Meine Familie stammt aus Ladbergen im Altkreis Tecklenburg und ist evangelisch. Meine Großeltern waren Neubauern und Pächter landwirtschaftlicher Betriebe. Wir sind im März 1926 nach Hiltrup gezogen, ….
Walter Stein (r., 1956; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)
Hiltruper Röhrenwerke und Direktor Stein
Die Entwicklung Hiltrups im 20. Jahrhundert ist von zwei großen Industrieunternehmen geprägt worden, den Glasurit-Werken und dem Röhrenwerk. Dahinter stehen Unternehmer-Persönlichkeiten. Max Winkelmann, der Gründer von Glasurit, starb 1935. Wenige Jahre vorher hatte Walter Stein die technische und kaufmännische Leitung der Hiltruper Röhrenwerke übernommen. Sein für einen Manager dieser Zeit vielleicht nicht untypischer Lebenslauf soll hier kurz skizziert werden.
Stein (geboren 1895) arbeitete sich in der deutschen Stahlindustrie hoch. ….
Der Zeitzeuge K. (Jahrgang 1907) berichtet: „Mit 14 Jahren begann ich in Mettingen meine Schneiderlehre, die ich als Siebzehnjähriger beendete. Wie es damals üblich war, zog man danach als Wandergeselle durch Deutschland. Meine Stationen waren Brake in Oldenburg, Bremen, Essen, zuletzt Everswinkel. Häufig wohnte ich in Kolpinghäusern. Nach der Meisterprüfung 1932 übernahm ich in Hiltrup eine kleine Schneiderwerkstatt.
Ein trauriges Erlebnis hatte ich Heiligabend 1932. Ich ging in die Schusterwerkstatt von Seppel B. und fragte ihn so beiläufig, ob er schon für seine sieben Kinder die Geschenke habe. Entrüstet und traurig erhielt ich die Antwort, ….
Der in Elberfeld/Wuppertal am 10.07.1903 geborene Kaufmann Josef Salomon lebte bis zu seiner Heirat 1931 in Essen. Von seinem Schwiegervater Simon Kahn erhielt er zur Hochzeit mit dessen Tochter Ilse 1931 in Bochum das Startkapital für einen kleinen Zigarettenhandel. 1934 lebte das Paar in Hiltrup (heute Stadtteil von Münster) in der heutigen Westfalenstr. 176 [damals 174]. ….
Bischof von Galen fährt in Hiltrup ein (13.7.1938; Foto: Hiltruper Museum)
Eine Demonstration
Das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und NS-Staat hatte sich 1938 zugespitzt. Der Hiltruper Gemeinderat hatte 1933 sofort einen Kandidaten der NSDAP zum Bürgermeister gewählt. Die Hiltruper Missionsschwestern waren 1935 in ein Strafverfahren verwickelt, die Vertreibung der Hiltruper Patres aus ihrem Kloster im Jahr 1941 stand bevor, kirchliche Fahnen durften nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgezogen werden. In dieser Atmosphäre kam Bischof von Galen am 13.7.1938 zur Firmung nach Hiltrup. ….
Mit dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise ab 1930 erstarkten die extremen Kräfte in der deutschen Politik. Die Arbeitslosigkeit nahm ein nie gekanntes Ausmaß an. Begünstigt durch konservative und reaktionäre politische Kreise, die bis weit in das bürgerliche Parteienspektrum hinein reichten, gewann die extreme Rechte in der Hitler-Bewegung ungemein an Einfluss. Die anhaltende Spaltung der deutschen politischen Arbeiterbewegung, die sich alltäglich in scharfen Auseinandersetzungen dokumentierte, begünstigte diesen Aufstieg, verursachte ihn aber nicht. Ende Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler.
1932 durfte Hitler in der Halle Münsterland sprechen, und bei den Kommunalwahlen am 12.3.1933 folgte Münster dem Reichstrend: ….
Das Reichskabinett Brüning hatte 1931 nach Mitteln gesucht, um die hohe Arbeitslosigkeit zu verringern. Eine Initiative des Finanzministeriums war das Unternehmen der Stadtrandsiedlung. Es zielte darauf ab, „einen möglichst großen Teil der jetzt und wahrscheinlich auch künftig Arbeitslosen dauernd in Arbeit zu bringen“. Die vorstädtische Kleinsiedlung verbunden mit weiteren Maßnahmen zur bäuerlichen Siedlung wurde als das „typische Arbeitsbeschaffungsprogramm“ angesehen. Im Herbst 1931 wurde es als Nebenform der landwirtschaftlichen Siedlung mit beachtlichen finanziellen Mitteln in Gang gesetzt (Dritte Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 6. Oktober 1931; Quelle: Henning Köhler, Arbeitsbeschaffung, Siedlung und Reparationen in der Schlussphase der Regierung Brüning). „Ein eigenes Heim auf freier Scholle“ war das Ziel der Siedlergemeinschaften, die (auch nach dem II. Weltkrieg) gegründet wurden. In Münster wurde zum Beispiel 1931 die Siedlergemeinschaft Gievenbeck gegründet, 1937 die Siedlergemeinschaft Düesbergweg. ….
Eintrittsjahre der Hiltruper NSDAP-Mitglieder, soweit bekannt (Grafik: Henning Klare, 6.10.2024)
Krieg, Verfolgung, Ausbeutung
In die Zeit um 1937/1938 fallen die meisten Parteieintritte in die NSDAP. Nicht vollständig zuverlässige Unterlagen, die ohne Datierung nach dem 2. Weltkrieg erstellt worden sind, weisen für Anfang 1945 543 Personen in Hiltrup als Mitglieder der NSDAP aus. 20 Personen sind als „verstorben“ gekennzeichnet; sie sind in der Auswertung zunächst mit berücksichtigt, da das Todesdatum in den Unterlagen nicht angegeben ist, also auch nach 1945 liegen könnte. Für 430 Parteimitglieder ist ein Eintritt zwischen 1930 und 1945 angegeben. Zwei weitere Personen sind als Inhaber des goldenen Parteiabzeichens aufgeführt, d.h. sie sind höchstwahrscheinlich vor 1929 in die NSDAP eingetreten. Der „harte Kern“ der bis 1933 Eingetretenen umfasst damit – soweit bekannt – 68 Personen. ….
Lageplan des Lagers "Waldfrieden" in Hiltrup am Kanal / Osttor (26.8.1941, mit Baracken, noch ohne Bunker)
In Erinnerung an das Ostarbeiterlager “Waldfrieden”
Die Führer des Nationalsozialismus speisten ihre Ideologie der Unmenschlichkeit aus dem Antisemitismus mit seinen Vorbildern seit dem Mittelalter, dem Rassismus, der in der Zeit der weißen Kolonialarroganz aufblühte, und dem Sozialdarwinismus, der die Auslese nach dem Prinzip des Stärkeren vollzog. Die Nazi-Rassenlehre erklärte alle Blonden ….