Weimarer Republik

SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"
SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien für unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Das münstersche Zentrum war innerhalb der reichsweiten Zentrumspartei auf dem äußersten rechten Flügel angesiedelt. Während im Reich das Zentrum auch in der Koalition mit der SPD die Weimarer Republik zumindest lange Jahre stützte, steuerte die Münsteraner Organisation einen harten Kurs gegen die „linke Gefahr“ und mochte sich mit dem republikanischen Staat nicht sehr identifizieren.

Plakat von 1920: "Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden" (Quelle: Library of Congress / http://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Plakat von 1920: „Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden“ (Quelle: Library of Congress / http://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Die Frühzeit der Weimarer Republik war von scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse im Innern des Reichs geprägt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelang es im Frühjahr 1920, den reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsch niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisierte sich das politische System. Die SPD konnte, etwa im Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel hatten. Sie führte die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor allem in Preußen, und wurde auch in vielen Großstädten bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.

Das Firmengelände der Hiltruper Cementfabrik F. M. Dalhoff, wo die Gründer der Hiltruper SPD gearbeitet hatten, wurde im Laufe des I. Weltkriegs enteignet. Die Inhaber mussten die Firma an einen anderen Standort verlegen. Am 15.9.1919 eröffneten auf dem Gelände die Hiltruper Kleinröhrenwerke Fischer & Co. mit 30 Arbeitern. Das Sauerstoffwerk und das Kalksandsteinwerk wurden gegründet.

Die Glasuritwerke, die 1917 gerade 54 Mitarbeiter hatten, wurden im Jahr 1920 umfangreich erweitert. 1924 wurden die ersten Autolacke produziert. 1925 entwickelten die Glasurit-Werke neue Autolacke und ermöglichten damit die Fließbandlackierung; der bunte Glasurit-Papagei wurde zum Markenzeichen.

Hiltrup wuchs und hatte 1925 2.861 Einwohner.

Glasurit expandierte mit einer weiteren Betriebsvergrößerung 1925 und war 1930 mit mehreren Zweigwerken und 1.000 Mitarbeitern die größte Lackfabrik Europas; Zweigwerke bestanden in Frankreich und England.

Die Hiltruper Kleinröhrenwerke Fischer & Co wuchsen ebenfalls in diesem Zeitraum, gingen aber in der Weltwirtschaftskrise 1929 in Konkurs.

Hiltrup um 1930

Hiltrup um 1930

Nachdem auch die Nachfolgefirma von Fischer & Co nur 2 Jahre bestanden hatte, ging das Fabrikgelände 1931 in die Hände des Hoesch-Konzerns Dortmund über. Der neue Eigentümer erweiterte die Produktionspalette und modernisierte die Anlagen. Bereits zur Eröffnung 1931 waren ca. 120 bis 130 Arbeiter beschäftigt.

Dass Nachforschungen über die Hiltruper SPD in der Weimarer Republik sehr schwierig und oftmals auch wenig erfolgreich sind, liegt daran, dass es für Sozialdemokraten in Hiltrup während der Zeit der Weimarer Republik noch immer nicht sehr förderlich war, sich öffentlich zur Sozialdemokratie zu bekennen. Dokumente in den Händen von Parteimitgliedern überlebten die Zeit von 1933 bis 1945 nur sehr selten, und kommunale Archive sind nicht sehr ergiebig, weil die Kommunalpolitik in der Weimarer Republik insgesamt eine unbedeutendere Rolle spielte.

Forschungen bei den Nachfahren bereits verstorbener Sozialdemokraten ergaben, dass sich in der Hiltruper Sozialdemokratie während der Weimarer Republik eine beherrschende Person heraushebt, Johann (gen. Jans) Hüls.

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjähriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Foto: 1929)

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjähriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Foto: 1929)

Er kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten. Neben seiner Arbeit als Sozialdemokrat war er auch Vorsitzender des Reichsbanners sowie Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Röhrenwerk. 1929 wurde Johann Hüls in den Gemeinderat gewählt, 1931 rückte er als Nachfolger für den ausscheidenden Gustav Monien in den Kreistag.

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen „Kostgänger“ (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Schon damals gab es eine SPD-Fraktion im Gemeinderat. Nachforschungen ergaben, dass Hermann Feldmann und Josef Bommert 1926 dem Gemeinderat als Sozialdemokraten angehörten. Außerdem ist in den Gemeinderatsunterlagen vom 16.1.1929 erstmals von Genossen die Rede:

>> Antrag Hüls und Genossen auf Verlängerung der Wasserleitung. <<

Für Johann Hüls wurde es angesichts der immer mehr an Macht gewinnenden NSDAP bereits 1932 in Hiltrup zu gefährlich, er setzte sich mit seiner Familie nach Schlesien ab und „tauchte dort unter“. Das lag unter anderem auch daran, dass die Zentrumspartei in Münster ihre starre Frontstellung gegen links beibehalten hatte. Am 24.4.1932, als durch Rechtsradikale Gefahren für die Republik unübersehbar waren, verbot der Oberbürgermeister in Münster der SPD, ein Flugblatt zu verteilen, das unter dem Titel „Das sind die Erneuerer Deutschlands“ über die Bedrohung der Demokratie durch die NSDAP aufklärte – ein Verbot wegen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“!

So sehr die in Münster damals alles beherrschende Zentrumspartei nach Rechtsaußen orientiert war, so zerstritten war die politische Linke. Wegen der „zu zaghaften Politik der SPD im Reich“ war auch in Münster eine KPD-Organisation entstanden, blieb jedoch ständig schwächer als die SPD. Beide Parteien waren in Münster nicht sehr stark. Das hinderte sie jedoch nicht daran, auch in Münster das zu praktizieren, was reichsweit gang und gäbe war. Die gegenseitigen Vorwürfe von „Arbeiterverrat“, „sozialfaschistischer Politik“ und „russischer Zwangsherrschaft“ führten im Reich zu immer heftigeren Kämpfen zwischen SPD und KPD; auch in Münster nahm die Auseinandersetzung schärfere Formen an, bis hin zum Straßenkampf Anfang der 30er Jahre im Anschluss an eine sozialdemokratische Versammlung. In Hiltrup soll es nach mündlicher Überlieferung (was jedoch nicht gänzlich feststeht) im damaligen Lokal der Hiltruper Sozialdemokraten, der Gastwirtschaft Vogt (Marktallee 73, heute Restaurant Nikos), anlässlich einer SPD-Veranstaltung zu einer Saalschlacht mit Kommunisten gekommen sein, die durch Fenster in das Versammlungslokal gestürmt waren.

Die Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit seit 1918 hatten sich in Münster immer wieder rechtsradikale Verbände gegründet, die jedoch relativ schwach blieben. Ebenso ging es noch bis 1930 der NSDAP, die bei der Kommunalwahl 1930 einen von 48 Sitzen gewann (Zentrum 28, SPD 5). Hauptaktionsfeld der NSDAP war die Straße mit Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten.

Mit dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise ab 1930 erstarkten die extremen Kräfte in der deutschen Politik. Die Arbeitslosigkeit nahm ein nie gekanntes Ausmaß an. Begünstigt durch konservative und reaktionäre politische Kreise, die bis weit in das bürgerliche Parteienspektrum hinein reichten, gewann die extreme Rechte in der Hitler-Bewegung ungemein an Einfluss. Die anhaltende Spaltung der deutschen politischen Arbeiterbewegung, die sich alltäglich in scharfen Auseinandersetzungen dokumentierte, begünstigte diesen Aufstieg, verursachte ihn aber nicht. Ende Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler.

SPD-Politiker werden 1933 gezwungen, unter Aufsicht der SA Wandparolen zu entfernen © Archiv der sozialen Demokratie

SPD-Politiker werden 1933 gezwungen, unter Aufsicht der SA Wandparolen zu entfernen © Archiv der sozialen Demokratie

1932 durfte Hitler in der Halle Münsterland sprechen, und bei den Kommunalwahlen am 12.3.1933 folgte Münster dem Reichstrend: die NSDAP wurde mit 20 Sitzen erstmals stärkste Partei (die SPD fiel von 5 Sitzen auf 3).

Der Terror der Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, später auch gegen bürgerliche Kräfte, setzte ein. In der Abstimmung im Reichstag über das Ermächtigungsgesetz, mit dem alle bürgerlichen Parteien Hitler formell zum Diktator machten, bäumte sich die deutsche Sozialdemokratie unter Führung von Otto Wels als einzige politische Kraft gegen diese furchtbare Entwicklung auf. Am 22. Juni 1933 wurde die SPD im Reich verboten.

Das SPD-Parteibuch des späteren Ehrenvorsitzenden der SPD Hiltrup Josef Stoffers (eingetreten am 1.12.1924 in Münster). Allein das Aufbewahren dieses Parteibuches in der Nazizeit von 1933 bis 1945 war für den Inhaber lebensgefährlich.

Das SPD-Parteibuch des späteren Ehrenvorsitzenden der SPD Hiltrup Josef Stoffers (eingetreten am 1.12.1924 in Münster). Allein das Aufbewahren dieses Parteibuches in der Nazizeit von 1933 bis 1945 war für den Inhaber lebensgefährlich.

Das Verbot der SPD ist durch die Lücke in den Beitragszahlungen von Frühjahr 1933 bis 1945 dokumentiert. Stoffers hat 1945 am Neubeginn der Hiltruper SPD mitgewirkt und war später Ehrenvorsitzender.

Das Verbot der SPD ist durch die Lücke in den Beitragszahlungen von Frühjahr 1933 bis 1945 dokumentiert. Stoffers hat 1945 am Neubeginn der Hiltruper SPD mitgewirkt und war später Ehrenvorsitzender.

In Münster regte sich seitens der SPD aktiver und versteckter Widerstand, zwar mutig, aber nicht sehr heftig, dazu war die SPD zu schwach. Unter dem Druck des NS-Regimes sanken die früher vorhandenen Barrieren nicht nur zwischen SPD und KPD, sondern auch zwischen den „Roten“ und „Bürgerlichen“. Auch in Hiltrup wurde die Zeit des Nationalsozialismus die dunkelste in der Geschichte. Nicht nur Sozialdemokraten wurden verfolgt, auch an die Verfolgung der Hiltruper Missionare sei erinnert. Das war die Zeit, als die Marktallee (vormals Bahnhofstraße) Adolf-Hitler-Straße hieß und die Hohe Geest (vormals Münsterstraße) Horst-Wessel-Straße.

In den Archiven findet man durchaus Protokolle von Gemeinderatssitzungen. Wie wenig demokratisch die Abstimmungen waren und wie sehr die Gemeinderatsmitglieder unter „Aufsicht“ standen, kann man daran ablesen, dass seit dem 22.3.1934 unter der Anwesenheitsliste der Vermerk stand:

>>Außerdem anwesend Korber als rangältester Führer der SA.<<

Die Hiltruper Wirtschaft wuchs auch in dieser Zeit weiter.

Das Hiltruper Glasurit-Werk wurde 1933 um einen Neubau mit 4.320m² Nutzfläche zur größten Lackfabrik Europas erweitert und beschäftigte über 1.000 Arbeiter. Größter Kunde wurde 1938 das Volkswagenwerk.

Mitte der 1930er Jahre entstand im Bereich Westfalenstraße / Zum Roten Berge gegenüber dem alten Paterkloster ein Quartier für eine Einheit der motorisierten Landgendarmerie (1945 wurde hier die „Zentral-Polizeischule“ eingerichtet, heute Deutsche Hochschule der Polizei).

Das Röhrenwerk von Hoesch an der Industriestr. 4 (jetzt: Nobelstraße) beschäftigte zu Beginn des II. Weltkriegs ungefähr 220 Mitarbeiter. Während des Krieges wurde es noch erweitert, produzierte Geschützrohre und beschäftigte ab 1942 Zwangsarbeiter, hauptsächlich Frauen. Laut einer Liste der in Hiltrup beschäftigten Ausländer, die vom Landkreis Münster am 21.2.1949 der britischen Militärverwaltung übergeben wurde, arbeiteten in den Hiltruper Röhrenwerken 181 ausländische Arbeitskräfte, 118 Männer und 63 Frauen.

Weitere Informationen zum Schicksal der Zwangsarbeiter finden Sie hier. Zur Entwicklung des Werksgeländes an der Industriestraße / Nobelstraße 4 im Zeitraum zwischen 1904 und 1970 siehe auch Dominik Loroch, Die industrielle Entwicklung Hiltrups, 2008. 1945 wurde das Werk weitgehend zerstört.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 02.02.2019 aktualisiert.)

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