Aufbau nach dem 2. Weltkrieg

little more than a heap of rubble, kaum mehr als ein Haufen Geröll: amerikanische und englische Soldaten Anfang April 1945 auf Münsters Prinzipalmarkt

little more than a heap of rubble, kaum mehr als ein Haufen Geröll: amerikanische und englische Soldaten Anfang April 1945 auf Münsters Prinzipalmarkt

Die britische Militärregierung stand vor dem Problem, „ein einfaches und ordentliches Leben“ für die Deutschen zu gewährleisten, wie Oberbefehlshaber Montgomery seine Aufgabe in einer Proklamation vom 30.5.1945 bezeichnete. Dazu mussten die Reste der deutschen Verwaltungen reaktiviert werden. In Münster ernannte die Militärregierung am 14.4.1945 den 74jährigen Justizrat Fritz Carl Peus zum kommissarischen Oberbürgermeister. Ende 1945 gründeten sich demokratische Parteien, auf Vorschlag des Oberbürgermeisters ernannte der britische Stadtkommandant im Januar 1946 eine neue Stadtvertretung; Vertreter der SPD war neben anderen der Handwerksmeister Theodor Geringhoff, der im August 1945 die Wiederbegründung der münsterschen SPD betrieben hatte. Die erste demokratische Wahl zum Stadtrat fand dann am 13.10.1946 statt.

In Hiltrup bildete sich am 4. April 1945 ein vorläufiger Gemeindeausschusses. Auf Wunsch des vorläufigen Gemeindeausschusses und „mit Zustimmung weiter Kreise der Hiltruper Bevölkerung“ erklärte sich schließlich Josef Elfering bereit, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen.

Die Bevölkerung der Stadt Münster litt schwer unter den Folgen des Krieges. Die Stadt war verwüstet durch die Bombenangriffe, viele Wohnungen waren zerstört. In Hiltrup waren 48 Häuser mit 118 Wohnungen total zerstört, 32 Wohnungen schwer und 80 Wohnungen leicht beschädigt. 298 Hiltruper waren als Soldaten umgekommen und 35 Menschen aus der Hiltruper Zivilbevölkerung. Ungefähr 1000 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern waren bei Kriegsende in Hiltrup untergebracht.

Gleichzeitig strömten die früheren Einwohner in die Stadt zurück zusammen mit den Flüchtlingen, die hier eine Bleibe suchten. Die Bevölkerung wurde zu Räumarbeiten herangezogen. Die Versorgung mit Wasser und Elektrizität und die Entwässerung wurden zunächst nur provisorisch wieder hergestellt. Heizmaterial und Kleidung waren knapp. Nahrungsmittel waren rationiert, Selbstversorgung bis hin zur eigenen Ziege half ; im Mai 1945 standen nur noch 910 Kalorien pro Person zur Verfügung, im Mai 1947 885. In dem sehr kalten Winter wurde die Lage Anfang 1946 zusätzlich durch Hochwasser der Aa verschärft, Notstandsmaßnamen wurden angeordnet.

Das Glasurit-Werk in Hiltrup war im September 1944 und März 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, die Forschungs- und Entwicklungslabore waren vollständig zerstört. Das Werk nahm wenige Monate nach Kriegsende die Fabrikation wieder auf.

Die Prinzbrücke in Hiltrup 1945

Die Prinzbrücke in Hiltrup 1945

Die Prinz-Brücke über den Kanal in Hiltrup war in den letzten Kriegstagen von deutschen Truppen gesprengt worden. Als Ersatz wurde 1946 ein Brücken-Überbau von der Ruhr nach Hiltrup umgesetzt, der 1907 in Duisburg als „Karl-Lehr-Brücke“ errichtet worden war. (Diese Brücke ist inzwischen baufällig und soll ersetzt werden.)

Das Hiltruper Hoesch-Röhrenwerk war fast komplett zerstört worden, doch bereits 1946 konnte mit 70 bis 80 Arbeitern die Produktion wieder aufgenommen werden. Der eigentliche Wiederaufbau des Werkes begann 1948 nach der Währungsreform. Beteiligt waren auch „Fremdarbeiter“, die während des 2. Weltkriegs zwangsweise nach Hiltrup gebracht worden waren; der Landkreis Münster meldete 1949 der britischen Militärregierung 118 Männer und 63 Frauen bei den Hiltruper Röhrenwerken, die in einem Lager auf dem Werksgelände untergebracht waren.

Wahlplakate der CDU und CSU zur Bundestagswahl 1949

Wahlplakate der CDU/CSU zur Bundestagswahl 1949

Der Wahlkampf vor der Bundestagswahl am 14.8.1949 wurde von der CDU/CSU auch mit Diffamierung des politischen Gegners SPD geführt. Die „Gefahr aus dem Osten“ wurde auf den Plakaten mit asiatischen Rotarmisten beschworen, denen die SPD angeblich keinen ausreichenden Widerstand entgegensetzte. Trotz dieser heftigen Agitation lag die CDU im Endergebnis bundesweit mit 31,0 Prozent nur ganz knapp vor der SPD (29,2 Prozent).

Hiltrup wuchs rasch, Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat und die Industrie florierte. 1950 hatte Hiltrup bereits 7.348 Einwohner (davon über 700 Flüchtlinge).

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten, 2. Haus von links: Beitelhoff (um 1950; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0104)

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten, 2. Haus von links: Beitelhoff (um 1950; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0104)

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war um 1950 noch sehr kleinteilig bebaut. Zwischen den Häusern waren Gärten, einzelne Grundstücke waren noch frei. Das Haus links wurde später durch ein mehrstöckiges Wohnhaus ersetzt, das 2022 schon wieder zum Abriss steht. Das Auto in der Bildmitte ist noch ein Vorkriegsmodell, ein Cabriolet Wanderer Spezial W 51 (Baujahr 1936) – ein Überrest vom Wohlstand der Vorkriegszeit.

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund eine Sandgrube (1950)

Bildmitte: Polizeischule, dahinter der Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund eine Sandgrube (1950)

Zwischen dem Glasuritwerk und dem Hiltruper Ortskern wurde 1950 noch Sand abgebaut für das Kalksandsteinwerk Schencking. Das Foto zeigt in der Bildmitte die Polizeischule, dahinter den Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund eine Sandgrube.

"Unseren Toten": Das Ehrenmal an der Westfalenstraße (um 1952, im Hintergrund Heithorn und Scheller; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0101)

„Unseren Toten“: Das Ehrenmal an der Westfalenstraße (um 1952, im Hintergrund Heithorn und Scheller; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0101)

„Unseren Toten“ der beiden Weltkriege wurde 1951 das Ehrenmal an der Hammer Straße (später: Westfalenstraße) gewidmet. Andere Gewaltopfer hatten die Initiatoren des Ehrenmals nicht im Blick. (Noch 1974 beklagt Dobelmann in seiner Darstellung der Hiltruper Geschichte die „Schreckensherrschaft der freigelassenen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter“ nach dem II. Weltkrieg, ohne auf deren schreckliche Lebensumstände einzugehen. Das Ehrenmal wurde erst später um eine Bronzetafel ergänzt mit der Aufschrift „Zum Gedenken aller Opfer von Krieg und Gewalt“.)

1950 überschritt der Umsatz des Glasurit-Werks das Vorkriegsniveau.

Plakat der FDP zur Bundestagswahl 1953: SPD-Vorsitzender Ollenhauer als Gehilfe der Russen

Plakat der FDP zur Bundestagswahl 1953: SPD-Vorsitzender Ollenhauer als Gehilfe der Russen

Zur Bundestagswahl am 6.9.1953 stellten CDU, CSU und FDP wie schon 1949 die „Gefahr aus dem Osten“ in den Vordergrund. Die FDP verunglimpfte mit diesem Plakat die SPD als Landesverräter. Der Vorsprung der CDU (45,2 Prozent) wuchs im Ergebnis bundesweit deutlich gegenüber der SPD (28,8 Prozent). Ab Dezember 1953 ließen Bundeskanzler Adenauer und sein Staatssekretär Globke durch Reinhard Gehlen (Chef der Organisation Gehlen, des späteren Bundesnachrichtendienstes) den Vorstand der SPD illegal ausspionieren ( der Historiker Klaus-Dietmar Henke legte dazu 2022 auf der Grundlage der historischen Akten die Untersuchung Geheime Dienste vor).

Die Bevölkerung musste in dieser Zeit noch eng zusammenrücken. Wohnraum wurde bewirtschaftet, das kommunale Wohnungsamt entschied über die Zuweisung einzelner Zimmer. Im II. Weltkrieg waren Viele ausgebombt und hatten dadurch ihre gesamte Habe verloren. Sie konnten einen Kriegssachschaden anmelden. Im Jahr 1950 dauerte es in Münster nach dem Antrag in einem Beispielsfall 10 Monate, bis Ausgebombte eine erste „Hausrathilfe“ von 100,00 DM erhielten. Zwei Jahre dauerte es von 1952 bis zur Bewilligung einer Hausratentschädigung: 700,00 DM insgesamt für den zweimaligen Verlust der gesamten Habe. (Bis zum abschließenden „Gesamtbescheid“ dauerte es im Beispielsfall weitere 4 Jahre: 1958 erhielten die Ausgebombten noch einmal 400,00 DM.) Wer vor 1945 gespart und zum Beispiel Kommunalobligationen gekauft hatte, dem ging es nicht viel besser: Aus 5.000 Reichsmark wurden 1954 im Beispielsfall 190,00 DM.

Glasuritwerk (um 1955, Blick von Westen; Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0111)

Glasuritwerk (um 1955, Blick von Westen; Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0111)

Das Glasuritwerk (heute BASF) wurde in den 50er Jahren mehrfach erweitert. Auf dem Foto von Mitte der 50er Jahre erkennt man noch einzelne Wohnhäuser auf dem Werksgelände und im Vordergrund ein mit Wasser gefülltes Baggerloch, den „Silbersee“. (Das Baggerloch ist noch im Flächennutzungsplan von 1963 eingezeichnet. Es wurde später verfüllt, heute verläuft hier die Hansestraße.)

Glasurit beschäftigte wieder über 1.000 Mitarbeiter, auch das Hiltruper Röhrenwerk wuchs und beschäftigte 1956 schon rund 400 Mitarbeiter.
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Das Hiltruper "Seebad" (Steiner See, um 1955; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0115)

Das Hiltruper „Seebad“ (Steiner See, um 1955; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0115)

Das Leben bestand auch in diesen Jahren nicht nur aus Wiederaufbau-Arbeit. Die Gemeinde Hiltrup hatte 1935 das Freibad am Steiner See übernommen, das der Unternehmer Steiner dort 1925 an seiner kleinen Gaststätte aufgemacht hatte. Es wurde 1965 geschlossen, da der Badebetrieb zu gefährlich war, und durch Schwimmbecken ersetzt.

Schenckings Kalksandsteinwerk und Glasurit, rechts der "Silbersee" (um 1957)

Schenckings Kalksandsteinwerk und Glasurit, rechts der „Silbersee“ (um 1956)

Wer nicht so weit laufen wollte, ging im „Silbersee“ baden: Durch den Sandabbau für das Schenckingsche Kalksandsteinwerk war zwischen Polizeischule und Glasuritwerk ein Baggersee entstanden. Im Hintergrund zeigt das Foto bereits den Neubau der Marienkirche in Hiltrup-Ost.

Hiltrup-Ost: Ringstraße / St. Marien / Marienschule / Prinzbrücke / Bahnhof (1957; historische Postkarte  Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0114)

Hiltrup-Ost: Ringstraße / St. Marien / Marienschule / Prinzbrücke / Bahnhof (1957; historische Postkarte Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0114)

Neue Baugebiete entstanden an der Ringstraße, Amelsbürener Straße und Lange Straße, in Hiltrup-Ost wurde 1955/1956 die Marienkirche für eine neue Kirchengemeinde gebaut und die Marienschule.

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten: vorn links Nr. 31 (Beitelhoff), rechts Nr. 36 (Frisör Heßling) (1957, historische Postkarte)

Hiltrup, Bahnhofstraße, Blick nach Osten: vorn links Nr. 31 (Beitelhoff), rechts Nr. 36 (Frisör Heßling) (1957, historische Postkarte)

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) wurde in dieser Zeit umgebaut. Die Anlieger mussten ihre Vorgärten opfern, eine neue Baumreihe rückte näher an die Häuser heran, Radwege wurden angelegt und neue Laternen aufgestellt. Von der alten kleinteiligen Bebauung fielen die ersten Häuser, die Postkarte aus dem Jahr 1957 zeigt bereits erste geschlossene Bebauung (Hausnummer 38/40, heute Infopunkt / dm / Parfümerie Pieper).

Neubau des Textilhauses Grosche, Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (Foto: 1970)

Neubau des Textilhauses Grosche, Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (Foto: 1970)

Die Kriegsschäden verschwanden: Die an der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald) durch Luftangriffe beschädigten Häuser wurden repariert bzw. durch Neubauten ersetzt. Das Textilhaus Grosche ersetzte die ehemalige „Kaiserliche Post“ an der Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee) durch einen schlichten Neubau mit einem Kurzwaren- (auf der Ecke) und Modewarengeschäft.

1960 wohnten in Hiltrup schon 9.300 Einwohner. 1960 wurde im Westen das Baugebiet an der Langestraße erweitert, das Glasurit-Werk baute hier erste Wohnblocks für Werksangehörige; weitere Neubaugebiete folgten.

Luftbild von Hiltrups Mitte: Clemenskirche, Hohe Geest, Klosterstraße, Marktallee (ungefähr 1960; historische Postkarte)

Luftbild von Hiltrups Mitte: Clemenskirche, Hohe Geest, Klosterstraße, Marktallee (ungefähr 1960; historische Postkarte)

Mit den Steuereinnahmen von Glasurit und Röhrenwerk finanzierte die Gemeinde den Aufbau von Infrastruktur. Wasserleitung, Kanalisation, Straßenbau und Müllabfuhr standen 1960 auf dem Programm, ein „Leitplan“ zur Entwicklung der Gemeinde wurde erarbeitet. Im Erläuterungsbericht zum ersten Flächennutzungsplan für Hiltrup von 1962 hieß es: „Die Gemeinde, die in den letzten Jahrzehnten aus kleinen dörflichen Verhältnissen herausgewachsen ist, hat heute fast 10.000 Einwohner. Mit diesem Wachstum haben die gemeindlichen Pläne und Einrichtungen nicht Schritt gehalten. Da auch weiterhin damit zu rechnen ist, daß ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, steht die Gemeinde vor der Notwendigkeit, Bauleitpläne aufzustellen.“

Aus einem Zeitungsartikel „Hiltrup in der Gärung“ vom 2.4.1960.

Aus einem Zeitungsartikel „Hiltrup in der Gärung“ vom 2.4.1960.

Die Gemeinde war reich. „Hiltrup ist und bleibt die Gemeinde der idealen Möglichkeiten“ jubelte 1960 der Zeitungsbericht Gemeinde in der Gärung. In dem Bericht schwingen aber auch Töne aus vergangenen Zeiten mit: als kennzeichnendes Merkmal Hiltrups wird genannt „… ein volksverbindendes Gemeinsamkeits-Bewußtsein. Die Betriebsgemeinschaft setzt sich fort in den idealen Werkswohngemeinschaften. … So kann man Hiltrup in seiner Entwicklung auch Gemeinde der Betriebsfamilien nennen, …“.

Zeitungsbericht vom 2.4.1960: Der Gemeinderat bei der Arbeit (Bürgermeister: Mühlenbesitzer Ludger Wentrup)

Bürgermeister wurde 1960 der Mühlenbesitzer Ludger Wentrup, CDU-Vorsitzender war Rektor Theo Harbaum, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat war August Harling. Die CDU-Fraktion dominierte den Gemeinderat.

Hiltrup sollte „Stadtlandschaft im Grünen“ werden. Mit dem Leitplan sollte als Hauptaufgabe ein Zentrum geschaffen werden, nachdem “sich die Bautätigkeit über das ganze Gemeindegebiet erstreckt“ hatte. „Ein eigentlicher Mittelpunkt wie in alten Kreisstädten mit der konzentrischen Häufung von Geschäften hat sich nicht gebildet und wird auch derartig nicht geschehen, weil die beiden Reihenstraßen [heute: Marktallee und Westfalenstraße] gleichzeitig zu den Hauptgeschäftsstraßen geworden sind.“ An der Marktallee, heute fast durchgehend mit mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut, stand noch eine sehr gemischte Bebauung, darunter eine Vielzahl kleiner eingeschossiger Häuser mit großen Gärten.

Luftbild der Hiltruper Marktallee um 1960 (vorn rechts die Baustelle der Realschule, im Hintergrund die Marienkirche in Hiltrup-Ost)

Luftbild der Hiltruper Marktallee um 1960 mit dem Blick nach Hiltrup-Ost (vorn rechts die Baustelle der Realschule, im Hintergrund die Marienkirche in Hiltrup-Ost)

Der Zeitungsartikel Leistungsfähiger Einzelhandel von 1960 lobt die Hiltruper Einzelhandelsgeschäfte, die aus den alten Handwerksbetrieben hervorgegangen seien: „Ein Supermarkt als neue Manie und Magie braucht hier nicht zu sein“, durch die Ausbreitung des Markenartikels gebe es keinen Unterschied in der Qualität der Ware und auch kein Preisgefälle mehr – man wollte sich abschotten.

Man diskutierte die Verbreiterung der Bahnhofstraße (heute: Marktallee), die Anlieger mussten dafür ihre Vorgärten opfern; hier sollten „Hochhäuser“ mit bis zu sechs Geschossen entstehen. („Die Grundstückseigentümer an der Bahnhofstraße müssen im Interesse des Gesamtwohls der Gemeinde auch zu Opfern bereit sein“ heißt es im Zeitungsbericht vom 2.4.1960.

1961 war Hiltrup bereits auf 10.137 Einwohner gewachsen. 1963 stand im Röhrenwerk die nächste große Werkserweiterung an mit einer neuen Fertigungshalle.

Verwaltung und Gemeinderat diskutierten vor diesem Hintergrund Anfang der 60er Jahre, wie Hiltrup sich weiter entwickeln sollte. Das Bauerndorf Hiltrup hatte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein klar definiertes Zentrum rund um Alt-St. Clemens. Nach dem Bau des Bahnhofs 1868 und dem Neubau von St. Clemens an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war Hiltrup entlang der Hauptachsen gewachsen, ohne ein eindeutiges Zentrum auszubilden. Mit der beginnenden breiten Motorisierung zeichneten sich Verkehrsprobleme auf diesen Achsen ab.

Hiltrup: Flächennutzungsplan vom 16.1.1963 (Ausschnitt)

Hiltrup: Flächennutzungsplan vom 16.1.1963 (Ausschnitt)

Im Januar 1963 beschloss der Gemeinderat einen Flächennutzungsplan mit weitreichenden Zielen: Der Nord-Süd-Verkehr sollte über eine neu zu bauende Straße östlich der Westfalenstraße geführt werden. In Ost-West-Richtung sollten neue Straßen den Verkehr nördlich und südlich weiträumig um den Ortskern herumführen; die Südumgehung – heutige Hansestraße – sollte zwischen Bahnhof und Glasuritwerk die Bahn und den Kanal queren und erst in Höhe des heutigen Pfarrer-Ensink-Wegs auf die Straße Osttor treffen. (Realisiert wurde letztlich nur ein Teil der Hansestraße, für die sich die Hiltruper SPD beim SPD-Landesverkehrsminister Zöpel einsetzte. Die Anbindung der Hansestraße an den Knoten Glasuritstraße/ Hülsebrockstraße hat sich später als höchst problematisch erwiesen wegen der übergroßen Verkehrsmengen.)

Der Alltag veränderte sich, Textilien aus Kunstfasern kamen auf, zum Beispiel bügelfreie Nyltest-Hemden, und Wäsche wurde nicht mehr mühsam von Hand gewaschen.

"Die weltberühmten Miele-Waschautomaten": Werbung des Selbstbedienungs-Münz-Waschsalons Inh. Alfred Kösters, Münster, Kettelerstr. 27 (1960er Jahre)

„Die weltberühmten Miele-Waschautomaten“: Werbung des Selbstbedienungs-Münz-Waschsalons Inh. Alfred Kösters, Münster, Kettelerstr. 27 (1960er Jahre)

Seit 1952 war die Hebamme Marga Niedenführ für die SPD im Gemeinderat, bis 1969 war sie Fraktionsvorsitzende.

Marga Niedenführ (Mitte) beim Richtfest für die Erweiterung der Marienschule 1963 (v.l.: Amtsbaurat Plagemann, NN, Heinrich Schütte, NN, Pfarrer Bernhard Ensink, Wilhelm Pfeifer, Marga Niedenführ, Bürgermeister Wentrup)

Marga Niedenführ (Mitte) beim Richtfest für die Erweiterung der Marienschule 1963 (v.l.: Amtsbaurat Plagemann, NN, Heinrich Schütte, NN, Pfarrer Bernhard Ensink, Wilhelm Pfeifer, Marga Niedenführ, Bürgermeister Wentrup)

Marga Niedenführ verfolgte eine Konsens-Politik mit der CDU. Man kannte sich … und fuhr im September 1964 kurz vor der Kommunalwahl schnell noch auf „Besichtigungsfahrt“.

Gemeinderat Hiltrup am 7.9.1964 auf Stadtbesichtigung in Goslar: v.l. NN, Hermann Becker, Wilhelm Pfeifer, Theo Harbaum, Franz Lübcke, Heinrich Schütte, Marga Niedenführ (SPD), Karl Schorlemer (SPD)

Stadtbesichtigung in Goslar: v.l. NN, Hermann Becker, Wilhelm Pfeifer, Theo Harbaum, Franz Lübcke, Heinrich Schütte, Marga Niedenführ (SPD), Karl Schorlemer (SPD)

Politik wurde am Abend beim Bier gemacht:

v.l. Marga Niedenführ, Karl Georges, Heinrich Schütte (7.9.1964)

v.l. Marga Niedenführ, Karl Georges, Heinrich Schütte

Der spätere Nachfolger Wentrups als Bürgermeister, Rechtsanwalt Dr. Franz Tölle, war mit von der Partie. Bier und Zigarre, man gab sich selbstbewusst.

v.l.: Dr. Franz Tölle, Theo Harbaum und Amtsbaurat Plagemann

v.l.: Dr. Franz Tölle, Theo Harbaum und Amtsbaurat Plagemann

Im 1964 gewählten Gemeinderat saß neben CDU und SPD auch ein Vertreter der Christlichen Volkspartei (Heinrich Schwöppe). Bürgermeister wurde erneut Ludger Wentrup (mit 23 von 25 Stimmen). Für die Position der/des 1. Stellvertreterin/s kandidierten die beiden SPD-Ratsmitglieder gegeneinander, Marga Niedenführ gewann mit 16 von 25 Stimmen gegen Otto Weinrich (8 Stimmen). 2. Stellvertreter wurde Dr. Franz Tölle (CDU, 15 Stimmen).

Oktober 1964: Bürgermeister Ludger Wentrup gratuliert seiner 1. Stellvertreterin Marga Niedenführ zur Wahl

Oktober 1964: Bürgermeister Ludger Wentrup gratuliert seiner 1. Stellvertreterin Marga Niedenführ zur Wahl

1966 übernahm die SPD die Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen. Im selben Jahr führten Willy Brandt und Herbert Wehner die SPD auf Bundesebene in die Regierungsverantwortung (zunächst im Rahmen einer großen Koalition mit der CDU, 1969 in einer sozial-liberalen Koalition mit der FDP). In den meisten Großstädten der Bundesrepublik gewann die SPD in den 1950er und 1960er Jahren das Vertrauen der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in der Kommunalpolitik.

1966 verlegte die Hoesch AG das Röhrenwerk nach Hamm, Hiltrup verlor rund 400 Arbeitsplätze. (Zur Entwicklung des Werksgeländes an der Nobelstraße 4 im Zeitraum zwischen 1904 und 1970 siehe auch Dominik Loroch, Die industrielle Entwicklung Hiltrups, 2008.)

Auf dem Gelände an der Nobelstraße zwischen Eisenbahn und Kanal eröffnete 1968 die Basalan Isolierwolle GmbH ein Werk. Basalan verschmutzte die Luft in unzumutbarem Maß (Quelle: Bericht im Hiltruper Anzeiger Nr. 6 von 1968); laut mündlichem Bericht von Zeitzeugen fielen wegen der in die Luft abgegebenen Schadstoffe Passanten auf der Straße um. Basalan (heute: DEUTSCHE ROCKWOOL Mineralwoll GmbH & Co. OHG) musste später den Abluftkamin erhöhen und Filteranlagen einbauen, Umweltschutz war ein Thema geworden. (Das Werk wurde 2002 stillgelegt, die städtebauliche Brache an der Nobelstraße wartet auf eine der zentralen Lage angemessene Entwicklung.)

Hiltrup wuchs währenddessen unaufhörlich weiter: 1970 wohnten hier schon 14.663 Einwohner.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 14.06.2022 aktualisiert.)

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