Weimarer Republik I
Neuer Aufbruch

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Münster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche (die bis 1918/1919 noch die örtliche Schulaufsicht ausübte) unterstützte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklärte sie im Amtsblatt der Diözese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien für unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Das münstersche Zentrum war innerhalb der reichsweiten Zentrumspartei auf dem äußersten rechten Flügel angesiedelt. Während im Reich das Zentrum auch in der Koalition mit der SPD die Weimarer Republik zumindest lange Jahre stützte, steuerte die Münsteraner Organisation einen harten Kurs gegen die „linke Gefahr“ und mochte sich mit dem republikanischen Staat nicht sehr identifizieren.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und anderem Bedarf blieb katastrophal. Lebensmittel gab es auf Karten, Personenzüge fielen wegen Kohlenmangel aus, Güterzüge wurden zur Personenbeförderung freigegeben. Gummireifen für Fahrräder waren Mangelware, man behalf sich mit Stahlfedern.

Die Frühzeit der Weimarer Republik war von scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse im Innern des Reichs geprägt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelang es im Frühjahr 1920, den reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsch niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisierte sich das politische System. Die SPD konnte, etwa im Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel hatten. Sie führte die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor allem in Preußen, und wurde auch in vielen Großstädten bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.
Das Firmengelände der früheren Hiltruper Terrazzo und Cementwarenfabrik F. M. Dalhoff, wo die Gründer der Hiltruper SPD gearbeitet hatten, lag bei Kriegsende brach. Die Nachfolgefirma von Dalhoff und danach der Holzhandel von Franz May waren in Konkurs gegangen, die Armee hatte das Gelände als Lager für Artilleriemunition genutzt.

Am 15.9.1919 eröffneten auf dem Gelände die Hiltruper Röhrenwerke Fischer & Co. mit zunächst 30 Arbeitern. An der Betriebsgründung beteiligt war auch ein Nachbar, der Soda-Fabrikant Mittrop. Die Firma hatte „Bahn-Anschlussgleis“ und „Privathafen am Dortmund-Ems-Kanal“, das alte Verwaltungsgebäude der Firma F. M. Dalhoff wurde durch einen größeren Neubau ersetzt.

Zu den Produkten gehörten Röhren zur Aufhängung von Fleischwaren im Räucherofen, stählerne Schutzrohre zur Verlegung elektrischer Leitungen und Rohre für Bettgestelle. Diese wurden mit den Produkten von Glasurit lackiert.
Die Stadt Münster stellte 1923 Überlegungen an, 10 weitere Landgemeinden, darunter auch Hiltrup, einzugemeinden. Die Pläne verliefen jedoch für Hiltrup im Sande: Oberbürgermeister Sperlich erklärte 1928, man wolle lieber in Güte zum Ziele kommen als hart auf hart zu gehen (Volkswacht 24.7.1928. Hiltrup wurde erst zum 1.1.1975 eingemeindet).
An der Bahnhofstraße zwischen den Hausnummern 41 und 45 baute Josef Suhrheinrich ab 1919 die Fertigung von Betonfertigteilen auf („Beton-, Kunststein- und Terrazzowaren“). Mit seinem Freund Heinrich Mertens, der in Hiltrup ab 1907 die Gärtnerei Mertens betrieb, entwickelte er Betonfertigteile für Glashäuser; Mertens hatte ihn überredet, nach Hiltrup zu ziehen. Bereits 1926/1927 wurden in größerer Zahl Gewächshäuser produziert, 1928 verlegte Suhrheinrich den Betrieb zur Bahnhofstraße 42; das Betriebsgelände hatte weitere Zufahrten von der Klosterstraße und von der Finkenstraße. Nach seinem Tod (1930) führte der Architekt Joseph Meyer (1903-1994) den Betrieb fort; Meyer heiratete 1932 die Witwe des Firmengründers (Emma Suhrheinrich, 1894-1965). 1935 firmierte Suhrheinrich auch unter „Kalksandsteinwerk Surhenrich“, die Jos. Suhrheinrich KG bestand bis 1991. Meyers zweite Ehefrau Maria Meyer-Suhrheinrich (1925-2022) brachte das Vermögen in die Meyer-Suhrheinrich Stiftung ein, auf dem Firmengelände entstanden Altenwohnungen und eine Pflegeeinrichtung.

Aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten mussten sich eine neue Existenz aufbauen. Der Schwerkriegsbeschädigte Heinrich Hagehülsmann zum Beispiel betrieb die Hiltruper Bahnhofsspedition und eröffnete in Räumen des Bahnhofs im Herbst 1921 eine Schankwirtschaft (Bahnhofswirtschaft). Sie lebte von den Arbeitern der umliegenden Betriebe und von den Eisenbahnern im Bahnhof und im Güterbahnhof. (In den 1980er Jahren wurde die Bahnhofswirtschaft aufgegeben.)
Es war eine unruhige Zeit: Maria Mertens erinnert sich daran, wie sie 1919 als Achtjährige von der Gärtnerei Mertens an der heutigen Westfalenstraße aus Spartakisten beobachtet hat. Es war eine große Gruppe aus dem Ruhrgebiet kommend, die an der Kanalbrücke von vielen Polizisten zurückgehalten wurden.
Im Baugewerbe herrschte nach dem verlorenen Krieg Auftragsmangel. Die Baufirma der Gebrüder Bröker verlegte sich vorübergehend auf die Fabrikation von Dachziegeln und Marmelade.
1920 begann der Ausbau des Gesundheitswesens, drei Missionsschwestern im Alten Pfarrhof („Marienheim“) übernahmen zu Fuß oder mit dem Fahrrad die ambulante Krankenpflege.

1923 richteten sie hier ein kleines Krankenhaus ein für 10 bis 12 Kranke einschließlich Wöchnerinnen; auch „uneheliche Kinder“ wurden betreut, bis sich Pflegefamilien fanden. Ab 1927 wurden auch alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen (Adressbuch 1928: „Krankenhaus (Marienheim)“).

Das Marien-Hospital bestand an dieser Stelle bis 1941. Da es keinen Luftschutzkeller hatte, musste es in das Schwesternhaus an der Hammer Straße umziehen, wo nach der Schließung der Missionsschule Platz war.
Die Versorgung der Bevölkerung war noch 1921, drei Jahre nach Kriegsende, schwierig. Lebensmittel waren rationiert: Im Juli 1921 gab es in Hiltrup als „Kinderzulage auf Feld 19 der roten und grünen Nährmittelzusatzkarten 500 Gr. Zucker zum Preise von 4,20 Mk.“ (Inserat in der Zeitung Volkswille am 17.7.1921). Ein Maurer verdiente im August 1921 1555,30 Mk. Höchstlohn; 70 % der Schulkinder in Münster waren nach Feststellung des Stadtarztes unterernährt (Volkswille 29.8.1921). Für Kinder aus Münster organisierte die Arbeiterwohlfahrt Ausflüge, am 8.9.1921 nach Hiltrup: Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, „woran das Kloster sehr reich ist“, Kaffee und Kuchen und Karussellfahren beim Restaurant H. Vogt (Volkswille 13.9.1921).
Die 1909 gegründete Ortsgruppe Hiltrup der SPD war wieder aktiv: Am 13.7.1921 wurde Kreimer (Hiltrup) als Delegierter für den Bezirksparteitag gewählt. „Auch in unserem Orte tritt nunmehr der Sozialdemokratische Verein wieder mehr an die Öffentlichkeit, um ihr über die schwebenden wichtigen Fragen der inneren und äußeren Politik Aufklärung zu geben“ berichtete der Volkswille am 28.2.1922. Am 19.3.1922 beschloss die Generalversammlung der Hiltruper SPD in der Gaststätte Scheller, an jedem 3. Sonntag im Monat Mitgliederversammlungen abzuhalten.
In der Gaststätte Scheller fand am 12.3.1923 eine gemeinsame Versammlung von USPD und SPD Hiltrup statt. Thema war die „Notwendigkeit der einheitlichen zielbewußten Abwehr des französischen Vormarschs im Ruhrgebiet sowie die andererseits gleichfalls erforderliche Bereitschaft zur Verständigung“; darauf erklärte die USPD, dass sie „einstimmig der Wiedervereinigung beistimme“ (Volkswille 14.3.1923). Die vereinigte „VSPD“ setzte sich auch in Hiltrup mit der KPD auseinander. Bei der Kommunalwahl im Mai 1924 konnte die SPD kein Mandat gewinnen. In den anhaltenden politischen Auseinandersetzungen diskutierte die Hiltruper SPD die Gründung einer Ortsgruppe des Reichsbund Schwarz-Rot-Gold als „Schutzorganisation für die Verfassung und die Republik“, am 24.8.1924 wurde das SPD-Mitglied Johann Hüls erster Vorsitzender.
Nachdem Dr. med. Wahlert 1920 seine Praxis in Hiltrup aufgegeben hatte, richtete Dr. Franz Wiese 1922 unter den schwierigen Bedingungen der Inflationszeit eine neue bescheidene Praxis zunächst im Haus Harling (Bahnhofstr. 64, 1979 abgebrochen) ein, 1928 baute er das Haus Bahnhofstr. 65. 1936 ließ sich mit Dr. Tillmann ein weiterer Arzt in Hiltrup nieder (siehe Elisabeth Egger, Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup).

Das Foto des Hiltruper Postamts an der Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee 32, Grosche) um das Jahr 1923 lässt kaum eine Veränderung erkennen. Im Vergleich mit dem Foto aus dem Jahr 1904 ist aus dem „Kaiserlichen Postamt“ ein „Postamt“ geworden, die Laterne mit dem Reichsadler ist von der Hausecke verschwunden. Der Sandweg neben der gepflasterten Fahrbahn der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) ist noch nicht befestigt, das Nachbarhaus Nr. 34 (Schuhmacher Averesch) ist relativ klein.

Auch in der Mitte der Bahnhofstraße ist die Bebauung um diese Zeit kleinteilig.

Während des I. Weltkriegs hatte das deutsche Reich zum Beispiel durch Ausgabe von Darlehenskassenscheinen den Bargeldbestand aufgebläht. Der Krieg war schuldenfinanziert.
Nach dem I. Weltkrieg wurde allgemein eine Währungsreform erwartet. Münzgeld wurde knapp. Es wurde gehortet in der Erwartung, dass es seinen Wert behalten würde. Private und öffentliche Stellen gaben darauf um 1921 Notgeld mit kleinen Werten heraus.

Die folgende Inflation brachte große Not und Hunger. Anfang 1922 waren bereits Geldscheine mit einem Nennwert von 10.000 Mark im Umlauf, …

…, im November 1922 waren es schon Geldscheine mit einem Nennwert von 50.000 Mark, …

…, und bei den Scheinen vom 25.7.1923 über 50 Millionen Mark gab man sich noch nicht einmal mehr die Mühe, die Rückseite zu bedrucken. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen von 1923 bis 1925 zerrüttete endgültig die deutschen Staatsfinanzen.

Die Inflation brachte 1923 große Not und Hunger. Die Preise explodierten, das Geld wurde wertlos. Landesbank Westfalen und Stadt Dortmund gaben im Sommer 1923 Westfälisches Notgeld heraus mit Scheinen zu 2 Millionen und zu 50 Millionen Mark, im November waren es Scheine zu 5 Billionen Mark. Die Ausgabe des Notgeldes wurde von der französischen Besatzungsmacht behindert. Münsters Oberbürgermeister Dr. Sperlich beschwor in einem Aufruf („Wintersnot droht!“) „das graue Gespenst des Hungers“ und rief zu Spenden von Geld, Lebensmitteln oder Bekleidungsstücken auf.
Arbeitsstellen waren knapp: Auch der spätere Rektor der Volksschule Hiltrup (ab 1952) Theodor Harbaum bekam nach seiner 1. Prüfung im Jahr 1923 keine Stelle. Erst 1932 bis 1935 konnte er die Ausbildung in Hiltrup fortsetzen.
Seit 1880 hatte im deutschen Reich das Lehrerinnenzölibat gegolten, es wurde erst 1919 auf Antrag der SPD aufgehoben. 1923 forderte das Reichsarbeitsministerium die Arbeitgeberverbände und die Behörden auf, „keine sogenannten Doppelverdiener [insbesondere verheiratete Frauen] mehr neueinzustellen“ und auch die bereits beschäftigten Doppelverdiener zu entlassen, „insoweit …es die Betriebsverhältnisse gestatten und ungerechtfertigte Härten nicht entstehen“ (Bergedorfer Zeitung 28.11.1923); die rechtliche Grundlage für diese Wiedereinführung des Beamtinnenzölibats war die Personal-Abbau-Verordnung von 1923. Ähnliche Regelungen gab es zum Beispiel in der Schweiz. Das deutsche „Doppelverdienerverbot“ wurde 1933 vom NS-System in das Berufsbeamtengesetz übernommen und erst 1951 aufgehoben.
Die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten und mit der eigenen Ziege war wichtig. Zur Versorgung der hungernden Bevölkerung wurden auch in Hiltrup Lebensmittel auf Bezugsschein ausgegeben, wie der Hiltruper Arzt Heinrich Quante schildert. Selbst bei Beerdigungen musste an allem gespart werden, Särge wurden aus Gips statt aus Holzbrettern hergestellt, und im Oktober 1923 kostete in Hiltrup eine Beerdigung 390 Millionen Mark.
Im Hiltruper „Swieneduarp“ am Nordende des Breiten Weges (heute: Hohe Geest) gab es bei aller Not der Nachkriegszeit eine funktionierende Nachbarschaft, die auch zu feiern wusste. Im Juni 1923 feierten die Bewohner des Hiltruper Nordens ein Kinderschützenfest auf dem Kotten Hakenesch-Stertmann. Da die Kinder so viel Spaß gehabt hatten und auch bei den Erwachsenen das Bedürfnis nach mehr Gemeinschaft bestand, wurde im selben Jahr der Schützenverein Hiltrup-Nord von 1923 e.V. gegründet.

Die jährlichen Schützenfeste fanden ab 1924 meist bei einzelnen Schützenbrüdern im Garten statt. Den eher familiären Charakter bewahrte der Verein noch lange nach dem II. Weltkrieg (das letzte Vereins-Schützenfest fand 2023 statt). Die Vereinsfahne von 1958 zeigt den Gründungs-Kotten, man bekannte sich zum Schwein („Swieneduarp“) und feierte solidarisch: „Bei uns kann jeder König werden, weil der Verein die Kosten mitträgt“.
Die Währungsreform mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 (später: Reichsmark) brachte Stabilität und die Basis für neues wirtschaftliches Wachstum.

1923 wurde die Bahnhofstraße neu gepflastert, der Sommerweg und die seitlichen Entwässerungsgräben wurden beseitigt. Das Röhrenwerk baute 1924 ein Sauerstoffwerk (es lieferte den Sauerstoff für die Schweißanlagen des Röhrenwerks). Leo Schencking (1901-1979, Neffe von Reichskonsul Schencking) gründete 1928 das Kalksandsteinwerk mit Industriegleis am Bahnhof. Den Sand baute er unter anderem auf Flächen der Bauern Peperhowe und Bornemann ab, die als Mitgesellschafter in die Firma eintraten.
Sand für die Produktion kam aus dem „Silbersee“ und aus der Mertensheide, Abgrabungen südöstlich der heutigen Polizeihochschule, und von 1956 bis 1967 aus dem „Schencking-See“, dem Südteil des Baggersees, der heute Steiner See (offiziell: Hiltruper See) heißt. Das Werk wurde 1978 geschlossen nach Erschöpfung der Hiltruper Sandvorkommen. 1935 ist auch ein Kalksandsteinwerk Surhenrich erwähnt.
Vornehmlich in den zwanziger und dreißiger Jahren kamen Saisonarbeiter Ende Februar / Anfang März aus dem Lipper Land, aus Oberschlesien und aus Polen. Sie arbeiteten in den Ziegeleien und Gartenbaubetrieben und blieben bis zum Herbst.

In dem Baggersee, der später seinen Namen trug (Nordteil des heutigen Steiner Sees), eröffneten der Ingenieur Georg Steiner und seine Frau Annemarie Steiner um 1920 zunächst eine Forellenzucht. Um 1925/1926 gaben sie die Forellenzucht auf und bauten an ihr Wochenendhaus einen Clubraum und Umkleidekabinen an für den „Seeclub Heidhorn“, Freibad und florierende Kaffeewirtschaft. Am Ostufer des Sees ließ sich 1932 der „Eisenbahner-Badeclub“ nieder, auch der Turnverein Hiltrup pachtete Uferflächen an von der Stiftung Heidhorn.

Die Glasuritwerke, die 1917 gerade 54 Mitarbeiter hatten, gründeten 1919 eine Werksfeuerwehr und wurden im Jahr 1920 umfangreich erweitert. 1924 wurden die ersten Autolacke produziert. 1925 entwickelten die Glasurit-Werke neue Autolacke und ermöglichten damit die Spritzlackierung in der Fließbandfertigung. Markenzeichen der Glasurit-Lacke wurde 1925 der bunte Glasurit-Papagei.

Lehrerin Alma Neisemeyer organisierte hauswirtschaftlichen Unterricht für die Mädchen. In Münster betrieb der Katholische Frauenbund eine „Kochschule“ (Westfälischer Merkur 10.3.1908) – in Hiltrup wurde der Alte Pfarrhof von Alt-St. Clemens zur „Kochschule“. Auf dem Foto von 1924 posieren die Mädchen mit Lehrerin Alma Neisemeyer (in der Mitte hinter dem Tisch) und Ida Eichstädt (vorn); für den Fotografen präsentieren sie ihr Handwerkszeug: Messer, Gabel, Rührschüssel und -löffel, Kartoffelschalen und -reiben, Kaffeemühlen, Wischlappen und Schrubber.
Seit 1904, als die Knabenschule an der heutigen Patronatsstraße gebaut worden war, hatte sich bis 1925 Hiltrups Einwohnerzahl auf knapp 3000 ungefähr verdoppelt.

1925/1926 wurde ein neues Schulgebäude an die alte Knabenschule angebaut. (Die alte Schule von 1904 wurde 1998 abgebrochen, das Gebäude von 1925/1926 wurde renoviert.)

Hiltrup wuchs und hatte 1925 2.861 Einwohner. Die vierklassige Volksschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) musste 1925 mit einem Anbau auf 8 Schulräume erweitert werden.
Die rasante Entwicklung des Ortes nach dem I. Weltkrieg lässt sich auch an den Postkarten-Ansichten von Gasthäusern ablesen.

Das Gasthaus Heithorn hat aufgestockt. Die Postkarten von 1898 und 1904 (siehe Dorf Hiltrup) zeigen noch ein schlichtes einstöckiges Gebäude mit Satteldach – um 1920 ist ein Dachausbau hinzugekommen mit einem Fachwerkgiebel zur Chaussee hin.

Um 1920 hat die Chaussee Münster-Hamm inzwischen Pflaster und einen Bordstein. Das Gasthaus Scheller macht auf diesem Bild noch einen bescheidenen, einfachen Eindruck.

Ungefähr fünf Jahre später um 1925 posieren vor dem Wirtschaftsgebäude (links) noch Bäcker in weißem Zeug, aber über dem Eingang der Bäckerei links im Bild steht jetzt „Bäckerei und Conditorei“. Das Gasthaus ist umgebaut und umbenannt. Der Eingang des Gasthauses ist zur Hausecke verlegt, über der Eingangstür sind auf Eisschollen zwei Eisbären gemalt, elektrische Birnen beleuchten das Gemälde.
Am Giebel des Gasthauses ist ein neuer Schriftzug zu lesen: „Restaurant und Café zum Nordpol“. Der Name „zum Nordpol“ stammt nach einer Quelle aus der Zeit um 1910, als ein Eisbär im Eingangsbereich angeblich den Leuten vom Osten Hiltrups den Einlass verwehrte: 1910 wurde erbittert gestritten um den Standort für den Kirchen-Neubau. Hannelore Scheller, bis 2005 Wirtin im Gasthaus Scheller, führt den Namen auf den Bärenclub Hiltruper Handwerksmeister („Lustig wars in Schellers Kneipe…“) zurück: Um 1910 gab sich Heinrich Theodor Scheller den Mitgliedsnamen „Eisbär“, weil er die nördlichste Gaststätte in Hiltrup hatte. Um seinen neuen Beinamen nach außen hin besser zu dokumentieren, brachte er in der Gaststube das Bild eines Eisbären an und nannte seine Gaststätte „Zum Nordpol“.

Vor Schellers „Bäckerei und Conditorei“ steht die erste Benzin-Zapfsäule Hiltrups.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)


