Weimarer Republik II

Weihe von 3 neuen Bronzeglocken für St. Clemens Hiltrup (6.9.1925; Foto: Hiltruper Museum)
Weihe von 3 neuen Bronzeglocken für St. Clemens Hiltrup (6.9.1925; Foto: Hiltruper Museum)

Wirtschaftliche und politische Krise

Hiltrup erholte sich von Krieg und Inflation. 1925 konnte die Kirchengemeinde St. Clemens es sich leisten, drei neue Bronzeglocken als Ersatz für die 1917 abgelieferten Glocken zu kaufen. (Das Foto von der Glockenweihe am 6.9.1925 existiert in zwei unterschiedlichen Versionen: Das zweite Mädchen von rechts ist in beiden Versionen schlecht retuschiert; Beine und Kleidung sind bearbeitet, in einer Version ist eine Gesichtshälfte grob verändert, in der anderen Version ist ein anderer Kopf einmontiert.)

Hiltrup, St. Clemens: "De aolle Klock van 1521 wärt nao Münster bracht" (1926; Foto: Hiltruper Museum)

Hiltrup, St. Clemens: "De aolle Klock van 1521 wärt nao Münster bracht" (1926; Foto: Hiltruper Museum)

Die alte St. Anna-Glocke von 1521 wurde 1926 an das Landesmuseum verkauft (und erst 1971 wieder in Alt St. Clemens aufgehängt). Die Hiltruper Kinder auf dem Foto sind barfuß oder tragen „Holsken“, vielleicht von Holzschuhmacher Israel an der alten Kirche; teure Lederschuhe sind die Ausnahme. 1928 wurde eine weitere Glocke gekauft.

Die Schifffahrt auf dem Kanal belebte sich zunächst zögerlich. Die Hafenverwaltung der Stadt Münster schaffte 1926 das Personen-Motorboot „Undine“ mit 100 Plätzen und „mit allen Sicherungsmaßnahmen und neuzeitlichen Einrichtungen“ an, um bei Schulen und Vereinen „für die Kanalschiffahrt in allen Kreisen der Bürgerschaft neue Freunde zu werben“ (Volkswille 30.5.1926). Anlege-Station war auch Hiltrup.

1927 stockte Scheller die Bäckerei mit einem zweiten Stockwerk auf und richtete acht Fremdenzimmer „mit einer ganz modernen Zentralheizung und Warmwasseranschluss“ (Hannelore Scheller) ein, so dass hier nun auch ein kleines erstes Hotel für Hiltrup entstand.

Hiltrup, Kartenausschnitt von 1927 (aus der Karte 1:25.000; Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup, Kartenausschnitt von 1927 (aus der Karte 1:25.000; Bearbeitung: Henning Klare)

Die schnelle Entwicklung Hiltrups ist auch in der Landkarte von 1927 zu sehen. Die Bebauung verdichtet sich zusehends.

Hiltrup, Meinenkampstraße 10 (um 1925; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup, Meinenkampstraße 10 (um 1925; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Östlich des Kanals hat die Besiedlung von Hiltrup-Ost begonnen: Südlich des Stadtsbusch zeigt die Karte von 1927 erste Häuser an der Wolbecker Straße und an der Meinenkampstraße. Das Adressbuch für den Landkreis Münster – Stand 1927 – nennt neben den historischen Bauerschaften „Dorf“ und „Bach“ eine neue Bauerschaft „Meinenkampstraße“: Vier Doppelhäuser (Meinenkampstraße 8-22) und ein Einzelhaus (Meinenkampstraße 5) ohne Strom- und Wasseranschluss sind von Arbeitern und einigen Handwerkern bewohnt. (Ende der 1950er Jahre baute Glasurit in großem Stil Werkswohnungen. In Hiltrup-Ost entstand zwischen Hülsheide und Meinenkampstraße ein „Glasurit-Dorf“ mit 70 Wohnungen, die alten Häuser an der Meinenkampstraße 8-22 wurden dafür abgerissen.)

Im Norden Hiltrups beim Hof Hackenesch ist 1927 die Eisenbahnstrecke Münster-Hamm nach Westen verschwenkt zum Anschluss an die Umgehungsbahn, die alte Gleisanlage am Kanal entlang nach Norden bis zum heutigen Hundesport-Übungsplatz wird zunächst als Abstellanlage genutzt (im Jahr 2024 sind noch mehrere überwucherte Parallelgleise vorhanden, haben aber keine Verbindung mehr zur Bahnstrecke).

Straßennamen wurden in Hiltrup erst am 22.11.1928 festgelegt durch eine „Kommission für Straßenbesserung“ (Amtsbürgermeister Franz Bartosch, Gemeindevorsteher Hermann Hackenesch, Paul Gunsthövel, Arbeiter, H. Rohlmann, Bauunternehmer). Bis dahin waren die Häuser nur mit dem Namen der Bauerschaft (Dorf, Bach, Meinenkampstraße) und einer Nummer bezeichnet.

Von der Chinesen-Marke zum Glasurit-Papagei (1928; Hiltruper Museum)

Von der Chinesen-Marke zum Glasurit-Papagei (1928; Hiltruper Museum)

Glasurit expandierte auch in Hiltrup mit dem Bau der Spirituslackfabrik (1920) und einer weiteren großen Betriebsvergrößerung (1925, Einführung von Spritzlacken für die Automobilindustrie). Farbige Lacke wurden immer beliebter, in der Werbung wurde die alte Chinesen-Marke ab 1924 durch die Papagei-Schutzmarke ersetzt; Vorbild war der farbenprächtige Ara Arakanga. Max Winkelmann hatte laut Zeitzeugen einen guten Ruf als Arbeitgeber: Bezahlte Kaffeepausen, eine halbe Stunde Badezeit wöchentlich für alle, Bezahlung meist 2 Pfennig über Tarif.

Glasuritwerk Hiltrup 1930 (Luftbild)

Glasuritwerk Hiltrup 1930 (Luftbild)

1930 war Glasurit mit mehreren Zweigwerken und über 1.000 Mitarbeitern die größte Lackfabrik Europas; Zweigwerke bestanden in Frankreich und England. Die Entwicklung der Produkte verlagerte sich vom empirisch-handwerklichen Lackkocher zum Einsatz von Chemikern. Otto Brütting hatte 1896 als Glasuritkocher sowie Leiter der Hamburger Lackfarbenfabrik bei Max Winkelmann angefangen, jetzt war er Leiter des Hiltruper Betriebs und wohnte in der Villa auf dem Betriebsgelände (Adresse: Hiltrup, Bach 35).

Fahrer Adolf Kumbrink vor dem Dienstwagen des Hiltruper Röhrenfabrikanten Arthur Fischer (1927, Mercedes-Benz 24/100/140 PS; Foto: Hiltruper Museum)

Fahrer Adolf Kumbrink vor dem Dienstwagen des Hiltruper Röhrenfabrikanten Arthur Fischer (1927, Mercedes-Benz 24/100/140 PS; Foto: Hiltruper Museum)

Die Hiltruper Kleinröhrenwerke Fischer & Co wuchsen ebenfalls in diesem Zeitraum. Zur Versorgung der Schweißmaschinen wurde 1924 die Sauerstofffabrik Fischer & Co auf dem Werksgelände gebaut (mit Lindes Eismaschinen, 1925). Die Entwicklung spiegelt sich auch in der Veränderung des Fuhrparks: Der bescheidene Dienstwagen, den Fabrikant Arthur Fischer um 1923 fuhr, wurde 1927 durch einen neuen Mercedes-Benz ersetzt, ein Fahrzeug der absoluten Oberklasse. Durch Auslandsgeschäfte bekam der kleine Betrieb zunächst eine gesunde Grundlage. Er war hauptsächlich auf Auslandsmärkte angewiesen, hatte hier mit Qualitätsmängeln zu kämpfen und ging in der Weltwirtschaftskrise 1929 in Konkurs; der Betrieb wurde von Hoesch übernommen.

Die Wirtschaftskrise zwang die öffentliche Verwaltung zu einschneidenden Sparmaßnahmen. 1928 wurde die Klassenfrequenz der Hiltruper „Knabenschule“ auf 60 Schüler pro Klasse heraufgesetzt. 1932 besuchten 477 Kinder die Schule.

Katholische Volksschule Hiltrup, 7. und 8. Jahrgang mit Rektor Nabbe (1.7.1930; Foto: Hiltruper Museum)

Katholische Volksschule Hiltrup, 7. und 8. Jahrgang mit Rektor Nabbe (1.7.1930; Foto: Hiltruper Museum)

Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zeigen sich auf dem Jahrgangsfoto der katholischen Volksschule Hiltrup vom 1.7.1930: Die Jungen tragen sehr einfache Kleidung, abgelegte Hosen von Geschwistern oder Vater werden mit Hosenträgern gehalten, zwei Kinder sind sogar barfuß.

Der zu Hoesch gehörende Hauptlieferant des Bandstahls, der im Werk zu Röhren verarbeitet wurde, übernahm 1930 das Röhrenwerk. Ab 1931 führte Hoesch das Werk unter der Firma Hiltruper Röhrenwerke GmbH und setzte Walter Stein als kaufmännischen Direktor ein. Das Werk hatte 1931 65 Mitarbeiter. Der neue Eigentümer erweiterte die Produktionspalette und modernisierte die Anlagen.

Hiltrup um 1932 (historische Postkarte; Hiltruper Museum)

Hiltrup um 1932 (historische Postkarte; Hiltruper Museum)

Nachdem es Ende 1931 noch Entlassungen gegeben hatte, kam ein starkes Wachstum der Fabriken von Glasurit und Hoesch in Hiltrup. Damit florierten auch andere Hiltruper Unternehmen. Um 1930 sorgten in Hiltrup 15 Schneider für Kleidung, ein Anzug kostete 100 Reichsmark (der Netto-Monatslohn eines durchschnittlich beschäftigten Arbeitnehmers betrug im Jahr 1932 119 Reichsmark).

Eine Bebauungsplanung um 1930 enthält Ideen für die Entwicklung Hiltrups, die teilweise erst nach dem II. Weltkrieg verwirklicht werden: Überplanung des Baumschulgeländes südlich der Bahnhofstraße mit direkter Anbindung von zwei Wohnstraßen an die heutige Glasuritstraße als südliche Entlastung der Bahnhofstraße, Anlage eines Marktplatzes nordöstlich der Kreuzung heutige Kardinal- / Moränenstraße, ein Waldfriedhof südwestlich der Einmündung heute Am Klosterwald / Zum roten Berge.

Aufstieg und Verstädterung des ehemaligen Bauerndorfs zeigen sich plastisch im Vergleich der Postkarten-Ansichten des Restaurants Scheller an der Westfalenstraße.

Hiltrup, Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1926; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Hiltrup, Restaurant u. Café H. Scheller / Zum Nordpol (um 1926; historische Postkarte, Hiltruper Museum)

Auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 präsentiert der Bauer auf der heutigen Westfalenstraße vor der Gastwirtschaft Scheller noch als Blickfang den Stier. Die Straße ist noch nicht gepflastert, zur Gastwirtschaft gehören Wirtschaftsgebäude mit Scheunentor und Stallfenstern. 1926 ist die Straße gepflastert. Das Wirtschaftsgebäude ist noch vorhanden, aber es ist umgebaut. Scheller hat eine „vorzügliche Conditorei“ und ein Café eröffnet. Ein aufwendiger weißer Zaun und ein Eis-Karren markieren die Außengastronomie. Die Schilder „Radfahrer Station“ und „Große Pumpe“ sind verschwunden, stattdessen weist ein „P“-Schild darauf hin, dass im Haus eine große Luftpumpe zur Verfügung steht. Die Motorisierung ist bei Schellers angekommen: Vor dem Giebel posiert man stolz in einem Auto (Wanderer W 10/I T4?) , vor der Bäckerei steht eine Benzin-Zapfsäule (auf dem Bild nicht zu sehen).

Steiners "Seeclub Heidhorn" (um 1930, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

Steiners "Seeclub Heidhorn" (um 1930, historische Postkarte Sammlung Stoffers)

Am Rande der Hohen Ward entwickelte sich am Steiner See auch der „Seeclub Heidhorn“ des Unternehmers Steiner. Auf der Postkarte um 1930 erkennt man vor der Klub-Gaststätte gepflegte Anlagen und den Badestrand (daneben eröffnete die Gemeinde Hiltrup im Jahr 1935 das öffentliche „Seebad Hiltrup“).

Hiltrup boomte nach dem Ende der Inflation 1923. Das Postamt zog 1932 in einen Neubau des Unternehmers Dalhoff an der Bahnhofstr. 78.

Dieser Reichsadler schmückte 1932 den Neubau des Postamtes Hiltrup an der Bahnhofstr. 78. Er ist heute an der Rückseite des Hiltruper Museum angebracht (Foto: Henning Klare, 11.6.2025)

Dieser Reichsadler schmückte 1932 den Neubau des Postamtes Hiltrup an der Bahnhofstr. 78. Er ist heute an der Rückseite des Hiltruper Museum angebracht (Foto: Henning Klare, 11.6.2025)

In das ehemalige „Kaiserliche Postamt“ an der Bahnhofstr. 32 zog – auf dem Foto von 1932 oder 1933 links – das Textilhaus Grosche, in die Fassade wurden Schaufenster eingebaut.

Das frühere Kaiserliche Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee) im Jahr 1932. Links: Textilhaus Grosche; auf der Ecke: Konsumgenossenschaft Eintracht (Foto: Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Das frühere Kaiserliche Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee) im Jahr 1932 oder 1933. Links: Textilhaus Grosche; auf der Ecke: Konsumgenossenschaft Eintracht (Foto: Hiltruper Museum)

Der Firmengründer Heinrich Grosche hatte bis dahin noch mit Fahrrad und Packtaschen die Bauernhöfe der Umgebung angefahren, als „Kiepenkerl“ hatte er Textilien aller Art und Kurzwaren verkauft. In das Eck-Ladenlokal zog die von den christlichen Gewerkschaften gegründete Konsumgenossenschaft Eintracht (später: Lebensmittel Holthenrich).

Die Hiltruper Ziegeleien und Gartenbaubetriebe zogen Saisonarbeiter aus Schlesien und Polen an. Sie wohnten in sehr bescheidenen Unterkünften, die die Betriebe zur Verfügung stellten.

Architektenzeichnung von 1926/1927 für die Erweiterung des Mutterhauses der Missionsschwestern. Die Pläne wurden nur teilweise realisiert. (Planfoto: Hiltruper Museum)

Architektenzeichnung von 1926/1927 für die Erweiterung des Mutterhauses der Missionsschwestern. Die Pläne wurden nur teilweise realisiert. (Planfoto: Hiltruper Museum)

Auch der Orden der Hiltruper Missionsschwestern boomte. Von 1921 bis 1932 waren 888 Schwestern neu eingetreten (möglicherweise zum Teil als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit?), das Mutterhaus musste erweitert werden. Zur Finanzierung des Rohbaus in den Jahren 1928 bis 1932 eröffneten die Schwestern eine Lohnnäherei und nahmen eine Anleihe über 600000 Gulden in den Niederlanden auf.

Hiltrup, Münsterstraße (heute: Hohe Geest): Evangelische Kirche (1932; Hiltruper Museum)

Hiltrup, Münsterstraße (heute: Hohe Geest): Evangelische Kirche (1932; Foto: Hiltruper Museum)

Durch die Industrialisierung wuchs Hiltrup rasch auf ungefähr 4000 Einwohner im Jahr 1932. Mit dem Zuzug von Arbeitskräften kamen auch Evangelische. Ab ungefähr 1910 trafen sie sich im Haus von Professor Nübel an der Klosterstraße 12 (heute: Am Klosterwald), 1925 bildete sich die „Evangelische Vereinigung Hiltrup“ mit dem Ziel, den Zusammenhalt der Gemeindeglieder zu stärken und den Kirchbau voranzutreiben. 1932 wurde eine Kirche an der Münsterstraße (heute: Hohe Geest / Geistkamp) gebaut. Diese Kirche wurde 1971 durch einen größeren Neubau an der Hülsebrockstraße ersetzt.

In dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs für Hiltrup verlieh die Gemeinde an zwei Bürger die Ehrenbürgerwürde: 1931 an den Gemeindevorsteher in Ruhe Hermann Hackenesch (genannt Stertmann nach dem Namen des Hofes) und 1932 an Max Winkelmann.

Aber nicht allen Hiltrupern ging es gut. In der SPD-Zeitung „Volkswille“ heißt es am 8.1.1932: „Billiges Fleisch für Hilfsbedürftige? Man schreibt uns: Auf Grund der Winterhilfsmaßnahmen der Reichsregierung wurden an sämtlichen Stempelstellen und Arbeitsämtern für die hilfsbedürftige Bevölkerung Bezugscheine für verbilligtes Fleisch verabfolgt. So auch in der Stempelstelle Hiltrup i. W., aber nur an die Hälfte der Stempelnden konnten diese Bezugscheine für verbilligtes Fleisch abgegeben werden, die andere Hälfte ging leer aus. Man sagte einfach: Die Bezugscheine seien vergriffen, es müßten erst neue von Berlin angefordert werden! Aber wir warten bis heute noch darauf!“

Die SPD als Teil der Hiltruper Geschichte

Dass Nachforschungen über die Hiltruper SPD in der Weimarer Republik sehr schwierig und oftmals auch wenig erfolgreich sind, liegt daran, dass es für Sozialdemokraten in Hiltrup während der Zeit der Weimarer Republik noch immer nicht sehr förderlich war, sich öffentlich zur Sozialdemokratie zu bekennen. Dokumente in den Händen von Parteimitgliedern überlebten die Zeit von 1933 bis 1945 nur sehr selten, und kommunale Archive sind nicht sehr ergiebig, weil die Kommunalpolitik in der Weimarer Republik insgesamt eine unbedeutendere Rolle spielte.

Forschungen bei den Nachfahren bereits verstorbener Sozialdemokraten ergaben, dass sich in der Hiltruper Sozialdemokratie während der Weimarer Republik eine beherrschende Person heraushebt, Johann (gen. Jans) Hüls.

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjähriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Um 1929; Foto: Hiltruper Museum)

Johann Hüls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, 1925-1932 Vorsitzender der SPD Hiltrup (Um 1929; Foto: Hiltruper Museum)

Johann Hüls (1873-1950) aus Rinkerode kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten als Sozialdemokrat. Ab 24.8.1924 war er erster Vorsitzender der Hiltruper Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (siehe auch Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924-1933), einer Initiative aus den drei Parteien SPD, Zentrum und DDP zum Schutz der Weimarer Republik gegen ihre radikalen Feinde, und ab 1925 Vorsitzender der SPD Hiltrup. Hüls war auch Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Hiltruper Röhrenwerk, 1929 sprach er als Betriebsobmann auf der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Röhrenwerke. Hüls sah das Reichsbanner als Möglichkeit, Leute anzusprechen, „die sich nicht offen zur Sozialdemokratie bekennen und die wir dennoch zusammenfassen müssen“ (Volkswille 14.4.1926).

Bereits 1925 bahnten sich Auseinandersetzungen mit Nazis an. Ein Bericht des Volkswillen vom 26.4.1925 schildert aus Rinkerode eine „Versammlung, in der das Reichsbanner dafür sorgte, daß sich die Hakenkreuzler und ihr Anhang keine Ausfälle erlaubten“.

1925 gründete Hüls im Hiltruper Reichsbanner die Hiltruper Musikkapelle Schwarz-Rot-Gold.

Im Mai 1925 berichtet Hüls bei einer Kreisversammlung des Reichsbanner Münster „über ein gutes Vorangehen in seiner Ortsgruppe, die jetzt auch über eine Musikkapelle verfüge und überall da, wo es angebracht sei, kräftig mitwir[ken] werde“. Von „vorzüglichen Leistungen der Hiltruper Arbeiterkapelle“ berichtet der Volkswille am 6.2.1926. Die Zeitung „Das Reichsbanner“ berichtet unter Heerschau im Münsterland am 1.2.1926 über ein Treffen der Reichsbanner-Gruppen im Münsterland; von 1924 bis 1926 waren 24 Ortsgruppen gegründet worden: „Kamerad Hüls (Hiltrup) schildert die Arbeit seiner Gruppe und freut sich, sagen zu können, daß es weiter bergauf geht.“

Die Auseinandersetzungen zwischen Reichsbanner und „Hakenkreuzlern“ eskalierten. Im August 1925 gab es beim Reichsbannerfest eine Schlägerei zwischen den beiden Gruppen vor der Hiltruper Gaststätte Vogt. Zwei „Hakenkreuzler„ („Deutschvölkische“) wurden wegen Widerstand gegen die Polizei und Beleidigung verurteilt (Volkswille 19.2.1926).

Im Industriestandort Hiltrup hatte die SPD deutlichen Rückhalt. Im Juni 1926 stimmten in Hiltrup 25,6% der Wahlberechtigten für die entschädigungslose Fürstenenteignung – in Münster waren es nur 15,3% (wobei ein Teil der Ja-Stimmen auch aus anderen politischen Lagern kamen).

1929 wurde Johann Hüls in den Gemeinderat gewählt, 1931 rückte er als Nachfolger für den ausscheidenden Gustav Monien in den Kreistag.

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Johann Hüls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen "Kostgänger" (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Schon damals gab es eine SPD-Fraktion im Gemeinderat. Nachforschungen ergaben, dass Hermann Feldmann und Josef Bommert 1926 dem Gemeinderat als Sozialdemokraten angehörten. Außerdem ist in den Gemeinderatsunterlagen vom 16.1.1929 erstmals von Genossen die Rede:

>> Antrag Hüls und Genossen auf Verlängerung der Wasserleitung. <<

In der Zeit seit 1918 hatten sich in Münster immer wieder rechtsradikale Verbände gegründet, die jedoch relativ schwach blieben. Ebenso ging es noch bis 1930 der NSDAP, die bei der Kommunalwahl 1930 einen von 48 Sitzen gewann (Zentrum 28, SPD 5). Hauptaktionsfeld der NSDAP war die Straße mit Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten.

KPD-Aufmarsch auf dem Prinzipalmarkt in Münster (4.8.1929; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

KPD-Aufmarsch auf dem Prinzipalmarkt in Münster (4.8.1929; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Im August 1930 trafen in einer Veranstaltung in Hiltrup Nazis, mit schweren Eichenknüppeln bewaffnete Kommunisten und SPD aufeinander. Nazis und Kommunisten schrien gemeinsam den Redner der SPD nieder.

Die „älteste Ortsgruppe der NSDAP im Landkreis Münster“ gründete sich am 1.9.1930 in Hiltrup. Der aktive Ortsgruppenleiter Gustav Fiegenbaum (1901-1980) war 1925 als Maschinist zum Sauerstoffwerk Westfalen gekommen und stieg in der NS-Zeit in der Personalabteilung von Glasurit zum Betriebsinspektor auf (1939-1945 auch Bürgermeister). Im Oktober 1932 gab es in Hiltrup bereits eine SA-Einheit und als Gegenmodell zu freien Gewerkschaften eine Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) .

In Hiltrup spielte auch der Kriegerverein eine Rolle im öffentlichen Leben. Im Juni 1931 fand das Kreis-Kriegerverbandsfest in Hiltrup statt mit Marsch durch das Dorf. Als Ehrengäste waren einige Vertreter von Behörden und der Kirche erschienen.

Im März 1931 prügelten sich Nazis und Kommunisten in der Hiltruper Gaststätte Vogt. Ende 1931 spitzte sich die Lage zu. Eine Notverordnung vom 8.12.1931 verbot auch eine in Hiltrup vom Reichsbanner geplante „öffentliche republikanische Versammlung“. Auch im Februar 1932 prügelten sich Nazis und Kommunisten in Hiltrup, zwei Nazis wurden durch Messerstiche verletzt.

NSDAP-Versammlung in Hiltrup 1932, vorn Mitte Ortsgruppenleiter Fiegenbaum ("Privatfoto - Ein Bild aus der Kampfzeit" im Münsterischen Anzeiger vom 18.7.1936)

NSDAP-Versammlung in Hiltrup 1932, vorn Mitte Ortsgruppenleiter Fiegenbaum ("Privatfoto - Ein Bild aus der Kampfzeit" im Münsterischen Anzeiger vom 18.7.1936)

Die Betriebsrätewahl bei Glasurit im März 1931 spiegelt das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien wider: Von den 184 Wahlberechtigten stimmten 87 für die (der SPD nahestehenden) freien Gewerkschaften und 72 für die christlichen Gewerkschaften; die Nazis hatten keine Liste aufgestellt, 22 Wahlzettel waren aber mit einem Hakenkreuz versehen. Die Angestellten stimmten in deutlicher Mehrheit für die christlichen Gewerkschaften.

Die Zentrumspartei in Münster hatte ihre starre Frontstellung gegen links beibehalten. Am 24.4.1932, als durch Rechtsradikale Gefahren für die Republik unübersehbar waren, verbot der Oberbürgermeister in Münster der SPD, ein Flugblatt zu verteilen, das unter dem Titel „Das sind die Erneuerer Deutschlands“ über die Bedrohung der Demokratie durch die NSDAP aufklärte – ein Verbot wegen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“!

Für Johann Hüls wurde es angesichts der immer mehr an Macht gewinnenden NSDAP bereits 1932 in Hiltrup zu gefährlich, er setzte sich mit seiner Familie nach Schlesien ab und „tauchte dort unter“. Am 11.1.1933 hieß es in der Sitzung des Kreistags nur „Der Kreistagsabgeordnete Hüls, Hiltrup (SPD), ist ausgeschieden durch Ansiedlung im Osten.“ (Im Heimat- und Einwohnerbuch für Hiltrup von 1940 blieb er eingetragen mit der Adresse „Hüls, Johann, Arbeiter, Dorf 373“.)

So sehr die in Münster damals alles beherrschende Zentrumspartei nach Rechtsaußen orientiert war, so zerstritten war die politische Linke. Wegen der „zu zaghaften Politik der SPD im Reich“ war auch in Münster eine KPD-Organisation entstanden, blieb jedoch ständig schwächer als die SPD. Beide Parteien waren in Münster nicht sehr stark. Das hinderte sie jedoch nicht daran, auch in Münster das zu praktizieren, was reichsweit gang und gäbe war. Die gegenseitigen Vorwürfe von „Arbeiterverrat“, „sozialfaschistischer Politik“ und „russischer Zwangsherrschaft“ führten im Reich zu immer heftigeren Kämpfen zwischen SPD und KPD; auch in Münster nahm die Auseinandersetzung schärfere Formen an, bis hin zum Straßenkampf Anfang der 30er Jahre im Anschluss an eine sozialdemokratische Versammlung. In Hiltrup soll es nach mündlicher Überlieferung (was jedoch nicht gänzlich feststeht) im damaligen Lokal der Hiltruper Sozialdemokraten, der Gastwirtschaft Vogt (Marktallee 73, heute Restaurant Nikos), anlässlich einer SPD-Veranstaltung zu einer Saalschlacht mit Kommunisten gekommen sein, die durch Fenster in das Versammlungslokal gestürmt waren.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)

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