Weimarer Republik I

SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"
SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"

Neuer Aufbruch

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche (die bis 1918/1919 noch die örtliche Schulaufsicht ausübte) unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien für unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Das münstersche Zentrum war innerhalb der reichsweiten Zentrumspartei auf dem äußersten rechten Flügel angesiedelt. Während im Reich das Zentrum auch in der Koalition mit der SPD die Weimarer Republik zumindest lange Jahre stützte, steuerte die Münsteraner Organisation einen harten Kurs gegen die „linke Gefahr“ und mochte sich mit dem republikanischen Staat nicht sehr identifizieren.

Im Baugewerbe herrschte nach dem verlorenen Krieg Auftragsmangel. Die Baufirma der Gebrüder Bröcker in Hiltrup verlegte sich vorübergehend auf die Fabrikation von Dachziegeln und Rübenkraut (Münsterischer Anzeiger 10.1.1919); Anfang 1921 handelte sie mit Rüben (Münsterischer Anzeiger 28.1.1921), im November 1921 suchte sie „Zuckerrüben für die Herstellung von Kraut“ zu kaufen (Münsterischer Anzeiger 13.11.1921).

"Brückenbereifungsfeder" als Ersatz für Fahrradreifen (Volkswacht 19.8.1919; Bearbeitung: Henning Klare)

"Brückenbereifungsfeder" als Ersatz für Fahrradreifen (Volkswacht 19.8.1919; Bearbeitung: Henning Klare)

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und anderem Bedarf blieb katastrophal. Noch Anfang 1920 gab es Lebensmittel auf Bezugsscheine oder Kundenlisten, Personenzüge fielen wegen Kohlenmangel aus, Güterzüge wurden zur Personenbeförderung freigegeben. Gummireifen für Fahrräder waren Mangelware, man behalf sich mit Stahlfedern.

Textilien gab es Anfang 1920 wieder ohne Bezugsscheine zu kaufen (Münsterischer Anzeiger 4.1.1920, Bearbeitung: Henning Klare)

Textilien gab es Anfang 1920 wieder ohne Bezugsscheine zu kaufen (Münsterischer Anzeiger 4.1.1920, Bearbeitung: Henning Klare)

Textilien gab es Anfang 1920 in Hiltrup wieder ohne Bezugsschein zu kaufen. Aber ein anderer schwerer Mangel musste durch Bewirtschaftung verwaltet werden: Wohnraum war so knapp, dass er rationiert wurde. Eine Kommission in Begleitung eines Amtsbeamten besichtigte alle Wohnungen in Hiltrup und stellte alle „brauchbaren Räume“ fest (Münsterischer Anzeiger 29.2.1920). In Münster wurde die Vollstreckung von Räumungsurteilen vorübergehend ausgesetzt (Münsterischer Anzeiger 11.4.1920). Diese Wohnraumbewirtschaftung dauerte mindestens bis 1925: Noch im April 1925 wurde eine „beschlagnahmefreie Wohnung in Handorf, Mauritz oder Hiltrup geg. hohe Miete, evtl. Abstandssumme, für sofort gesucht“ (Münsterischer Anzeiger 17.4.1925).

Mangelernährung und andere Lebensbedingungen trieben die Zahl der Sterbefälle hoch; im März 1920 hatte Münster die höchste Sterberate im Vergleich mit anderen größeren Städten (Münsterischer Anzeiger 8.4.1920).

Die Hiltruper Lehrerin Neisemeyer war aktiv im Lehrerinnen-Bezirks-Verein Münsterland. Nachdem das Lehrerinnenzölibat 1919 auf Antrag der SPD aufgehoben worden war, referierte sie dazu in einer Versammlung im März 1920 (Münsterischer Anzeiger 1.3.1920).

Plakat von 1920: "Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden" (Quelle: Library of Congress / http://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Plakat von 1920: "Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden" (Quelle: Library of Congress / https://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Die Frühzeit der Weimarer Republik war von scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse im Innern des Reichs geprägt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelang es im Frühjahr 1920, den reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsch niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisierte sich das politische System. Die SPD konnte, etwa im Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel hatten. Sie führte die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor allem in Preußen, und wurde auch in vielen Großstädten bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.

Das Firmengelände der früheren Hiltruper Terrazzo und Cementwarenfabrik F. M. Dalhoff, wo die Gründer der Hiltruper SPD gearbeitet hatten, lag bei Kriegsende brach. Die Nachfolgefirma von Dalhoff und danach der Holzhandel von Franz May waren in Konkurs gegangen, die Armee hatte das Gelände für eine Darre und als Lager für Artilleriemunition genutzt und im August 1919 geräumt. Im Oktober 1919 wurde das „Industriegelände mit Eisenbahn und Hafenanschluß“ verkauft.

Briefkopf der "Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co" (Hiltruper Museum)

Briefkopf der "Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co" (Hiltruper Museum)

Am 15.9.1919 eröffneten auf dem Gelände die Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Comp., der Handelsregistereintrag vom 12.11.1919 nennt als persönlich haftende Gesellschafter „Ingenieur Hugo Fischer zu Hiltrup, Fabrikant August Kattwinkel zu Vohwinkel, Ingenieur Hugo Piller zu Hohenlimburg“. An der Betriebsgründung beteiligt war auch ein Nachbar, der Soda-Fabrikant Mittrop. Die Firma hatte „Bahn-Anschlussgleis“ und „Privathafen am Dortmund-Ems-Kanal“, das alte Verwaltungsgebäude der früheren Firma F. M. Dalhoff wurde durch einen größeren Neubau ersetzt. Zunächst wurden 30 Arbeiter beschäftigt. Hugo Piller schied Ende 1920 aus der Firma aus.

Fabrikant Arthur Fischer posiert in der Wanderer W8 5/15 PS Limousine, daneben sein Fahrer Adolf Kumbrink (um 1923; Foto: Hiltruper Museum)

Fabrikant Arthur Fischer posiert in der Wanderer W8 5/15 PS Limousine, daneben sein Fahrer Adolf Kumbrink (um 1923; Foto: Hiltruper Museum)

Zu den Produkten gehörten Röhren zur Aufhängung von Fleischwaren im Räucherofen, stählerne Schutzrohre zur Verlegung elektrischer Leitungen und Rohre für Bettgestelle. Diese wurden mit den Produkten von Glasurit lackiert.

Josef und Maria Suhrheinrich (um 1925; Hiltruper Museum)

Josef und Maria Suhrheinrich (um 1925; Hiltruper Museum)

An der Bahnhofstraße zwischen den Hausnummern 41 und 45 baute Josef Suhrheinrich ab 1919 die Fertigung von Betonfertigteilen auf („Beton-, Kunststein- und Terrazzowaren“). Mit seinem Freund Heinrich Mertens, der in Hiltrup ab 1907 die Gärtnerei Mertens betrieb, entwickelte er Betonfertigteile für Glashäuser; Mertens hatte ihn überredet, nach Hiltrup zu ziehen. Bereits 1926/1927 wurden in größerer Zahl Gewächshäuser produziert, 1928 verlegte Suhrheinrich den Betrieb zur Bahnhofstraße 42; das Betriebsgelände hatte weitere Zufahrten von der Klosterstraße und von der Finkenstraße. Nach seinem Tod (1930) führte der Architekt Joseph Meyer (1903-1994) den Betrieb fort; Meyer heiratete 1932 die Witwe des Firmengründers (Emma Suhrheinrich, 1894-1965). 1935 firmierte Suhrheinrich auch unter „Kalksandsteinwerk Surhenrich“, die Jos. Suhrheinrich KG bestand bis 1991. Meyers zweite Ehefrau Maria Meyer-Suhrheinrich (1925-2022) brachte das Vermögen in die Meyer-Suhrheinrich Stiftung ein, auf dem Firmengelände entstanden Altenwohnungen und eine Pflegeeinrichtung.

Die in den letzten Kriegsjahren beschleunigte Geldentwertung setzte sich fort. Im Juni 1920 wurden gebrauchte Fahrräder bereits zu Preisen zwischen 600 und 1000 Mark inseriert (Münsterischer Anzeiger 12.6.1920), neue Glühbirnen kosteten 12 Mark.

Die alte romanische Kirche St. Clemens in Hiltrup aus dem 12. Jahrhundert war nach dem Bau der neuen St. Clemens-Kirche (geweiht 1913) aufgegeben worden. 1920/1921 war das Dach sehr schadhaft, in den Fenstern fehlte die Verglasung fast ganz, und das Innere bot ein Bild der Verwüstung. Der Provinzialkonservator veranlasste die Kirchengemeinde, die dringlichsten Instandsetzungen auszuführen und „zwecks dauernder Erhaltung dem Plan der Einrichtung der Kirche als Jugendheim näher zu treten“. Dazu wurde eine Provinzialbeihilfe gewährt (Münsterischer Anzeiger 20.1.1924).

Das Betriebsinventar der Ringofenziegelei des Apothekers Dr. Carl Schmitz („Schmitz Kühlken“) wurde 1921 verkauft. Ein Teil der Lehmkuhlen wurde 1934/1935 mit dem Aushub der Kanalverbreiterung verfüllt, hier entstand nach und nach die Siedlung Schmitz Kühlken.

Die Regierung der Republik musste sich mit den Kosten des Krieges auseinandersetzen, die mit Schulden finanziert waren. Zusätzlich war Deutschland durch den Friedensvertrag von Versailles zu gewaltigen Reparationszahlungen verpflichtet. Ab 1920 sollte deshalb eine einmalige Vermögensabgabe erhoben werden, das Reichsnotopfer.

Tarif des Reichsnotopfers (Münsterischer Anzeiger 27.6.1920, Bearbeitung: Henning Klare)

Tarif des Reichsnotopfers (Münsterischer Anzeiger 27.6.1920, Bearbeitung: Henning Klare)

Der progressive Tarif sah eine Abgabe bis zu 65 Prozent des abgabepflichtigen Vermögens vor. Die Erhebung dieser Abgabe führte zu Ungerechtigkeiten und scheiterte in der Praxis, sie wurde 1923 durch die Vermögenssteuer ersetzt.

Auch der Haushalt der Gemeinde Hiltrup war defizitär. Anfang 1921 erhob Hiltrup zur Deckung des Fehlbedarfs im Gemeindehaushalt 1920 von den Steuerpflichtigen eine „weitere Umlage“ in Höhe von 1100 % zur Grund- und Ge­bäudesteuer, 500 % zur Gewerbesteuer und 100 % zur Betriebssteuer (Münsterischer Anzeiger 25.1.1921).

Aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten mussten sich eine neue Existenz aufbauen.

Sprengmeister Josef Kreimer in Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 9.1.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

Sprengmeister Josef Kreimer in Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 9.1.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

Sprengmeister Kreimer bot ab Februar 1919 per Zeitungsinserat an, Pflanzgruben für Obstbäume, Beton und Mauerwerk zu sprengen und Rodungsarbeiten mit Sprengstoff auszuführen.

Bahnhofsspedition H. Hülsmann (Logo-Entwurf; Hiltruper Museum)

Bahnhofsspedition H. Hülsmann (Logo-Entwurf; Hiltruper Museum)

Der Schwerkriegsbeschädigte Heinrich Hagehülsmann betrieb die Hiltruper Bahnhofsspedition und eröffnete in Räumen des Bahnhofs im Herbst 1921 eine Schankwirtschaft (Bahnhofswirtschaft). Sie lebte von den Arbeitern der umliegenden Betriebe und von den Eisenbahnern im Bahnhof und im Güterbahnhof. (In den 1980er Jahren wurde die Bahnhofswirtschaft aufgegeben.)

1920 begann der Ausbau des Gesundheitswesens, drei Missionsschwestern im Alten Pfarrhof („Marienheim“) übernahmen zu Fuß oder mit dem Fahrrad die ambulante Krankenpflege.

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum)

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum)

1923 richteten sie hier ein kleines Krankenhaus ein für 10 bis 12 Kranke einschließlich Wöchnerinnen; auch „uneheliche Kinder“ wurden betreut, bis sich Pflegefamilien fanden. Nach einem Unfall berichtete zum Beispiel der Münsterische Anzeiger (25.4.1925) von einer „sofortigen Überführung ins Krankenhaus zu Hiltrup“ zur ärztlichen Versorgung durch Dr. Wiese. Ab 1927 wurden auch alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen (Adressbuch 1928: „Krankenhaus (Marienheim)“).

Marien-Hospital Hiltrup: Rechnung vom 1.7.1927 über Pflegekosten für ein Kind (Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Marien-Hospital Hiltrup: Rechnung vom 1.7.1927 über Pflegekosten für ein Kind (Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Das Marien-Hospital bestand an dieser Stelle bis 1941. Da es keinen Luftschutzkeller hatte, musste es in das Schwesternhaus an der Hammer Straße umziehen, wo nach der Schließung der Missionsschule Platz war.

Die Versorgung der Bevölkerung war noch 1921, drei Jahre nach Kriegsende, schwierig. Lebensmittel waren rationiert: Im Juli 1921 gab es in Hiltrup als „Kinderzulage auf Feld 19 der roten und grünen Nährmittelzusatzkarten 500 Gr. Zucker zum Preise von 4,20 Mk.“ (Inserat in der Zeitung Volkswille am 17.7.1921). Ein Maurer verdiente im August 1921 1555,30 Mk. Höchstlohn; 70 % der Schulkinder in Münster waren nach Feststellung des Stadtarztes unterernährt (Volkswille 29.8.1921). Für Kinder aus Münster organisierte die Arbeiterwohlfahrt Ausflüge, am 8.9.1921 nach Hiltrup: Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, „woran das Kloster sehr reich ist“, Kaffee und Kuchen und Karussellfahren beim Restaurant H. Vogt (Volkswille 13.9.1921).

Arbeitnehmer organisierten sich zunehmend. Die Hiltruper Landarbeiter gründeten im Januar 1920 eine selbständige Ortsgruppe des Landarbeiterverbandes, „Infolge des starken Mitgliederzuwachses war eine Abtrennung von der benachbarten Ortsgruppe Amelsbüren notwendig“ (Münsterischer Anzeiger 2.2.1920). Kapp-Putsch und Ruhraufstand waren beendet (siehe Artikel Kriegsende 1918), die SPD hatte im März 1920 1180208, davon 207007 weibliche, Mitglieder in 9236 Ortsvereinen und 147 Parteizeitungen. Die 1909 gegründete Ortsgruppe Hiltrup der SPD war wieder aktiv: Anfang 1921 stand der Hiltruper Sprengmeister Joseph Kreimer an der Spitze der Wahlliste für den Kreistag (Münsterischer Anzeiger 11.2.1921). „Auch in unserem Orte tritt nunmehr der Sozialdemokratische Verein wieder mehr an die Öffentlichkeit, um ihr über die schwebenden wichtigen Fragen der inneren und äußeren Politik Aufklärung zu geben“ berichtete der Volkswille am 28.2.1922. Am 19.3.1922 beschloss die Generalversammlung der Hiltruper SPD in der Gaststätte Scheller, an jedem 3. Sonntag im Monat Mitgliederversammlungen abzuhalten. Am 13.7.1921 wurde Kreimer als Delegierter für den Bezirksparteitag gewählt.

Daneben gab es in Hiltrup auch eine aktive Ortsgruppe der USPD. Auf ihrer Kreisliste kandidierte 1921 der Hiltruper Metallarbeiter Ferdinand Möllmann für den Preußischen Landtag (Münsterischer Anzeiger 15.2.1921).

Die Wahl zum Preußischen Landtag am 20.2.1921 brachte Verluste für die USPD, ein Teil ihrer Wähler wanderte entweder zurück zur SPD oder zur KPD. Für die Wahl zum Preußischen Landtag, zum Provinziallandtag und zum Kreistag war Hiltrup in zwei Wahlbezirke eingeteilt. Ein Wahlkreis nördlich von Amelsbürener / Bahnhofstraße gehörte zum Wahlbezirk Kreis Münster; das Zentrum erhielt hier 307 Stimmen, USPD 24 und SPD 54 Stimmen. Der südliche Wahlkreis war dem Wahlbezirk Ahaus zugeordnet, hier erhielt das Zentrum 833 Stimmen, USPD 54 und SPD 194 Stimmen. In den Kreistag wurden aus Hiltrup gewählt: Hermann Hakenesch gen. Stertmann, Gutsbesitzer (Zentrum) und Josef Kreimer, Sprengmeister (SPD).

1000 Mark Belohnung für 18 Hühner (Münsterischer Anzeiger 18.11.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

1000 Mark Belohnung für 18 Hühner (Münsterischer Anzeiger 18.11.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

1000 Mark Belohnung für Hinweise auf den Dieb von 18 Hühnern: Die Geldentwertung „trat immer mehr in Erscheinung“. Die auch in Hiltrup mit einer Verkaufsstelle vertretene Konsumgenossenschaft Eintracht konnte 1921 nur noch eine Rückvergütung von 2,4 Prozent ausschütten und warb um Betriebskapital (Münsterischer Anzeiger 19.11.1921). Ende 1915 hatte die Eintracht noch mit Spenden den Krieg finanziert.

Hiltrup unterschied sich als Industriestandort bereits deutlich von den Nachbargemeinden. Die Vertreterversammlung der Allgemei­nen Ortskrankenkasse Mauritz=Roxel spiegelt dies im Jahr 1921 wieder: Hiltrup stellte ungefähr 10 Prozent der Arbeitgebervertreter, aber ungefähr 60 Prozent der Arbeitnehmervertreter.

Elektrischer Zweisitzer (Münsterischer Anzeiger 2.12.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

Elektrischer Zweisitzer (Münsterischer Anzeiger 2.12.1921, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Inflation hinderte nicht die technische Entwicklung. Die Hannoversche Waggonfabrik warb 1921 für ihr neues Elektroauto mit niedrigen Anschaffungs- und Betriebskosten.

Die Inflation beschleunigte sich, im Dezember 1921 kostete ein fettes Schwein in Hiltrup bereits 2000 Mark, ein Pfund Margarine 22 Mark. Nach Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung im Herbst 1921 wurde eine Notlage infolge unerträglich hoher Kartoffelpreise beklagt (Münsterischer Anzeiger 25.12.1921).

Nachdem Dr. med. Wahlert 1920 seine Praxis in Hiltrup aufgegeben hatte, richtete Dr. Franz Wiese 1922 unter den schwierigen Bedingungen der Inflationszeit eine neue bescheidene Praxis zunächst im Haus Harling (Bahnhofstr. 64, 1979 abgebrochen) ein. 1928 baute er das bis jetzt erhaltene Haus Bahnhofstr. 65. 1936 ließ sich mit Dr. Tillmann ein weiterer Arzt in Hiltrup nieder (siehe Elisabeth Egger, Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup).

Mitte 1922 galt das Deutsche Reich nicht mehr als kreditwürdig, konnte deshalb keine Kredite zur Erfüllung der Reparationsforderungen mehr aufnehmen. Im Winter 1922/1923 beschwor Münsters Oberbürgermeister Dr. Sperlich in einem Aufruf (Wintersnot droht!) „das graue Gespenst des Hungers“ und rief zu Spenden von Geld, Lebensmitteln oder Bekleidungsstücken auf.

Im Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das gesamte Ruhrgebiet, um sich der Kohleförderung zu bemächtigen. Den passiven Widerstand versuchten sie mit drakonischen Strafen und Maßnahmen zu brechen. Die Reichsregierung unterstützte den passiven Widerstand gegen die Besatzer und zunächst auch gewaltsamen Widerstand. Als die Reichsregierung die Unterstützung für Sabotageakte einstellte, sprengten nationalistische Aktivisten am Jahrestag der Ermordung Rathenaus (23./24.6.1923) in Münster die Druckerei des SPD-Blatts „Volkswille“ (Münsterischer Anzeiger 25.6.1923).

In Hiltrup fand in der Gaststätte Scheller am 12.3.1923 eine gemeinsame Versammlung von USPD und SPD Hiltrup statt. Thema war die „Notwendigkeit der einheitlichen zielbewußten Abwehr des französischen Vormarschs im Ruhrgebiet sowie die andererseits gleichfalls erforderliche Bereitschaft zur Verständigung“; darauf erklärte die USPD, dass sie „einstimmig der Wiedervereinigung beistimme“ (Volkswille 14.3.1923). Die vereinigte „VSPD“ setzte sich auch in Hiltrup mit der KPD auseinander. Bei der Kommunalwahl im Mai 1924 konnte die SPD kein Mandat gewinnen.

In den anhaltenden politischen Auseinandersetzungen diskutierte die Hiltruper SPD die Gründung einer Ortsgruppe des Reichsbund Schwarz-Rot-Gold als „Schutzorganisation für die Verfassung und die Republik“, am 24.8.1924 wurde das SPD-Mitglied Johann Hüls erster Vorsitzender.

Um 1922, von rechts: Postamt Hiltrup (Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße; später Textilgeschäft Grosche); Averesch (Schuhmacherei); im Hintergrund das spätere Haus Weischer? (historische Postkarte, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Um 1923, von rechts: Postamt Hiltrup (Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße; später Textilgeschäft Grosche); Averesch (Schuhmacherei); (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Das Foto des Hiltruper Postamts an der Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee 32, Grosche) um das Jahr 1923 lässt kaum eine Veränderung erkennen. Im Vergleich mit dem Foto aus dem Jahr 1904 ist aus dem „Kaiserlichen Postamt“ ein „Postamt“ geworden, die Laterne mit dem Reichsadler ist von der Hausecke verschwunden. Der Sandweg neben der gepflasterten Fahrbahn der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) ist noch nicht befestigt, das Nachbarhaus Nr. 34 (Schuhmacher Averesch) ist relativ klein.

Hiltrup, Bahnhofstraße um 1920, Blick nach Osten. Von rechts Nr. 60, 62 und 64 (Harling) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Bahnhofstraße um 1920, Blick nach Osten. Von rechts Nr. 60, 62 und 64 (Harling) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Auch in der Mitte der Bahnhofstraße ist die Bebauung um diese Zeit kleinteilig. Der Verkehr auf der Bahnhofstraße aber nahm zu. Der Hiltruper Kreistagsabgeordnete Hackenesch genannt Stertmann beklagte sich wiederholt über die „mißlichen Verhältnisse an der Bahnüberführung in Hiltrup“ (Münsterischer Anzeiger 24.10.1923). Eine Prüfungskommission der Reichsbahn hatte erklärt, daß weder eine Unter- noch Überführung an der frag­lichen Stelle notwendig sei. Der Kreistag wollte daraufhin „noch einmal vorstellig werden, um evtl. durch Notstandsarbeiten eine Verkehrs­verbesserung herbeizuführen“ – mit dem Bau einer Brücke über Bahn und Kanal dauerte es bis 1980.

Darlehenskassenschein der Reichsschuldenverwaltung (5.8.1914; Privatbesitz Henning Klare)

Darlehenskassenschein der Reichsschuldenverwaltung (5.8.1914; Privatbesitz Henning Klare)

Während des I. Weltkriegs hatte das deutsche Reich zum Beispiel durch Ausgabe von Darlehenskassenscheinen den Bargeldbestand aufgebläht. Der Krieg war schuldenfinanziert.

Nach dem I. Weltkrieg wurde allgemein eine Währungsreform erwartet. Münzgeld wurde knapp. Es wurde gehortet in der Erwartung, dass es seinen Wert behalten würde. Private und öffentliche Stellen gaben darauf um 1921 Notgeld mit kleinen Werten heraus.

Notgeld der Stadt Münster (1921; Sammlerstücke, Quelle: Stadtmuseum)

Notgeld der Stadt Münster (1921; Sammlerstücke, Quelle: Stadtmuseum)

Notgeld der Freiwilligen Feuerwehr Münster (1921)

Notgeld der Freiwilligen Feuerwehr Münster (1921)

Privates Notgeld (um 1921)

Privates Notgeld (um 1921)

Die folgende Inflation brachte große Not und Hunger. Anfang 1922 waren bereits Geldscheine mit einem Nennwert von 10.000 Mark im Umlauf, …

Zehntausend Mark-Geldschein (19.1.1922; Privatbesitz Henning Klare)

Zehntausend Mark-Geldschein (19.1.1922; Privatbesitz Henning Klare)

…, im November 1922 waren es schon Geldscheine mit einem Nennwert von 50.000 Mark.

Fünfzigtausend Mark-Geldschein (19.11.1922; Privatbesitz Henning Klare)

Fünfzigtausend Mark-Geldschein (19.11.1922; Privatbesitz Henning Klare)

Anfang 1923 setzte die Reichsregierung ihre letzten finanziellen Reserven ein, um die Währung zu stützen. Als die Mittel im April 1923 verbraucht waren, explodierte die Inflation.

Fünfzig Millionen Mark-Geldschein (25.7.1923; Privatbesitz Henning Klare)

Fünfzig Millionen Mark-Geldschein (25.7.1923; Privatbesitz Henning Klare)

Bei den Geldscheinen vom 25.7.1923 über 50 Millionen Mark gab man sich noch nicht einmal mehr die Mühe, die Rückseite zu bedrucken. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen von 1923 bis 1925 zerrüttete endgültig die deutschen Staatsfinanzen. Gesellschaften und Privatfirmen gaben auf eigene Faust Noten und Gutscheine heraus, die nicht immer durch Guthaben bei der Reichsbank gedeckt waren (Münsterischer Anzeiger 26.8.1923).

Die Inflation brachte 1923 große Not und Hunger. Die Preise explodierten, das Geld wurde wertlos.

Selbstschüsse in Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 18.8.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Selbstschüsse in Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 18.8.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Auch die Kriminalität explodierte. Der Münsterische Anzeiger berichtete über Einbrüche und den Diebstahl von Vieh von der Weide. Der Landwirt Josef Grüter (Pächter des Hofs Vogelmann; 1933 von der NSDAP zum Bürgermeister gewählt) in Hiltrup erhielt die polizeiliche Erlaubnis, Selbstschüsse auf seinen Grundstücken in der Nähe der Ziegelei Menke zu legen.

Landesbank Westfalen und Stadt Dortmund gaben im Sommer 1923 Westfälisches Notgeld heraus mit Scheinen zu 2 Millionen und zu 50 Millionen Mark, im November waren es Scheine zu 5 Billionen Mark. Die Ausgabe des im Ruhrgebiet gedruckten Notgeldes wurde von der französischen Besatzungsmacht behindert.

Der Münsterische Anzeiger vom 3.5.1923 berichtete über eine Hausfrauenversammlung in Münster und schilderte anschaulich die katastrophale Versorgungslage.

“Süßstoff ist gut, billig und bekömmlich“ (Münsterischer Anzeiger 12.5.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

“Süßstoff ist gut, billig und bekömmlich“ (Münsterischer Anzeiger 12.5.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Zuckerindustrie hatte vor dem I. Weltkrieg ein Handelsverbot für Süßstoff durchgesetzt. In der Mangelwirtschaft nach Kriegsbeginn ließ sich dies Verbot nicht mehr aufrecht erhalten.

Arbeitsstellen waren knapp: Auch der spätere Rektor der Volksschule Hiltrup (ab 1952) Theodor Harbaum bekam nach seiner 1. Prüfung im Jahr 1923 keine Stelle. Erst 1932 bis 1935 konnte er die Ausbildung in Hiltrup fortsetzen.

Im Frühjahr 1923 begann der Bau der Umgehungsbahn Münster. Zwischen Bahnhof Hiltrup und heutiger Trauttmansdorfstraße gab es In Hiltrup das „Baubüro Müller“, Sand für den neuen Bahndamm kam aus der Hohen Ward vom Betriebsbahnhof Dicke Weib der Eisenbahn-Bauabteilung.

Motorbootverkehr Münster-Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 18.5.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Motorbootverkehr Münster-Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 18.5.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Pfingsten 1923 kostete die einstündige Fahrt auf dem Kanal mit dem Personenboot „Elsa von Brabant“ vom „Guten Hirten“ in Münster nach Hiltrup 1000 Mark (Münsterischer Anzeiger 18.5.1923). Hiltrup war nach wie vor Ausflugsziel für die Münsteraner. In Vogts Saal (2026: Nikos) an der Bahnhofstraße fanden Sommertheater statt, Club-Ausflüge mit Tanzkränzchen usw.. Zum „Gemeinschaftlichen Kaffee bei Gastwirt Vogt à Person 0,35 Mark“ hieß es „Butterbrot mitbringen“ (Münsterischer Anzeiger 9.8.1925). Auch das „Bahnhofs-Restaurant mit Garten“ von Bernard Lohmann (später: Elfering) war Ausflugsziel.

Im August 1923 verlor das Geld von Tag zu Tag seinen Wert. Kleine Geschäfte des Alltags wurden gern als Tauschgeschäfte abgewickelt (Münsterischer Anzeiger 27.8.1923). Der Handel mit Schweinen wurde freigegeben, die Preise schossen in die Höhe (Münsterischer Anzeiger 28.8.1923).

Trotz aller Währungs- und Wirtschaftsprobleme entwickelte sich die Firma des Kaufmanns Heinrich Dalhoff in Hiltrup. Dalhoff war frühzeitig aus der von ihm mit gegründeten Kunststein-, Mosaik- und Terrazzo-Fabrik F. M. Dalhoff ausgestiegen, bevor sie in Konkurs ging. Während des Krieges hatte er mit Drainagerohren, Kohlen und landwirtschaftlichem Bedarf gehandelt. 1923 firmierte er als Großhandlung für Bau- und Düngestoffe und Zementgroßhandlung und suchte „Zum sofortigen Eintritt … Stenotypistin, einen Volontär und einen Lehrling“ (Münsterischer Anzeiger 3.6.1923). Dalhoff bewohnte seit 1905 ein repräsentatives Haus an der Bahnhofstraße (später als Restaurant „Wildsau“ bekannt, abgerissen 1980). Verwaltung und Lagerplatz des Betriebes befanden sich auf dem westlichen Nachbargrundstück, das giebelständige 2,5geschossige Haus war mit plastischen Jugendstil-Ornamenten und im Obergeschoss mit zwei Figuren an den Hausecken verziert.

Dalhoffs florierender Handel mit Drainagerohren weist darauf hin, dass Hiltrup ein Problem mit Bodennässe hatte. Vor ihm hatte Schencking schon für den Bau des Dortmund-Ems-Kanals geworben mit dem Argument, der Kanal werde für eine bessere Entwässerung sorgen. 1923 wurde aber schon von einem Absinken des Grundwasserspiegels und vom Trockenfallen von Brunnen berichtet (Münsterische Anzeiger 15.9.1923).

Der Krieg war gründlich verloren worden und hatte unabsehbare Schäden hinterlassen. Der katholische kaufmännische Jugendverein „Jung-Hansa“ in Münster hatte sich 1915 an Propaganda und Finanzierung des Krieges beteiligt, im September 1923 lud „Jung-Hansa“ zum Kriegsspiel in Hiltrup ein (Münsterischer Anzeiger 23.9.1923).

Seit 1880 hatte im deutschen Reich das Lehrerinnenzölibat gegolten, es wurde erst 1919 auf Antrag der SPD aufgehoben. 1923 forderte das Reichsarbeitsministerium die Arbeitgeberverbände und die Behörden auf, „keine sogenannten Doppelverdiener [insbesondere verheiratete Frauen] mehr neueinzustellen“ und auch die bereits beschäftigten Doppelverdiener zu entlassen, „insoweit …es die Betriebsverhältnisse gestatten und ungerechtfertigte Härten nicht entstehen“ (Bergedorfer Zeitung 28.11.1923); die rechtliche Grundlage für diese Wiedereinführung des Beamtinnenzölibats war die Personal-Abbau-Verordnung von 1923. Ähnliche Regelungen gab es zum Beispiel in der Schweiz. Das deutsche „Doppelverdienerverbot“ wurde 1933 vom NS-System in das Berufsbeamtengesetz übernommen und erst 1951 aufgehoben.

Die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten und mit der eigenen Ziege war wichtig. Selbst bei Beerdigungen musste an allem gespart werden, Särge wurden aus Gips statt aus Holzbrettern hergestellt, und im Oktober 1923 kostete in Hiltrup eine Beerdigung 390 Millionen Mark.

Im Hiltruper „Swieneduarp“ am Nordende des Breiten Weges (heute: Hohe Geest) gab es bei aller Not der Nachkriegszeit eine funktionierende Nachbarschaft, die auch zu feiern wusste. Im Juni 1923 feierten die Bewohner des Hiltruper Nordens ein Kinderschützen­fest auf dem Kotten Hakenesch-Stertmann. Da die Kinder so viel Spaß gehabt hatten und auch bei den Erwachsenen das Bedürf­nis nach mehr Gemeinschaft bestand, wurde im selben Jahr der Schützenverein Hiltrup-Nord von 1923 e.V. gegründet.

Vorstand der Nordschützen im Jahr 1982: vorn v.l. Schöpe, Neuhaus, Ostendorf, U. Jenderek, Knufmann; hinten v.l. Nixdorf, Bäumer, E. Jenderek, Strickmann, Opolka, Schmieding, Schlüter, Göddeke (Foto: Nordschützen, Bearbeitung: Henning Klare)

Vorstand der Nordschützen im Jahr 1982: vorn v.l. Schöpe, Neuhaus, Ostendorf, U. Jenderek, Knufmann; hinten v.l. Nixdorf, Bäumer, E. Jenderek, Strickmann, Opolka, Schmieding, Schlüter, Göddeke (Foto: Nordschützen, Bearbeitung: Henning Klare)

Die jährlichen Schützenfeste fanden ab 1924 meist bei einzelnen Schützenbrü­dern im Garten statt. Den eher familiären Charakter bewahrte der Verein noch lange nach dem II. Weltkrieg (das letzte Vereins-Schützenfest fand 2023 statt). Die Vereinsfahne von 1958 zeigt den Gründungs-Kotten, man bekannte sich zum Schwein („Swieneduarp“) und feierte solidarisch: „Bei uns kann jeder Kö­nig werden, weil der Verein die Kosten mitträgt“.

Die Stadt Münster veröffentlichte im Frühjahr 1923 in Form einer Denkschrift Überlegungen, 10 weitere Landgemeinden, darunter auch Hiltrup, einzugemeinden. Münsters Oberbürgermeister Dr. Sperlich versuchte, Ängste vor der Industrie zu wecken, die wegen der französischen Besetzung des Ruhrgebiets ihre Verwaltungen verlegt und auch in Amelsbüren schon ein großes Gelände gekauft hatte. Dr. Sperlich warnte vor der Zerstörung der westfälischen Landschaft durch die Industrie; Münster müsse „seinen Charakter als ruhige vornehme Wohnstadt, als Stadt der Kunst und Wissenschaft … wahren und das Mün­sterland in seiner charakteristischen Eigenart … erhalten“ (Münsterischer Anzeiger 7.11.1923). Die Pläne verliefen jedoch für Hiltrup im Sande: Oberbürgermeister Dr. Sperlich erklärte 1928, man wolle lieber in Güte zum Ziele kommen als hart auf hart zu gehen (Volkswacht 24.7.1928. Hiltrup wurde erst zum 1.1.1975 eingemeindet).

Wertbeständiges Schwein (Münsterischer Anzeiger 29.11.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Wertbeständiges Schwein (Münsterischer Anzeiger 29.11.1923, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Währungsreform mit der Einführung der Rentenmark ab 15. November 1923 (später: Reichsmark) brachte das Ende der Inflation und die Basis für neues wirtschaftliches Wachstum. Die Rentenmark war wertbeständig, man brauchte nicht mehr auf Goldmark oder Schweine und andere Naturalien auszuweichen. Die Nachfrage nach der Rentenmark war so groß, dass das Personal der Deutschen Rentenbank dem Andrang des Publikums nicht gewachsen war und die Ausgabe vorübergehend schließen musste (Münsterischer Anzeiger 28.11.1923). Jetzt kostete ein Glas Bier keine Millionen Mark mehr, sondern nur noch 15 Pfennig, ein Flanellhemd im Kaufhaus M. Spiegel in Münster 4,50 Rentenmark (Münsterischer Anzeiger 10.12.1923).

In der Bildmitte von links nach rechts: Villa Dalhoff, ein Wohnhaus und der Landwirtschaftsverlag (erbaut nach dem II. Weltkrieg), Villa Schencking. Gegenüber auf der anderen Seite der Bahnhofstraße das Restaurant Elfering, links gegenüber der Villa Dalho

In der Bildmitte von links nach rechts: Villa Dalhoff, ein Wohnhaus und der Landwirtschaftsverlag (erbaut nach dem II. Weltkrieg), Villa Schencking. Gegenüber auf der anderen Seite der Bahnhofstraße das Restaurant Elfering, links gegenüber der Villa Dalhoff die frühere Gärtnerei Hanses-Ketteler (Foto um 1960; Privatbesitz Henning Klare)

Die Hiltruper Unternehmer Gebrüder Bröcker und Heinrich Dalhoff boten Ziegelsteine und Dachziegel an (Münsterischer Anzeiger 2.12.1923).

Am Sternbusch (Kriegerweg) hatten sich die Mitglieder der Kriegerheimstättengenossenschaft nach dem Krieg ihre Häuser gebaut, auch Material aus den Baracken des Kriegsgefangenenlagers Rennbahn in Vennheide hatten sie dazu verwendet. 1924 bauten sie aus eigenen Mitteln und teilweise durch Selbsthilfe den Eisenbahnhaltepunkt Geist, am 1.7.1924 ging der Haltepunkt in Betrieb. In der Anfangszeit übernahmen sie selbst den Fahrkartenverkauf und die Bedienung der Bahnsteigsperre (Münsterischer Anzeiger 10,5,1925).

Die Unterhaltungspflicht für die Meesenstiege lehnte die Hiltruper Gemeindevertretung 1924 ab (Münsterischer Anzeiger 3.7.1924). Das Röhrenwerk baute 1924 ein Sauerstoffwerk (es lieferte den Sauerstoff für die Schweißanlagen des Röhrenwerks).

1924 reorganisierte sich auch der landwirtschaftliche Lokalverein Amelsbüren-Hiltrup. Der Hiltruper Bauer Bornemann berichtete von der Direktvermarktung von Vieh bzw. Fleisch im Interesse von Erzeugern und Verbrauchern (Münsterischer Anzeiger 6.7.1924) – 1911/1912 hatte der Lokalverein schon einmal Direktvermarktung betrieben und damit auf hohe Fleischpreise der Metzger reagiert (Münsterischer Anzeiger 14./15.11.1911).

Einen Eindruck von der politischen Grundströmung der münsterschen Bürgerschaft gibt der Abdruck eines Gedichtes von Friedrich Castelle im Münsterischen Anzeiger vom 29.7.1924. Castelle agitierte als Heimat-Funktionär für die NSDAP und forderte offen einen weiteren Krieg (“Die Zeit, da sich der Deutsche reckt, In neuen. heiligen Ruhmesernten Mit blankem Schwert den Feind hinstreckt”). Die Bezirksvertretung Münster-Ost entschied 2012 in Kenntnis von Castelles NS-Vergangenheit, den Straßennamen „Castelleweg“ in Münster beizubehalten (Straßennamen in Münster).

Im Oktober 1924 zogen sich die französischen Truppen aus Dortmund zurück, im August 1925 endete die Besetzung des Ruhrgebiets.

Leo Schencking (1901-1979, Neffe von Reichskonsul Schencking) gründete 1928 das Kalksandsteinwerk mit Industriegleis am Bahnhof. Den Sand baute er unter anderem auf Flächen der Bauern Peperhowe und Bornemann ab, die als Mitgesellschafter in die Firma eintraten.

Sand für die Produktion kam aus dem „Silbersee“ und aus der Mertensheide, Abgrabungen südöstlich der heutigen Polizeihochschule, und von 1956 bis 1967 aus dem „Schencking-See“, dem Südteil des Baggersees, der heute Steiner See (offiziell: Hiltruper See) heißt. Das Werk wurde 1978 geschlossen nach Erschöpfung der Hiltruper Sandvorkommen. 1935 ist auch ein Kalksandsteinwerk Surhenrich erwähnt.

Vornehmlich in den zwanziger und dreißiger Jahren kamen Saisonarbeiter Ende Februar / Anfang März aus dem Lipper Land, aus Oberschlesien und aus Polen. Sie arbeiteten in den Ziegeleien und Gartenbaubetrieben und blieben bis zum Herbst.

"SEECLUB HEIDHORN. Leitung Steiner, HILTRUP, Haus am See" (um 1925, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

"SEECLUB HEIDHORN. Leitung Steiner, HILTRUP, Haus am See" (um 1925, historische Postkarte Sammlung Stoffers, Ausschnitt)

In dem Baggersee, der später seinen Namen trug (Nordteil des heutigen Steiner Sees), eröffneten der Ingenieur Georg Steiner und seine Frau Annemarie Steiner um 1920 zunächst eine Forellenzucht. Um 1925/1926 gaben sie die Forellenzucht auf und bauten an ihr Wochenendhaus einen Clubraum und Umkleidekabinen an für den „Seeclub Heidhorn“, Freibad und florierende Kaffeewirtschaft. Am Ostufer des Sees ließ sich 1932 der „Eisenbahner-Badeclub“ nieder, auch der Turnverein Hiltrup pachtete Uferflächen an von der Stiftung Heidhorn.

Glasurit-Werksfeuerwehr um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Glasurit-Werksfeuerwehr um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Die Glasuritwerke, die 1917 gerade 54 Mitarbeiter hatten, gründeten 1919 eine Werksfeuerwehr und wurden im Jahr 1920 umfangreich erweitert. 1924 wurden die ersten Autolacke produziert. 1925 entwickelten die Glasurit-Werke neue Autolacke und ermöglichten damit die Spritzlackierung in der Fließbandfertigung. Markenzeichen der Glasurit-Lacke wurde 1925 der bunte Glasurit-Papagei.

Hiltruper "Kochschule" mit Lehrerin Alma Neisemeyer (h.) und Ida Eichstädt (1924; Hiltruper Museum)

Hiltruper "Kochschule" mit Lehrerin Alma Neisemeyer (h.) und Ida Eichstädt (1924; Hiltruper Museum)

Lehrerin Alma Neisemeyer organisierte hauswirtschaftlichen Unterricht für die Mädchen. In Münster betrieb der Katholische Frauenbund eine „Kochschule“ (Westfälischer Merkur 10.3.1908) – in Hiltrup wurde der Alte Pfarrhof von Alt-St. Clemens zur „Kochschule“. Auf dem Foto von 1924 posieren die Mädchen mit Lehrerin Alma Neisemeyer (in der Mitte hinter dem Tisch) und Ida Eichstädt (vorn); für den Fotografen präsentieren sie ihr Handwerkszeug: Messer, Gabel, Rührschüssel und -löffel, Kartoffelschalen und -reiben, Kaffeemühlen, Wischlappen und Schrubber.

Seit 1904, als die Knabenschule an der heutigen Patronatsstraße gebaut worden war, hatte sich bis 1925 Hiltrups Einwohnerzahl auf knapp 3000 ungefähr verdoppelt.

Clemensschule: Schulklasse mit Lehrer Wessling, im Hintergrund die Baustelle des neuen Schulgebäudes (1926; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Clemensschule: Schulklasse mit Lehrer Wessling, im Hintergrund die Baustelle des neuen Schulgebäudes (1926; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

1925/1926 wurde ein neues Schulgebäude an die alte Knabenschule angebaut. (Die alte Schule von 1904 wurde 1998 abgebrochen, das Gebäude von 1925/1926 wurde renoviert.)

Hiltrup. Die Schule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) ist 1926 auf 8 Klassenräume erweitert: Pausenspiele auf dem Schulhof (Foto: 1950, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Die Schule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) ist 1926 auf 8 Klassenräume erweitert: Pausenspiele auf dem Schulhof (Foto: 1950, Hiltruper Museum)

Hiltrup wuchs und hatte 1925 2.861 Einwohner. Die vierklassige Volksschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) musste 1925 mit einem Anbau auf 8 Schulräume erweitert werden.

Die rasante Entwicklung des Ortes nach dem I. Weltkrieg lässt sich auch an den Postkarten-Ansichten von Gasthäusern ablesen.

Restauration von Bernard Lohmann“ an der Bahnhofstraße in Hiltrup (Postkarte um 1920, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Restauration von Bernard Lohmann“ an der Bahnhofstraße in Hiltrup (Postkarte um 1920, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Das „Bahnhofsrestaurant mit Garten!“ von Wilhelm Soetkamp war seit 1886 Anziehungspunkt für die Ausflügler aus Münster gewesen, daneben hatte Soetkamp einen Landhandel mit Viehstall und Weide betrieben. In der Zwangsversteigerung im Jahr 1914 hatte Bernard Lohmann den Betrieb übernommen, die Postkarte um 1920 präsentiert die „Restauration von Bernard Lohmann“.

Hiltrup, Schenkwirtschaft Anton Heithorn (um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Schenkwirtschaft Anton Heithorn (um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Das Gasthaus Heithorn hat aufgestockt. Die Postkarten von 1898 und 1904 (siehe Dorf Hiltrup III) zeigen noch ein schlichtes einstöckiges Gebäude mit Satteldach – um 1920 ist ein Dachausbau hinzugekommen mit einem Fachwerkgiebel zur Chaussee hin.

1920 ca. Gasthaus Scheller (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

1920 ca. Gasthaus Scheller (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Um 1920 hat die Chaussee Münster-Hamm inzwischen Pflaster und einen Bordstein. Das Gasthaus Scheller macht auf diesem Bild noch einen bescheidenen, einfachen Eindruck.

Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Ungefähr fünf Jahre später um 1925 posieren vor dem Wirtschaftsgebäude (links) noch Bäcker in weißem Zeug, aber über dem Eingang der Bäckerei links im Bild steht jetzt „Bäckerei und Conditorei“. Das Gasthaus ist umgebaut und umbenannt. Der Eingang des Gasthauses ist zur Hausecke verlegt, über der Eingangstür sind auf Eisschollen zwei Eisbären gemalt, elektrische Birnen beleuchten das Gemälde.

Am Giebel des Gasthauses ist ein neuer Schriftzug zu lesen: „Restaurant und Café zum Nordpol“. Der Name „zum Nordpol“ stammt nach einer Quelle aus der Zeit um 1910, als ein Eisbär im Eingangsbereich angeblich den Leuten vom Osten Hiltrups den Einlass verwehrte: 1910 wurde erbittert gestritten um den Standort für den Kirchen-Neubau. Hannelore Scheller, bis 2005 Wirtin im Gasthaus Scheller, führt den Namen auf den Bärenclub Hiltruper Handwerksmeister („Lustig wars in Schellers Kneipe…“) zurück: Um 1910 gab sich Heinrich Theodor Scheller den Mitgliedsnamen „Eisbär“, weil er die nördlichste Gaststätte in Hiltrup hatte. Um seinen neuen Beinamen nach außen hin besser zu dokumentieren, brachte er in der Gaststube das Bild eines Eisbären an und nannte seine Gaststätte „Zum Nordpol“.

Hiltrup, Benzin-Zapfsäule vor der Bäckerei Scheller (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Benzin-Zapfsäule vor der Bäckerei Scheller (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Vor Schellers „Bäckerei und Conditorei“ steht die erste Benzin-Zapfsäule Hiltrups: „DAPOLIN bester Betriebsstoff für alle Kraftfahrzeuge aus der PUMPE und aus Original-Kannen“ der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (Münsterischer Anzeiger 28.5.1925).

Mit dem aufkommenden Autoverkehr veränderten sich auch die Anforderungen an die Straßen. Provinzial-Baurat Müller referierte im März 1925: „In zunehmenden Maße soll zum Klein und Großpflaster übergegangen werden, da nur diese dem zunehmenden Automobil­verkehr standhalten. Zwischen Hiltrup und Rinkerode soll im Frühjahr d. Js. mit der Herrichtung einer asphaltierten Strecke begonnen werden auf Grund einer Besichtigungsreise, die kürzlich eine Kommission der Provinzialverwaltung zum Studium der vorbildlichen englischen Straßen nach London unternommen hat“ (Münsterischer Anzeiger 10.3.1925). Im Mai/Juni 1925 wurde eine Strecke von 12 Kilometer in verschiedenen Teer- und Asphaltbefestigungen hergestellt.

Die Straße von Hiltrup nach Amelsbüren hatte noch wie viele andere Straßen eine wassergebundene Decke, in Abständen musste frischer Sand aufgebracht und eingewalzt werden.

Auch der Ausbau des Busverkehrs und der elektrischen Straßenbahn wurde diskutiert (Münsterischer Anzeiger 24.3.1925). Im Zusammenhang mit dem zweigleisigen Ausbau der Straßenbahnlinie von Münsters Bahnhof zum Schützenhof kam auch eine Verlängerung der Strecke nach Hiltrup ins Gespräch – eine Idee, die schon 1896 einmal im Gespräch war. 1925 wurde eine Busverbindung („Kraftpost“) von Münster über Hiltrup-Amelsbüren-Nordkirchen-Lünen nach Dortmund eingerichtet als Ersatz für die nicht fertiggestellte Eisenbahnlinie (Münsterischer Anzeiger 22.6.1925).nnn

Auf der Hiltruper Bahnhofstraße wurde es durch den Automobilverkehr eng. Auf beiden Seiten der Straße gab es hinter den Straßenbäumen noch Gräben, ein unbefestigter Sommerweg war nur für Pferdefuhrwerke nutzbar, und die schmale befestigte Fahrbahn mussten sich Fußgänger und immer mehr Autos teilen. Im April 1925 regte Gemeindevorsteher Hackenesch genannt Stertmann im Kreistag die Beseitigung der „Mißstände auf der Bahnhofstraße in Hiltrup an, die durch den starken Automobilverkehr auf der verhältnismäßig engen Straße herbei­geführt worden seien. Die Straße sei für die Passanten lebens­gefährlich. Abhilfe könne vielleicht dadurch geschaffen werden, daß die Gräben zugeschüttet und als Weg benutzt würden“. Der Kreis­ausschuß wollte sich mit der Angelegenheit näher beschäftigen (Münsterischer Anzeiger 16.4.1925). Wenig später berichtete der Münsterische Anzeiger vom 8.7.1925 über den Zusammenstoß eines Automobils mit einem Fuhrwerk.

An der Bahnhofstraße erhielt 1925 der katholische Sportverein DJK Blau-Weiß Hiltrup (gegründet vor 1920) seinen neuen Sportplatz. (Der DJK Hiltrup schloss sich 1934 mit dem Turnverein Hiltrup zusammen unter dem Namen TuS Hiltrup 1930 e.V. , um der Auflösung durch das NS-System zu entgehen.)

Wie die „kleinen Leute“ in dieser Zeit lebten, darauf weist eine kleine Zeitungsmeldung hin (Münsterischer Anzeiger 8.1.1925): „Ein Brand im Backhaus des Rangierers Klösener“ in Hiltrup zeigt, dass die Lebensmittelversorgung nicht nur auf dem Anbau auf eigenem (oder gepachteten) Grund beruhte; auch das Brotbacken wurde noch wie früher im eigenen Backhaus erledigt.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 23.06.2026 aktualisiert.)

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