftlichen Einkauf von Dünger, Sämereien usw., und einen Stall, in dem die Viehhändler Vieh einstellten; ab 1898 war er Rendant des Hiltruper Darlehenskassenvereins. Ab Oktober 1909 führte er den Landhandel als Verkaufsstelle der Westfälischen Central-Genossenschaft (Münsterischer Anzeiger 2.10.1909). 1910 stellte der genossenschaftliche Prüfungsverband Unregelmäßigkeiten bei der WCG-Verkaufsstelle und bei der Darlehenskasse fest und erzwang 1911 seine Ablösung als Rendant der Darlehenskasse; 1914 wurde das Grundstück zwangsversteigert.

Hiltrups verkehrsgünstige Lage an Straße, Eisenbahn und Kanal (die Planung wurde 1892 abgeschlossen) war eine günstige Ausgangssituation für die weitere Entwicklung. Dazu kam die im Vergleich zur Stadt Münster niedrigere Besteuerung (lt. Haus- und Grundbesitzerverein, Münsterischer Anzeiger 28.3.1907) und die niedrigeren Bodenpreise. Angetrieben wurde der kräftige Entwicklungsschub von externen Akteuren.

Franz Anton Hanses-Ketteler, Inhaber der Forstbaumschulen Gebr. Hanses, HIltrup i. Wf., beidseits des Kanals in Hiltrup (1892; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Franz Anton Hanses-Ketteler, Inhaber der Forstbaumschulen Gebr. Hanses, HIltrup i. Wf., beidseits des Kanals in Hiltrup (1892; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Franz-Anton Hanses-Ketteler (1871-1937) kam 1891 nach Hiltrup und erwarb in der Nähe des Bahnhofs von Konsul Schencking einen rund 50 Morgen großen Teil seines Gutes Hülsebrock. Hier gründete er zusammen mit seinem Bruder Hubert eine Forstbaumschule. An der Bahnhofstraße 88 (heute: Marktallee / Ecke Glasuritstraße) baute er Wohn- und Wirtschaftsgebäude und vergrößerte sie nach und nach (Bauantrag wurde im Februar 1893 beim Amt St. Mauritz gestellt). Im Juni 1893 wurde die „Gebrüder Hanses oHG“ ins Handelsregister eingetragen.

“Personal der Firma Gebr. Hanses in Hiltrup i.W.“ (1903; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

“Personal der Firma Gebr. Hanses in Hiltrup i.W.“ (1903; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Mit den neuen Forstbaumschulanlagen in Hiltrup wurden gleichzeitig größere Obstbaum- und Gehölzschulen eingerichtet, so dass die Anlagen schon in wenigen Jahren eine Ausdehnung von über 300 Morgen erreichten. Die Gruppenaufnahme von 1903 zeigt eine Belegschaft von 53 Personen. Die Gartenmeister und viele Arbeiter kamen aus Holland. Auf diesem offiziellen Foto, das auch als Postkarte verwendet wurde, durfte ganz links auch der Briefträger mit geöffneter Postmappe und Briefen in der Hand mit aufs Bild.

Das „Erste deutsche Forstkulturgeschäft von Gebr. Hanses“ südwestlich des Hiltruper Bahnhofs (1905, Rechnungsformular-Ausschnitt; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Das „Erste deutsche Forstkulturgeschäft von Gebr. Hanses“ südwestlich des Hiltruper Bahnhofs (1905, Rechnungsformular-Ausschnitt; Hiltruper Museum)

1908 beschäftigte die Firma Gebr. Hanses von Frühjahr bis Herbst 75 Arbeitnehmer, 1910 vergrößerte sich die Firma mit dem Kauf mehrerer Bauernhöfe in Sprakel.

Haus Harling, HIltrup, Bahnhofstraße 64, links: Öffentlicher außergerichtlicher Auktionator, Gerichtstaxator und Makler Wilhelm Harling (1897; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Haus Harling, HIltrup, Bahnhofstraße 64, links: Öffentlicher außergerichtlicher Auktionator, Gerichtstaxator und Makler Wilhelm Harling (1897; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Der „Auctions=Commissair“ Harling aus Amelsbüren hatte schon 1846 für die Familie Coppenrath aus Münster den Baumbestand verkauft, der auf dessen Gut Hülsebrock der projektierten Eisenbahnlinie Münster-Hamm weichen musste (Westfälischer Merkur 9.8.1846). Harling war 1864 nach Hiltrup, Haus Herding gezogen; hier war 1894 Feuer ausgebrochen, 1897 hatte Wilhelm Harling (1863-1914) an der Bahnhofstraße Nr. 64 ein repräsentatives Haus gebaut (bis 1970 Sitz einer Nebenstelle des Amtes St. Mauritz, 1979 abgerissen für den Neubau des Kleinkaufhauses Burgholz, später Woolworth). Harling beherrschte in Hiltrup und Umgebung den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Immobilien.

Hiltruper Missionshäuser:

Der Orden der „Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu“ (MSC) war 1854 in Frankreich gegründet worden zur Unterstützung der Landseelsorge. Der Orden und seine Schule wurden 1880 in Frankreich verboten, wichen ins Ausland aus und nahmen mit französischen Missionaren die Südseemission auf. Die Kolonialmächte versprachen sich von der Mission der indigenen Völker in den neuen Kolonien, diese Bevölkerung zu „nützlichen Untertanen“ zu machen und zum Arbeiten und zur Kolonialverwaltung einzusetzen.

Nach der Reichsgründung 1871 begann in Deutschland eine öffentliche Debatte über den Erwerb von Kolonien. Dahinter standen sehr unterschiedliche Interessen und Motive, u.a. aus theologischer Sicht eine „Cultur-Mission“. Auch Hiltrup wurde von solchen Ideen berührt: Als Pfarrer Spinn 1887 sein 25jähriges Pfarrjubiläum mit einem Festgottesdienst feierte, levitierten zwei von den vier schwarzen Knaben, die ihren Eintritt in den h. Priesterstand zum großen Theile der Anregung und Leitung des Herrn Jubilars verdanken.

1884 übernahm das deutsche Reich die „Schutzherrschaft“ über den sogenannten Bismarck-Archipel. Die Inseln waren ab 1885 in Besitz der Neuguinea-Kompagnie. Diese machte hohe Verluste, 1899 übernahm das Deutsche Reich die Hoheitsrechte in der Erwartung, zum Beispiel mit Cocosspflanzungen Gewinne zu erwirtschaften; bis 1914 war der Bismarck-Archipel Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.

Anfang der 1890er Jahren berichtete die deutsche Kolonialregierung nach Berlin, die katholische Mission auf dem Bismarck-Archipel sei „fest in französischer Hand“. Das Auswärtige Amt wandte sich darauf an den Heiligen Stuhl, und der MSC beauftragte 1894 den holländischen Pater Linckens (1861-1922) mit der Gründung einer Ordensniederlassung in Deutschland. Linckens suchte per Zeitungsanzeige ein Grundstück. Konsul Schencking bot das Baugrundstück in Hiltrup an, am 6.7.1896 unterschrieben Linckens und Schencking den Kaufvertrag, und Linckens beantragte die Baugenehmigung. Am 4.9.1896 wurde die „Missionsanstalt vom heiligsten Herzen Jesu, Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ ins Gesellschaftsregister eingetragen.

Die Congregation der Propaganda der katholischen Kirche warb um Spenden für das Missionshaus. In einem Flyer mit der Überschrift „Oh göttliches Herz Jesu spende unserm Missionshause und allen seinen Wohlthätern deinen reichsten Segen“ wurde dringend um Spenden gebeten: „Um deutschen Jünglingen die Gelegenheit zu bieten zu Missionaren herangebildet zu werden, die den wilden und verlassenen Menschenfressern der deutschen Südsee die frohe Botschaft des hl. Evangeliums bringen werden, haben wir die Errichtung eines großen Missionshauses unternommen. …“. Im Gegenzug für Spenden versprach die „Congregation der Propaganda“ einen „besonderen Segen“ des Papstes.

Auch im Westfälischen Merkur vom 2.12.1896 wurde für das Missionshaus geworben: „Allerorts strömen die Wilden zu den katholischen Missionaren herbei, um unterrichtet und getauft zu werden. … an 8 verschiedenen Stellen haben die Wilden aus eigenem Antrieb katholische Kirchen gebaut und harren mit Ungeduld, daß auch zu ihnen Missionare gesandt werden. … – Näheres im beiliegenden Prospecte.“ Der fast identische Artikel im Münsterischen Anzeiger vom 10.11.1896 enthält zusätzlich die kritische Bemerkung, „daß „Afrika“ fast wie ein Gemeinname für deutsche Kolonieen, deutsche Missionen- und leider auch für Kolonialskandale— geworden ist.“

Baustelle des Herz-Jesu-Missionshauses in Hiltrup, Firma Peter Büscher (1896; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Baustelle des Herz-Jesu-Missionshauses in Hiltrup, Firma Peter Büscher (1896; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Firma Peter Büscher aus Münster ließ Baumaterialien vom Hiltruper Bahnhof zur Baustelle des Paterklosters der „Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu“ transportieren, mit Zeitungsinseraten wurden Maurer und Handlanger gesucht („Baubureau Burgstr. 24“) und ein „Tüchtiger Maschinist zur Bedienung einer Locomobile am Klosterbau“. Das Kloster mit Internatsschule eröffnete am 13.12.1897 (Bericht eines Klosterschülers aus der Zeit 1916-1918).

Herz-Jesu-Missionshaus in Hiltrup (historische Postkarte von 1912, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Herz-Jesu-Missionshaus in Hiltrup (historische Postkarte von 1912, Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Linckens siedelte 1897 nach Hiltrup über und trat bald darauf in den „preußischen Untertanenverband“ ein, d.h. er wurde deutscher Staatsbürger. 1898 lebten im Hiltruper Kloster ungefähr 120 Priester, Scholastiker, Brüder und Zöglinge; „Knaben …, welche die ernste Absicht hegen, sich dem Missionsberufe zu widmen“, wurden ab dem 12. Lebensjahr aufgenommen (Erlass des Kultusministers vom 18.10.1899). Im Mai 1901 waren es bereits 104 Schüler („Zöglinge“). 1900 kauften die Hiltruper Patres das Grundstück für eine Niederlassung in Oeventrop, 1901 erhielten sie vom Oberpräsidenten die Genehmigung; die Abteilung der Theologen sollte nach Oeventrop umziehen, die Gymnasiasten sollten in Hiltrup bleiben.

Die Hiltruper Patres warben mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit für die Mission. 1898 referierte zum Beispiel Pater Heinichs (Heines?) in Münster über die ungeheuren Schwierigkeiten der Heidenbekehrung und die Verthiertheit dieser Inselbewohner. Bereits 1899 berichtet der Münsterische Anzeiger von 500 Hektar Kokosplantagen im Rahmen der Mission von Neupommern. Kokosplantagen zur Gewinnung von Kokosöl waren arbeitsintensiv, d.h. sie benötigten viele Arbeitskräfte. Nach einem Bericht von März 1902 war in dieser Region auch die profitable Kolonialfirma Hernsheim & Co aktiv, sie verzichtete auf diesen intensiven Plantagenbau. Die Hiltruper Missionare erklärten die Unterstützung der Mission zur Pflicht aller deutschen Katholiken unter dem Motto Leben, Leiden und Sterben für Gott und Vaterland.

Im Hiltruper Missionshaus legten die Patres Sammlungen an: „Ausgestopfte tropische Vögel, …, Mordwerkzeuge der kanakischen Völker auf den Bismarckinseln, als Spieße, Keulen, Pfeile, tätowierte und skalpierte Köpfe, schöne Häkel- und Strickarbeiten der dortigen schwarzen Mädchen“ (Münsterischer Anzeiger 20.1.1903), daneben auch naturkundliche Ausstellungsstücke aus Westfalen (Münsterischer Anzeiger 25.10.1904). Diese Sammlungen verschwanden 1971 zum großen Teil aus Hiltrup, als die Patres das alte Missionshaus aufgaben und in den benachbarten Neubau umzogen.

Mutterhaus der Missionsschwestern (1900; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Mutterhaus der Missionsschwestern (1900; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Das Auswärtige Amt forderte von Linckens, auch die französischen Missionarinnen bald durch deutsche Ordensschwestern abzulösen. Nach dem Willen des preußischen Kultusministeriums sollte dazu ein neuer Orden gegründet werden. Linckens warb für den neuen Frauenorden und baute 1899 auf Flächen des Hofes Buermann im Norden von Hiltrup das Mutterhaus. Gründungsoberin war ab 3.8.1899 Maria Wilhelmine Rath (1859-1904; in Steyl eingetreten als Schwester Servatia). Die ersten Kandidatinnen wurden ab 1.8.1899 auf Haus Herding ausgebildet und zogen 1899 in das Mutterhaus der „Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu“ ein. Auch ihnen wurde die Formel vom Leben, Leiden und Sterben mit auf den Weg gegeben.

Der für das Bismarck-Archipel zuständige Missionsbischof Couppé besuchte Hiltrup im März 1900. Zu seiner Begleitung gehörten zwei kleine Schwarze im Alter von 11 und 12 Jahren, die beiden „liebenswürdigen und zur Frömmigkeit erzogenen Negerknaben Eugen Lilis und Lorenz Lama“ (Münsterischer Anzeiger 16.10.1900).

Bischof Couppé mit Eugen Lilis und Lorenz Lama (1900; Foto: Hiltruper Missionsschwestern, Bearbeitung: Henning Klare)

Bischof Couppé mit Eugen Lilis und Lorenz Lama (1900; Foto: Hiltruper Missionsschwestern, Bearbeitung: Henning Klare)

Sie wurden bis Oktober 1900 auch in den Nachbargemeinden vorgeführt. Berichte aus der Mission erschienen im Unterhaltungsteil des Westfälischen Merkur, Missionare wurden unter großer öffentlicher Anteilnahme verabschiedet (Westfälischer Merkur 18.7.1902).

Missionar-Koffer (Münsterischer Anzeiger27.7.1903, Bearbeitung: Henning Klare)

Missionar-Koffer (Münsterischer Anzeiger27.7.1903, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands empfahl im Jahr 1903 „dem Wohlwollen der hochw. Herren Bischöfe und der Freigebigkeit der deutschen Katholiken die tatkräftige Unterstützung der Missionshäuser der in Teutschland zugelassenen Missions­gesellschaften, namentlich: … Hiltrup bei Münster(Väter vom hl. Herzen Jesu) für Bismarck=Archipel und Marschall=Inseln …“ (Münsterischer Anzeiger 31.8.1903). Die Kapelle des Missionshauses erhielt im Juli 1904 eine Orgel mit 16 Registern (Münsterischer Anzeiger 17.7.1904).

Die Ordensniederlassung in Hiltrup blühte auf und hatte großen Rückhalt im katholischen Westfalen. In Frankreich verlief die Entwicklung gegensätzlich: Unter dem französischen Premierminister Émile Combes wurde die Trennung von Staat und Kirche in den Jahren 1902 bis 1905 vollzogen. Alle Orden wurde 1903 verboten, Ordensgründer Chevalier wurde 1907 hochbetagt aus seiner Wohnung geworfen.

Neben der Mission betrieben die Hiltruper Patres auch politische Agitation. Pater Dormann (1870-1912) trat zum Beispiel 1904 und 1905 in Versammlungen des Volksvereins für das katholische Deutschland auf: Es sei „Pflicht eines jeden Deutschen und katholischen Mannes, sich an der Bekämpfung der Sozialdemokratie zu beteiligen“ (Münsterischer Anzeiger 2.8.1904, Münsterischer Anzeiger 24.11.1905).

Die Patres waren mit öffentlichen Veranstaltungen ein wichtiger Akteur des öffentlichen Lebens. Ihre Passionsspiele im Jahr 1906 zogen gegen 1200 Personen an – im Jahr 1905 hatte Hiltrup nur 1447 Einwohner! Alljährlich brannten die Patres in Hiltrup ein großes Osterfeuer ab, dabei „konzertierten sie zur Freude der Ortseingesessenen und vieler Fremden bis zum späten Abend“ (Westfälischer Merkur 4.4.1907).

Im März 1901 bereiteten sich ungefähr 40 Novizinnen im Hiltruper Mutterhaus auf ihren Einsatz in der Mission vor.

Hiltruper Missionsschwestern beaufsichtigen das Bügeln (Fotosammlung der Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu von Hiltrup)

Hiltruper Missionsschwestern beaufsichtigen das Bügeln (Fotosammlung der Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu von Hiltrup)

Ab 1902 unterstützten sie die Hiltruper Missionare zunächst auf den Marshallinseln und auf Neupommern / Neubritannien (heute: Papua Neuguinea). Anfang 1904 waren dort bereits 119 Priester, Brüder und Schwestern im Einsatz, ca. 11000 Einheimische waren katholisch getauft (Münsterischer Anzeiger 3.2.1904). 1909 waren 88 Missionare vom heiligsten Herzen Jesu (40 Prie­ster und 48 Brüder), außerdem 45 Missionsschwestern vom heiligsten Herzen (Mutterhaus Hiltrup bei Münster i. W.) vor Ort im Einsatz in 32 Haupt- und 74 Nebenstationen (Münsterischer Anzeiger 26.5.1909).

Die Hiltruper Missionare und Missionsschwestern waren in einem schwierigen Umfeld tätig. Zwischen den verschiedenen Ethnien und auch gegenüber den Missionaren gab es Spannungen. 1897, 1898 und – auf Veranlassung der Missionare – 1899 führte die deutsche Kolonialmacht Strafexpeditionen durch. 1903 gab es „vielfach Kämpfe mit den Eingeborenen“; in einer amtlichen Denkschrift wurde betont, die Erfahrung habe gelehrt, „dass vorübergehende Züchtigungen bei Ausschreitungen der Eingeborenen wertlos, ja schädlich sich erweisen“ und zu Racheakten führen (Münsterischer Anzeiger 14.9.1904). Am 13.8.1904 entluden sich die Spannungen in der Mordtat im Christendorf St Paul, zehn Missionare und Schwestern kamen um.

Von Münster aus betrieb auch der Kapuzinerorden bis zum Ende des I. Weltkriegs die Mission in deutschen Kolonien Mikronesiens.

“Schwestern-Missionshaus, Hiltrup b. Münster i.W.“ nach der Erweiterung (historische Feldpostkarte aus dem I. Weltkrieg, Hiltruper Museum)

“Schwestern-Missionshaus, Hiltrup b. Münster i.W.“ nach der Erweiterung (historische Feldpostkarte aus dem I. Weltkrieg, Hiltruper Museum)

Die Gemeinschaft der Missionsschwestern wuchs schnell. Die Schwestern betrieben u.a. eine Näherei, 1908 nähten sie z.B. „85 Negerkleidchen“ aus dem Nessel, mit dem der münstersche Katholische Frauenbund sein Sommerfest 1907 dekoriert hatte (Westfälischer Merkur 10.3.1908). 1908 nahmen die ersten acht Schwestern ihre Arbeit an zwei Missionsschulen in Pennsylvanien (USA) auf (Münsterischer Anzeiger 21.8.1908). Das ursprünglich für 50-60 Personen geplante Mutterhaus wurde 1910 im Norden und im Süden um jeweils drei Fensterjoche erweitert. 1912 waren es schon 226 Profeß­schwestern mit ewigen oder zeit­lichen Gelübden, 32 Novizinnen und 15 Postulantinnen; weitere 30 Postulantinnen warteten auf ihre Aufnahme.

Im April 1913 wurde in Münster ein Missionsfest veranstaltet. Der Bericht im Münsterischen Anzeiger vom 7.4.1913 gibt einen Eindruck von den Motiven, die diese Missionsbegeisterung trugen; der münsterische Missionswissenschaftler Joseph Schmidlin berichtete 1914 von seiner Missionsstudienreise (Münsterischer Anzeiger 6.2.1914).

Wirtschaft:

Den einfachen Arbeitern ging es nicht gut. In Hiltrup diskutierte 1902 der Landwirtschaftliche Lokalverein über die Beseitigung der Arbeiternoth. Christliche und sozialdemokratische Gewerkschaften attackierten sich öffentlich.

“Das Volksbüreau in Münster i. W.“ (Münsterischer Anzeiger 24.6.1903, Bearbeitung: Henning Klare)

“Das Volksbüreau in Münster i. W.“ (Münsterischer Anzeiger 24.6.1903, Bearbeitung: Henning Klare)

Bischof Hermann Dingelstad gründete 1896 in Münster eine Stiftung, die sich um obdachlose Menschen kümmerte. In Münster gründete das „katholische Lager“ (wie zum Beispiel auch in Herne) ein „Volksbüreau“ und bot darin Auskunft und Hilfestellung in sozialen Fragen sowie Arbeitsvermittlung an. Nach dem Vorbild der 1854 in Bonn von dem evangelischen Politiker Perthes gegründeten Herberge zur Heimat entstand u.a. auch in Münster eine Herberge zur Heimat; diese Häuser boten zunächst Unterkunft und Verpflegung für Wandergesellen, später allgemein Hilfen in sozialen Notlagen und forderten im Gegenzug Arbeitseinsatz. 1905 wurde auch über eine gesetzliche Regelung debattiert, wie die Kosten der „Verpflegungsstationen“ und die Reisekosten der „Wanderarmen“ von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte finanziert werden sollten. In Münster unterhielt der evangelische Frauenverein eine Suppenküche (Münsterischer Anzeiger 2.1.1908); 1910 ist im Münsterischen Anzeiger (20.1.1910) eine Benefizveranstaltung zugunsten des „Volksspeisehauses“ erwähnt. Betrüger nutzten die Not, indem sie minderwertige Lebensmittel verkauften (1909/1910).

Die Verdienste waren niedrig, so wurde zum Beispiel 1905 die Stelle eines „Mädchen für kleinen Haushalt nach Hiltrup in herrschaftlichem Hause“ mit einem Jahresverdienst von 80 Talern inseriert (umgerechnet 240 Mark, in Kaufkraft von 2024: 1820 Euro).

Stellenangebot als Lehrköchin „ohne gegens. Vergütung“ (Münsterischer Anzeiger 9.7.1907, Bearbeitung: Henning Klare)

Stellenangebot als Lehrköchin „ohne gegens. Vergütung“ (Münsterischer Anzeiger 9.7.1907, Bearbeitung: Henning Klare)

Der Hiltruper Wirt Soetkamp bot eine Stelle für eine Ausbildung als Köchin „ohne gegens. Vergütung“. Es war zu dieser Zeit noch üblich, dass junge Frauen ohne Vergütung als Hausangestellte arbeiteten und nur Unterkunft und Verpflegung erhielten („zur Erlernung von Küche und Haushalt“, „Familienanschluß“, „schlicht um schlicht“).

Eisenbahnbau und Aufbau der Handels- und der Kriegsmarine schufen den Bedarf für Rostschutz- und Lackfarben. Zum Beispiel musste der Anstrich der neuen Hiltruper Kanalbrücken schon nach wenigen Jahren erneuert werden. Der spätere (1932) Ehrenbürger von Hiltrup Carl Peter Max Winkelmann (1862-1935) hatte in den USA gelernt, gründete 1888 in Hamburg einen Handel mit Lacken und Farben und begann 1893 die Eigenfabrikation in einer kleinen Lackkocherei. Mit seinem „Chinalack Kristall-Weiß“ wurde auch die kaiserliche Jacht gestrichen, er durfte das Produkt danach „Hohenzollernweiß“ nennen. 1898 wurde das Warenzeichen Glasurit eingetragen.

M. Winkelmann's Chinalack (Etikett von 1898; Hiltruper Museum)

M. Winkelmann's Chinalack (Etikett von 1898; Hiltruper Museum)

1903 kaufte er in Hiltrup ein Grundstück mit Kanal- und Gleisanschluss für ein Zweigwerk und errichtete eine Ölfarbenfabrik. Die ersten Gebäude im Jahr 1903 waren die Ölraffinerie, Lagerhäuser an der Bahnlinie, ein Wohnhaus und eine Villa, wie der Lageplan des Baugesuchs vom 30.3.1904 für den Neubau des Wasser-Hochbehälters zeigt (das Baugesuch ging am 2.4.1904 beim Amt St. Mauritz ein, die Baugenehmigung datiert vom 12.4.1904). 1903 startete die Lackproduktion unter dem Firmennamen „Glasurit“, im Juli 1904 wurde die nächste Baugenehmigung beantragt.

Briefkopf der Firma M. Winkelmann (1908; Hiltruper Museum)

Briefkopf der Firma M. Winkelmann (1908; Hiltruper Museum)

Die Architektur der Lagerhäuser an der Bahnlinie (auf dem Briefkopf von 1908 oben neben dem Schornstein, heute nicht mehr vorhanden) lehnte sich an den Tudor-Style an, ähnlich wie kurz danach die Sodafabrik Mittrop (siehe unten).

Das Hiltruper Zweigwerk der Glasurit-Werke von Max Winkelmann entwickelte sich ab 1903 schnell zum Hauptstandort, ab 1908 als Aktiengesellschaft („Glasurit-Werke M. Winkelmann Aktien-Gesellschaft“, 1965 von BASF übernommen, 2025 BASF Coatings). Winkelmann war angeblich ein bescheidener Mensch; 1908 spendete er 1000 Mark für die Familien der auf Radbod verunglückten Bergleute (Münsterischer Anzeiger 14.11.1908). Das Unternehmen war hoch profitabel, z.B. wurde 1912 eine Dividende von 10% ausgeschüttet. Betriebsleiter war Otto Brütting, den Winkelmann aus Hamburg mitgebracht hatte; Brütting wohnte in der Villa auf dem Betriebsgelände (Adresse: Hiltrup, Bach 35).

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)

Zurück zum vorigen Beitrag

Zurück zur Übersicht

Weiter …