Hiltrup war in dieser Zeit stark von der katholischen Kirche geprägt. Der 1893 von Pfarrer Spinn gegründete „Kirchbauverein“ hatte bis 1906 28.000 Mark im Kirchbaufonds angesammelt. 1908 veranstaltete der münstersche Bischof eine Kollekte für den Bau einer neuen Pfarrkirche in Hiltrup: Im ganzen Münsterland gebe es kaum eine Kirche, die so armselig sei wie diese. Armselig wie das Übrige sei auch das ganze Inventar der Kirche, es sei so schlecht und minderwertig, daß kaum ein Stück davon für die neue Kirche gebraucht werden könne. ….
Steiner See in Hiltrup (Karte: Stadt Münster / webgis, 24.9.2023)
Am Anfang war Sand
Südlich von Hiltrup im Waldgebiet der Hohen Ward liegt ein See. Korrekt heißt er „Hiltruper See“, die Hiltruper kennen ihn als „Steiner See“. Die Hohe Ward im Süden von Hiltrup ….
Hermann Dierksmeier (1906 -1996) berichtet von seiner Zeit als Schüler bei den Hiltruper Missionaren:
Eines Tages im Jahre 1916 fuhr eine Stürzkarre an unserem Haus an der Hammer Straße vorbei. Mein Freund Hermes von der Augustastraße saß mit Koffern und Kisten auf dem Wagen und wurde von seinen Eltern nach Hiltrup zu den Patres gebracht. ….
Regierung und Generalstab hatten mit einer schnellen Beendigung des Krieges gerechnet und keinerlei Vorsorge zur Versorgung der Bevölkerung getroffen. Schon 1914 verschlechterte sich die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung Münsters. Die Lage der Bevölkerung wurde im Verlaufe des 1. Weltkrieges immer schlechter. ….
"Die Ziege ist es wert, daß man sie ehrt, weil sie ihren Mann ernährt.": Denkmal zum 25jährigen Bestehen des Hiltruper Ziegen Zucht Vereins 1900-1925 (Hiltrup, Garten der Kaffeewirtschaft Bernard Vogt an der Marktallee; historische Postkarte um 1935)
„Die Kuh des kleinen Mannes“
In einigen Städten gibt es Ziegendenkmale, auch in Hiltrup hatte der Ziegen-Zucht-Verein in Vogts Garten der Ziege ein Denkmal gesetzt. Als karnevalistische Tradition hat sich im Nachbar-Stadtteil Wolbeck der Ziegenbocksmontag erhalten. Humor und Sicherung des Lebensunterhalts waren lange eng miteinander verbunden, wie das Leben des „Ziegenbarons“ Alfred von Renesse zeigt.
Die Bezeichnung der Ziege als „Kuh des kleinen Mannes“ hatte bis weit ins 20. Jahrhundert einen ganz realen Hintergrund. ….
Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien ….
Weihe von 3 neuen Bronzeglocken für St. Clemens Hiltrup (6.9.1925; Foto: Hiltruper Museum)
Wirtschaftliche und politische Krise
Hiltrup erholte sich von Krieg und Inflation. 1925 konnte die Kirchengemeinde St. Clemens es sich leisten, drei neue Bronzeglocken als Ersatz für die 1917 abgelieferten Glocken zu kaufen. (Das Foto von der Glockenweihe am 6.9.1925 existiert in zwei unterschiedlichen Versionen: Das zweite Mädchen von rechts ist in beiden Versionen schlecht retuschiert; Beine und Kleidung sind bearbeitet, in einer Version ist eine Gesichtshälfte grob verändert, in der anderen Version ist ein anderer Kopf einmontiert.) ….
Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)
Musik für die Republik
Johann Hüls (1873-1950) aus Rinkerode kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten. Er war lange Jahre bis 1932 Vorsitzender der Hiltruper SPD. Neben seiner Arbeit als Sozialdemokrat war er auch Vorsitzender der Hiltruper Ortsgruppe des Reichsbanners (siehe auch Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924-1933), einer Initiative aus den drei Parteien SPD, Zentrum und DDP zum Schutz der Weimarer Republik gegen ihre radikalen Feinde. Die Zeitung „Das Reichsbanner“ berichtet unter Heerschau im Münsterland am 1.2.1926 über ein Treffen der Reichsbanner-Gruppen im Münsterland; von 1924 bis 1926 waren 24 Ortsgruppen gegründet worden: „Kamerad Hüls (Hiltrup) schildert die Arbeit seiner Gruppe und freut sich, sagen zu können, daß es weiter bergauf geht.“
Hüls war auch Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Hiltruper Röhrenwerk.
1927 gründete Hüls die erste Hiltruper Musikkapelle Schwarz-Rot-Gold. ….
Industrie am Hiltruper Bahnhof: Links die Bahn, Glasurit mit Tankwagen auf eigenem Industriegleis, Schencking, Naturstein Weck (1961 oder später; Foto: Hiltruper Museum)
Das Hiltruper Hartsteinwerk Schencking
Das Dorf Hiltrup war nicht reich. Die Eiszeit hatte große Mengen Sand auf dem Geestrücken („Breiter Weg“, „Münsterstraße“ bzw. „Hohe Geest“) hinterlassen. In den umliegenden Dörfern hatten die Bauern besseren Boden. Sand bekam erst nach und nach Wert als Baustoff. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in der Hohen Ward Sand abgebaut. Ab 1913/1914 ….
Der Vater war Eisenbahnbeamter. Er saß im Ersten Weltkrieg in der Hauptzentrale der Eisenbahnstrecke Paris-Berlin auf einem wichtigen Posten. Der Großvater war ein echter Bauer in dem Gebiet zwischen Wulfen /Haltern, seine Frau hatte als gute Hausmutter ihm acht Kinder geboren. Geboren bin ich in Essen / Ruhrgebiet 1915. Volksschule und dann Realschule vier Jahre in Essen bis zur Abschlussprüfung. Nach dem Umzug der Eltern 1926 nach Hiltrup dann kaufmännische Lehre ….