Krieg, Verfolgung, Ausbeutung
In die Zeit um 1937/1938 fallen die meisten Parteieintritte in die NSDAP. Nicht vollständig zuverlässige Unterlagen, die ohne Datierung nach dem 2. Weltkrieg erstellt worden sind, weisen für Anfang 1945 543 Personen in Hiltrup als Mitglieder der NSDAP aus. 20 Personen sind als „verstorben“ gekennzeichnet; sie sind in der Auswertung zunächst mit berücksichtigt, da das Todesdatum in den Unterlagen nicht angegeben ist, also auch nach 1945 liegen könnte. Für 430 Parteimitglieder ist ein Eintritt zwischen 1930 und 1945 angegeben. Zwei weitere Personen sind als Inhaber des goldenen Parteiabzeichens aufgeführt, d.h. sie sind höchstwahrscheinlich vor 1929 in die NSDAP eingetreten. Der „harte Kern“ der bis 1933 Eingetretenen umfasst damit – soweit bekannt – 68 Personen.
Als die Mitgliederstärke der NSDAP zwischen Januar und April 1933 anschwoll, verhängte die Parteileitung am 1. Mai 1933 eine fast vollständige Aufnahmesperre. Nach deren Aufhebung 1937 stieg die Zahl der Parteimitglieder bis 1939 auf 5,3 Millionen an. Die große Welle der Opportunisten und Mitläufer trat in den Jahren 1937 bis 1939 in die NSDAP ein, in Hiltrup 306 Personen. Hiltrup dürfte 1945 ungefähr 5000 Einwohner gehabt haben, ungefähr 10 Prozent der Einwohner (einschließlich Kinder und Jugendliche) war also Parteimitglied – Akademiker, Handwerksmeister (drei als Parteifunktionäre), Unternehmer, Arbeiter, … Zum Vergleich: In ganz Deutschland (ungefähr 70 Millionen Einwohner) waren 1945 ungefähr 12 Prozent (8,5 Millionen) Parteigenossen.
Soweit Angaben zu Beruf / Tätigkeit der Hiltruper NSDAP-Mitglieder verfügbar sind (auch diese Angaben sind mit Vorbehalt zu betrachten), sind zu nennen: Selbständige Handwerksmeister (30), andere Selbständige (24), Ärzte (5), andere Akademiker (14), Polizisten (13), Bauern (9), Lehrer (5) – ein Großteil der „Oberschicht“ im dörflichen Hiltrup.
Bei oberflächlicher Betrachtung war Hiltrup also nicht außergewöhnlich „braun“, dürfte ungefähr im westfälischen Durchschnitt gelegen haben: Das katholisch geprägte Nordwestfalen hatte schon bei der Volksabstimmung 1934 (siehe oben) unterdurchschnittlich für Hitler gestimmt. Hiltrup war nur früher „braun“ geworden als andere.
5 der für das Jahr 1945 in Hiltrup als Parteigenossen gelisteten Personen waren danach Mitglieder der SS. 29 waren danach Mitglieder der SA; 12 von ihnen waren in den Jahren 1932 bis 1934 in die SA eingetreten, aber erst 1937 bis 1939 in die NSDAP. Auch diese Angaben stehen allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Unterlagen nicht vollständig zuverlässig sind; zum Beispiel ist der oben auf einem Foto in SA-Uniform gezeigte Lehrer Koch nicht aufgeführt (er ist im II. Weltkrieg gefallen, könnte aber auch einer anderen, benachbarten Ortsgruppe angehört haben). 11 Hiltruper Parteigenossen waren Mitglieder des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK); nach Einschätzung von Wikipedia möglicherweise ein Weg, sich der völligen Vereinnahmung durch das NS-System zu entziehen; nur für eine dieser 11 Personen ist auch die Mitgliedschaft in der SA gelistet.
Nicht alle Hiltruper Parteimitglieder blieben bis 1945 in der Partei. Die Zahl ist zwar klein, verdient aber Erwähnung: Eine Person trat 1943 aus der NSDAP aus. Drei Personen wurden aus der Partei ausgestoßen bzw. die Mitgliedskarte wurde entzogen (das konnte die verschiedensten Gründe haben, z.B. wegen kritischer Äußerungen). Zwei weitere Personen wurden nach Unterbrechung der Mitgliedschaft wieder aufgenommen. Die Gründe sind in diesen fünf Fällen nicht bekannt.
1939 wurde aus politischen Gründen der Rücktritt des 1933 gewählten Bürgermeisters Grüter veranlasst, der als Kandidat der NSDAP angetreten war. Er trat erst 1939 in die NSDAP ein, als Oberscharführer war sein Sohn Bernhard 1940 laut Heimat- und Einwohnerbuch für den Landkreis Münster Repräsentant der SS in Hiltrup. Neuer Bürgermeister wurde der NSDAP-Ortsgruppenleiter Gustav Fiegenbaum. Grüter blieb bis 1951 im Vorstand der Hiltruper Spar- und Darlehenskasse. Fiegenbaum war von 1939 bis 1947 (!) Schützenkönig des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup (Quelle: Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des Bürgerschützenvereins von 1851 Hiltrup).

Das Röhrenwerk von Hoesch an der Industriestr. 4 (jetzt: Nobelstraße) erweiterte sein Sauerstoffwerk 1937 um eine Acetylenanlage zur Versorgung der Schweißmaschinen, 1938 beschäftigte es 228 Mitarbeiter. Während des Krieges wurde es noch erweitert, nach einer Quelle produzierte es in dieser Zeit Geschützrohre. In Hoesch-Unterlagen der Nachkriegszeit heißt es, es sei kein Rüstungsbetrieb gewesen; die Fertigung im Kriege habe das Erzeugungsprogramm der Vorkriegszeit umfasst (Präzisionsrohre für die verschiedensten Verwendungszwecke, Rohre für die Elektroindustrie, Rohre für den Stahlleichtbau, Dachkonstruktionen aus Rohren eigener Fertigung). Das Röhrenwerk beschäftigte ab 1942 Zwangsarbeiter / ausländische Zivilgefangene: Zivilfranzosen (in der Kanalkantine Rabe untergebracht), Polen und Russen, darunter auch Frauen. Laut einer Liste der in Hiltrup beschäftigten Ausländer, die vom Landkreis Münster am 21.2.1949 der britischen Militärverwaltung übergeben wurde, arbeiteten in den Hiltruper Röhrenwerken 181 ausländische Arbeitskräfte, 118 Männer und 63 Frauen. 1945 wurde das Werk weitgehend zerstört.

Der nach dem 1. Weltkrieg gegründete „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ hatte sich 1933 schnell in den Dienst der nationalsozialistischen Heldenehrung gestellt. 1934 hatte er durch direkte Intervention bei Göbbels erreicht, dass der Volkstrauertag in „Heldengedenktag“ umbenannt wurde. Die Überschrift „Gräberwall um Deutschland“ und der Text der um 1940 verteilten Broschüre wirken aus heutiger Sicht wie eine makabre Prophezeiung.
Die Rüstungsproduktion benötigte Kupfer und Zinn. Die Behörden des NS-Staats organisierten eine reichsweite Sammlung von Metallgegenständen aus öffentlichen Gebäuden und aus privaten Haushalten, zum Beispiel die „Metallspende des Deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers“ im April 1940. 1941 wurde begonnen, auch Kirchenglocken abzunehmen, nur eine kleine Läuteglocke durfte jeweils bleiben.

Im Oktober 1942 verlor die St. Clemens-Pfarre so zum zweiten Mal fast alle Glocken. Wie schon 1917 mussten Glocken für die Kriegswirtschaft abgeliefert werden, sie wurden eingeschmolzen. Nur eine der vier Glocken durfte bleiben.
Kriegswirtschaft regelte auch die Versorgung der Bevölkerung, viele Lebensmittel und sonstiger Bedarf waren nicht mehr frei verkäuflich, sondern nur auf Karten oder gar nicht mehr zu bekommen.
Die Reichsbahn-Landwirtschaft (heute: Bahn-Landwirtschaft) sorgte auch in Hiltrup dafür, dass die Bahnbediensteten nicht hungern und frieren mussten. Bahnbedienstete konnten Eisenbahn-Land pachten, z.B. ehemalige Brandschutzstreifen entlang den Gleisen – ein Relikt aus Zeiten, als die Eisenbahn noch mit Dampf fuhr. Sie wurden zur weitgehenden Selbstversorgung mit Gemüse, Obst, Frühkartoffeln und Kleintierzucht aufgerufen. Beim Einkauf von Dünger, Saatgut und Kohlen wurden sie unterstützt. In Hiltrup bewirtschafteten Bahnbedienstete Flächen zwischen Bahn und Kanal südlich des Röhrenwerks und nördlich der heutigen Firma Freuco. 1943 wurden 36 t Dünger, 51 t Koks, 15 Zentner Saatkartoffeln und 5 t Torf an die Hiltruper Bahngärtnerei geliefert, die vermutlich die Weiterverteilung übernahm. (Im Foto der Hiltruper Bahngärtnerei rechts im weißen Hemd der Eisenbahn-Gärtner Josef Eggersmann, Gärtner und Reichsbahn-Oberrottenmeister; seine Frau betrieb die Samenhandlung an der heutigen Hohen Geest 57.)
Viele Hiltruper starben „im Kampf um die Freiheit Großdeutschlands“; wie schon im 1. Weltkrieg erhielten die Angehörigen ein Gedenkblatt zum Heldentod für Führer-Volk und Vaterland.
Für den Antrieb der neu entwickelten Waffen V1 und V2 wurde flüssiger Sauerstoff und flüssiger Stickstoff benötigt. Die Firma Linde errichtete auf Anweisung des Reichsluftfahrtministeriums am Hiltruper Sauerstoffwerk ein großes Maschinengebäude. Vor Inbetriebnahme wurden die Maschinen wieder abgebaut und nach Osten transportiert, um sie vor Luftangriffen zu schützen.
Das Hamburger Glasurit-Werk wurde 1944 komplett zerstört. Die Hiltruper Niederlassung musste einige Bombentreffer hinnehmen.
Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter mussten auch in anderen Bereichen die wegen des Krieges fehlenden Arbeitskräfte ersetzen. Aufgabe der Ortsbauernführer war es zum Beispiel, landwirtschaftliche Betriebe mit solchen Arbeitskräften zu „versorgen“ (Originalton des Artikels „Der Landwirtschaftliche Ortsverein Hiltrup“, Hiltruper Anzeiger November 1985).
In der Hiltruper Gärtnerei Gebrüder Hanses waren zum Beispiel etwa 40 Russinnen und Russen eingesetzt, darunter der „Ostarbeiter“ Nikolai Chmilewski. Er stammte aus Mykolajiw (russisch: Nikolajew) in der Ukraine und war offensichtlich 1943 im Alter von 46 Jahren nach Deutschland verschleppt worden. Eine Zeitzeugin erinnert sich (WN vom 18.11.2000): „Es war furchtbar. Die russischen Frauen hatten ihre Babys am Rand des Feldes auf die Erde gelegt. Wie Skelette sahen sie aus. Und die Frauen hatten die Babys in Säcke gepackt, um sie ein bisschen gegen die herbstliche Kälte zu schützen.“
Weitere Informationen zum Schicksal der Zwangsarbeiter finden Sie bei Dr. Gisela Schwarze (kurze Zusammenfassung bei Dr. Bernd Weber).
In die Kriegswirtschaft wurden die Schulen einbezogen. An vielen Stellen – auch an der Hiltruper Clemensschule – wurden Maulbeersträucher gepflanzt, und der NS-Lehrerbund erließ 1940 einen Aufruf an die Schulen zur Mitarbeit am Seidenbau. Die Kokons wurden (zum Beispiel von einer Schule in der Grafschaft Bentheim) an die Mitteldeutsche Spinnhütte geschickt; die daraus gewonnene Seide wurde für Artilleriemunition und Fallschirme verwendet.
Auch die Hiltruper Missionsschwestern begannen 1940 eine Seidenraupenzucht, um Seide für Fallschirme zu gewinnen. 1941 wurden sie aufgefordert, in der Näherei des Klosters möglichst 400 Betttücher pro Tag für die Wehrmacht herzustellen.
Das Kloster der Hiltruper Missionare wurde am 12.7.1941 beschlagnahmt, die Mönche wurden aus Westfalen ausgewiesen. In den Tagen zuvor hatte es fünf schwere Bombenangriffe auf Münster gegeben; sie dienten als Vorwand, Unterkunftsmöglichkeiten für Ausgebombte zu schaffen. Tatsächlich quartierte der Reichsarbeitsdienst sich hier ein. Rund um die Beschlagnahme wurden Gerüchte gestreut („Fake News“), im Kloster seien eine Geheimdruckerei und ein Schwarzsender gefunden worden.
„In Hiltrup gab es keine Juden“, viele Jahre nach der NS-Zeit behaupteten das noch Alt-Nazis in Hiltrup. Das Schicksal mehrerer Juden in Hiltrup ist bekannt:

Der in Elberfeld/Wuppertal am 10.07.1903 geborene Kaufmann Josef Salomon lebte bis zu seiner Heirat 1931 in Essen. Von seinem Schwiegervater Simon Kahn erhielt er zur Hochzeit mit dessen Tochter Ilse 1931 in Bochum das Startkapital für einen kleinen Zigarettenhandel. 1934 lebte das Paar in Hiltrup in der heutigen Westfalenstr. 176 [damals 174], wo auch die Stolpersteine verlegt wurden. Im selben Jahr wurde der Sohn Manfred geboren. Anfang 1936 zog die Familie nach Münster, Hamburger Str. 42 um, Josef S. betrieb dort eine Vertretung und einen Tabakwarenhandel. Als Wandergewerbescheine für Juden nicht verlängert wurden, meldete er am 1.10.1938 einen Friseurbetrieb (die letzte für Juden erlaubte Handwerkstätigkeit) für „nicht-arische“ Kundschaft an. Nach dem Pogrom 1938 erhoffte er sich aufgrund seiner Mittellosigkeit Hilfe vom Jüdischen Flüchtlingskomitee in Amsterdam. Im August 1939 wurde die Familie S. in das „Judenhaus“ Brunnenstr. 15 eingewiesen. Mit seiner Frau und dem 7-jährigen Sohn wurde Josef S. am 13.12.1941 ins Ghetto Riga deportiert und später in das KZ Riga-Strasdenhof, wo sie umkamen.
Die Jüdin Frieda Wagener war mit dem katholischen Kohlenhändler Bernhard Wagener (*20.06.1906) aus Münster verheiratet. Der Hiltruper Arzt Dr. Tillmann bewahrte sie zunächst vor Zwangsarbeit, indem er ihr gesundes Bein in Gips legte (Frau Wagener hatte ein steifes Bein). Später beherbergte der Hiltruper Bauer Anton Everding-Rothland das Ehepaar Wagener einige Zeit in seinem Hof in der Hohen Ward. Danach wechselten sie aus Sicherheitsgründen das Versteck und lebten bis zum Kriegsende in einem Versteck bei einem anderen Bauern in der Nähe von Ascheberg. Während dieser Zeit wurde Herrn Wageners Familie mehrfach von der Gestapo bedrängt, den Aufenthaltsort der beiden anzugeben. Nach dem Krieg wohnten sie bis zu ihrem Tod 1981 in Hiltrup an der Marktallee 55 (Westfälische Nachrichten 8.5.1985 und 25.1.2020; Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Hiltrup und Amelsbüren, November 2006); Bernhard Wagener kandidierte 1956 als FDP-Vertreter für den Kreistag (WN 16.10.1956). Einen weiteren Hinweis auf jüdische Mitbürger enthält eine tabellarische Zeittafel „Werden und Wachsen“ mit dem Eintrag „1938 Jüdischer Mitbürger in Hiltrup ermordet“.

Die Postkarte von 1943 „Hiltrup – Altes Dorf“ zeigt noch einen unzerstörten Ort: Rechts das Spritzenhaus (heute Hiltruper Museum) mit dem Steigeturm, in der Mitte die alte Clemensschule, dahinter Alt-St. Clemens, links im Vordergrund die Clemensstraße (heute Patronatsstraße).

In Hiltrup fielen Bomben auch entfernt von den Industriebetrieben. Schon 1941 wurde Haus Maser beschädigt. Münster wurde bombardiert, nachts kamen bis zu 500 Flüchtlinge zu den Missionsschwestern. An der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald) wurden mehrere Häuser getroffen, rund um Alt-St. Clemens wurde der alte Dorfkern zerstört, an der Albertsheide die Gärtnerei Lange.

Ende November 1943 bezog auf dem Acker zwischen Münsterstraße (heute: Hohe Geest) und dem Hof Hackenesch die Flakbatterie 3/324 „Vogelmann“ Stellung. Die Bedienmannschaften waren nahe am Kreuz (Ecke Hohe Geest / Im Dahl) in Baracken untergebracht, darunter neben den Soldaten 50 Oberschüler der münsterschen Wasserturmschule als Luftwaffenhelfer in einer Sondereinheit der Hitlerjugend. 20 bis 30 Ukrainer (sogenannte Hiwis, Hilfsfreiwillige) dienten als Munitionsträger, sie lebten in Rundzelten aus Holz und Teerpappe. Die Flakbatterie „Vogelmann“ war wie die Eisenbahnflakbatterie auf dem Verschiebegleis Ziel von Bombenangriffen. Einer der abgeschossenen Bomber landete am 21.2.1944 im Hiltruper Jesuiterbrook (1990 besuchten zwei Besatzungsmitglieder Hiltrup).
Allein am 7.5.1944 fielen mehr als 300 Bomben auf Hiltrup, 9677 insgesamt bis zum Ende des Krieges laut Kriegstagebuch der Missionsschwestern.

Mit der fortschreitenden Zerstörung der Städte durch die Luftangriffe entwickelte sich neben der NS-Bürokratie der systematischen Unterdrückung und Ermordung eine Bürokratie der Bombenschäden. Die polizeiliche Bescheinigung („Bombenschein“) war Grundlage für die Zuweisung einer anderen Wohnung und Auszahlung von 500 Reichsmark Entschädigung. In diesem Fall wurde auch diese zweite Wohnung 1944 durch Bomben zerstört, die Bewohner mussten sich wieder eine neue Bleibe suchen. Einen Eindruck von den fortschreitenden Zerstörungen vermitteln der Bericht eines Pfarrers über den Ordenseintritt seiner Schwester in Münster im Oktober 1944 und die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Hiltrup.
Die Bombenangriffe zerstörten ab 1941 auch in Münster und Umgebung immer mehr Häuser. Für die Aufräum- und Reparaturarbeiten wurden immer mehr Arbeitskräfte benötigt. Der Schutt aus Münster wurde zum Preußenstadion gefahren, hier entstanden riesige Schuttberge. Dafür wurden mit mäßigem Erfolg Arbeitskräfte und Firmen aus den Nachbarländern angeworben. Im Übrigen wurden Zwangsarbeiter eingesetzt.
Eine Vielzahl von Zwangsarbeiterlagern war in der Stadt und im Landkreis verteilt (siehe Karte). Allein im Bereich des heutigen Stadtbezirks Hiltrup gab es eine ganze Reihe von Kriegsgefangenen- und Fremdarbeiterlagern (nach: Marcus Weidner, Nur Gräber als Spuren: Das Leben und Sterben von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern in Münster in den Jahren 1939-1945; Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte Beitrag 1981-1017; WN vom 18.11.2000): • Lager Gremmendorf (Loddenheide, bis 600 Personen; die heutige Straße Birkenheide war die Lagerstraße), • A. 19 Sandgrube (nördlich der Eisenbahn/Berg Fidel), • A.21 Lager Berg Fidel (nahe der Straße Am Berg Fidel), • Gaststätte „Bernard Vogt“ (Kriegsgefangenenlager 817: 90 Franzosen für Glasurit) • Gaststätte „Josef Elfering“ (Bahnhofstraße, heute: Marktallee; Organisation Todt, 130 Italiener), • Hof „Stertmann Hackenesch“: Ab 1943 30 ukrainische Zwangsarbeiter als Flakhelfer, 1945 300 Russen, Italiener und Polen, • „Paterkloster“ (200 Polen im Mai 1945), • alte Mädchenschule an der Burchardstraße (heute: An der Alten Kirche) und Jungenschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße): Im Jahr 1945 100 Niederländer zur Reparatur zerbombter Gleisanlagen, • Gaststätte „Freitag“, • B.17 Gaststätte „Hof zur Geist“ der Organisation Todt: 130 Zwangsarbeiter für die Tiefbaufirma Reckmann aus Cottbus, • Lager „Waldfrieden“ (bis 480 Personen), • „Kantine für Kanalarbeiter [der stillgelegten Kanalbaustelle] / Frau Rabe“: Von 1942 bis 1945 50 französische Zivilarbeiter, • „Russenlager“ in der Hohen Ward östlich der Eisenbahn an der Straße „Hohe Ward“ (Organisation Todt, nahe/in einer Kiesgrube; Koordinaten ungefähr: 51.8837° N, 7.6701° E), • dazu die Lager auf Firmengelände („Gemeinschaftslager“ auf dem Werksgelände der Hoesch Röhrenwerke von 1942 bis 1945: 2 Baracken, 110 Personen) • sowie Gleisbauzüge und Kanalschiffe.

Das Lager „Waldfrieden“ wurde 1940 im Auftrag des nationalsozialistischen Einheitsverbandes der Arbeitnehmer und Arbeitgeber Deutsche Arbeitsfront (DAF) östlich des Kanals unweit der Prinz-Brücke errichtet (heute Waldpark). Es bestand 1943 aus mehreren (Erd-)Bunkern, Baracken und Schuppen und wies diverse Schutz- und Splittergräben auf. Im Hiltruper „Handwerkerlager“ Waldfrieden waren bis zum 31.8.1943 rund 80 französische Zwangsarbeiter einer Dachdecker-Kompanie untergebracht (Dr. Gisela Schwarze und Marcus Weidner). Mit der Massendeportation aus der Sowjetunion ab ca. 1943 zum Zwecke der Zwangsarbeit wurde das Gelände umzäunt und verstärkt bewacht. Die Insassen arbeiteten bei der Trümmerräumung in Münster, bei Hiltruper Bauern oder Industriebetrieben. Den zunehmenden Luftangriffen waren sie ungeschützt ausgeliefert. Zahlreiche Menschen verloren wegen der teilweise unmenschlichen Bedingungen ihr Leben.
Zu den im Hiltruper Lager “Waldfrieden” untergebrachten “Ostarbeitern” zitiert Weidner Quellen dahingehend, es sei oft vorgekommen, dass sich die (halb verhungerten) Russen nur noch gegenseitig schleppen und stützen konnten und, da es nur langsam vorwärts ging, mit Gewehrkolben vorwärts getrieben wurden. Besonders schlimm solle dies beim Lager „An den Loddenbüschen“ gewesen sein, das vermutlich ein Konzentrationslager für Ausländer gewesen sei.
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter waren unmenschlich hart. Zu ihrer Behandlung durch Wachpersonal und „Arbeitgeber“ gibt es vielerlei Quellen, sie zeichnen kein einheitliches Bild (siehe Zwangsarbeit in Hiltrup). Von einem bekannten münsterischen Unternehmer wurde zum Beispiel berichtet, dass er bei privaten Treffen seinen Gästen ein besonders makabres Schauspiel bot: Er warf rohe Kartoffeln über den Zaun des Zwangsarbeiterlagers auf dem Firmengelände, und er und seine Gäste amüsierten sich darüber, wie die halbverhungerten Zwangsarbeiter sich um die rohen Kartoffeln balgten.
Durch Evakuierungen aus Münster und aus anderen Städten wuchs in Hiltrup die Schülerzahl auf 780 Kinder im Jahr 1944, sie wurden in mehreren Schichten unterrichtet. Ein geordneter Unterricht war wegen des häufigen Fliegeralarms nicht mehr möglich. Die Schule an der Clemensstraße, die bis 1940 auf 10 Klassenräume erweitert worden war, wurde am 30.9.1944 durch eine Bombe beschädigt und am 6.11.1944 von der Organisation Todt mit Zwangsarbeitern belegt; nur der 7. und 8. Jahrgang wurde noch unterrichtet in Alt St. Clemens, im übrigen ruhte der Schulbetrieb.
Im September 1944 wurde die Freiwillige Feuerwehr Hiltrup noch bewaffnet – wie andere Feuerwehren. Sie erhielt 10 Gewehre mit Munition (und lieferte sie nach Kriegsende vollständig wieder an die Polizei ab).
1944 war nicht zu übersehen, dass die alliierten Truppen weit überlegen waren. Die SS-Standarte Kurt Eggers, eine Propagandatruppe der Waffen-SS, startete Mitte 1944 das Sonderunternehmen „Südstern“. Die »Skorpion«-Flugblätter sollten unter dem Titel: „Willst Du die Wahrheit wissen, Kamerad, frage den Skorpion!“ die Bevölkerung zum Durchhalten motivieren. In Skorpion Nr. 9 wurde zur Zerstörung der eigenen Heimat aufgerufen: „Wo der Feind auf deutschem Boden vorrückt, da muss er im vollsten Sinn des Wortes eine Wüste vorfinden, und sonst nichts.“
Gedrucktes Propaganda-Material setzten auch die Alliierten ein, z.B. Luftpost-Flugblätter. Ab April 1944 wurden täglich bis zu 1 Million Exemplare der in England hergestellten Nachrichten für die Truppe aus Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Als vierseitige Zeitung im Kleinformat aufgemacht enthielten sie eine Mischung von Berichten über den Kriegsverlauf, bunten Nachrichten aller Art und Propaganda. Die Nachrichten für die Truppe 30. März 1945 berichteten, dass die englischen Panzerverbände am Vorabend dicht vor Münster gemeldet wurden.
Der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Gustav Fiegenbaum hatte gesagt, er würde auf den Trümmern von Hiltrup seinem Leben ein Ende machen. Im März 1945 flüchtete er mit seiner Familie. (Er kehrte später nach der Entlassung aus britischer Internierung zurück.)

Am 2.4.1945 (Ostermontag) wurden im letzten Gefecht um Hiltrup noch einmal 24 deutsche und 4 amerikanische Soldaten getötet (siehe Kriegstagebuch der Missionsschwestern und 1945: Letzte Kämpfe an der Prinzbrücke).
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)


