Wirtschaftliche und politische Krise
1925 belebte sich die Wirtschaft, einen Hinweis gibt ein Inserat der Firma Gebrüder Knake in Münster (Münsterischer Anzeiger 22.11.1925): „Wegen Wiederaufnahme der Fabrikation von Pianos“ Ausverkauf anderer Musikinstrumente, Sprechapparate und Radios.
Auch Hiltrup erholte sich von Krieg und Inflation. 1925 konnte die Kirchengemeinde St. Clemens es sich leisten, drei neue Bronzeglocken als Ersatz für die 1917 abgelieferten Glocken zu kaufen. (Das Foto von der Glockenweihe am 6.9.1925 existiert in zwei unterschiedlichen Versionen: Das zweite Mädchen von rechts ist in beiden Versionen schlecht retuschiert; Beine und Kleidung sind bearbeitet, in einer Version ist eine Gesichtshälfte grob verändert, in der anderen Version ist ein anderer Kopf einmontiert.) Am 6.9.1925 wurden die neuen Glocken geweiht (Münsterischer Anzeiger 9.9.1925).
Die katholische Kirche setzte ihre Bemühungen fort, durch die Mitgliedschaft in Vereinen Menschen an sich zu binden. Der katholische Gesellenverein Münster war auch in Hiltrup aktiv, im Münsterischen Anzeiger vom 12.9.1925 hieß es: „Am Sonntag, den 20. Sept., fährt die Jugendriege der Turnabteilung nach Hiltrup zum Werbeturnen.“
Die katholische Deutsche Jugendkraft (DJK) war 1920 als Gegenstück zu den bürgerlichen Turn- und Sportvereinen und zu den Arbeitersportvereinen gegründet worden. An der Hiltruper Bahnhofstraße erhielt der katholische Sportverein DJK Blau-Weiß Hiltrup (gegründet 1920) im Jahr 1925 seinen neuen Sportplatz. Die katholische Jünglingssodalität Hiltrup war mit dem DJK Hiltrup verbunden und turnte in der Gaststätte Vogt (Münsterischer Anzeiger 13.9.1925). DJK und Hiltruper Jünglingssodalität waren eng an den Hiltruper Pfarrer gebunden. Im Mai 1926 richtete der Hiltruper DJK ein Bezirksturnfest aus. (Der DJK Hiltrup schloss sich 1934 mit dem Turn- und Sportverein Hiltrup zusammen unter dem Namen TuS Hiltrup 1930 e.V. , um der Auflösung durch das NS-System zu entgehen.)
1925/1926 wurde in Hiltrup auch ein katholischer Arbeiterverein neu gegründet (Münsterischer Anzeiger 5.5.1926) – der 1909 oder früher gegründete erste Hiltruper Arbeiterverein (Münsterischer Anzeiger 18.11.1909) war wohl in der Kriegszeit eingeschlafen.

Das Hiltruper Geschäftsleben entwickelte sich. Heinrich Dalhoff an der Bahnhofstraße handelte mit Ziegeleierzeugnissen und Baustoffen aller Art, die Inserate im Münsterischen Anzeiger vergrößerten sich auf Seitenbreite. Im Münsterischen Anzeiger (zum Beispiel in der Ausgabe vom 2.3.1926) warb er für die Bodenverbesserung durch Anlage von Drainagesystemen.

Der Handwerks-Schneider Drees an der Amelsbürener Straße versuchte, in den Verkauf von Konfektionskleidung einzusteigen. (1931 übernahm der spätere NSDAP-Organisationsleiter von Hiltrup, August Krause, die Schneiderei.)
Die gesellschaftlichen Gegensätze spitzten sich zu. Filmregisseur Pabst zeigte in Die freudlose Gasse die Nachkriegsrealität, die münstersche Schauburg warb mit „… die tolle Inflationszeit … die seelische Verwilderung einer ganzen Epoche“. Der Autor der Romanvorlage, Hugo Bettauer, hatte sich auch mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt, er wurde 1925 ermordet.
1925 gründeten die Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands GmbH (Kageso), der Landesfürsorgeverband Provinz Westfalen und die Stadt Münster die Gemeinnützigen Werkstätten Westfalenfleiß GmbH, die erste Schwererwerbsbeschädigtenwerkstatt.
Für die Wahl zum Kreistag Münster Land im November 1925 kandidierte neben Zentrum und SPD auch eine Bürgerliche Liste. An der Spitze stand der Hiltruper Landwirt Paul Schencking (Gut Hülsebrock), auf Platz 13 August von Looz-Corswarem. Das Hiltruper Wahlergebnis unterschied sich deutlich von den Nachbargemeinden: Das Zentrum erhielt im gesamten Kreis 66,8% der gültigen Stimmen, die SPD 5,9%, die „Arbeitsgemeinschaft der Kleinbauern, Arbeiter und Handwerker“ 12,9%, die „Bürgerliche Liste“ 8,8% und „Mittelstand“ 5,9%. In Hiltrup erhielt das Zentrum 61,3% der gültigen Stimmen, die SPD 21,4%, die „Arbeitsgemeinschaft der Kleinbauern, Arbeiter und Handwerker“ nur 2,6%, die „Bürgerliche Liste“ 13,0% und „Mittelstand“ 2,7%. Die Industrialisierung Hiltrups hatte Folgen.

Ende 1925 wurden Bauplätze in der Vennheide verkauft: „Die ehemalige Rennbahn (Gefangenenlager) zirka 80 Morgen Münster=Geist (Sandausbeutung gewinnversprechend) aus derselben kleine Bauparzellen“ (Münsterischer Anzeiger15.12.1925).
Münster verbot Ende 1925 mit polizeilicher Verfügung „öffentliche Tanzlustbarkeiten“ und beschränkte private Tanzveranstaltungen – die Hiltruper Gaststätten, insbesondere Vogt und Lohmann / Elfering dürften davon profitiert haben.

Die alte St. Anna-Glocke von 1521 wurde 1926 an das Landesmuseum verkauft (und erst 1971 wieder in Alt St. Clemens aufgehängt). Die Hiltruper Kinder auf dem Foto sind barfuß oder tragen „Holsken“, vielleicht von Holzschuhmacher Israel an der alten Kirche; teure Lederschuhe sind die Ausnahme. 1928 wurde eine weitere Glocke gekauft.
Die Schifffahrt auf dem Kanal belebte sich zunächst zögerlich. Die Hafenverwaltung der Stadt Münster schaffte 1926 das Personen-Motorboot „Undine“ mit 100 Plätzen und „mit allen Sicherungsmaßnahmen und neuzeitlichen Einrichtungen“ an, um bei Schulen und Vereinen „für die Kanalschiffahrt in allen Kreisen der Bürgerschaft neue Freunde zu werben“ (Volkswille 30.5.1926). Anlege-Station war auch Hiltrup. Die „Undine“ wurde schnell zu klein, zum 1.5.1927 wurde ein zweites größeres Motorschiff „Neptun“ für 200 Personen angeschafft (Münsterischer Anzeiger 19.1.1927).
Von 1904 bis 1925 hatte sich Hiltrups Einwohnerzahl auf 2861 ungefähr verdoppelt, seit 1912 war Hiltrup um fast 40 Prozent neue Einwohner gewachsen. Damit waren auch die Anforderungen an die Infrastruktur gewachsen. 1925/1926 wurde die Schule vergrößert.
1926 suchte die Gemeinde mit einem Zeitungsinserat (Münsterischer Anzeiger 2.6.1926) „zwei oder drei Schutt- und Müllabladeplätze … anzupachten“. Viele Familien wußten nicht, wo sie mit den Hausabfällen bleiben sollten. „Bei Nacht und Nebel wurden die wertlosen Abfälle auf Wege und Privatplätze gebracht. Müllwagen fahren von jetzt an alle 14 Tage durch unsere sich so rasch und gut entwickelnde Ortschaft, um den Hausmüll entgegenzunehmen und auf bestimmte Ablagerungsplätze zu befördern“ (Münsterischer Anzeiger 11.5.1927). Die daraus folgenden Probleme blieben späteren Generationen überlassen.
Amelsbüren und Hiltrup bauten 1926 den Kappenberger Damm als Chaussee aus, d.h. mit einer Packlage aus gebrochenem Stein als Unterbau und einer Deckschicht aus Sand-Lehmgemisch: „Es ist beabsichtigt, die 12 Meter breite Chaussee mit einer dreireihigen Lindenreihe zu bepflanzen, so daß ein schöner Fahr= und angenehmer Fußweg entsteht. Wünschenswert wäre es, wenn auch der im Stadtbezirk Münster gelegene Wegeabschnitt baldigst ausgebaut würde, da hierzu ein dringendes Verkehrsbedürfnis vorliegt“ (Münsterischer Anzeiger 15.6.1926). Beschäftigt wurden dabei auch Arbeitslose („Wohlfahrtsarbeiter“).
Hiltrup mit seinen Gartenwirtschaften war nach wie vor Ausflugsziel für die Münsteraner, auch für den münsterschen Kriegerverein der „Alten 13er“ (infanterie-Regiment „Herwarth von Bittenfeld“ (1. Westfälisches) Nr. 13). Auch der Hiltruper Kriegerverein feierte sein „Kriegerfest“: „Nach dem Hochamt Abmarsch zum Festlokal“ (Münsterischer Anzeiger 13.7.1926). Der Hiltruper Kriegerverein wuchs unter dem Vorsitz des Gutsbesitzers Everding, im April 1927 hatte er 130 Mitglieder (Münsterischer Anzeiger 13.4.1927).
Die gesellschaftlichen Gegensätze beherrschten auch die Universität Münster. 1926 diskutierte die Studentenschaft den Fall Lessing: Der jüdische Privatdozent und Journalist Lessing in Hannover hatte vor der Wahl von Hindenburgs gewarnt, Studentenschaft und Professoren in Hannover sowie die Deutsche Studentenschaft forderten seine Entlassung. Die münstersche Studentenschaft lehnte es nach Diskussion ab, sich dem Boykottaufruf gegen Lessing anzuschließen (Münsterischer Anzeiger 15.6.1926). Lessing ging ins Exil nach Prag und wurde dort von Nazis ermordet.
In Hiltrup wurde Kriegerfest gefeiert mit Hochamt, Preisschießen und Festzug. Gutsbesitzer Everding als Vorsitzender begrüßte u.a. die „geistlichen und weltlichen Behörden“, Rektor Wesseling lobte die „alten militärischen Tugenden“ (Münsterischer Anzeiger 13.7.1926).
Die Spannungen zwischen den freien, eher zur SPD orientierten, und den christlichen Gewerkschaften bestanden fort. Der 1893 gegründete „Deutsche Handlungsgehilfenverband“ zum Beispiel berief sich auf christlich-soziale Ideen; er hatte 1913 eine eigene Versicherung gegründet, 1926 sprach sie als „Deutschnationale Versicherungs AG“ die „nationalen Volksschichten“ an (jetzt „Deutscher Ring“).
Während des Krieges hatte sich die Tuberkulose ausgebreitet, die Kindersterblichkeit war hoch. Acht Jahre nach Kriegsende war die Gesundheit der Bürger immer noch deutlich schlechter als vor dem Krieg. Der Kreistag Münster diskutierte Ende 1926, „daß die Säuglingssterblichkeit und die Sterblichkeit an Tuberkulose im hiesigen Kreise energische Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung erfordern. … Das ganze Amt Roxel hat z. B. keine Lungenfürsorge, im Amt St. Mauritz nur die Gemeinde Hiltrup und Amelsbüren.“ Der Kreistag beschloss die Anstellung einer Kreisfürsorgerin (Münsterischer Anzeiger 22.12.1926).
In derselben Sitzung des Kreistages wurde erneut ein Ausbau der Hiltruper Bahnhofstraße gefordert: „Plöger wünscht den Ausbau der Bahnhofstraße in Hiltrup. Oben habe man den herrlichen Ulmendom, unten aber die größten Pfützen. Er tritt dafür ein, daß diese Straße bald einen Bürgersteig bekommt.“ Die Sache wurde – zum wiederholten Male – an den Kreisausschuss verwiesen (Münsterischer Anzeiger 21.12.1926), 1927 stellte der Kreistag 9000 Mark zur Verfügung.
Neben der Anlage von Bürgersteigen erforderte aber vor allem der zunehmende Verkehr mit Kraftfahrzeugen den Ausbau des Straßennetzes. Die vorhandenen wassergebundenen Kunststraßen mussten bei der „überaus starken Abnutzung der verkehrsreichen Kreischausseen“ alle 2 bis 4 Jahre mit Wasserschotterung überschüttet werden; dies war unwirtschaftlich, die Befestigung mit Kleinpflaster erwies sich als dauerhafter und damit wirtschaftlicher (Diskussion im Kreistag, Münsterischer Anzeiger 21.4.1927).
Im Herbst 1927 setzte sich die Stadt Münster dafür ein, „die Sommerwege auf den Provinzialstraßen in einer Entfernung bis zu 8 Kilometern von der Stadt Münster einzuziehen und in Radfahrwege umzuwandeln“. Oberbürgermeister Dr. Sperlich konnte die Bedenken der Landwirte ausräumen und kündigte an: „Auf der Hammer Chaussee soll der Radfahrweg sogleich bis Hiltrup ausgebaut werden“ (Münsterischer Anzeiger 27.9.1927). Der Münsterische Anzeiger füllte sich nach und nach ab Mitte der 1920er Jahre mit Berichten über Verkehrsunfälle mit Kraftfahrzeugen.
Der Bürgerschützenverein Hiltrup nahm 1927 die Tradition der Kriegsnagelungen wieder auf. 1916 hatten die Hiltruper gegen eine Spende goldfarbene Nägel in den Rahmen eines Kaiserbildes eingeschlagen (Münsterischer Anzeiger 13.2.1916), 1927 nagelten die Bürgerschützen ein „buntfarbiges Gedenkschild“ (Münsterischer Anzeiger 9.2.1927).
1927 stockte der Hiltruper Konditor und Gastwirt Scheller die zur Gaststätte gehörende Bäckerei mit einem zweiten Stockwerk auf und richtete acht Fremdenzimmer „mit einer ganz modernen Zentralheizung und Warmwasseranschluss“ (Hannelore Scheller) ein, so dass hier nun auch ein kleines erstes Hotel für Hiltrup entstand.

Die schnelle Entwicklung Hiltrups ist auch in der Landkarte von 1927 zu sehen. Die Bebauung verdichtet sich zusehends.

Östlich des Kanals hat die Besiedlung von Hiltrup-Ost begonnen: Südlich des Stadtsbusch zeigt die Karte von 1927 erste Häuser an der Wolbecker Straße und an der Meinenkampstraße. Das Adressbuch für den Landkreis Münster – Stand 1927 – nennt neben den historischen Bauerschaften „Dorf“ und „Bach“ eine neue Bauerschaft „Meinenkampstraße“: Vier Doppelhäuser (Meinenkampstraße 8-22) und ein Einzelhaus (Meinenkampstraße 5) ohne Strom- und Wasseranschluss sind von Arbeitern und einigen Handwerkern bewohnt. (Ende der 1950er Jahre baute Glasurit in großem Stil Werkswohnungen. In Hiltrup-Ost entstand zwischen Hülsheide und Meinenkampstraße ein „Glasurit-Dorf“ mit 70 Wohnungen, die alten Häuser an der Meinenkampstraße 8-22 wurden dafür abgerissen.)
Im Norden Hiltrups beim Hof Hackenesch wurde von 1925 bis 1927 die Eisenbahnstrecke Münster-Hamm nach Westen verschwenkt zum Anschluss an die Umgehungsbahn, das neue Gleis ging im Dezember 1927 in Betrieb. Die alte Gleisanlage am Kanal entlang nach Norden bis zum heutigen Hundesport-Übungsplatz wurde zunächst als Abstellanlage genutzt (im Jahr 2026 sind noch mehrere überwucherte Parallelgleise vorhanden, haben aber keine Verbindung mehr zur Bahnstrecke).
Der Hiltruper Quartettverein „Frohsinn“ gab im Januar 1928 ein Konzert mit anschließendem Ball in der Gaststätte Vogt. Der Münsterische Anzeiger lobte das Musikprogramm mit einer Bemerkung über die Hiltruper Bevölkerung: „Zu bedauern ist daß das Konzert zum größten Teil von auswärtigen Gästen besucht war. Leider scheint die Hiltruper Bevölkerung für das ausgezeichnete Programm nicht viel Verständnis zu haben.“
Vielleicht war die Hiltruper Bevölkerung, die inzwischen zu einem erheblichen Teil aus Industriearbeitern bestand, einfach vorrangig damit beschäftigt, den Lebensunterhalt sicherzustellen. Neben der Arbeit bei Glasurit und Röhrenwerk mussten zum Beispiel große Gärten bewirtschaftet werden, um Lebensmittel selbst zu erzeugen – da blieb nicht viel Zeit für Kultur und Freizeit.
Dem entspricht, dass der Münsterische Anzeiger in den 1920er Jahren keinen Hinweis auf eine ausgeprägte Karnevalskultur in Hiltrup enthält. Die Hiltruper Vereinsfeste (zB Männergesangverein, Ziegenzuchtverein) hatten zwar oft humoristische Einlagen im Programm, aber für Karneval und andere Kultur hatte man wohl weder Zeit noch Geld.
Der Karneval stand im Übrigen unter scharfer Beobachtung durch die katholische Kirche. Schon 1856 hatte der Hiltruper Pfarrer Kersting die „gefährlichen Fastnachtslustbarkeiten, welche so oft in sündhafte Ausschweifungen ausarten“, bekämpft. 1928 besorgte sich das Katholiken=Komitee Münster über Auswüchse des Fastnachtstrubels.

Das münstersche Katholiken-Komitee nutzte die Polizeiverwaltung gegen die „Anpreisung von Antikonzeptionsmitteln“, kümmerte sich um „einwandfreie Kinoreklame“, Badeverbote in öffentlichen Gewässern und Abwehr des „Freidenkertums“ (Münsterischer Anzeiger 24.2.1928).
Zehn Jahre nach Kriegsende bestimmten die Kriegsfolgen immer noch die politische Diskussion. Eine Zentrumsversammlung in Hiltrup im März 1928 thematisierte u.a. die Auswirkung der Reparationsverpflichtungen auf die Steuerlast und die umstrittene Erfüllungspolitik (Münsterischer Anzeiger 17.3.1928).
Leo Schencking (1901-1979, Neffe von August Bernhard Schencking) gründete 1928 das Kalksandsteinwerk mit Industriegleis am Bahnhof. Den Sand baute er unter anderem auf Flächen der Bauern Peperhowe und Bornemann ab, die als Mitgesellschafter in die Firma eintraten; August Peperhowe war Geschäftsführer neben Schencking.
Sand für die Produktion kam aus dem „Silbersee“ und aus der Mertensheide, Abgrabungen südöstlich der heutigen Polizeihochschule, und von 1956 bis 1967 aus dem „Schencking-See“, dem Südteil des Baggersees, der heute Steiner See (offiziell: Hiltruper See) heißt. Das Werk wurde 1978 geschlossen nach Erschöpfung der Hiltruper Sandvorkommen. 1935 ist auch ein Kalksandsteinwerk Surhenrich erwähnt.
Auch für andere Verwendungszwecke wurde nach wie vor in Hiltrup Sand abgebaut. Für das Jahr 1928 berichtete die Reichsbahndirektion Münster: „Die bedeutendsten Sandgruben des Bezirks Münster liegen in Schermbeck, Haltern und Hiltrup. … Sand wird vornehmlich von den Bahnhöfen Haltern, Schermbeck, Hiltrup, Bork und Raestrup=Everswinkel versandt. Es wurden in 1928 560 000 To. auf 32000 Wagen aufgeliefert, von denen nur 12.000 To. im eigenen Bezirk verblieben. Der Rest wurde fast ausschließlich nach der Ruhr befördert, wo der Sand als Form= und Hochofensand verwandt wird“ (Münsterischer Anzeiger 13.3.1930).
Der Ausbau der Bahnhofstraße war auch 1928 noch ein Thema. 1927 hatte der Kreistag dafür 9000 Mark zur Verfügung gestellt, Hiltrup konnte die verbleibenden Kosten von 3500 Mark für den Straßenausbau und die Anlage von Kanalisation aber nicht aufbringen. Im April 1928 beschloss der Kreistag einen weiteren Zuschuss (Münsterischer Anzeiger 26.4.1928). Im Oktober 1928 wurden erste Gasleitungen in der Bahnhofstraße verlegt. Die alten Straßenbäume blieben zunächst stehen. Bis 1930 wurde ein Straßenseitengraben verrohrt und teilweise verfüllt, diesen Bereich hinter den Bäumen und einen schmalen Fußweg mit Bordstein vor den Bäumen sollten die Fußgänger benutzen (Münsterischer Anzeiger 2.1.1930). 1930 wurde noch Split aufgebracht.
Im Oktober 1928 wurde das Kirchengeläut von St. Clemens durch eine vierte Glocke ergänzt, eine Schenkung. Die neue Glocke, dem hl. Joseph geweiht, trug die Inschrift: „Sankt Joseph von Jesus zum Vater erwählt, Maria der Jungfrau als Gatte vermählt. So friedlich entschlummert im frommen Tod, hilf kämpfen und siegen in letzter Not.“
Straßennamen waren in Hiltrup nur vereinzelt vergeben. Überwiegend waren die Häuser zunächst nur mit dem Namen der Bauerschaft (Dorf, Bach, später auch Meinenkampstraße) und einer Nummer bezeichnet. Am 22.11.1928 legte eine „Kommission für Straßenbesserung“ (Amtsbürgermeister Franz Bartosch, Gemeindevorsteher Hermann Hackenesch, Paul Gunsthövel, Arbeiter, H. Rohlmann, Bauunternehmer) weitere Straßennamen fest.

Glasurit expandierte auch in Hiltrup mit dem Bau der Spirituslackfabrik (1920) und einer weiteren großen Betriebsvergrößerung (1925, Einführung von Spritzlacken für die Automobilindustrie). Farbige Lacke wurden immer beliebter, in der Werbung wurde die alte Chinesen-Marke ab 1924 durch die Papagei-Schutzmarke ersetzt; Vorbild war der farbenprächtige Ara Arakanga. Max Winkelmann hatte laut Zeitzeugen einen guten Ruf als Arbeitgeber: Bezahlte Kaffeepausen, eine halbe Stunde Badezeit wöchentlich für alle, Bezahlung meist 2 Pfennig über Tarif. 1927 wurden für die Nitrozellulosefabrikation (Glasso-) umfangreiche Neubauten in Hiltrup erforderlich (Jahresbericht 1927, Münsterischer Anzeiger 22.3.1928).

1930 war Glasurit mit mehreren Zweigwerken und über 1.000 Mitarbeitern die größte Lackfabrik Europas; Zweigwerke bestanden in Frankreich und England. Die Entwicklung der Produkte verlagerte sich vom empirisch-handwerklichen Lackkocher zum Einsatz von Chemikern. Otto Brütting hatte 1896 als Glasuritkocher sowie Leiter der Hamburger Lackfarbenfabrik bei Max Winkelmann angefangen, jetzt war er Leiter des Hiltruper Betriebs und wohnte in der Villa auf dem Betriebsgelände (Adresse: Hiltrup, Bach 35).

Die Hiltruper Kleinröhrenwerke Fischer & Co wuchsen ebenfalls in diesem Zeitraum. Zur Versorgung der Schweißmaschinen wurde 1924 die Sauerstofffabrik Fischer & Co auf dem Werksgelände gebaut (mit Lindes Eismaschinen, 1925). Die Entwicklung spiegelt sich auch in der Veränderung des Fuhrparks: Der bescheidene Dienstwagen, den Fabrikant Arthur Fischer um 1923 fuhr, wurde 1927 durch einen neuen Mercedes-Benz ersetzt, ein Fahrzeug der absoluten Oberklasse. Durch Auslandsgeschäfte bekam der kleine Betrieb zunächst eine gesunde Grundlage, die Produkte wurden in 27 Länder geliefert. Zur Feier des zehnjährigen Bestehens 1929 berichtete der Münsterische Anzeiger 11.9.1929, das Werk gebe „200 Familien Brot und Arbeit“; die „hohe soziale Gesinnung des Werkinhabers“ wurde gelobt. Das Unternehmen hatte in den Auslandsmärkten mit Qualitätsmängeln zu kämpfen. Der New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 löste dann die Weltwirtschaftskrise aus, die auch Hiltruper in Not brachte. Fischer & Co gingen in der Weltwirtschaftskrise 1929 in Konkurs.
Die Wirtschaftskrise zwang die öffentliche Verwaltung zu einschneidenden Sparmaßnahmen. 1928 wurde die Klassenfrequenz der Hiltruper „Knabenschule“ auf 60 Schüler pro Klasse heraufgesetzt. Statt regulärer Lehrer unterrichteten billigere Aushilfskräfte (Münsterischer Anzeiger 13.5.1932). 1932 besuchten 477 Kinder die Schule.

Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zeigen sich auf dem Jahrgangsfoto der katholischen Volksschule Hiltrup vom 1.7.1930: Die Jungen tragen sehr einfache Kleidung, abgelegte Hosen von Geschwistern oder Vater werden mit Hosenträgern gehalten, zwei Kinder sind sogar barfuß.
Neben der Konsumgenossenschaft „Eintracht“ gab es ab 1930 (bis min. 1932) in Hiltrup auch eine „Warenverkaufsstelle des Beamten-Vereins“ (WBV), die wie die Konsumvereine mit Rückvergütungen an ihre Kunden warb (1931: 6% Rückvergütung, „Frühzeitige Bestellungen frei Haus“). Die WBV war 1892 als Selbsthilfeeinrichtung gegründet worden, in Hiltrup dürften hauptsächlich die Eisenbahner und Postbediensteten Mitglieder gewesen sein.
Der zu Hoesch gehörende Hauptlieferant des Bandstahls, der im Werk zu Röhren verarbeitet wurde, übernahm 1930 das Röhrenwerk. Ab Juni 1931 führte Hoesch das Werk unter der Firma Hiltruper Röhrenwerke GmbH und setzte Walter Stein als kaufmännischen Direktor ein. Das Werk hatte 1931 65 Mitarbeiter. Der neue Eigentümer erweiterte die Produktionspalette und modernisierte die Anlagen.

Nachdem es Ende 1931 noch Entlassungen gegeben hatte, kam ein starkes Wachstum der Fabriken von Glasurit und Hoesch in Hiltrup. Damit florierten auch andere Hiltruper Unternehmen. Um 1930 sorgten in Hiltrup 15 Schneider für Kleidung, ein Anzug kostete 100 Reichsmark (der Netto-Monatslohn eines durchschnittlich beschäftigten Arbeitnehmers betrug im Jahr 1932 119 Reichsmark).
Die Bebauungsplanung von 1930/1931 enthält Ideen für die Entwicklung Hiltrups, die teilweise erst nach dem II. Weltkrieg verwirklicht wurden: Überplanung des Baumschulgeländes südlich der Bahnhofstraße mit direkter Anbindung von zwei Wohnstraßen an die heutige Glasuritstraße als südliche Entlastung der Bahnhofstraße, Anlage eines Marktplatzes nordöstlich der Kreuzung heutige Kardinal- / Moränenstraße, ein Waldfriedhof südwestlich der Einmündung heute Am Klosterwald / Zum roten Berge.
Aufstieg und Verstädterung des ehemaligen Bauerndorfs zeigen sich plastisch im Vergleich der Postkarten-Ansichten von Hiltruper Gaststätten.
Hermann Vogt (Bahnhofstraße 73) hatte als Bäcker begonnen, 1928 verkaufte er den Bäckerwagen. Den Saal seiner Gaststätte nutzten hauptsächlich Veranstalter aus Münster.

Das „Bahnhofsrestaurant mit Garten!“ hat seit 1927 einen neuen Pächter, den „Wirt und Landwirt“ Josef Elfering. Der Garten ist jetzt mit einem massiven Zaun von der Straße getrennt, die Straße hat einen Bordstein, vor dem Haus stehen Strommasten und eine Werbesäule (?). Rechts neben der Gaststätte ist das giebelständige Gebäude des früheren Landhandels umgebaut, statt eines großen Einfahrttors sind Fenster und Türen zu sehen.
Auch das Restaurant Scheller an der Hammer Straße (heute: Westfalenstraße) hat sich deutlich verändert.

Auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 präsentiert der Bauer auf der heutigen Westfalenstraße vor der Gastwirtschaft Scheller noch als Blickfang den Stier. Die Straße ist noch nicht gepflastert, zur Gastwirtschaft gehören Wirtschaftsgebäude mit Scheunentor und Stallfenstern. 1926 ist die Straße gepflastert. Das Wirtschaftsgebäude ist noch vorhanden, aber es ist umgebaut. Scheller hat eine „vorzügliche Conditorei“ und ein Café eröffnet. Ein aufwendiger weißer Zaun und ein Eis-Karren markieren die Außengastronomie. Die Schilder „Radfahrer Station“ und „Große Pumpe“ sind verschwunden, stattdessen weist ein „P“-Schild darauf hin, dass im Haus eine große Luftpumpe zur Verfügung steht. Die Motorisierung ist bei Schellers angekommen: Vor dem Giebel posiert man stolz in einem Auto (Wanderer W 10/I T4?) , vor der Bäckerei steht eine Benzin-Zapfsäule (auf dem Bild nicht zu sehen).
Nebenan betrieb auch die Gaststätte Heithorn ab November 1930 eine Tankstelle („B.V.-Zapfstelle“, später Aral).

Am Rande der Hohen Ward entwickelte sich am Steiner See auch der „Seeclub Heidhorn“ des Unternehmers Steiner. Auf der Postkarte um 1930 erkennt man vor der Klub-Gaststätte gepflegte Anlagen und den Badestrand (daneben eröffnete die Gemeinde Hiltrup im Jahr 1935 das öffentliche „Seebad Hiltrup“).
In den 1920er Jahren entstand auch im Münsterland eine Vielzahl von Sportvereinen. Sie gehörten zunächst überwiegend der katholischen Deutschen Jugendkraft (DJK) an. Parallel dazu entstand Sportjouralistik z.B. im Münsterischen Anzeiger. Die Fußballmannschaft des Hiltruper DJK Blau-Weiß war recht erfolgreich. 1925 feierte ein “Turn- und Sportverein Hiltrup” einen „großen Ball“ bei Vogt. Ende 1930 wurde mit Unterstützung des Turnvereins Münster der Turnverein Hiltrup 1930 gegründet, in dem auch Evangelische aktiv waren. Er wuchs 1931 um 60 Mitglieder, war Mitglied der bürgerlichen Deutschen Turnerschaft und bot Turnstunden am Freitagabend bei Lohmann (später: Elfering) an. Sein Vorsitzender Rommeswinkel war ab 1934 Vorsitzender des fusionierten TuS Hiltrup 1930.
Auch andere Vereine florierten: 1931 präsentierte der Hiltruper Quartettverein „Frohsinn“ eine Operettenaufführung von 40 Mitwirkenden mit anschließendem Festball im Saal der Gastwirtschaft Vogt. Die Werbung mit „günstiger Bahn- und Autobusverbindung“ richtete sich auch an die Münsteraner. Wegen des großen Erfolgs wurde die Aufführung zweimal wiederholt, zuletzt wurden anläßlich des Reichsgründungsjubiläums die Pausen mit alten und neuen Militärmärschen ausgefüllt (Münsterischer Anzeiger 17.1.1931). 1. Vorsitzender war der Frisör Bernhard Heßling, er hatte kurz zuvor sein Haus mit Ladenlokal an der Bahnhofstraße 36 gebaut. Auch 1932 führte der Verein bei Vogt eine Operette mit anschließendem Ball auf.
Das Elektrizitätsnetz reichte für die wachsende Bevölkerung und Industrie nicht mehr aus, Hiltrup kündigte 1930 den Vertrag mit Münster und übertrug sein Stromnetz 1931 an die VEW.
1931 versuchten der Stahlhelm und die NSDAP, mit einem Volksbegehren die Auflösung des preußischen Landtags zu erzwingen. Den anschließenden Volksentscheid im August 1931 unterstützten sowohl die rechtsradikalen Organisationen als auch die KPD. 39,2% der Wahlberechtigten beteiligten sich an der Abstimmung, 36,8% der Wahlberechtigten stimmten für die Auflösung. Hiltrup bot ein anderes Bild: 8,9% der 2133 Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab, 8,6% der Wahlberechtigten stimmten für die Auflösung (Kreis Münster: 8,6% Beteiligung, Stadt Münster: 14,7%, Westfalen-Nord: 29,6% Beteiligung; Münsterischer Anzeiger 10.8.1931). Offensichtlich hatten 1931 sowohl Rechtsradikale als auch KPD in Hiltrup und im Kreis Münster nicht die breite Basis wie in anderen Landesteilen.
Im Herbst 1931 organisierte die Hiltruper Pfarre St. Clemens eine Sammlung von Kleidungsstücken, Kartoffeln und Geld (für Beschaffung von Kohlen) für die Bedürftigen der Gemeinde (Münsterischer Anzeiger 29.9.1931). Im Oktober 1931 wurden auf einer Handwerkertagung des Kreises Münster unter Beteiligung des Hiltruper Tischlermeisters Gröver Forderungen beschlossen wegen der „Notzeit des kommenden Winters“, u.a. „Abschaffung der Wohnungszwangswirtschaft und Befreiung der Hauszinssteuer“ (Münsterischer Anzeiger 12.10.1931).
Im selben Monat stellte die Konsumgenossenschaft „Eintracht“ auch an ihrer Verkaufsstelle Hiltrup Lebensmittel für die „Winternotspende“ zur Verfügung (Münsterischer Anzeiger 28.10.1931); auch die Warenverkaufsstelle des Beamtenvereins beteiligte sich. Der Hiltruper Zimmermeister Marx suchte per Zeitungsanzeige einen „Emaill. Viehtopf —- fahrb., fast neu, mit Feuerung“ zu verkaufen und „neue Schrotmühle und Kreissäge gegen Kartoffeln oder fettes Schwein zu tauschen“ (Münsterischer Anzeiger 5. und 9.11.1931). Auch die Hiltruper Schuhmacher beklagten sich über das „Borgunwesen“, ihre Kunden zahlten verspätet (Münsterischer Anzeiger 13.11.1931). Anträge auf Erlass der Steuern lehnte die Gemeinde ab (Münsterischer Anzeiger 26.11.1931).
„Rückstände an Wasser= und Lichtgeldforderungen aus den Jahren 1929—1931“ in Hiltrup wurden 1932 in einem auswärtigen Blatt veröffentlicht. Die Gemeindevertretung beschloss 1932, „mit dem neugewählten Gemeindevorsteher und Bürgermeister die bedauerlichen Mißstände aus früheren Jahren mit allem Nachdruck beheben“ (Münsterischer Anzeiger 13.5.1932).
Die unterschiedliche Entwicklung der Nachbardörfer Amelsbüren und Hiltrup verdeutlicht die Viehzählung: Zum Stichtag 1.12.1931 wurden in Amelsbüren ungefähr doppelt so viele Pferde, Rinder und Schweine gezählt wie in Hiltrup; Hiltrup war nach Einwohnerzahl inzwischen ungefähr 1,5 Mal so groß wie Amelsbüren (Münsterischer Anzeiger 11.12.1931).
Das Hiltruper Postamt zog 1932 in einen Neubau des Unternehmers Dalhoff an der Bahnhofstraße 78.
In das ehemalige „Kaiserliche Postamt“ an der Bahnhofstr. 32 zog – auf dem Foto von 1932 oder 1933 links – das Textilhaus Grosche, in die Fassade wurden Schaufenster eingebaut.

Der Firmengründer Heinrich Grosche hatte bis dahin noch mit Fahrrad und Packtaschen die Bauernhöfe der Umgebung angefahren, als „Kiepenkerl“ hatte er Textilien aller Art und Kurzwaren verkauft. In das Eck-Ladenlokal zog die von den christlichen Gewerkschaften gegründete Konsumgenossenschaft Eintracht (später: Lebensmittel Holthenrich).
Die Hiltruper Ziegeleien und Gartenbaubetriebe zogen Saisonarbeiter aus Schlesien und Polen an. Sie wohnten in sehr bescheidenen Unterkünften, die die Betriebe zur Verfügung stellten.

Auch der Orden der Hiltruper Missionsschwestern boomte. Von 1921 bis 1932 waren 888 Schwestern neu eingetreten (möglicherweise zum Teil als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit?), das Mutterhaus musste erweitert werden. Zur Finanzierung des Rohbaus in den Jahren 1928 bis 1932 eröffneten die Schwestern eine Lohnnäherei und nahmen eine Anleihe über 600000 Gulden in den Niederlanden auf.
Veränderungen in den gesellschaftlichen Vorstellungen spiegeln sich in den Todesanzeigen für die 1932 gestorbene frühere Lehrerin Emilie Neisemeyer wider. Die Familie betrauerte „Frau Wwe. Lehrer Neisemeyer“ (nach ihrem verstorbenen Ehemann, der Lehrer gewesen war), Gemeindevorsteher, Lehrerkollegium und Geistlichkeit „Frau Wwe. Emilie Neisemeyer“ (Münsterischer Anzeiger 10.4.1932).
In dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs für Hiltrup verlieh die Gemeinde an zwei Bürger die Ehrenbürgerwürde: 1931 an den Gemeindevorsteher in Ruhe Hermann Hackenesch (genannt Stertmann nach dem Namen des Hofes) und 1932 an Max Winkelmann.
Aber nicht allen Hiltrupern ging es gut. In der SPD-Zeitung „Volkswille“ heißt es am 8.1.1932: „Billiges Fleisch für Hilfsbedürftige? Man schreibt uns: Auf Grund der Winterhilfsmaßnahmen der Reichsregierung wurden an sämtlichen Stempelstellen und Arbeitsämtern für die hilfsbedürftige Bevölkerung Bezugscheine für verbilligtes Fleisch verabfolgt. So auch in der Stempelstelle Hiltrup i. W., aber nur an die Hälfte der Stempelnden konnten diese Bezugscheine für verbilligtes Fleisch abgegeben werden, die andere Hälfte ging leer aus. Man sagte einfach: Die Bezugscheine seien vergriffen, es müßten erst neue von Berlin angefordert werden! Aber wir warten bis heute noch darauf!“
Die SPD als Teil der Hiltruper Geschichte
Dass Nachforschungen über die Hiltruper SPD in der Weimarer Republik sehr schwierig und oftmals auch wenig erfolgreich sind, liegt daran, dass es für Sozialdemokraten in Hiltrup während der Zeit der Weimarer Republik noch immer nicht sehr förderlich war, sich öffentlich zur Sozialdemokratie zu bekennen. Dokumente in den Händen von Parteimitgliedern überlebten die Zeit von 1933 bis 1945 nur sehr selten, und kommunale Archive sind nicht sehr ergiebig, weil die Kommunalpolitik in der Weimarer Republik insgesamt eine unbedeutendere Rolle spielte.
Forschungen bei den Nachfahren bereits verstorbener Sozialdemokraten ergaben, dass sich in der Hiltruper Sozialdemokratie während der Weimarer Republik eine beherrschende Person heraushebt, Johann (gen. Jans) Hüls.
Johann Hüls (1873-1950) aus Rinkerode kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfältige Aktivitäten als Sozialdemokrat. Ab 24.8.1924 war er erster Vorsitzender der Hiltruper Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (siehe auch Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924-1933), einer Initiative aus den drei Parteien SPD, Zentrum und DDP zum Schutz der Weimarer Republik gegen ihre radikalen Feinde, und ab 1925 Vorsitzender der SPD Hiltrup. Hüls war auch Gründer und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Hiltruper Röhrenwerk, 1929 sprach er als Betriebsobmann auf der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Röhrenwerke. Hüls sah das Reichsbanner als Möglichkeit, Leute anzusprechen, „die sich nicht offen zur Sozialdemokratie bekennen und die wir dennoch zusammenfassen müssen“ (Volkswille 14.4.1926).
Bereits 1925 bahnten sich Auseinandersetzungen mit Nazis an. Ein Bericht des Volkswillen vom 26.4.1925 schildert aus Rinkerode eine „Versammlung, in der das Reichsbanner dafür sorgte, daß sich die Hakenkreuzler und ihr Anhang keine Ausfälle erlaubten“.
1925 gründete Hüls im Hiltruper Reichsbanner die Hiltruper Musikkapelle Schwarz-Rot-Gold.
Im Mai 1925 berichtet Hüls bei einer Kreisversammlung des Reichsbanner Münster „über ein gutes Vorangehen in seiner Ortsgruppe, die jetzt auch über eine Musikkapelle verfüge und überall da, wo es angebracht sei, kräftig mitwir[ken] werde“. Von „vorzüglichen Leistungen der Hiltruper Arbeiterkapelle“ berichtet der Volkswille am 6.2.1926. Die Zeitung „Das Reichsbanner“ berichtet unter Heerschau im Münsterland am 1.2.1926 über ein Treffen der Reichsbanner-Gruppen im Münsterland; von 1924 bis 1926 waren 24 Ortsgruppen gegründet worden: „Kamerad Hüls (Hiltrup) schildert die Arbeit seiner Gruppe und freut sich, sagen zu können, daß es weiter bergauf geht.“
Die Auseinandersetzungen zwischen Reichsbanner und „Hakenkreuzlern“ eskalierten. Im August 1925 gab es beim Reichsbannerfest eine Schlägerei zwischen den beiden Gruppen vor der Hiltruper Gaststätte Vogt. Zwei „Hakenkreuzler„ („Deutschvölkische“) wurden wegen Widerstand gegen die Polizei und Beleidigung verurteilt (Volkswille 19.2.1926).
Im Industriestandort Hiltrup hatte die SPD deutlichen Rückhalt. Im Juni 1926 stimmten in Hiltrup 25,6% der Wahlberechtigten für die entschädigungslose Fürstenenteignung – in Münster waren es nur 15,3% (wobei ein Teil der Ja-Stimmen auch aus anderen politischen Lagern kamen).
1929 wurde Johann Hüls in den Gemeinderat gewählt, 1931 rückte er als Nachfolger für den ausscheidenden Gustav Monien in den Kreistag.
Schon damals gab es eine SPD-Fraktion im Gemeinderat. Nachforschungen ergaben, dass Hermann Feldmann und Josef Bommert 1926 dem Gemeinderat als Sozialdemokraten angehörten. Außerdem ist in den Gemeinderatsunterlagen vom 16.1.1929 erstmals von Genossen die Rede:
>> Antrag Hüls und Genossen auf Verlängerung der Wasserleitung. <<
In der Zeit seit 1918 hatten sich in Münster immer wieder rechtsradikale Verbände gegründet, die jedoch relativ schwach blieben. Ebenso ging es noch bis 1930 der NSDAP, die bei der Kommunalwahl 1930 einen von 48 Sitzen gewann (Zentrum 28, SPD 5). Hauptaktionsfeld der NSDAP war die Straße mit Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten.

Im August 1930 trafen in einer Veranstaltung in Hiltrup Nazis, mit schweren Eichenknüppeln bewaffnete Kommunisten und SPD aufeinander. Nazis und Kommunisten schrien gemeinsam den Redner der SPD nieder.
Die „älteste Ortsgruppe der NSDAP im Landkreis Münster“ gründete sich am 1.9.1930 in Hiltrup. Der aktive Ortsgruppenleiter Gustav Fiegenbaum (1901-1980) war 1925 als Maschinist zum Sauerstoffwerk Westfalen gekommen und stieg in der NS-Zeit in der Personalabteilung von Glasurit zum Betriebsinspektor auf (1939-1945 auch Bürgermeister). Im Oktober 1932 gab es in Hiltrup bereits eine SA-Einheit und als Gegenmodell zu freien Gewerkschaften eine Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) .
In Hiltrup spielte auch der 1896 von Pfarrer Unckel gegründete Kriegerverein nach wie vor eine Rolle im öffentlichen Leben. Im Juni 1931 fand in Hiltrup mit mehreren hundert Teilnehmern und Marsch durch das Dorf das Kreis-Kriegerverbandsfest statt (Hinfahrt von Münster mit Sonderzug, „Dunkler Anzug mit Mütze oder Zylinder“). Als Ehrengäste waren einige Vertreter von Behörden und der Kirche erschienen (Münsterischer Anzeiger 5. und 8.6.1931).
Im März 1931 prügelten sich Nazis und Kommunisten in der Hiltruper Gaststätte Vogt (Marktallee 73, 2026: Restaurant Nikos). Vogt war damals das Lokal der Hiltruper Sozialdemokraten, anlässlich einer SPD-Veranstaltung waren Kommunisten durch Fenster in das Versammlungslokal gestürmt und hatten eine Saalschlacht begonnen.
Das Hiltruper Reichsbanner beteiligte sich im Oktober 1931 mit einer Fahne an der Verabschiedung von Pfarrer Unkel. Mit der Überschrft „Reichsbanner unerwünscht“ berichtete der Münsterische Anzeiger über die Vorbesprechung der Feierlichkeiten zur Einführung des Nachfolgers Reddemann: „Ausgerechnet das Reichsbanner, die Gardetruppe der sozialistischen Partei, … erhob sich ein lebhafter Protest. Es wurde fast einstimmig beschlossen, das Reichsbanner zu ersuchen, zu Hause zu bleiben.“ (Münsterischer Anzeiger 20.11.1931). Das Reichsbanner erwiderte im Münsterischen Anzeiger 25.11.1931: „In Hiltrup sind die Reichsbannermitglieder in der größten Mehrheit Katholiken und sie haben es sich nicht nehmen lassen, dem scheidenden liebenswürdigen Dechanten Unkel durch Anteilnahme an der Abschiedsfeier ihre Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. … Wir bedauern, daß man von anderer Seite so wenig Duldsamkeit bei dieser Feier, die doch reine Religions= und Herzenssache war, an den Tag gelegt hat. Man sollte doch bei einer solchen Gelegenheit sich freuen, wenn mal die Parteigegensätze in den Hintergrund treten.“
Ende 1931 spitzte sich die Lage zu. Eine Notverordnung vom 8.12.1931 verbot auch eine in Hiltrup vom Reichsbanner geplante „öffentliche republikanische Versammlung“. Auch im Februar 1932 prügelten sich Nazis und Kommunisten in Hiltrup, zwei Nazis wurden durch Messerstiche verletzt.

Die Betriebsrätewahl bei Glasurit im März 1931 spiegelt das Spannungsverhältnis zwischen den Parteien wider: Von den 184 Wahlberechtigten stimmten 87 für die (der SPD nahestehenden) freien Gewerkschaften und 72 für die christlichen Gewerkschaften; die Nazis hatten keine Liste aufgestellt, 22 Wahlzettel waren aber mit einem Hakenkreuz versehen. Die Angestellten stimmten in deutlicher Mehrheit für die christlichen Gewerkschaften.
Hiltrup wuchs weiter. Für 1932 berichtete der Münsterische Anzeiger (7.2.1932) von 20 Bauvorhaben im laufenden Jahr und anhaltender Bautätigkeit (Münsterischer Anzeiger 13.5.1932) und verwies auf den Bebauungsplan, der eine Fläche von 280 Hektar umfasste. 1932 wurde die Ziegelei an der Amelsbürener Straße (Greve?) abgebrochen. Die Hiltruper Ziegelei Greve hatte 1848 die Ziegelsteine für den Bau des Gefängnisses in Münster an der Gartenstraße geleifert. Die Fläche wurde jetzt frei für die weitere Ortsentwicklung. (Die Ringofenziegelei Dr. Schmitz („Schmitz Kühlken“) war schon 1921 aufgegeben worden.)
Die Reichspräsidentenwahl im März/April 1932 zeigte, dass Fiegenbaums NSDAP-Ortsgruppe in Hiltrup erfolgreich geworben hatte (und/oder dass Hiltrups Bevölkerung anders zusammengesetzt war als im restlichen Landkreis Münster). Im ersten Wahlgang im März 1932 erhielt Hitler in Hiltrup 17,9%, im Landkreis Münster 11,5%, in der Stadt Münster 20,5% und im Deutschen Reich inssgesamt 30,1%; Thälmann (KPD) erhielt in Hiltrup 3,3%. Im zweiten Wahlgang April 1932 stimmten in Hiltrup für Hitler 20,2%, im Landkreis 13,8%, in der Stadt Münster 25,9% und im Deutschen Reich insgesamt 36,8%; Thälmann (KPD) erhielt in Hiltrup 1,8% (Münsterischer Anzeiger 14.3. und 11.4.1932). Reichskanzler wurde Hindenburg.
Ähnlich war das Ergebnis der Wahl am 24.4.1932 zum Preußischen Landtag (Münsterischer Anzeiger 25.4.1932). Die im Bericht des Münsterischen Anzeigers enthaltene Gegenüberstellung der Wahlergebnisse für die Stadt Münster in den Jahren 1928-1932 zeigt die Dynamik: Das eher rechtsaußen orientierte katholische Zentrum gewann in Münster 48,4% der gültigen Stimmen, ein Stimmenzuwachs um rund 20 Prozent auf Kosten kleinerer liberaler/bürgerlicher Parteien. Die SPD (7,4%) verlor rund 40 Prozent. Die „Nat.=Soz. Hitler“-NSDAP wuchs aus dem Nichts (654 Stimmen 1928) auf 24,5%.
Die Zentrumspartei in Münster hatte ihre starre Frontstellung gegen links beibehalten. Am 24.4.1932, als durch Rechtsradikale Gefahren für die Republik unübersehbar waren, verbot der Oberbürgermeister in Münster der SPD, ein Flugblatt zu verteilen, das unter dem Titel „Das sind die Erneuerer Deutschlands“ über die Bedrohung der Demokratie durch die NSDAP aufklärte – ein Verbot wegen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“!

Der Münsterische Anzeiger vom 7.8.1932 kommentiert die Arbeitslosenstatistik so: „Unser Schaubild zeigt sehr eindringlich die Entwicklung der Wirtschaftskrise unter Benutzung der Arbeitslosenstatistik. Der Unterschied zwischen Höhepunkt und Tiefpunkt der Arbeitslosenzahl wird immer geringer, der Arbeitsmarkt wird immer enger. Dieses Jahr haben Frühjahr und Sommer überhaupt keine nennenswerte Erleichterung gebracht.“
Hiltrup und die Nachbargemeinden diskutierten im Juni 1932 die „in ungeahntem Ausmaße gesteigerten Wohlfahrtslasten, deren Aufbringung und Verteilung den verantwortlichen Stellen viel Kopfverbrechen machen. In sämtlichen Gemeinden des Amtes ist die Tatsache zu verzeichnen, daß gerade die Lage am Rande der Stadt Münster das Emporschnellen der Erwerbslosenziffer erheblich begünstigt. Falls die Flucht aus der Stadt Münster zum Amte St. Mauritz hin in diesem Umfange anhält, muß die kommunalpolitische Entwicklung der Landgemeinden des Amtes in den nächsten Jahren zu den schwersten Bedenken Anlaß geben“ (Münsterischer Anzeiger 9.6.1932). Das Amt St. Mauritz wehrte sich daher gegen das Projekt einer Erwerbslosensiedlung, Hiltrup beschloss und realisierte aber die Beschaffung von Kleingärten für die Erwerbslosen (Münsterischer Anzeiger 31.7.1932: Arbeitsbeschaffung und Freiwilliger Arbeitsdienst).
Im Münsterischen Anzeiger häuften sich 1932 die Berichte über kleinere Diebstähle: Lebensmittel, Fahrräder, Bargeld …
Die Radikalisierung der Republikfeinde zeigt drastisch ein Beitrag über einen „Sturm der Katholischen Liga“ durch Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 6.7.1932). Zackig-militärische Sprache und Führerorientierung der Liga lassen keinen Unterschied zu den Nazis erkennen; die Bezeichnung „Katholische Liga“ knüpft an Kampfbündnisse des 16. und 17. Jahrhunderts an.
Radikalisierung zeigte sich auch in der Diskussion über das Aufenthaltsrecht von Ausländern. Nach dem I. Weltkrieg hatten die Umwälzungen in Russland, Ost- und Südosteuropa eine große Flüchtlingswelle ausgelöst. Preußen schuf mit der „Polizeiverordnung über die Behandlung der AusländerInnen (Ausländer-Polizeiverordnung)“ des Preußischen Innenministers vom 27. April 1932 ein für die Zeit wegweisendes Ausländerrecht (Jochen Oltmer, Ein deutsches Asylrecht am Ende der Weimarer Republik? Das Auslieferungsasyl in Westeuropa und seine Grenzen). Der Münsterische Anzeiger vom 14.7.1932 nannte dies „Die Neuordnung der Ausländerplage“.
Der spätere Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, bekundete 1932 öffentlich seine Absage an die Weimarer Verfassung und den Parlamentarismus.

Durch die Industrialisierung wuchs Hiltrup rasch auf ungefähr 4000 Einwohner im Jahr 1932. Mit dem Zuzug von Arbeitskräften kamen auch Evangelische. Ab ungefähr 1910 trafen sie sich im Haus von Professor Nübel an der Klosterstraße 12 (heute: Am Klosterwald). Evangelische Gottesdienste wurden ab 1922 im Schulgebäude der Clemensschule gehalten. 1925 bildete sich die „Evangelische Vereinigung Hiltrup“ mit dem Ziel, den Zusammenhalt der Gemeindeglieder zu stärken und den Kirchbau voranzutreiben.
Am 16.7.1932 wurde an der Münsterstraße (heute: Hohe Geest / Geistkamp) gegenüber dem Schwesternkloster der Grundstein gelegt für den Bau einer evangelischen Kirche. Der Bau enthielt einen Andachtsraum mit 180, einen Vereinssaal mit 64 und eine Empore mit 56 Sitzplätzen, außerdem eine kleine Küche, damit auch den weitwohnenden Mitgliedern bei Zusammenkünften eine kleine Erfrischung geboten werden konnte (Münsterischer Anzeiger 18.7.1932, in dem Bericht wird von einer „Kapelle“ gesprochen). Der Bericht des katholischen Münsterischen Anzeigers vom 1.11.1932 über die Weihe der Kirche am Vortag zeigt den Graben zwischen den Konfessionen: Der Bericht enthält keinen Hinweis, dass es sich um den Reformationstag handelte; katholischer Pfarrer und Bürgermeister von Hiltrup waren nicht erschienen; die Liste der Handwerker enthält keinen der (katholischen) Hiltruper Betriebe. (Diese Kirche wurde 1971 durch einen größeren Neubau an der Hülsebrockstraße ersetzt.)
Hiltrup war in dieser Zeit kein ruhiges Dorf mehr. Der Münsterische Anzeiger vom 17.11.1932 veröffentlichte eine „Zuschrift aus dem Leserkreis“ mit der Überschrift „Klagen aus Hiltrup: Wir in Hiltrup finden polizeilich keinen Schutz vor den Ausschreitungen der Jugend, die abends aus der Fortbildungsschule im Jugendheim (alte kath. Kirche) zurückkehrt. Auf dem Nachhausewege wurde mutwilligerweise u. a. ein Hühnerstall abgerissen, die Häuser werden mit Steinen beworfen usw. Bei dem Versuch, die Burschen zu stellen, läuft man Gefahr, verletzt zu werden. Es wäre doch erforderlich, daß zur Sicherheit der Bewohner abend von 8—10 Uhr Polizeistreifen beordert würden.“
Für Johann Hüls wurde es angesichts der immer mehr an Macht gewinnenden NSDAP bereits 1932 in Hiltrup zu gefährlich, er setzte sich mit seiner Familie nach Schlesien ab und „tauchte dort unter“. Am 11.1.1933 hieß es in der Sitzung des Kreistags nur „Der Kreistagsabgeordnete Hüls, Hiltrup (SPD), ist ausgeschieden durch Ansiedlung im Osten.“ (Im Heimat- und Einwohnerbuch für Hiltrup von 1940 blieb er eingetragen mit der Adresse „Hüls, Johann, Arbeiter, Dorf 373“.)
So sehr die in Münster damals alles beherrschende Zentrumspartei nach Rechtsaußen orientiert war, so zerstritten war die politische Linke. Wegen der „zu zaghaften Politik der SPD im Reich“ war auch in Münster eine KPD-Organisation entstanden, blieb jedoch ständig schwächer als die SPD. Beide Parteien waren in Münster nicht sehr stark. Das hinderte sie jedoch nicht daran, auch in Münster das zu praktizieren, was reichsweit gang und gäbe war. Die gegenseitigen Vorwürfe von „Arbeiterverrat“, „sozialfaschistischer Politik“ und „russischer Zwangsherrschaft“ führten im Reich zu immer heftigeren Kämpfen zwischen SPD und KPD; auch in Münster nahm die Auseinandersetzung schärfere Formen an, bis hin zum Straßenkampf Anfang der 30er Jahre im Anschluss an eine sozialdemokratische Versammlung.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 14.08.2026 aktualisiert.)
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