Industrialisierung und Aufschwung in Hiltrup

Über dreißig Jahre sollte es dauern, bis in Hiltrup der Schritt nachvollzogen wurde, den beherzte Sozialdemokraten in Münster mit der Bildung der ersten SPD-Organisation bereits 1878 wagten: Im Jahre 1909 gründeten fünf ortsansässige Steinarbeiter die SPD-Ortsgruppe Hiltrup.

Hiltrup um 1900: Bäckerei Vogt / Kaffee, Restaurant (alte Postkarte; heute Marktallee 73)

Hiltrup um 1900: Bäckerei Vogt / Kaffee, Restaurant (alte Postkarte; heute Marktallee 73)

Der kleine dörfliche Kern von Hiltrup rund um die Alte Clemenskirche war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst langsam entlang der Nord-Süd- und Ost-West-Achse (heutige Westfalenstraße und Marktallee) gewachsen, lange Ketten nebeneinander stehender Einzelhäuser waren an diesen Straßen entstanden. Die Bahnstation („Diecke Wief“ – „Dickes Weib“ – am Rande der Hohen Ward) wurde 1868 an den heutigen Standort verlegt. Im Jahre 1901 zählte die Gemeinde Hiltrup 1197 Einwohner (1157 katholische und 40 evangelische) und verfügte über ein Areal von 1969 ha. 131 der im Jahr 1901 vorhandenen 140 Haushaltungen hatten Viehbesitz.

Um 1900 war die heutige Westfalenstraße in Hiltrup vor dem Gasthof Scheller ein Sandweg ohne Pflasterung (historische Postkarte zur Verfügung gestellt von Herrn Stoffers)

Um 1900 war die heutige Westfalenstraße in Hiltrup vor dem Gasthof Scheller nur ein Sandweg ohne Pflasterung (historische Postkarte)

Um die Jahrhundertwende setzte ein kräftiger Entwicklungsschub ein: Eisenbahnbau und Aufbau der Handels- und der Kriegsmarine schufen den Bedarf für Rostschutz- und Lackfarben. Max Winkelmann hatte 1893 in Hamburg eine Lackfabrik (Glasurit) gegründet, mit deren „Hohenzollernweiß“ auch die kaiserliche Jacht gestrichen wurde; 1903 kaufte er in Hiltrup ein Grundstück mit Kanal- und Gleisanschluss für ein Zweigwerk und errichtete eine Ölfarbenfabrik.

1910 Feldarbeit im Emmerbachtal

Hiltrup ist um diese Zeit (1905) ein Dorf mit 1.447 Einwohnern. Bauern prägen das Bild.

Eisenbahn und Kanal (feierliche Eröffnung am 11.8.1899) brachten durch den Grunderwerb viel Geld in die Gemeinde, setzten damit ein verstärktes Baugeschehen in Gang und zogen Neuansiedlungen nach Hiltrup: die Baumschule von Hanses-Ketteler (1892), das Paterkloster (1897), das Missionshaus der Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu (1900), die Baumschule von Eschweiler (1908). Daneben entstanden Gewerbebetriebe, z.B. eröffnete am 1.4.1905 die Kunststein-, Mosaik- und Terrazzo-Fabrik F. M. Dalhoff (Cementfabrik F.M. Dalhoff, Herstellung von Zementwaren, Zementrohren, Kunststeinen, Marmor- und Mosaikplatten, Trottoirplatten, Steinmehle und Betonwaren, verbunden mit einem Baustoffgroßhandel mit Bahnanschluss und eigenem Frachthafen) an der Industriestraße 4 (heute: Nobelstraße).

Die Firma F.M. Dalhoff (1905)

Die Firma F.M. Dalhoff (1905)

Später kam das Betonsteinwerk Surheinrich dazu, die Soda-Fabrik H. Mittrop und einige Ziegeleien (Schmitz, Kentrup). Das Hiltruper Zweigwerk der Glasurit-Werke von Max Winkelmann entwickelte sich ab 1903 schnell zum Hauptstandort (ab 1908 als Aktiengesellschaft; 1965 von BASF übernommen, heute BASF Coatings).

Mädchenschule von 1894 an der Burchardtstraße (heute: An der Alten Kirche)

Mädchenschule von 1894 an der Burchardtstraße (heute: An der Alten Kirche)

Damals hatte Hiltrup etwa 1.700 Einwohner, Mädchen- und Knabenschule hatten zusammen 250 Schüler.

Knabenschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße), erbaut 1904

Knabenschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße), erbaut 1904

Die 1904 gebaute neue Knabenschule hatte zwei Klassenzimmer, ein Arzt hatte sich in Hiltrup noch nicht niedergelassen. Das ehemals ländliche Kirchspiel stand im Begriff, sich der gewerblich-industriellen Wirtschaft weiter zu öffnen.

Königliche Eisenbahndirektion Münster i.W.: "Entwurf über die Erbauung eines Empfangsgebäudes auf Bahnhof Hiltrup" vom 16.4.1907 (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Königliche Eisenbahndirektion Münster i.W.: „Entwurf über die Erbauung eines Empfangsgebäudes auf Bahnhof Hiltrup“ vom 16.4.1907 (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

1907 wurde ein neues, vergrößertes Bahnhofsgebäude gebaut, man befasste sich mit der Planung eines Hiltruper Wasserwerks und eines Wasserleitungsrohrnetzes (1908) und schon bald mit der Erweiterung der Schule (1911).

Das öffentliche Leben in Hiltrup wurde wesentlich bestimmt durch Bürgermeister Große Wentrup und Pfarrer Franz Unckel. Namen wie Schencking und Winkelmann prägten das wirtschaftliche Leben. Max Winkelmann hatte die Farbproduktion „Glasurit“ nach Hiltrup gebracht; August Bernhard Schencking hatte sich für die Einführung moderner landwirtschaftlicher Methoden eingesetzt, maßgeblichen Einfluss auf die Verlegung des Hiltruper Bahnhofs (von der Station „Diecke Wief“) zum heutigen Standort und auf die Streckenführung des Kanals ausgeübt. Seine Anstrengungen zur Belebung der Hiltruper Wirtschaft waren übrigens auch durchaus politisch motiviert. Davon zeugt sein zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasstes Testament:

>> Von dem Wunsche beseelt,… die Zahl der Hauseigenthümer zu vermehren, wodurch am besten der Anarchismus bekämpft und Staat und Religion besser erhalten werden … <<

bestimmte er, dass erhebliche Teile seines umfangreichen Grundbesitzes Siedlungszwecken zuzuführen seien: >> Von dem Wunsche beseelt, recht bald das Dorf Hiltrup mit dem Bahnhof Hiltrup zu verbinden …, ertheile ich meiner Gemahlin das Recht, nach meinem Tode fortzufahren, Theile von meinem Gute Hülsebrock … zu verkaufen, vornehmlich zu Ansiedlungen … <<

Hiltruper Arbeiter bekennen sich zur SPD

Als Gründer der SPD Hiltrup müssen 5 Steinmetzarbeiter angesehen werden, die in der genannten Hiltruper Kunststein-, Mosaik-und Terrazzofabrik F. M. Dalhoff beschäftigt waren. In jener Zeit streikten die gewerkschaftlich organisierten Hiltruper Steinmetzarbeiter. Die mit dem Streik zusammenhängenden Probleme gaben vermutlich den Anlass zum politischen Zusammenschluss derjenigen Gewerkschafter, die zugleich Sozialdemokraten waren. Überhaupt förderten die Schwierigkeiten, öffentlich für die Sozialdemokratie einzutreten, zunächst eine Hinwendung der politisch Aktiven zur Gewerkschaftsarbeit. Hier lag, zumindest in Münster und Umgebung, der Schwerpunkt der Arbeit. Hier konnten Bemühungen unternommen werden, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Handwerker zu verbessern.

Dies galt offensichtlich auch für Hiltrup. Dort bildete sich noch vor der SPD-Ortsgruppe eine Filiale der Gewerkschaft der Steinarbeiter aus den Beschäftigten der Terrazzofabrik, die 1910 bereits 30 Mitglieder und damit ein Vielfaches der SPD-Ortsgruppenstärke zählte. Auch der aus Kreisen der SPD und der freien Gewerkschaften gebildete münstersche Konsum- und Sparverein verfügte in Hiltrup bereits 1909 über eine Filiale.

Wenn auch die Einzelheiten der Gründungsumstände im Dunkeln liegen, es bleibt jedenfalls auffällig, dass im Jahre der Ortsgruppengründung die Hiltruper Steinmetzarbeiter streikten und dass die ersten 5 Mitglieder dieser Ortsgruppe allesamt Steinmetzarbeiter waren. Hier keinen Zusammenhang zu erkennen, fällt schwer. Es liegt daher die Feststellung nahe, dass das Erstarken der Gewerkschaften in Hiltrup schließlich zum organisatorischen Zusammenschluss der örtlichen Sozialdemokraten geführt hat.

Etwa ein Jahr später fand eine Generalversammlung des SPD-Wahlkreisvereins Münster-Coesfeld statt (24. Juli 1910). An dieser Versammlung nahmen zwei Hiltruper Genossen teil. Es handelt sich um „Ignatz Züller, Steinmetz“ und „August Landgraf, Stampfer“. Diese beiden Arbeiter sind die einzigen bislang namentlich bekannt gewordenen Parteimitglieder aus jenen Jahren. Sie dürften mit einiger Sicherheit an der ein Jahr zuvor vollzogenen Gründung der Hiltruper Ortsgruppe beteiligt gewesen sein. Ihre Berufsbezeichnungen als Steinmetz und Stampfer weisen sie als Streikbetroffene aus.

Weder die Gründung des Wahlvereins Münster-Coesfeld noch die entsprechenden Hiltruper Aktivitäten blieben der Obrigkeit verborgen. Nachdem der Oberbürgermeister von Münster bereits am 22. September 1908 dem Regierungspräsidenten berichtet hatte, dass sich

>> hier ein sozialdemokratischer Verein Münster-Coesfeld gebildet hat …… <<,

meldete er auf eine entsprechende Anfrage des Regierungspräsidenten am 21. März 1909, dass der Verein etwa 60 Mitglieder habe, darunter 25 Frauen, Ortsgruppen seien nicht errichtet worden. Etwa ein Jahr später berichtete die münstersche Polizeiverwaltung über eine Parteiversammlung in Münster und zählte dabei namentlich alle Teilnehmer aus Münster und Hiltrup auf. Unter ihnen befinden sich die beiden Steinarbeiter der Hiltruper Terrazzofabrik.

Der eigentliche Nachweis des Gründungszeitraumes 1909/1910 ergibt sich aus dem Zusammenhang des Oberbürgermeisterberichts vom 21. März 1909, wonach sich (in Hiltrup) noch keine Ortsgruppe gebildet hatte, mit einer Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ aus dem folgenden Jahr, die von einer vor einiger Zeit gegründeten Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei in Hiltrup berichtet.

Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910

Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910

Demnach fällt die Gründung in die Zeit zwischen dem 21. März 1909 und dem Erscheinen dieses Zeitungsartikels. Ein weiteres Indiz für das Gründungsjahr 1909 ergibt sich aus folgendem: Der Bericht des Regierungspräsidenten in Münster vom Dezember 1909 erwähnt den Wahlkreisverein Münster-Coesfeld mit fünf nicht näher bezeichneten Ortsgruppen. Im nachfolgenden Jahresbericht 1910 werden diese fünf Ortsgruppen einzeln genannt, unter ihnen auch Hiltrup.

„Wer übt Terrorismus?“

Der erwähnte Zeitungsbericht der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910 ist auch im Übrigen interessant, beleuchtet er doch schlaglichtartig das Verhältnis der christlichen zu den freien Gewerkschaften, die der SPD nahestanden und bis zum heutigen Tage nahestehen. Diese hatten im September 1909 den bereits erwähnten Konsum- und Sparverein gegründet. Im gleichen Jahr beantworteten die christlichen Gewerkschaften dies mit der Gründung einer eigenen Konsumgenossenschaft unter dem Namen „Eintracht“. Beide Genossenschaften verfügten über Filialen auch in Hiltrup. Unter dem Titel „Wer übt Terrorismus?“ berichtete die Dortmunder Arbeiterzeitung unter Bezug auf Hiltrups christliche Konsumfiliale:

>> Aber Mitglieder muß der Konsumverein haben und wurde deshalb auf die Hauswirte verheirateter Kollegen eingewirkt. Wenn der Betreffende nicht beitritt, wird die Wohnung gekündigt. Das ist kein Terrorismus, sondern christliche Nächstenliebe! <<

Vorher heißt es in diesem Artikel:

>> In Hiltrup besteht seit einiger Zeit eine Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei, deren Mitglieder aus den hier beschäftigten … Steinmetzen bestehen. Die Tatsache hat nun den Vorsitzenden des christlichen Keram- und Steinarbeiterverbandes um den Rest seiner Überlegungen gebracht. Nicht eine Nummer des Keramarbeiterblättchens erscheint, in der nicht über die Genossen in einer Weise hergezogen wird, daß man meinen könnte, es wären lauter Diebe und Räuber. <<

Der Bericht zeigt aber noch ein Weiteres. Von Anfang an hatten die Sozialdemokraten in Münster es vermieden, eine antikirchliche Haltung einzunehmen. Mit welchem Erfolg, lässt sich ebenfalls der Zeitungsmeldung entnehmen:

>> Derselbe [der Hiltruper Pfarrer] faßte die Sache auch gleich richtig an und empfahl seinen Gläubigen von der Kanzel aus, keinen der roten Genossen in Logis zu nehmen und beileibe kein Lokal für Versammlungen herzugeben. Sogar die Wirtschafterin des Herrn ging von Haus zu Haus, um die rote Flut zu dämmen.<<

Der Bericht ist ein sehr prägnantes Beispiel, unter welchen Bedingungen Sozialdemokraten auch in Hiltrup ihre Rechte erkämpfen mussten, dass sie auch in Hiltrup dem erbitterten Widerstand von Bürgern und Kirche ausgesetzt waren. Ihnen ist nichts geschenkt worden – sie mussten sich nehmen, was ihnen zustand, aber nicht zugestanden wurde. Darauf bauen wir heute auf. Ohne das oft genug verzweifelte Engagement unserer politischen Väter und Mütter sähe heute vieles anders aus. Wenn wir uns deshalb heute an die Gründung der Hiltruper SPD und die enormen Widerstände, die der organisierten Arbeiterschaft entgegengestellt wurden, erinnern, so geschieht dies vor allem in Respekt vor denen, die uns trotz aller damit verbundenen Mühsal die Wege geebnet haben, die wir heute wie selbstverständlich beschreiten. Ihr persönlicher Einsatz, ihr politischer Wagemut und ihre Unbeirrbarkeit sind beispielhaft. Unsere Aufgabe ist es, diese Arbeit fortzuführen mit dem Ziel, weiter für die Verwirklichung unserer Grundwerte Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit beharrlich zu kämpfen.

Weitere Dokumente, Fotos oder Wahlplakate der Hiltruper SPD aus dieser Zeit sind nicht bekannt. Politische Plakate waren bis 1919 in den meisten Ländern nicht zugelassen.

Hiltrup war in dieser Zeit stark von der katholischen Kirche geprägt. Der 1893 von Pfarrer Spinn gegründete „Kirchbauverein“ konnte 1913 (Hiltrup hatte ungefähr 2000 Einwohner) die Einweihung der neuen St. Clemens-Kirche feiern. Die alte St. Clemens-Kirche am Alten Kirchplatz, geweiht 1160, wurde nicht mehr benötigt; die Bitte der kleinen evangelischen Gemeinde (geschätzt ungefähr 100 Mitglieder), ihr die alte Kirche zu überlassen, wurde abgelehnt. (Alt St. Clemens wurde in den folgenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt und vorübergehend sogar profaniert.)

Mit Beginn des ersten Weltkriegs wurde die Verbindung aus dem Missionshaus der Hiltruper Missionare in die Welt unterbrochen. Von 1914 bis 1918 wurde im Missionshaus ein Lazarett eingerichtet, etwa 1200 verwundete und kranke Soldaten wurden hier in dieser Zeit gepflegt. Die Verwaltung übernahmen die Hiltruper Missionare, Krankenpflege und Küche besorgten die Hiltruper Missionsschwestern (siehe Hiltrup heute und morgen Nr. 15).

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915)

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915)

Eine Postkarte aus dem Jahr 1915 zeigt eine Gruppe von deutschen Soldaten als Patienten des Lazaretts im Hiltruper Missionshaus. Der Absender schreibt unter dem 10.7.1915: „Meine lieben Eltern! … kam Euer so liebes Paket, habt vielen vielen Dank dafür. – Mir geht es gut, auch operiert bin ich nicht worden. – Daß Ihr meine Lieben von dem Kuchen nur einmal gegessen habt, war nicht nötig, wenn ich etwas weniger bekommen hätte, wäre die Freude ebenso groß gewesen…“ Neben den Schrecken des Krieges – Patienten auf dem Foto brauchen einen Stock oder tragen einen Arm in der Schlinge – lässt diese Nachricht an die Familie ahnen, dass schon 1915 die Lebensmittelversorgung ein Thema war.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 16.03.2019 aktualisiert.)

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