Weimarer Republik

SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"
SPD-Wahlplakat von 1920: "Wir bauen den Staat"

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche (die bis 1918/1919 noch die örtliche Schulaufsicht ausübte) unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien für unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Das münstersche Zentrum war innerhalb der reichsweiten Zentrumspartei auf dem äußersten rechten Flügel angesiedelt. Während im Reich das Zentrum auch in der Koalition mit der SPD die Weimarer Republik zumindest lange Jahre stützte, steuerte die Münsteraner Organisation einen harten Kurs gegen die „linke Gefahr“ und mochte sich mit dem republikanischen Staat nicht sehr identifizieren.

Plakat von 1920: "Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden" (Quelle: Library of Congress / http://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Plakat von 1920: „Lebensmöglichkeit nur bei gerechtem Frieden“ (Quelle: Library of Congress / https://www.loc.gov/pictures/item/2004665980/)

Die Frühzeit der Weimarer Republik war von scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse im Innern des Reichs geprägt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelang es im Frühjahr 1920, den reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsch niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisierte sich das politische System. Die SPD konnte, etwa im Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel hatten. Sie führte die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor allem in Preußen, und wurde auch in vielen Großstädten bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.

In Hiltrup wurde das Firmengelände der Hiltruper Cementfabrik F. M. Dalhoff, wo die Gründer der Hiltruper SPD gearbeitet hatten, im Laufe des I. Weltkriegs enteignet. Die Brüder Heinrich und Hermann Dalhoff mussten den Baustoffhandel an einen anderen Standort an der Bahnhofstraße verlegen, ein Lager für Artilleriemunition wurde auf dem ehemaligen Betriebsgelände angelegt.

Briefkopf der "Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co" (Hiltruper Museum)

Briefkopf der „Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co“ (Hiltruper Museum)

Am 15.9.1919 eröffneten auf dem Gelände die Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co. mit zunächst 30 Arbeitern. An der Betriebsgründung beteiligt war auch ein Nachbar, der Soda-Fabrikant Mittrop. Die Firma hatte „Bahn-Anschlussgleis“ und „Privathafen am Dortmund-Ems-Kanal“, das alte Verwaltungsgebäude der Firma F. M. Dalhoff wurde durch einen größeren Neubau ersetzt.

Fabrikant Arthur Fischer posiert in der Wanderer W8 5/15 PS Limousine, daneben sein Fahrer Adolf Kumbrink (um 1923; Foto: Hiltruper Museum)

Fabrikant Arthur Fischer posiert in der Wanderer W8 5/15 PS Limousine, daneben sein Fahrer Adolf Kumbrink (um 1923; Foto: Hiltruper Museum)

Zu den Produkten gehörten Röhren zur Aufhängung von Fleischwaren im Räucherofen, stählerne Schutzrohre zur Verlegung elektrischer Leitungen und Rohre für Bettgestelle. Diese wurden mit den Produkten von Glasurit lackiert.

Josef und Maria Suhrheinrich (um 1925; Hiltruper Museum)

Josef und Maria Suhrheinrich (um 1925; Hiltruper Museum)

An der Bahnhofstraße zwischen den Hausnummern 41 und 45 baute Josef Suhrheinrich ab 1919 die Fertigung von Betonfertigteilen auf. Mit seinem Freund Heinrich Mertens, der in Hiltrup ab 1907 die Gärtnerei Mertens betrieb, entwickelte er Betonfertigteile für Glashäuser; Mertens hatte ihn überredet, nach Hiltrup zu ziehen. Bereits 1926/1927 wurden in größerer Zahl Gewächshäuser produziert, 1928 verlegte Suhrheinrich den Betrieb zur Bahnhofstraße 42.

Bahnhofsspedition H. Hülsmann (Logo-Entwurf; Hiltruper Museum)

Bahnhofsspedition H. Hülsmann (Logo-Entwurf; Hiltruper Museum)

Aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten mussten sich eine neue Existenz aufbauen. Der Schwerkriegsbeschädigte Heinrich Hagehülsmann zum Beispiel betrieb die Hiltruper Bahnhofsspedition und eröffnete in Räumen des Bahnhofs im Herbst 1921 eine Schankwirtschaft (Bahnhofswirtschaft). Sie lebte von den Arbeitern der umliegenden Betriebe und von den Eisenbahnern im Bahnhof und im Güterbahnhof. (In den 1980er Jahren wurde die Bahnhofswirtschaft aufgegeben.)

Es war eine unruhige Zeit: Maria Mertens erinnert sich daran, wie sie 1919 als Achtjährige von der Gärtnerei Mertens an der heutigen Westfalenstraße aus Spartakisten beobachtet hat. Es war eine große Gruppe aus dem Ruhrgebiet kommend, die an der Kanalbrücke von vielen Polizisten zurückgehalten wurden.

Im Baugewerbe herrschte nach dem verlorenen Krieg Auftragsmangel. Die Baufirma der Gebrüder Bröker verlegte sich vorübergehend auf die Fabrikation von Dachziegeln und Marmelade.

1920 begann der Ausbau des Gesundheitswesens, drei Missionsschwestern im Alten Pfarrhof („Marienheim“) übernahmen zu Fuß oder mit dem Fahrrad die ambulante Krankenpflege.

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum)

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum)

1923 richteten sie hier ein kleines Krankenhaus ein für 10 bis 12 Kranke einschließlich Wöchnerinnen, ab 1927 wurden auch alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen. Es bestand an dieser Stelle bis 1941. Da es keinen Luftschutzkeller hatte, musste es in das Schwesternhaus an der Hammer Straße umziehen.

Nachdem Dr. med. Wahlert 1920 seine Praxis in Hiltrup aufgegeben hatte, richtete Dr. Franz Wiese 1922 unter den schwierigen Bedingungen der Inflationszeit eine neue bescheidene Praxis zunächst im Haus Harling (Bahnhofstr. 64, 1979 abgebrochen) ein, 1928 kaufte er das Haus Bahnhofstr. 65. 1936 ließ sich mit Dr. Tillmann ein weiterer Arzt in Hiltrup nieder (siehe Elisabeth Egger, Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup).

Um 1922, von rechts: Postamt Hiltrup (Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße; später Textilgeschäft Grosche); Averesch (Schuhmacherei); Suhrheinrich (Kunststeinwerk) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Um 1923, von rechts: Postamt Hiltrup (Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße; später Textilgeschäft Grosche); Averesch (Schuhmacherei); Suhrheinrich (Kunststeinwerk) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Das Foto des Hiltruper Postamts an der Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee 32, Grosche) um das Jahr 1923 lässt kaum eine Veränderung erkennen. Im Vergleich mit dem Foto aus dem Jahr 1904 ist aus dem „Kaiserlichen Postamt“ ein „Postamt“ geworden, die Laterne mit dem Reichsadler ist von der Hausecke verschwunden. Der Sandweg neben der gepflasterten Fahrbahn der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) ist noch nicht befestigt, das Nachbarhaus Nr. 34 (Schuhmacher Averesch) ist relativ klein.

Hiltrup, Bahnhofstraße um 1920, Blick nach Osten. Von rechts Nr. 60, 62 und 64 (Harling) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Bahnhofstraße um 1920, Blick nach Osten. Von rechts Nr. 60, 62 und 64 (Harling) (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Auch in der Mitte der Bahnhofstraße ist die Bebauung um diese Zeit kleinteilig.

Darlehenskassenschein der Reichsschuldenverwaltung (5.8.1914)

Darlehenskassenschein der Reichsschuldenverwaltung (5.8.1914)

Während des I. Weltkriegs hatte das deutsche Reich zum Beispiel durch Ausgabe von Darlehenskassenscheinen den Bargeldbestand aufgebläht. Der Krieg war schuldenfinanziert.

Nach dem I. Weltkrieg wurde allgemein eine Währungsreform erwartet. Münzgeld wurde knapp. Es wurde gehortet in der Erwartung, dass es seinen Wert behalten würde. Private und öffentliche Stellen gaben darauf um 1921 Notgeld mit kleinen Werten heraus.

Notgeld der Stadt Münster (1921; Sammlerstücke, Quelle: Stadtmuseum)

Notgeld der Stadt Münster (1921; Sammlerstücke, Quelle: Stadtmuseum)

Notgeld der Freiwilligen Feuerwehr Münster (1921)

Notgeld der Freiwilligen Feuerwehr Münster (1921)

Privates Notgeld (um 1921)

Privates Notgeld (um 1921)

Die folgende Inflation brachte große Not und Hunger. Anfang 1922 waren bereits Geldscheine mit einem Nennwert von 10.000 Mark im Umlauf, …

Zehntausend Mark-Geldschein (19.1.1922)

Zehntausend Mark-Geldschein (19.1.1922)

…, im November 1922 waren es schon Geldscheine mit einem Nennwert von 50.000 Mark, …

Fünfzigtausend Mark-Geldschein (19.11.1922)

Fünfzigtausend Mark-Geldschein (19.11.1922)

…, und bei den Scheinen vom 25.7.1923 über 50 Millionen Mark gab man sich noch nicht einmal mehr die Mühe, die Rückseite zu bedrucken.

Fünfzig Millionen Mark-Geldschein (25.7.1923)

Fünfzig Millionen Mark-Geldschein (25.7.1923)

Die Inflation brachte 1923 große Not und Hunger. Die Preise explodierten, das Geld wurde wertlos. Landesbank Westfalen und Stadt Dortmund gaben im Sommer 1923 Westfälisches Notgeld heraus mit Scheinen zu 2 Millionen und zu 50 Millionen Mark, im November waren es Scheine zu 5 Billionen Mark. Die Ausgabe des Notgeldes wurde von der französischen Besatzungsmacht behindert. Münsters Oberbürgermeister Dr. Sperlich beschwor in einem Aufruf („Wintersnot droht!“) „das graue Gespenst des Hungers“ und rief zu Spenden von Geld, Lebensmitteln oder Bekleidungsstücken auf.

Die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten und mit der eigenen Ziege war wichtig. Zur Versorgung der hungernden Bevölkerung wurden in Hiltrup Kartoffeln auf Bezugsschein ausgegeben, wie der Hiltruper Arzt Heinrich Quante schildert. Selbst bei Beerdigungen musste an allem gespart werden, Särge wurden aus Gips statt aus Holzbrettern hergestellt, und im Oktober 1923 kostete in Hiltrup eine Beerdigung 390 Millionen Mark.

Die Währungsreform mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 (später: Reichsmark) brachte Stabilität und die Basis für neues wirtschaftliches Wachstum.

In der Bildmitte von links nach rechts: Villa Dalhoff, ein Wohnhaus und der Landwirtschaftsverlag (erbaut nach dem II. Weltkrieg), Villa Schencking. Gegenüber auf der anderen Seite der Bahnhofstraße das Restaurant Elfering, links gegenüber der Villa Dalho

In der Bildmitte von links nach rechts: Villa Dalhoff, ein Wohnhaus und der Landwirtschaftsverlag (erbaut nach dem II. Weltkrieg), Villa Schencking. Gegenüber auf der anderen Seite der Bahnhofstraße das Restaurant Elfering, links gegenüber der Villa Dalhoff die frühere Gärtnerei Hanses-Ketteler (Foto um 1960)

1923 wurde die Bahnhofstraße gepflastert, das Röhrenwerk baute 1924 ein Sauerstoffwerk (es lieferte den Sauerstoff für die Schweißanlagen des Röhrenwerks). Leo Schencking (1901-1979, Neffe von Reichskonsul Schencking) gründete 1928 das Kalksandsteinwerk mit Industriegleis am Bahnhof. Den Sand baute er unter anderem auf Flächen der Bauern Peperhowe und Bornemann ab, die als Mitgesellschafter in die Firma eintraten.

Sand für die Produktion kam später aus dem „Silbersee“ und aus der Mertensheide, Abgrabungen südöstlich der heutigen Polizeihochschule, und von 1956 bis 1967 aus dem „Schencking-See“, dem Südteil des Baggersees, der heute Steiner See (offiziell: Hiltruper See) heißt. Werksschließung 1978 nach Erschöpfung der Hiltruper Sandvorkommen. 1935 ist auch ein Kalksandsteinwerk Surhenrich erwähnt.

Vornehmlich in den zwanziger und dreißiger Jahren kamen Saisonarbeiter Ende Februar / Anfang März aus dem Lipper Land, aus Oberschlesien und aus Polen. Sie arbeiteten in den Ziegeleien und Gartenbaubetrieben und blieben bis zum Herbst.

"SEECLUB HEIDHORN. Leitung Steiner, HILTRUP, Haus am See" (um 1925, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

„SEECLUB HEIDHORN. Leitung Steiner, HILTRUP, Haus am See“ (um 1925, historische Postkarte Sammlung Stoffers, Ausschnitt)

In dem Baggersee, der später seinen Namen trug (Nordteil des heutigen Steiner Sees), eröffneten der Ingenieur Georg Steiner und seine Frau Annemarie Steiner um 1920 zunächst eine Forellenzucht. Um 1925/1926 gaben sie die Forellenzucht auf und bauten an ihr Wochenendhaus einen Clubraum und Umkleidekabinen an für den „Seeclub Heidhorn“, Freibad und florierende Kaffeewirtschaft. Am Ostufer des Sees ließ sich 1932 der „Eisenbahner-Badeclub“ nieder, auch der Turnverein Hiltrup pachtete Uferflächen an von der Stiftung Heidhorn.

Glasurit-Werksfeuerwehr um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Glasurit-Werksfeuerwehr um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Die Glasuritwerke, die 1917 gerade 54 Mitarbeiter hatten, gründeten 1919 eine Werksfeuerwehr und wurden im Jahr 1920 umfangreich erweitert. 1924 wurden die ersten Autolacke produziert. 1925 entwickelten die Glasurit-Werke neue Autolacke und ermöglichten damit die Spritzlackierung in der Fließbandfertigung. Markenzeichen der Glasurit-Lacke wurde 1925 der bunte Glasurit-Papagei.

Hiltruper "Kochschule" mit Lehrerin Alma Neisemeyer (h.) und Ida Eichstädt (1924; Hiltruper Museum)

Hiltruper „Kochschule“ mit Lehrerin Alma Neisemeyer (h.) und Ida Eichstädt (1924; Hiltruper Museum)

Lehrerin Alma Neisemeyer organisierte hauswirtschaftlichen Unterricht für die Mädchen. Der alte Pfarrhof von Alt-St. Clemens wurde zur „Kochschule“. Auf dem Foto von 1924 posieren die Mädchen mit Lehrerin Alma Neisemeyer (in der Mitte hinter dem Tisch) und Ida Eichstädt (vorn); für den Fotografen präsentieren sie ihr Handwerkszeug: Messer, Gabel, Rührschüssel und -löffel, Kartoffelschalen und -reiben, Kaffeemühlen, Wischlappen und Schrubber.

Hiltrup. Die Schule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) ist 1925 auf 8 Klassenräume erweitert: Pausenspiele auf dem Schulhof (Foto: 1950, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Die Schule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) ist 1925 auf 8 Klassenräume erweitert: Pausenspiele auf dem Schulhof (Foto: 1950, Hiltruper Museum)

Hiltrup wuchs und hatte 1925 2.861 Einwohner. Die vierklassige Volksschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) musste 1925 mit einem Anbau auf 8 Schulräume erweitert werden.

Die rasante Entwicklung des Ortes nach dem I. Weltkrieg lässt sich auch an den Postkarten-Ansichten von Gasthäusern ablesen.

Hiltrup, Schenkwirtschaft Anton Heithorn (um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Schenkwirtschaft Anton Heithorn (um 1920; Foto: Hiltruper Museum)

Das Gasthaus Heithorn hat aufgestockt. Die Postkarten von 1898 und 1904 (siehe Dorf Hiltrup) zeigen noch ein schlichtes einstöckiges Gebäude mit Satteldach – um 1920 ist ein Dachausbau hinzugekommen mit einem Fachwerkgiebel zur Chaussee hin.

1920 ca. Gasthaus Scheller (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

1920 ca. Gasthaus Scheller (historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Um 1920 hat die Chaussee Münster-Hamm inzwischen Pflaster und einen Bordstein. Das Gasthaus Scheller macht auf diesem Bild noch einen bescheidenen, einfachen Eindruck.

Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1925)

Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1925)

Ungefähr fünf Jahre später um 1925 posieren vor dem Wirtschaftsgebäude (links) noch Bäcker in weißem Zeug, aber über dem Eingang der Bäckerei links im Bild steht jetzt „Bäckerei und Conditorei“. Das Gasthaus ist umgebaut und umbenannt. Der Eingang des Gasthauses ist zur Hausecke verlegt, über der Eingangstür sind auf Eisschollen zwei Eisbären gemalt, elektrische Birnen beleuchten das Gemälde.

Am Giebel des Gasthauses ist ein neuer Schriftzug zu lesen: „Restaurant und Café zum Nordpol“. Der Name „zum Nordpol“ stammt nach einer Quelle aus der Zeit um 1910, als ein Eisbär im Eingangsbereich angeblich den Leuten vom Osten Hiltrups den Einlass verwehrte: 1910 wurde erbittert gestritten um den Standort für den Kirchen-Neubau. Hannelore Scheller, bis 2005 Wirtin im Gasthaus Scheller, führt den Namen auf den Bärenclub Hiltruper Handwerksmeister („Lustig wars in Schellers Kneipe…“) zurück: Um 1910 gab sich Heinrich Theodor Scheller den Mitgliedsnamen „Eisbär“, weil er die nördlichste Gaststätte in Hiltrup hatte. Um seinen neuen Beinamen nach außen hin besser zu dokumentieren, brachte er in der Gaststube das Bild eines Eisbären an und nannte seine Gaststätte „Zum Nordpol“.

Hiltrup, Benzin-Zapfsäule vor der Bäckerei Scheller (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, Benzin-Zapfsäule vor der Bäckerei Scheller (um 1925; Foto: Hiltruper Museum)

Vor Schellers „Bäckerei und Conditorei“ steht die erste Benzin-Zapfsäule Hiltrups.

Weihe von 3 neuen Bronzeglocken für St. Clemens Hiltrup (6.9.1925; Foto: Hiltruper Museum)

Weihe von 3 neuen Bronzeglocken für St. Clemens Hiltrup (6.9.1925; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup erholte sich von Krieg und Inflation. 1925 konnte die Kirchengemeinde St. Clemens es sich leisten, drei neue Bronzeglocken als Ersatz für die 1917 abgelieferten Glocken zu kaufen.

Hiltrup, St. Clemens: "De aolle Klock van 1521 wärt nao Münster bracht" (1926; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, St. Clemens: „De aolle Klock van 1521 wärt nao Münster bracht“ (1926; Foto: Hiltruper Museum)

Die alte St. Anna-Glocke von 1521 wurde 1926 an das Landesmuseum verkauft (und erst 1971 wieder in Alt St. Clemens aufgehängt). Die Hiltruper Kinder auf dem Foto sind barfuß oder tragen „Holsken“, vielleicht von Holzschuhmacher Israel an der alten Kirche; teure Lederschuhe sind die Ausnahme. 1928 wurde eine weitere Glocke gekauft.

1927 stockte Scheller die Bäckerei mit einem zweiten Stockwerk auf und richtete acht Fremdenzimmer „mit einer ganz modernen Zentralheizung und Warmwasseranschluss“ (Hannelore Scheller) ein, so dass hier nun auch ein kleines erstes Hotel für Hiltrup entstand.

Hiltrup, Kartenausschnitt von 1927 (aus der Karte 1:25.000)

Hiltrup, Kartenausschnitt von 1927 (aus der Karte 1:25.000)

Die schnelle Entwicklung Hiltrups ist auch in der Landkarte zu sehen. Die Bebauung verdichtet sich zusehends, im Norden Hiltrups beim Hof Hackenesch ist die Eisenbahnstrecke nach Westen verschwenkt zum Anschluss an die Umgehungsbahn, die alte Gleisanlage am Kanal entlang nach Norden bis zum heutigen Hundesport-Übungsplatz wird zunächst als Abstellanlage genutzt (im Jahr 2024 sind noch mehrere überwucherte Parallelgleise vorhanden, haben aber keine Verbindung mehr zur Bahnstrecke).

Von der Chinesen-Marke zum Glasurit-Papagei (1928; Hiltruper Museum)

Von der Chinesen-Marke zum Glasurit-Papagei (1928; Hiltruper Museum)

Glasurit expandierte auch in Hiltrup mit dem Bau der Spirituslackfabrik (1920) und einer weiteren großen Betriebsvergrößerung (1925, Einführung von Spritzlacken für die Automobilindustrie). Farbige Lacke wurden immer beliebter, in der Werbung wurde die alte Chinesen-Marke ab 1924 durch die Papagei-Schutzmarke ersetzt; Vorbild war der farbenprächtige Ara Arakanga.

Glasuritwerk Hiltrup 1930 (Luftbild)

Glasuritwerk Hiltrup 1930 (Luftbild)

1930 war Glasurit mit mehreren Zweigwerken und über 1.000 Mitarbeitern die größte Lackfabrik Europas; Zweigwerke bestanden in Frankreich und England. Die Entwicklung der Produkte verlagerte sich vom empirisch-handwerklichen Lackkocher zum Einsatz von Chemikern. Otto Brütting hatte 1896 als Glasuritkocher sowie Leiter der Hamburger Lackfarbenfabrik bei Max Winkelmann angefangen, jetzt war er Leiter des Hiltruper Betriebs und wohnte in der Villa auf dem Betriebsgelände (Adresse: Hiltrup, Bach 35).

Fahrer Adolf Kumbrink vor dem Dienstwagen des Hiltruper Röhrenfabrikanten Arthur Fischer (1927, Mercedes-Benz 24/100/140 PS; Foto: Hiltruper Museum)

Fahrer Adolf Kumbrink vor dem Dienstwagen des Hiltruper Röhrenfabrikanten Arthur Fischer (1927, Mercedes-Benz 24/100/140 PS; Foto: Hiltruper Museum)

Die Hiltruper Kleinröhrenwerke Fischer & Co wuchsen ebenfalls in diesem Zeitraum. Zur Versorgung der Schweißmaschinen wurde 1924 die Sauerstofffabrik Fischer & Co auf dem Werksgelände gebaut. Die Entwicklung spiegelt sich auch in der Veränderung des Fuhrparks: Der bescheidene Dienstwagen, den Fabrikant Arthur Fischer um 1923 fuhr, wurde 1927 durch einen neuen Mercedes-Benz ersetzt, ein Fahrzeug der absoluten Oberklasse. Durch Auslandsgeschäfte bekam der kleine Betrieb zunächst eine gesunde Grundlage. Er war hauptsächlich auf Auslandsmärkte angewiesen, hatte hier mit Qualitätsmängeln zu kämpfen und ging in der Weltwirtschaftskrise 1929 in Konkurs.

Die Wirtschaftskrise zwang die öffentliche Verwaltung zu einschneidenden Sparmaßnahmen. 1928 wurde die Klassenfrequenz der Hiltruper „Knabenschule“ auf 60 Schüler pro Klasse heraufgesetzt. 1932 besuchten 477 Kinder die Schule.

Katholische Volksschule Hiltrup, 7. und 8. Jahrgang mit Rektor Nabbe (1.7.1930; Foto: Hiltruper Museum)

Katholische Volksschule Hiltrup, 7. und 8. Jahrgang mit Rektor Nabbe (1.7.1930; Foto: Hiltruper Museum)

Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zeigen sich auf dem Jahrgangsfoto der katholischen Volksschule Hiltrup vom 1.7.1930: Die Jungen tragen sehr einfache Kleidung, abgelegte Hosen von Geschwistern oder Vater werden mit Hosenträgern gehalten, zwei Kinder sind sogar barfuß.

Der zu Hoesch gehörende Hauptlieferant des Bandstahls, der im Werk zu Röhren verarbeitet wurde, übernahm 1930 das Röhrenwerk. Ab 1931 führte Hoesch das Werk unter der Firma Hiltruper Röhrenwerke GmbH und setzte Walter Stein als kaufmännischen Direktor ein. Das Werk hatte 1931 65 Mitarbeiter. Der neue Eigentümer erweiterte die Produktionspalette und modernisierte die Anlagen.

Hiltrup um 1932 (historische Postkarte)

Hiltrup um 1932 (historische Postkarte)

Mit dem starken Wachstum der Fabriken von Glasurit und Hoesch in Hiltrup florierten auch andere Hiltruper Unternehmen. Um 1930 sorgten in HIltrup 15 Schneider für Kleidung, ein Anzug kostete 100 Reichsmark (der Netto-Monatslohn eines durchschnittlich beschäftigten Arbeitnehmers betrug im Jahr 1932 119 Reichsmark). Aufstieg und Verstädterung des ehemaligen Bauerndorfs zeigen sich plastisch im Vergleich der Postkarten-Ansichten des Restaurants Scheller an der Westfalenstraße.

Hiltrup, Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (1927; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (1927; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 präsentiert der Bauer auf der heutigen Westfalenstraße vor der Gastwirtschaft Scheller noch als Blickfang den Stier. Die Straße ist noch nicht gepflastert, zur Gastwirtschaft gehören Wirtschaftsgebäude mit Scheunentor und Stallfenstern. 1927 ist die Straße gepflastert. Das Wirtschaftsgebäude ist noch vorhanden, aber es ist umgebaut. Scheller hat eine „vorzügliche Conditorei“ und ein Café eröffnet. Ein aufwendiger weißer Zaun und ein Eis-Karren markieren die Außengastronomie. Die Schilder „Radfahrer Station“ und „Große Pumpe“ sind verschwunden, stattdessen weist ein „P“-Schild darauf hin, dass im Haus eine große Luftpumpe zur Verfügung steht. Die Motorisierung ist bei Schellers angekommen: Vor dem Giebel posiert man stolz in einem Auto (Wanderer W 10/I T4?) , vor der Bäckerei steht eine Benzin-Zapfsäule (auf dem Bild nicht zu sehen).

Steiners "Seeclub Heidhorn" (um 1930, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

Steiners „Seeclub Heidhorn“ (um 1930, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

Am Rande der Hohen Ward entwickelte sich am Steiner See auch der „Seeclub Heidhorn“ des Unternehmers Steiner. Auf der Postkarte um 1930 erkennt man vor der Klub-Gaststätte gepflegte Anlagen und den Badestrand (daneben eröffnete die Gemeinde Hiltrup im Jahr 1935 das öffentliche „Seebad Hiltrup“).

Das frühere Kaiserliche Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee) im Jahr 1932. Links: Textilhaus Grosche; auf der Ecke: Konsumgenossenschaft Eintracht (Foto: Hiltruper Museum)

Das frühere Kaiserliche Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee) im Jahr 1932 oder 1933. Links: Textilhaus Grosche; auf der Ecke: Konsumgenossenschaft Eintracht (Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup boomte nach dem Ende der Inflation 1923. Das Postamt zog in einen Neubau des Unternehmers Dalhoff an der Bahnhofstr. 78. In das ehemalige „Kaiserliche Postamt“ an der Bahnhofstr. 32 zog – auf dem Foto von 1932 oder 1933 links – das Textilhaus Grosche, in die Fassade wurden Schaufenster eingebaut. Der Firmengründer Heinrich Grosche hatte bis dahin noch mit Fahrrad und Packtaschen die Bauernhöfe der Umgebung angefahren, als „Kiepenkerl“ hatte er Textilien aller Art und Kurzwaren verkauft. In das Eck-Ladenlokal zog die von den christlichen Gewerkschaften gegründete Konsumgenossenschaft Eintracht (später: Lebensmittel Holthenrich).

Die Hiltruper Ziegeleien und Gartenbaubetriebe zogen Saisonarbeiter aus Schlesien und Polen an. Sie wohnten in sehr bescheidenen Unterkünften, die die Betriebe zur Verfügung stellten.

Architektenzeichnung von 1926/1927 für die Erweiterung des Mutterhauses der Missionsschwestern. Die Pläne wurden nur teilweise realisiert. (Planfoto: Hiltruper Museum)

Architektenzeichnung von 1926/1927 für die Erweiterung des Mutterhauses der Missionsschwestern. Die Pläne wurden nur teilweise realisiert. (Planfoto: Hiltruper Museum)

Auch der Orden der Hiltruper Missionsschwestern boomte. Von 1921 bis 1932 waren 888 Schwestern neu eingetreten (möglicherweise zum Teil als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit?), das Mutterhaus musste erweitert werden. Zur Finanzierung des Rohbaus in den Jahren 1928 bis 1932 eröffneten die Schwestern eine Lohnnäherei und nahmen eine Anleihe über 600000 Gulden in den Niederlanden auf.

Hiltrup, Münsterstraße (heute: Hohe Geest): Evangelische Kirche (1932; Hiltruper Museum)

Hiltrup, Münsterstraße (heute: Hohe Geest): Evangelische Kirche (1932; Foto: Hiltruper Museum)

Durch die Industrialisierung wuchs Hiltrup rasch auf ungefähr 4000 Einwohner im Jahr 1932. Mit dem Zuzug von Arbeitskräften kamen auch Evangelische. Ab ungefähr 1910 trafen sie sich im Haus von Professor Nübel an der Klosterstraße 12 (heute: Am Klosterwald), 1925 bildete sich die „Evangelische Vereinigung Hiltrup“ mit dem Ziel, den Zusammenhalt der Gemeindeglieder zu stärken und den Kirchbau voranzutreiben. 1932 wurde eine Kirche an der Münsterstraße (heute: Hohe Geest / Geistkamp) gebaut. Diese Kirche wurde 1971 durch einen größeren Neubau an der Hülsebrockstraße ersetzt.

In dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs für Hiltrup verlieh die Gemeinde an zwei Bürger die Ehrenbürgerwürde: 1931 an den Gemeindevorsteher in Ruhe Hermann Hackenesch (genannt Stertmann nach dem Namen des Hofes) und 1932 an Max Winkelmann.

Aber nicht allen Hiltrupern ging es gut. In der SPD-Zeitung „Volkswille“ heißt es am 8.1.1932: „Billiges Fleisch für Hilfsbedürftige? Man schreibt uns: Auf Grund der Winterhilfsmaßnahmen der Reichsregierung wurden an sämtlichen Stempelstellen und Arbeitsämtern für die hilfsbedürftige Bevölkerung Bezugscheine für verbilligtes Fleisch verabfolgt. So auch in der Stempelstelle Hiltrup i. W., aber nur an die Hälfte der Stempelnden konnten diese Bezugscheine für verbilligtes Fleisch abgegeben werden, die andere Hälfte ging leer aus. Man sagte einfach: Die Bezugscheine seien vergriffen, es müßten erst neue von Berlin angefordert werden! Aber wir warten bis heute noch darauf!“

Die SPD als Teil der Hiltruper Geschichte

Dass Nachforschungen über die Hiltruper SPD in der Weimarer Republik sehr schwierig und oftmals auch wenig erfolgreich sind, liegt daran, dass es für Sozialdemokraten in Hiltrup während der Zeit der Weimarer Republik noch immer nicht sehr förderlich war, sich öffentlich zur Sozialdemokratie zu bekennen. Dokumente in den Händen von Parteimitgliedern überlebten die Zeit von 1933 bis 1945 nur sehr selten, und kommunale Archive sind nicht sehr ergiebig, weil die Kommunalpolitik in der Weimarer Republik insgesamt eine unbedeutendere Rolle spielte.

Forschungen bei den Nachfahren bereits verstorbener Sozialdemokraten ergaben, dass sich in der Hiltruper Sozialdemokratie während der Weimarer Republik eine beherrschende Person heraushebt, Johann (gen. Jans) Hüls.

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjähriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Um 1929; Foto: Hiltruper Museum)

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjähriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Um 1929; Foto: Hiltruper Museum)

Er kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten. Neben seiner Arbeit als Sozialdemokrat war er auch Vorsitzender des Reichsbanners sowie Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Röhrenwerk. 1927 gründete er die erste Hiltruper Musikkapelle Schwarz-Rot-Gold. 1929 wurde Johann Hüls in den Gemeinderat gewählt, 1931 rückte er als Nachfolger für den ausscheidenden Gustav Monien in den Kreistag.

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen „Kostgänger“ (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Schon damals gab es eine SPD-Fraktion im Gemeinderat. Nachforschungen ergaben, dass Hermann Feldmann und Josef Bommert 1926 dem Gemeinderat als Sozialdemokraten angehörten. Außerdem ist in den Gemeinderatsunterlagen vom 16.1.1929 erstmals von Genossen die Rede:

>> Antrag Hüls und Genossen auf Verlängerung der Wasserleitung. <<

In der Zeit seit 1918 hatten sich in Münster immer wieder rechtsradikale Verbände gegründet, die jedoch relativ schwach blieben. Ebenso ging es noch bis 1930 der NSDAP, die bei der Kommunalwahl 1930 einen von 48 Sitzen gewann (Zentrum 28, SPD 5). Hauptaktionsfeld der NSDAP war die Straße mit Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten.

Die „älteste Ortsgruppe der NSDAP im Landkreis Münster“ gründete sich am 1.9.1930 in Hiltrup. Der aktive Ortsgruppenleiter Gustav Fiegenbaum (1901-1980) war 1925 als Maschinist zum Sauerstoffwerk Westfalen gekommen und stieg in der NS-Zeit in der Personalabteilung von Glasurit zum Betriebsinspektor auf (1939-1945 auch Bürgermeister).

Für Johann Hüls wurde es angesichts der immer mehr an Macht gewinnenden NSDAP bereits 1932 in Hiltrup zu gefährlich, er setzte sich mit seiner Familie nach Schlesien ab und „tauchte dort unter“. Das lag unter anderem auch daran, dass die Zentrumspartei in Münster ihre starre Frontstellung gegen links beibehalten hatte. Am 24.4.1932, als durch Rechtsradikale Gefahren für die Republik unübersehbar waren, verbot der Oberbürgermeister in Münster der SPD, ein Flugblatt zu verteilen, das unter dem Titel „Das sind die Erneuerer Deutschlands“ über die Bedrohung der Demokratie durch die NSDAP aufklärte – ein Verbot wegen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“!

So sehr die in Münster damals alles beherrschende Zentrumspartei nach Rechtsaußen orientiert war, so zerstritten war die politische Linke. Wegen der „zu zaghaften Politik der SPD im Reich“ war auch in Münster eine KPD-Organisation entstanden, blieb jedoch ständig schwächer als die SPD. Beide Parteien waren in Münster nicht sehr stark. Das hinderte sie jedoch nicht daran, auch in Münster das zu praktizieren, was reichsweit gang und gäbe war. Die gegenseitigen Vorwürfe von „Arbeiterverrat“, „sozialfaschistischer Politik“ und „russischer Zwangsherrschaft“ führten im Reich zu immer heftigeren Kämpfen zwischen SPD und KPD; auch in Münster nahm die Auseinandersetzung schärfere Formen an, bis hin zum Straßenkampf Anfang der 30er Jahre im Anschluss an eine sozialdemokratische Versammlung. In Hiltrup soll es nach mündlicher Überlieferung (was jedoch nicht gänzlich feststeht) im damaligen Lokal der Hiltruper Sozialdemokraten, der Gastwirtschaft Vogt (Marktallee 73, heute Restaurant Nikos), anlässlich einer SPD-Veranstaltung zu einer Saalschlacht mit Kommunisten gekommen sein, die durch Fenster in das Versammlungslokal gestürmt waren.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 18.03.2024 aktualisiert.)

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