Bauboom am Klosterwald

Am Klosterwald 1: Die Fotovoltaik-Anlage wird abgebaut, demnächst kommen die Bauarbeiter (6.11.2018; Foto: Klare)
Am Klosterwald 1: Die Fotovoltaik-Anlage wird abgebaut, demnächst kommen die Bauarbeiter (6.11.2018; Foto: Klare)

Hiltrups Mitte verändert ihr Gesicht

Das unscheinbare Klinker-Häuschen neben dem Textilgeschäft Grosche: Ist es bald Geschichte? Am Klosterwald 1 war lange nur ein bescheidenes Wohnhaus; nach dem Tod der letzten Bewohnerin, einer Verwandten des 1942 ermordeten Kaplans Poether, zog ein Stützpunkt des VSE ein und betrieb von hier aus Jugendarbeit (was übrigens nie zu Problemen mit der Nachbarschaft führte), jetzt stehen Bauarbeiten bevor. Die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach ist im November 2018 demontiert, wird jetzt der Abriss-Bagger kommen? Diese Frage steht seit vielen Jahren im Raum.

Marktallee 26, erbaut vor 1914, abgerissen 1983 (Foto aus dem Jahr 1982: Hiltrup heute und morgen Nr. 29)

Marktallee 26, erbaut vor 1914, abgerissen 1983 (Foto aus dem Jahr 1982: Hiltrup heute und morgen Nr. 29)

Ein altes Haus nach dem anderen verschwindet in Hiltrups Mitte; nur zu gut erinnert man sich an den Abbruch des Hauses Marktallee 26 im Jahr 1983, nur wenige Meter weiter. Damals war vergeblich öffentlich über den Erhalt des Hauses diskutiert worden, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts zum Hiltruper Ortsbild gehörte. Der Bagger kam am Wochenende, am Montag standen die Hiltruper nur noch vor einem Schutthaufen (heute: Hüttmann – Mode, Sport, Lifestyle GmbH).

Dies Schicksal bleibt dem kleinen Häuschen Am Klosterwald 1 erspart. Zu eng ist das Grundstück, zu schwierig die Lage und zu wenig lukrativ eine aufwendige Bebauung mit Eigentumswohnungen; das Haus bleibt, was es immer war: Ein Einfamilienhaus. Der Abbau der Solarkollektoren im November 2018 ist das Signal für eine gründliche Renovierung, Mitte 2019 wird hier wieder gewohnt.

Schaut man das aktuelle Foto Am Klosterwald 1 näher an, dann wird deutlich , dass das alte Haus ringsum bereits von Neubauten eingekreist ist: Rechts hinten ist die Rückseite des Neubaus an der Marktallee zu sehen, dessen neue Ladenflächen schon seit Monaten leer stehen. Links ist das Textilgeschäft Grosche schon vor ein paar Jahren mit einem Erweiterungsbau nah herangerückt.

Alte Häuser müssen sich in Zeiten von billigem Baugeld vor dem Bagger fürchten. Am Klosterwald verschwindet ein Haus nach dem anderen, die Straße verändert gerade heftig ihr Gesicht.

1920: Blick von der Clemens-Kirche nach Süden in die Klosterstraße (heute: Am Klosterwald)

1920: Blick von der Clemens-Kirche nach Süden in die Klosterstraße (heute: Am Klosterwald)

Wie hoch das Tempo der Veränderung inzwischen ist, zeigt der Blick in das vorige Jahrhundert. Im Jahr 1920 stehen links auf der Ostseite der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald) gerade einmal drei Häuser: Die Hiltruper Post im Eckhaus zur Bahnhofstraße (heute: Textilhaus Grosche an der Marktallee 32), das Eckhaus zur Finkenstraße (Jasper, heute: Max-Winkelmann-Straße) und dazwischen die Sparkasse (Hausnummer 3).

Die Hiltruper Post, Ecke Bahnhofstraße/Klosterstraße (heute: Marktallee/Am Klosterwald) im Jahr 1904

Die Hiltruper Post, Ecke Bahnhofstraße/Klosterstraße (heute: Marktallee/Am Klosterwald) im Jahr 1904

Bomben und Bauboom haben dies Bild nachhaltig verändert. Die Post (das Eckhaus Bahnhofstraße 32) wird 1943 durch eine Bombe schwer beschädigt.

Bahnhofstraße 32 (heute: Marktallee 32): Bombenschaden im Jahr 1943

Bahnhofstraße 32 (heute: Marktallee 32): Bombenschaden im Jahr 1943

Das Haus wird zunächst provisorisch geflickt und in den 60er Jahren durch einen Neubau ersetzt.

Um 1985: Am Klosterwald 3, dahinter Haus Nr. 7 (Foto: Klare)

Um 1985: Am Klosterwald 3, dahinter Haus Nr. 7 (Foto: Klare)

Die ehemalige Sparkasse in der Klosterstraße 3 diente nach dem Krieg im Erdgeschoss als Büro der Bauunternehmung Rink; die Firma hatte ihren Bauhof in dem Bereich des heutigen Spielplatzes Kalvarienbergweg hinter der Sparkasse an der Marktallee. Nach dem Tod des Firmeninhabers zogen erst ein Architekt, dann ein Versicherungsbüro ein, bis das Haus im Jahr 2016 abgebrochen und durch einen Block mit Eigentumswohnungen ersetzt wurde.

Am Klosterwald 3, Erdgeschoss-Kontor mit Geldschrank vor dem Abbruch (30.1.2016; Foto: Klare)

Am Klosterwald 3, Erdgeschoss-Kontor mit Geldschrank vor dem Abbruch (30.1.2016; Foto: Klare)

Bis zum Abbruch war das alte Kontor im Erdgeschoss erhalten geblieben, auch der Geldschrank mit einer mächtigen Eisentür; der Messing-Griff der Tresortür ist im Zuge des Abbruchs dem Hiltruper Museum übergeben worden.

Die benachbarten Grundstücke Klosterstraße 7 und 9 wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bebaut.

Am Klosterwald 9 (links) steht seit Ende 2017 leer (7.11.2018; Foto: Klare)

Am Klosterwald 9 (Mitte) steht seit Ende 2017 leer (7.11.2018; Foto: Klare)

In dem Haus Nummer 9 aus den 30er Jahren wohnten Tierärzte, bis die letzte Ende 2017 ihre Praxis aufgab und das Grundstück zum Verkauf stellte. Das Haus ist seitdem unbewohnt und in schlechtem Zustand. Ein Jahr Leerstand, geschuldet dem Bauboom und der explosiven Preisentwicklung für Grundstücke. Hintergrund ist eine Besonderheit dieses Grundstücks: Der für diesen Bereich geltende Bebauungsplan Nr. 256 setzt zwar wie bei den Nachbargrundstücken die Grundflächenzahl auf 0,4 fest, das heißt 40 Prozent der Grundstücksfläche dürfen theoretisch bebaut werden; die verbindlichen Baugrenzen schränken die bebaubare Fläche aber darüber hinaus weiter ein. Zusätzlich werden Abriss und Neubebauung dadurch verteuert, dass der Bau einer Tiefgarage zwingend vorgeschrieben ist.

Diese Besonderheiten – hoher Grundstückspreis, eingeschränkte Baumöglichkeit – führten dazu, dass sich ein Jahr lang kein seriöser Investor fand. Ende 2018 ist das Grundstück nun wohl verkauft, der Bauantrag einer GmbH (25.500 Euro Grundkapital) liegt zur Genehmigung bei der Stadt: Auf engem Raum sind 8 Eigentumswohnungen und eine Tiefgarage geplant. So wird 2019 wohl bald der Abriss-Bagger kommen; hier könnte es einen Spagat geben zwischen Grundstückskosten, Bauqualität und Quadratmeterpreis der zukünftigen Eigentumswohnungen.

Das Nachbargrundstück Nummer 11 (rechts auf dem Foto) war bis 1960 noch Gartenland und wurde danach mit einem großen Mehrfamilienhaus bebaut.

Max-Winkelmann-Str. 1 (17.4.2011; Foto: Klare)

Max-Winkelmann-Str. 1 (17.4.2011; Foto: Klare)

Das nächste Haus, das Eckhaus Am Klosterwald / Max-Winkelmann-Straße, ist auf dem Foto aus dem Jahr 1920 bereits vorhanden. Bauherr war der Malermeister Jasper. Nach dem Tod der letzten Nachfahrin wurde das Haus verkauft, die Erwerber wollen es soweit bekannt langfristig als Wohnhaus erhalten und nutzen.

Schaut man sich die Westseite der Straße Am Klosterwald an, zeigen sich auch hier die Spuren großer Veränderungen.

Auf der Westseite der Klosterstraße ist das Eckgrundstück zur Bahnhofstraße (heute: Marktallee 30) im Jahr 1920 noch nicht bebaut. Hier entsteht später ein Kolonialwarenladen, der Ende der 70er Jahre der Konkurrenz mit dem Supermarkt Hill an der Marktallee (heute: Drogeriemarkt dm) nicht mehr gewachsen ist. City-Foto Wohlgemuth nutzt heute das Ladenlokal.

Klosterstraße 2 (Postkarte aus dem Jahr 1918)

Klosterstraße 2 (Postkarte aus dem Jahr 1918)

Das nächste Haus (Klosterstraße 2) gehört mit zu den ältesten Häusern der Klosterstraße / Am Klosterwald. Es ist abgesehen von veränderter Dacheindeckung und Anstrich original erhalten. Wegen der nachträglichen Veränderung des Dachs ist es nicht unter Denkmalschutz gestellt worden.

Das weiße Haus rechts (Am Klosterwald 4) ist Geschichte, es wurde im Dezember 2018 abgebrochen. Gegenüber und nebenan stehen bereits Neubauten der letzten Jahre (7.11.2018; Foto: Klare)

Das weiße Haus rechts (Am Klosterwald 4) ist Geschichte, es wurde im Dezember 2018 abgebrochen. Gegenüber und nebenan stehen bereits Neubauten der letzten Jahre (7.11.2018; Foto: Klare)

Auch die nächsten Häuser, Nr. 4 (weißes Haus rechts) und Nr. 6 A (Fachwerk, verdeckt), stammen aus dieser Zeit und sind im Jahr 1920 bereits vorhanden. Das Haus Nr. 4 gehörte dem Zimmermann Theodor Marx, der auch den Dachstuhl der St. Clemens-Kirche baute. Das Fachwerkhaus Nr. 6 A (ungefähr aus dem Jahre 1904) schräg dahinter war seine Werkstatt. Hier gab es eins der ersten Autos von Hiltrup, im Garten hinter der Werkstatt stand bis 1983 die Garage. Das Grundstück wurde später geteilt, die Werkstatt wurde 1929 zum Wohnhaus umgebaut.

Nr. 4 hat nach dem Tod der letzten Bewohnerinnen vor einigen Jahren den Besitzer gewechselt und stand seit ungefähr 2016 leer.

Am Klosterwald 4 (links): Der Abriss beginnt (14.12.2018; Foto: Klare)

Am Klosterwald 4 (links): Der Abriss beginnt (14.12.2018; Foto: Klare)

Äußerlich gut erhalten, im Inneren renoviert, war es bis 2016 noch vermietet. Den Erwerbern war es offensichtlich zu klein, der Raumzuschnitt vielleicht nicht repräsentativ genug; immerhin lassen die Grundstückspreise im Ortskern vermuten, dass hier kein einfaches Einfamilienhaus geplant ist. Im Dezember 2018 kam der Abbruchbagger.

Am Klosterwald 4: Das alte Treppenhaus (14.12.2018; Foto: Klare)

Am Klosterwald 4: Das Treppenhaus des alten Hauses (14.12.2018; Foto: Klare)

Ein Blick durch die Eingangstür des alten Hauses verriet ein wenig von dem Charme des Altbaus: Der original erhaltene gemusterte Fliesenboden und das Treppengeländer erinnerten daran, dass sich hier vor 100 Jahren ein wohlhabender Handwerksmeister angesiedelt hatte.

Am Klosterwald 6A von Süden gesehen, rechts im Bild Nr. 4, dahinter Nr. 2 (18.3.2008; Foto: Klare)

Am Klosterwald 6A von Süden gesehen, rechts im Bild Nr. 4, dahinter Nr. 2 (18.3.2008; Foto: Klare)

Das Fachwerkhaus Nr. 6 A ist heute zur Straße hin durch einen Neubau aus dem Jahr 2010 (Nr. 6 C) verdeckt.

Der Neubau Klosterwald 6C (dunkler Klinker) verdeckt das alte Fachwerkhaus Nr. 6A (13.10.2016; Foto: Klare)

Der Neubau Klosterwald 6C (dunkler Klinker) verdeckt das alte Fachwerkhaus Nr. 6A (13.10.2016; Foto: Klare)

Hiltrup, Klosterstraße 10 und 12 (heute: Am Klosterwald) nach einem Luftangriff 1944

Hiltrup, Klosterstraße 10 (rechts) und 12 (heute: Am Klosterwald) nach einem Luftangriff 1944

Klosterstraße 10 (rechts auf dem Foto) ist ein weiteres Handwerkerhaus, es wurde von dem Malermeister Brose erbaut. Das Haus wurde von späteren Eigentümern nach und nach renoviert und durch einen Anbau erweitert, es ist heute in gutem Zustand und wird weiter als Wohnhaus genutzt.

Auf dem Foto aus dem Jahr 1920 sieht man auch das Haus Klosterstraße 12, es wurde 1944 durch eine Bombe beschädigt und danach repariert. In diesem Haus wohnte Professor Nübel, hier traf sich die kleine evangelische Gemeinde von Hiltrup in ihren Anfängen. Die letzte Bewohnerin verkaufte das Haus Ende des 20. Jahrhunderts, es wurde abgerissen, und das sehr tiefe Grundstück wurde mit zwei Neubauten bebaut.

Die Hiltruper Klosterstraße bzw. Am Klosterwald hat sich in 100 Jahren rasch verändert. Sie steht damit beispielhaft für die Entwicklung Hiltrups vom unbedeutenden Bauerndorf, kleiner noch als Amelsbüren, zu einem Stadtteil Münsters mit den Qualitäten einer lebendigen Kleinstadt.

(Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 11.01.2019.)