Es geht aufwärts
Auch auf der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) gab es zunächst wenig Bewegung. Auf der Nordseite der Bahnhofstraße zeigt die Postkarte um 1950 ganz links Haus Nr. 27 (Vielmeyer). Nr. 31/33 dahinter (Beitelhoff) ist mit einigen Umbauten und wechselnden Nutzungen (Installateur, Haushaltswaren, Eisdiele Martini) bis 2026 erhalten. Im nächsten Haus Nr. 35 gibt es 1950 den Laden der Lebensmittelkette „Hill“, dahinter die Drogerie Säger (1971 bis 2024: Rosenapotheke). Erst wenige Jahre später entsteht gegenüber mit Nr. 38-40 ein Neubau mit größerer Ladenfläche für Hill (2025: Drogeriemarkt dm). Das kleine Haus am rechten Bildrand mit der Hausnummer 34 gehört Heinrich Averesch, Schuh- und Kolonialwaren, dahinter (Nr. 36) hat Friseur Heßling sein Ladenlokal (2022 abgebrochen, bis Ende 2025 nicht wieder bebaut); dahinter steht mit einigem Abstand das Wohnhaus des Betonsteinunternehmers Meyer-Suhrheinrich (Nr. 42).

Erste Bombenschäden wurden repariert. Die beschädigte Hälfte des Eckhauses Bahnhofstraße / Klosterstraße (Grosche und Holthenrich) wurde abgebrochen und durch ein einfaches Provisorium ersetzt.
In den Geschäften gab es wieder Waren „in Friedensgüte für verwöhnte Ansprüche“. In ihrem Weihnachtskatalog 1950 warben die Hiltruper Kaufleute für den Einkauf in Hiltrup: „… haben die Hiltruper Kaufleute mit viel Mühe und großer Sorgfalt das Niveau ihrer Geschäfte in den letzten Jahren derart gehoben, dass sie jetzt mit den münsterischen Kaufhäusern jederzeit konkurrieren können und sie in manchen Artikeln sogar noch übertreffen“. Die mechanische Holzschuhmacherei von Franz Israel bot wieder Holzschuhe von sämtlichen Sorten an (Werbeanzeige von 1948).
Die Fresswelle der Nachkriegszeit rollte an. Im Hiltruper Museum ist eine Schneiderrechnung von 1950 aufbewahrt, der Direktor des Röhrenwerks musste einen Anzug weiter machen lassen (Kosten: 5,50 DM). Die Rechnung zeigt auch, wie wertvoll Kleidung in dieser Zeit noch war: Einen neuen Anzug arbeitete der Schneider (92,50 DM), er flickte, arbeitete auf und bügelte.

Auch Schuhe waren wertvoll: Schuhe ließ man beim Schuhmacher anfertigen oder zumindest reparieren, solange es ging. Acht Schuhmacher versammelten sich 1948 noch für ein Foto – 2022 gab der letzte Schuhmacher in Hiltrup auf.
Die Verteilstellen der Konsumgenossenschaften, die nach dem I. Weltkrieg aufgeblüht waren (in Hiltrup zum Beispiel der Laden der Konsumgenossenschaft Eintracht an der Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße und der Konsum an der Bahnhofstr. ), spielten keine Rolle mehr. Die Genossenschaften waren in der NS-Zeit aufgelöst worden, das Vermögen und die Verteilstellen (Läden) waren auf die NS-Organisation „Deutsche Arbeitsfront“ übergegangen; die Läden waren zum Teil auf die früheren Marktleiter übertragen worden, die nach Kriegsende häufig die Rückgabe verweigerten. (Im Jahr 1954 besiegelte das Rabattgesetz das Ende der Konsumgenossenschaften.)

Einige Geschäfte bildeten in den 1950er Jahren noch ein kleines Geschäftszentrum am Bahnhof, eine weiß verputzte einstöckige Häuserzeile gegenüber dem Bahnhofsgebäude (die „Schenckingschen Kolonnaden“).

Neben der Gaststätte Elfering gab es den Goldschmiedemeister August Raring (ab 1965 an der Marktallee), August Kasberg Blumen Gemüse Obst Südfrüchte / Blumen Lange, im Eckgeschäft die Bahnhofsdrogerie Niemeier / Karl Tesch, das Textilgeschäft Kirchhoff / Textil Thüning (ab 1967 an der Marktallee), Konditor Baumeister / Heinz Baumeister Toto Lotto, Radio Oexmann, Hermann Schürmann Schuh-, Maß- und Reparaturwerkstatt und zuletzt Frisör Helmer. „Konditor Baumeister bot viele Dinge des täglichen Bedarfes, Backwaren, Zeitschriften, Süßigkeiten und Schreibwaren“, erinnerte sich Raring (WN 28.7.2012).
Gegenüber gab es im Bahnhofsgebäude die Bahnhofsgaststätte Heinrich Hagehülsmann, auf der anderen Kanalseite die Gaststätte Zur Prinz-Brücke. Im Bahnhofsumfeld und bei Elfering trafen sich laut Raring bevorzugt die Arbeiter der umliegenden Betriebe.
Der Güterbahnhof von Münster war durch Bomben zerstört. Der Hiltruper Güterbahnhof war nicht zerstört.

Für den Güterverkehr war der Hiltruper Bahnhof nur eingeschränkt nutzbar, da er keine Kopframpe (OK) besaß. Neben den Hauptgleisen 1 und 2 hatte er 3 weitere Gleise. Von Gleis 5 auf der Ostseite zweigte das Industriegleis zum Röhrenwerk ab, auf der Westseite zweigten das Industriegleis zu Glasurit (heute BASF Coatings) und ein weiteres Gleis zu dem Güterschuppen neben dem Bahnhofsgebäude ab (der Güterschuppen wurde im Jahr 2000 abgerissen).

Fracht für Münster wurde in den 1950er Jahren am Hiltruper Güterbahnhof auf LKW umgeladen. Hier fanden auch viele Dienstbesprechungen mit der Bundesbahndirektion statt.

Die Güterwagen standen zum Entladen auf einem Gleis parallel zum Hauptgleis 1 an der Ostseite des Güterschuppens.

Gleisarbeiter, Aushilfen und das vielköpfige Bahnhofspersonal trafen sich in der Bahnhofsgaststätte, daneben mancher Glasurit-Arbeiter. Der Wochenlohn wurde bis zur Umstellung auf Girokonten bar ausgezahlt, es lag nahe, hier ein Bier zu trinken. Die „Bürger“ trafen sich laut Raring bei Ötte Vogt (2023: Nikos).
Auf der Bahnhofstraße wachte das Auge des Gesetzes in Gestalt von Polizei-Wachtmeister Anger: Wer sich als Radfahrer an einen LKW anhängte und mitziehen ließ, bekam eine Anzeige; das Amtsgericht erließ eine Gerichtliche Strafverfügung und verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 3,00 D-Mark, ersatzweise ein Tag Haft.
In den folgenden Jahrzehnten, verstärkt nach dem Bau der Hochbrücke 1980 wanderten die Geschäfte ab. Der Hiltruper Güterbahnhof wurde 1962 geschlossen und danach auch das Bahnhofsgebäude. Die Schenckingschen Kolonnaden wurden 1988 abgerissen und 2001 nach fünfjährigem Leerstand das benachbarte zweigeschossige Haus gegenüber dem Bahnhof, in dem sich zuletzt eine Kneipe und ein Frisörgeschäft befanden. Das Bahnhofsumfeld verödete. Es wurde erst ab 2007 durch Wohn-/Geschäftsbauten und 2017 durch die Geschäfte des Stroetmann-Komplexes (Wiewel-Supermarkt u.a.) neu strukturiert.
Hiltrup wuchs rasch, Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat, und die Industrie florierte. Allein von 1946 bis 1948 stieg die Einwohnerzahl von 6341 auf 7290. Mit dem Zuzug von Flüchtlingen kamen auch immer mehr Evangelische nach Hiltrup, 1948/1949 wurde die Paul-Gerhardt-Schule als evangelische Bekenntnisschule von der katholischen Clemensschule „abgezweigt“ (ab 1972 Gemeinschaftsschule). 1950 wurden dem damaligen Amt St. Mauritz, zu dem Hiltrup gehörte, 880 Vertriebene zugewiesen, die Wohnungsnot vergrößerte sich dadurch noch weiter. Hiltrup erschloss die Baugebiete Ringstraße, Amelsbürener Straße und Lange Straße. 1950 hatte Hiltrup bereits 7.348 Einwohner (davon über 700 Flüchtlinge), 1955 waren es schon 8347 (davon 1192 Heimatvaertriebene).
Lebensmittel blieben knapp: Noch Anfang 1950 wurden die Grundnahrungsmittel mit Lebensmittelmarken des Landesernährungsamtes bewirtschaftet.
Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war um 1950 noch sehr kleinteilig bebaut. Zwischen den Häusern lagen Gärten, einzelne Grundstücke waren noch frei.

Die Weihnachtspostkarte von 1951 zeigt einen Abschnitt der Bahnhofstraße (später: Marktallee): Rechts Vielmeyer (Nr. 27), dahinter Jasper (Nr. 23) und die Kreuzung Münsterstraße (heute: Hohe Geest) – inzwischen längst durch mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt. Rechts zwischen Vielmeyer und Beitelhoff wurde später ein mehrstöckiges Wohnhaus gebaut (Nr. 29), das 2022/2023 schon wieder durch einen Neubau ersetzt wurde.
Der Verkehr auf der Bahnhofstraße nahm „in einem solchen Maße zu, daß es notwendig erscheint, die Bahnhofstraße den übrigen Dorfstraßen gegenüber verkehrstechnisch höher einzustufen“ (WN 10.11.1951), an der Kreuzung Bahnhofstraße / Münsterstraße (heute: Hohe Geest) wurden Verkehrsschilder aufgestellt.

„Unseren Toten“ der beiden Weltkriege wurde 1951 das Ehrenmal an der Hammer Straße (später: Westfalenstraße) gewidmet. Auf Anregung des Bürgerschützenvereins hatte sich ein „Ehrenmal-Ausschuss“ gebildet unter Vorsitz von Josef Eschweiler. Zur Übergabe an die Gemeinde erschienen Fahnenabordnungen der Vereine, Kinder der Gefallenen, Bürger der Gemeinde, Feuerwehrleute mit brennenden Fackeln, Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene (Bericht der Westfälischen Nachrichten vom 11.9.1951). Eschweiler als Vorsitzender des Ehrenmal-Ausschusses erinnerte daran, dass die Gemeinde schon 1930 ein Ehrenmal geplant hatte.


Neben „Unseren Toten“ hatten die Initiatoren des Ehrenmals andere Gewaltopfer nicht im Blick. Noch 1967 wurde der Volkstrauertag ungeniert „Heldengedenktag“ genannt in einem Leserbrief an den von der CDU herausgegebenen Hiltruper Anzeiger. 1974 beklagt Dobelmann in seiner Darstellung der Hiltruper Geschichte (Hiltrup, Aschendorffsche Buchdruckerei Münster 1974) die „Schreckensherrschaft der freigelassenen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter“ nach dem II. Weltkrieg (ähnlich die Hiltruper Missionsschwestern in ihrem Kriegstagebuch), ohne auf deren schreckliche Lebensumstände einzugehen.

Das Ehrenmal wurde erst später um eine Bronzetafel ergänzt mit der Aufschrift „Zum Gedenken aller Opfer von Krieg und Gewalt“.)
1950 überschritt der Umsatz des Glasurit-Werks das Vorkriegsniveau.
Anfang 1950 wurden die Arbeiten an der II. Fahrt des Hiltruper Kanalbogens wieder aufgenommen. Am 23.1.1952 wurde die II. Fahrt feierlich eröffnet. 1959 wurde der Kanal für das 1000-Tonnen-Schiff freigegeben, 1963 für das 1350-Tonnen-Schiff („Europaschiff“).

1946 hatten die Besatzungsmächte verboten, Luftschutzeinrichtungen für die Bevölkerung zu unterhalten. Die alte Luftschutzsirene auf der Clemensschule wurde ab 1949 von der Feuerwehr zur Alarmierung benutzt. Anfang der 1950er Jahre änderte sich die Einstellung: Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurde Katastrophenschutz wieder ein Thema. Zur Alarmierung der Bevölkerung wurden wieder Sirenen installiert, im Amt St. Mauritz 98 Stück im Jahr 1963. Das Foto zeigt den Steigeturm der Hiltruper Feuerwehr mit einer Sirene auf dem Dach.

Zur Bundestagswahl am 6.9.1953 stellten CDU, CSU und FDP wie schon 1949 die „Gefahr aus dem Osten“ in den Vordergrund. Die FDP verunglimpfte mit diesem Plakat die SPD als Landesverräter. Die katholischen deutschen Bischöfe ließen von allen Kanzeln ein Hirtenwort verlesen: „Erfüllt Eure Wahlpflicht … so, daß Ihr dereinst vor Eurem Richter bestehen könnt“ – sie erklärten SPD und FDP für nicht wählbar. Die Westfälischen Nachrichten (31.8.1953) verbreiteten das Hirtenwort, sie betrieben massive Wahlpropaganda für die CDU mit Schlagzeilen wie „Wo Adenauer spricht, strömen die Massen“, einem groß aufgemachten Bericht „Adenauer am Sarkophag Bismarcks“ und mit dem Abdruck von Adenauers Wahlaufruf für die CDU/CSU (WN 4.9.1953). In der Ausgabe vom 4.9.1953 druckten die Westfälischen Nachrichten ein diffamierendes Schmähgedicht mit dem Titel SPD war verreist: „Die SPD – Ihr könnt es lesen – sie tut in jedem Kommentar, als wäre sie verreist gewesen, solange Adolf oben war….“
Der Vorsprung der CDU (45,2 Prozent) wuchs im Ergebnis der Wahl bundesweit deutlich gegenüber der SPD (28,8 Prozent). Von den 487 Sitzen im Bundestag entfielen 243 auf die CDU/CSU, 151 SPD, 48 FDP, 27 Gesamtdeutscher Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE), 15 Deutsche Partei (DP) und 3 Deutsche Zentrumspartei (Zentrum).
Ab Dezember 1953 ließen Bundeskanzler Adenauer und sein Staatssekretär Globke durch Reinhard Gehlen (Chef der Organisation Gehlen, des späteren Bundesnachrichtendienstes) den Vorstand der SPD illegal ausspionieren (der Historiker Klaus-Dietmar Henke legte dazu 2022 auf der Grundlage der historischen Akten die Untersuchung Geheime Dienste vor).

Die Bevölkerung musste in dieser Zeit noch eng zusammenrücken. Bis in die 1970er Jahre hinein dienten auch die Baracken als Behelfsheime, die in der NS-Zeit für die Lager von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gebaut worden waren. Auch Baracken des Lagers Waldfrieden in Hiltrup wurden bewohnt.
Eine Hiltruperin beschreibt die Wohnungsnot in ihren Erinnerungen 1926 bis 1980. Wohnraum wurde bewirtschaftet, das kommunale Wohnungsamt entschied über die Zuweisung einzelner Zimmer. Im II. Weltkrieg waren Viele ausgebombt und hatten dadurch ihre gesamte Habe verloren. Sie konnten einen Kriegssachschaden anmelden. Im Jahr 1950 dauerte es in Münster nach dem Antrag in einem Beispielsfall 10 Monate, bis Ausgebombte eine erste „Hausrathilfe“ von 100,00 DM erhielten. Zwei Jahre dauerte es von 1952 bis zur Bewilligung einer Hausratentschädigung: 700,00 DM insgesamt für den zweimaligen Verlust der gesamten Habe. (Bis zum abschließenden „Gesamtbescheid“ dauerte es im Beispielsfall weitere 4 Jahre: 1958 erhielten die Ausgebombten noch einmal 400,00 DM.) Wer vor 1945 gespart und zum Beispiel Kommunalobligationen gekauft hatte, dem ging es nicht viel besser: Aus 5.000 Reichsmark wurden 1954 im Beispielsfall 190,00 DM.

Auch in Hiltrup waren noch Häuser von der Britischen Armee für ihre Offiziere beschlagnahmt und wurden erst um 1950 wieder freigegeben.
„Zusammenrücken“ galt nicht nur für das Wohnen, sondern auch für den Schulunterricht. In der alten Klemensschule (heute: Bezirksverwaltungsstelle, Patronatsstr. 22) wurde in drei Schichten unterrichtet. Etwas Entspannung brachte im Herbst 1951 der erste Abschnitt des Schulneubaus an der Kardinalstraße 25 (damals: Volksschule Ludgerusschule).
Gesellschaftliche Veränderungen schlugen sich in den Berufswünschen der Schulabgänger nieder: „Zwei Drittel der schulentlassenen Mädchen haben die Absicht, Büroangestellte oder Verkäuferinnen zu werden. Nur eine verhältnismäßig geringe Zahl will sich der Hauswirtschaft widmen“ berichteten die WN (29.3.1952) – man spürt zwischen den Zeilen das Bedauern des Redakteurs. Weiter: „Von den Jungen will rund ein Drittel einen kaufmännischen Beruf erlernen.“
Viele Dinge waren nicht frei verkäuflich, sondern konnten nur über Bezugsschein gekauft werden. So konnte es passieren, dass man zwar die Zuteilung für einen Schlauch fürs Fahrrad bekam, aber nicht die dazugehörende Decke.
Aber es ging aufwärts. Nachdem schon 1939 der erste Deutsche Einheits-Fernseh-Empfänger entwickelt worden war, ging das Fernsehen zu Weihnachten 1952 auf Sendung. Die Geräte kosteten mit 1000 DM zunächst ein Mehrfaches des durchschnittlichen Monatslohns. Durchschnittlich beschäftigte Arbeitnehmer verdienten im Jahr 1950 zum Beispiel 212 DM netto / Monat (378 DM netto im Jahr 1958).

Die Kriegsschäden verschwanden: Die an der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald) durch Luftangriffe beschädigten Häuser wurden repariert bzw. durch Neubauten ersetzt. Das Textilhaus Grosche reparierte nach dem Krieg die zerbombte ehemalige „Kaiserliche Post“ an der Ecke Klosterstraße / Bahnhofstr. 32 (heute: Marktallee), die zerstörte Hausecke wurde zunächst provisorisch wieder hergestellt. Anfang der 1950er Jahre baute Grosche auf dem bis dahin unbebauten Nachbargrundstück (auf dem Foto links an das Eckhaus anschließend) das Modewarengeschäft. Auch eine weitere Baulücke wurde gefüllt, links an die giebelständigen Häuser der Bahnhofstraße anschließend wurde das Haus Nr. 38/40 gebaut. In dies größere Ladenlokal (im Jahr 2024: Parfümerie Pieper, dm, InfoPunkt) zog damals u.a. die Filiale der Lebensmittel-Ladenkette Hill, die mindestens seit 1940 gegenüber in Haus Nr. 35 bestanden hatte (im Jahr 2024: Optik Nühlen).
Die Gemeindeschwester war ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens, sie kümmerte sich um die häusliche Krankenpflege. Mit der beginnenden Motorisierung bekam die Missionsschwester Altrudis von der Kommune ein Moped geschenkt.

Im Vordergrund des Fotos vom Spielmannszug im Jahr 1954 ist der Gehweg der Bahnhofstraße vor dem Eckhaus Grosche (Bahnhofstr. 32) nicht gepflastert. Das gegenüber liegende Eckgrundstück Bahnhofstr. 30 ist noch nicht bebaut (2024: Cityfoto Wohlgemuth), ein schlichtes Schild weist zur Sparkasse in der Klosterstraße.

Das zunächst provisorisch geflickte Eckhaus Bahnhofstr. 32 / Klosterstraße ersetzte Grosche erst Anfang der 1960er Jahren durch einen schlichten Neubau, in dem sich bis in die 1980er Jahre das Kurzwarengeschäft Grosche befand.

Das Glasuritwerk (heute BASF) wurde in den 50er Jahren mehrfach erweitert. Auf dem Foto von Mitte der 50er Jahre erkennt man noch einzelne Wohnhäuser auf dem Werksgelände und im Vordergrund ein mit Wasser gefülltes Baggerloch, den „Silbersee“.
Hiltrup war nach einem Bericht der Westfälischen Nachrichten (23.5.1953) das „Dorf der Sandgruben“. Mehr als die Hälfte des abgebauten Sands ging als Bausand nach Münster zum Wiederaufbau der zerbombten Stadt.

Zwischen dem Glasuritwerk und dem Hiltruper Ortskern wurde Sand abgebaut für das Kalksandsteinwerk Schencking. Das Foto von 1956 zeigt in der Bildmitte die Polizeischule, dahinter den Neubau des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und das Paterkloster, im Vordergrund die Sandgrube in der Mertensheide mit Feldbahn zum Abtransport.
Das auf dem Foto sichtbare Baggerloch („Silbersee“) ist noch im Flächennutzungsplan von 1963 eingezeichnet (es wurde später zum größten Teil verfüllt, heute verläuft hier die Glasuritstraße). Glasurit beschäftigte wieder über 1.000 Mitarbeiter. Eine Sandgrube gab es in den 1950er Jahren auch nördlich der heutigen Patronatsstraße; die Sandgruben am Merkureck, am Gorenkamp und westlich der Hammer Straße in Berg Fidel wurden später als Müllkippen missbraucht.
Die Kardinal-von-Galen-Schule, ursprünglich Ausbildungsstätte des Missionarsnachwuchses im Paterklosters, war 1946 wieder eröffnet worden, hatte sich für männliche Externe geöffnet und 1952 die staatliche Anerkennung erhalten. Den Zuschussantrag für die naturwissenschaftliche Ausstattung des Neubaus 1956 lehnte das Land NRW ab, auch die Gemeinde Hiltrup lehnte „wegen des Widerstandes der Opposition“ ab; der Kreis Münster wich von seiner „bisherigen Auffassung zur Bezuschussung von Schulen“ ab und bewilligte 10000DM. (Ab 1968 nahm das Kardinal-von-Galen-Gymnasium auch Mädchen und Evangelische auf.)

Auch das Hiltruper Röhrenwerk wuchs: Die Produktion in Hiltrup war auf Rohre von 10 bis 76 Millimeter Durchmesser begrenzt. Die Ölindustrie brauchte größere Rohre bis 219 Millimeter, für die erforderliche Werkserweiterung in Hiltrup kam der Grunderwerb nicht zustande. Auf Initiative des Direktors Stein baute Hoesch 1954 für größere Rohre ein Werk in Hagen, 1957 entstand ein Spiralrohrwerk in Barop. In Hiltrup arbeiteten 1956 schon rund 500 Mitarbeiter.

Das Leben bestand auch in diesen Jahren nicht nur aus Wiederaufbau-Arbeit. Die Gemeinde Hiltrup hatte 1935 am Nordufer des Steiner Sees ein öffentliches Freibad eröffnet, das „Seebad Hiltrup“. Es bestand neben dem privaten Badestrand, den der Unternehmer Steiner 1925 mit seinem exklusiven „Steinersee-Klub“ an seinem Haus am Nord-West-Ufer des Sees aufgemacht hatte. Nach dem Krieg erhielt das Freibad einen durch eine feste Barriere abgegrenzten Nichtschwimmerbereich und den auf der Postkarte abgebildeten Sprungturm. 1963 wurde der Bereich als Wasserschutzgebiet (ab 1985 mit Badeverbot) ausgewiesen, das „Seebad“ wurde 1965 geschlossen. Die Verkrautung und Tiefenströmungen hatten die Unfallzahlen im Badebetrieb ansteigen lassen. 1968 wurden die neu gebauten Schwimmbecken im heutigen Freibad eröffnet. Der (nördliche) „Steiner See“ wurde später mit dem „Schencking-See“, dem südlichen Seeteil, verbunden, nachdem das Kalksandsteinwerk dort 1967 den Sandabbau einstellte.

Wer nicht so weit laufen wollte, ging im „Silbersee“ baden.Durch den Sandabbau für das Schenckingsche Kalksandsteinwerk war zwischen Polizeischule und Glasuritwerk ein Baggersee entstanden. Im Hintergrund zeigt das Foto bereits den Neubau der Marienkirche in Hiltrup-Ost.
Das Baden im Silbersee war nicht ungefährlich, wie ein Zeitungsartikel von 1957 belegt.

Neben dem Männergesangverein Hiltrup von 1848 blühte auch der Bürgerschützenverein Hiltrup von 1851 wieder auf. Auf dem Foto von 1956 schreiten der Präsident des Bürgerschützenvereins Dr. Walter Tillmann und das aktuelle Königspaar Martha Holthenrich und Bernhard Elkendorf die Front ab – einige der angetretenen Schützen präsentieren Holzgewehre, aber viele halten stattdessen Spazierstöcke oder andere Stöcke.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)



