Eisenbahn und Aufbruchsstimmung
Die Eisenbahnlinie Münster-Hamm der privaten Münster-Hammer Eisenbahngesellschaft wurde im März 1846 planfestgestellt. Das Material für den Bahnkörper wurde aus den Kiesgruben bei Hiltrup herangeschafft. 1848 wurde die zunächst eingleisige Strecke feierlich eröffnet, der Anhaltspunkt „Dieke Wief“ (Dickes Weib) für Hiltrup, Wolbeck und Albersloh lag inmitten der Heide der Hohen Ward. Diese Betriebsstelle wurde aufgrund der umliegenden Kies- und Sandgruben eingerichtet, da die Bahn mit höheren Frachteinnahmen rechnete. Die noch 1884 gebrauchte Bezeichnung Kiesgrube Dickeweib deutet darauf hin, dass der Eisenbahnhaltepunkt „Dicke-Weib“ 1848 vorrangig für den Kiestransport geschaffen wurde (erst 1866 wurde der Haltepunkt an die heutige Position in Hiltrup verlegt).
Kritisiert wurde dies schon kurz nach der Eröffnung (Westfälischer Merkur 3.6.1848). Täglich fuhren drei Züge, das Verkehrsaufkommen war gering. Die Münster-Hammer Eisenbahngesellschaft wurde wegen finanzieller Schwierigkeiten 1855 verstaatlicht, die Bahnstation wurde in „Hiltrup“ umbenannt.
Schlechte Ernten führten in den 1840er Jahren zu Versorgungsschwierigkeiten und Arbeitslosigkeit im Münsterland. Das Steuersystem („Mahl- und Schlachtsteuer“) belastete die „kleinen Leute“, am 19.3.1848 kam es zu Protesten (Wolfgang Hoth, Der Arbeiterverein in Münster). Die Unruhen der deutschen Revolution von 1848 erreichten das Münsterland. In der zweiten Jahreshälfte 1848 entstand eine Vielzahl von Vereinen und Gruppierungen in Münster, darunter Ende 1848 auch der Arbeiterverein. Alle Parteien von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten waren vertreten mit Ausnahme der preußischen Partei. In der Bevölkerung verbreitete sich eine „alles mit sich fortreißende Begeisterung und Schwärmerei, besonders auch beim Erzherzog Johann=Fest am 6. August 1848 in Münster und in dessen näherer Umgebung wie Amelsbüren Hiltrup usw.“ (Prof. Spannagel im Münsterischen Anzeiger 22.3.1907).
Wohl als Reaktion darauf gründeten der Hiltruper Pfarrer Theißing und der Lehrer (seit 1846) Voß 1848 den Männergesangverein Hiltrup 1848. Die März-Revolution 1848 hatte auch den Katholiken in Deutschland das liberale Vereinsrecht gebracht, das sie sofort in starkem Maße zu gebrauchen wussten. Überall entstanden katholische Vereine, nach dem damaligen Papst Pius-Vereine genannt und als Wahlorganisationen eingesetzt (Friedrich Gerhard Hohmann, Die Soester Konferenzen 1864-1866).
Noch vor 1849 gründete Theißing die Männersodalität. 1849 folgte der Kirchenchor „Cäcilia“. Aus dem Männergesangverein entstand 1851 auch der Bürgerschützenverein Hiltrup von 1851.

Wirt Bäumer lud 1851 zum Schützenfest in das Dicke Weib: Ein „guter Katholik“ war Mitglied in mindestens einem kirchlichen Verein, hieß es; Pfarrer Theißing gab den ersten Schuss auf den Vogel ab. Theißing erhielt 1852 zu seinem 50. Priesterjubiläum vom preußischen König den „Rothen Adler-Orden vierter Classe“ – auch Pfarrer Deermann (1835-1913) des größeren Ortes Amelsbüren erhielt den Roten Adler-Orden IV. Klasse (Westfälischer Merkur 23.12.1852: „Rothen Adler-Orden dritter Classe“) und den Königlichen Kronenorden III. Klasse (Todesanzeige im Münsterischen Anzeiger 6.4.1913).
Pfarrer Theissing starb 1854 als wohlhabender Mann. „Für die Armen zu Hiltrup“ hinterließ er ein Sparguthaben von 50 Talern. Sein Nachfolger Pfarrer Kersting wandelte den Bürgerschützenverein um in die „Sodalität zu Hiltrup 1855“, eine katholische Vereinigung mit dem Zweck, „den Gottesdienst durch Gesang mehr zu heben“. Dadurch schrumpfte auch der Männergesangverein auf nur noch 20 Mitglieder. Kersting gründete 1855 auch den Jungfrauenverein. Alt-St. Clemens erhielt zu Weihnachten 1856 eine vom Orgelbauer Kersting in Münster gebaute Orgel.
Zur Bekämpfung der „gefährlichen Fastnachtslustbarkeiten, welche so oft in sündhafte Ausschweifungen ausarten“, organisierte Pfarrer Kersting in Hiltrup ab 1856 jeweils ab dem Fastnachtssonntag ein Vierzigstündiges Gebet, das mit einem Ablass verbunden war. Zur „Fundation“ des vierzigstündigen Gebets wurden Spenden in bedeutender Höhe gesammelt. 1862 wurde Pfarrer Kersting versetzt. Sein Nachfolger Pfarrer Spinn setzte diese Tradition fort. Spinn betrieb Landwirtschaft auf dem Pastorat, in das er 1862 „durch das— seitdem niedergelegte— St. Klemensthor“ einzog (Münsterischer Anzeiger 7.10.1902). Zu seinem 40. Priesterjubiläum schrieb der Münsterische Anzeiger (7.10.1902): „Herr Pfarrer Spinn, dessen größte Freude nach eigner feierlicher Versicherung im Spenden der hl. Sakramente besteht, kam und kommt seinen Pfarrkindern auch in allen Verlegenheiten und Bedrängnissen mit Rath und That zu Hilfe. Hier liegt sein Hauptverdienst in der Hebung der Landwirtschaft, der er einen großen Theil seiner Kraft stets widmete. Er besucht alle landwirthschaftlichen Versammlungen in Nähe und Ferne und theilt auf denselben auch die von ihm selbst angestellten Versuche und gemachten Erfahrungen mit. Auch durch diese Seite seiner Wirksamkeit hat er sich ein dauerndes Andenken gesichert.“ Spinn war Jäger, er förderte Männergesang- und Schützenverein. Die Schützenfeste fanden später sowohl beim Dicken Weib als auch bei den Wirten Stähler (bzw. nach 1871 seinem Sohn Bernard Stähler) und Ackermann statt; Stähler veranstaltete auch Bälle.
1862 erwarb August Bernhard Schencking (1827-1903) von der Witwe des Münsteraners Franz Joseph Coppenrath, eines Sohns des münsterschen Juristen, Buchhändlers, Verlegers und Unternehmers Joseph Heinrich Coppenrath (1764-1853) das Gut Hülsebrock in Hiltrup. Joseph Heinrich Coppenrath hatte das Gut 1836 gekauft. Mit 463 Morgen Fläche war es der mit Abstand größte Vollerwerbsbetrieb im Kirchspiel. Es war ein alter westfälischer Gräftenhof, 1386 urkundlich erwähnt als Schulte Hulsbroke, 1528 als Hof tho Hulsbrocke.
Hiltrup war zu dieser Zeit ein vergleichsweise armes Dorf: Aus einem Zeitungsartikel über die Finanzierung der Chaussee Münster-Wolbeck (Westfälischer Merkur 9.9.1864) geht hervor, dass Hiltrups Steuerkraft 1.868 Talern nur halb so groß war wie die von Amelsbüren und auch deutlich niedriger als die von Rinkerode. Man war Selbstversorger, auch Bier braute man selbst (z.B. im Pastorat und in Haus Maser). Baumaterial war wertvoll, nicht mehr benötigte Kotten und Wirtschaftsgebäude wurden auf Abbruch verkauft und wieder verwendet.
Bis 1865 stieg Hiltrups Einwohnerzahl auf 665.

Schencking machte Hülsebrock zu einer landwirtschaftlichen Musterwirtschaft. Als umsichtiger Kaufmann setzte er sich für den zweigleisigen Ausbau der Münster-Hammer Eisenbahnstrecke ein und für die Verlegung der Haltestelle. „Die Haltestelle Dickeweib ist wohl die einzige in Europa, welche keinen öffentlichen Fahrweg hat und sich zudem noch in der unmittelbaren Nähe einer menschenlosen Heide der Hohewart befindet.“ Dieser Brief an die „Königliche Direction der Westfälischen Eisenbahn“ war eine Sammeleingabe und trug „neben vielen Anderen“ diese Unterschriften: Husmann (?), Lieutnant und Gutsbesitzer, von Amelunxen, Amtmann von Wolbeck, Alverskirchen, Rinkerode, Albersloh und Angelmodde, Klüsener, Pfarrer zu Wolbeck, Brinkjann, Vikar zu Wolbeck, Thier, Post?? zu Wolbeck, Thier, Gastwirt und Posthalter zu Wolbeck, Vogelmann, Ortsvorsteher Hiltrup, von Notz, Ortsvorsteher Ottmarsbocholt, Harling, Auctions-Commissar [Öffentlicher außergerichtlicher Auktionator und Makler Heinrich Harling 1819-1888, 1864 von Amelsbüren nach Hiltrup, Haus Herding umgezogen], Freiherr von Heeremann, Greve, Stadtrath und Ziegeleibesitzer, Anton Schencking zu Amelsbüren, Kuhlmann, Besitzer des Gutes Kannen bei Amelsbüren, Schencking, Toulon.
In dem Brief von ca. 1865 an die Eisenbahndirektion heißt es auch: „Eine andere Chaussee von Wolbeck und Angelmodde nach Hiltrup ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.“

Schencking stellte Grund und Boden für die Verlegung des Bahnhofs nach Hiltrup zur Verfügung. Am 1.8.1866 wurde die Haltestelle Hiltrup an ihrer heutigen Stelle in Betrieb genommen, die Haltestelle Dickeweib wurde geschlossen. Am Bahnhof Hiltrup wurde ein Zweigpostamt eingerichtet. Schenckings Gut Hülsebrock verfügte nun über einen Gleisanschluss.
Im preußisch-österreichischen Krieg 1866 wurde auch ein Musketier aus Hiltrup verletzt; im Herbst des Jahres erhob die Königliche Steuerkasse Mauritz zur Finanzierung des Kriegs einen 25% tigen Zuschlag als Kriegssteuer. Reservisten wurden regelmäßig zum Appell einberufen; in Hiltrup wurde z.B. 1869 für eine Woche eine Truppe einquartiert, 2 Offiziere, 60 Mann und 64 Pferde waren unterzubringen.

Am 30.6.1868 schrieb Schencking aus Toulon an das „Königliche Landraths Amt zu Münster“, dass er von der Königlichen Direction der Westphälischen Eisenbahn die Genehmigung für die Anlage eines „Ausweichgeleises nebst Ladeplatz“ erhalten hatte.
Schencking betrieb den Bau der Bahnhofstraße (heute: Marktallee), die bis dahin nur ein einfacher Sandweg mit Wacholder-Büschen war, und stellte das Grundstück dafür zur Verfügung. Die Bezeichnung„Brumkämpe“ in der Karte von 1868 südlich der heutigen Marktallee weist darauf hin, dass hier sandiger und schlechter Boden mit Besenginster („Braom“) bewachsen war. Mit der Stadt Münster wurde über einen Zuschuss zum Straßenbau verhandelt. 1877/1878 baute die Gemeinde Hiltrup zunächst den Erddamm der Chaussee vom Dorf zum neuen Bahnhof und darauf die Steinbahn. Diese wie auch die anderen Chausseen erforderten regelmäßige Unterhaltungsarbeiten: Ungefähr jährlich mussten Bruchsteine aufgebracht und mit Sand eingewalzt werden („Neuüberschüttung“); bei trockenem Wetter gab es eine Staubplage.
Die Fortsetzung der Bahnhofstraße vom Hiltruper Bahnhof nach Osten bis zum Albersloher Weg wurde erst 1899/1900 begradigt und als Chaussee befestigt (weiterer Ausbau 1914?); auch der zuvor „unfahrbare“ Albersloher Weg wurde 1899/1900 zur Chaussee.
Nach den Kriegen von 1866 und 1871/1872 vermerkt die Chronik des Männergesangvereins 1848 Hiltrup eine „volksbeglückende, finanzreiche Zeit“ – die Reparationszahlungen Frankreichs führten zu einer Spekulationsblase am Kapitalmarkt, 1873 folgte der Gründerkrach.
Erste Gärtner siedelten sich in Hiltrup an: Im Gut Hülsebrock 1871 der Gärtner Brinkmann, 1872 und 1880 inserierte „Hemesch in Hiltrup“ bereits mehrere hundert Stück Obstbäume (Münsterischer Anzeiger 8.2.1872 und 19.2.1880). Die Verbindung von Hiltrup nach Amelsbüren wurde als Chaussee ausgebaut (Münsterischer Anzeiger 17.3.1872 und 22.4.1874), die Steine für die Packlage kamen aus Altenberge oder Steinfurt.
Es war eine Aufbruchssituation. Schencking kandidierte 1871 im Wahlbezirk Beckum-Lüdinghausen-Warendorf als unabhängiger Bewerber für einen Sitz im ersten Reichstag. In einem Zeitungsinserat vom 25.2.1871 wurde er als „tapferer Kämpfer für unsere politischen und kirchlichen Rechte“ gelobt und wollte sich für die Bildung einer Zentrums-Fraktion einsetzen. In Bork erhielt er nur 2 Stimmen und unterlag damit dem Landrat von Landsberg-Steinfurt; im gesamten Wahlkreis erhielt er 711 von insgesamt 8851 gültigen Stimmen, Landrat von Landsberg-Steinfurt gewann den Wahlkreis mit 5268 Stimmen.
Die Reichstagswahl 1874 zeigte dann einen deutlichen Unterschied im Stimmverhalten zwischen Amelsbüren und Hiltrup. Der münstersche Bischof hatte einen Oberhirtlichen Erlaß zur Wahl veröffentlicht. In Amelsbüren entfielen alle 284 abgegebenen Stimmen auf von Heeremann (Zentrum); in Hiltrup erhielt er nur 162 Stimmen, 50 Stimmen erhielt der Bewerber von Noël (Münsterischer Anzeiger 14.1.1874).

In den 1870er Jahren entdeckten die Menschen die Kommunikationsmöglichkeiten der Zeitungen. Neben Bericht und Kommentar, amtlichen Bekanntmachungen, Verkaufs- und Stellenanzeigen tauchen verschlüsselte private Botschaften auf wie diese „Leise Anfrage“, daneben anonyme Grüße in Versform.
Zusammen mit Ökonomierat Christoph Winkelmann (Haus Köbbing), Ökonomierat Carl Herold (siehe auch Wikipedia-Eintrag) und Bauern aus Hiltrup und Amelsbüren gründete Schencking 1876 den „Landwirtschaftlichen Lokalverein“. Die Versammlungen dienten in erster Linie der Schulung der Landwirte zur Verbesserung der Land- und Viehwirtschaft.

Dünger und anderer landwirtschaftlicher Bedarf wurde gemeinsam eingekauft. 1876 organisierte der Verein In Amelsbüren sein erstes Pferderennen, 1884 das erste Frühlingsfest mit Volksbelustigung und Theater. Schencking machte auf Hülsebrock Versuche zum Anbau von Grünmais (Westfälischer Merkur 10.12.1881), für den Antrieb der Häckselmaschinen wurde Dampfkraft eingesetzt; politische Forderungen nach Senkung der Steuerbelastung für Landwirte wurden erhoben (1883).
1878/1879 setzte Schencking sich für den Ausbau des Hiltruper Bahnhofs zu einer Güterstation ein. Bei der Stadt Münster beantragte er einen Zuschuss behufs Erweiterung der Eisenbahn-Haltestelle Hiltrup zu einer Güterstation, die Stadt lehnte aber ab (Westfälischer Merkur 28.3.1879). Im Sommer 1879 ließ die Gemeinde Hiltrup die Chaussee vom Dorf zum Bahnhof mit wassergebundener Steinbahn und Sommerweg befestigen, im Oktober 1879 wurde der separate Güterbahnhof für Wagenladungs- und Stückgutverkehr in Hiltrup geschaffen. Sofort stieg die Zahl der Fahrgäste und Verladegüter. Im November 1879 wurde in der Wirtschaft Stähler (später: Rohrkötter) an der Hammer Straße eine Postagentur („Postanstalt“) eingerichtet.

Zur Reichstagswahl 1881 trat Schencking nicht an. Das katholische Zentrum wurde stärkste Kraft im Reichstag, die größten Gewinner der Wahl waren die linksliberalen Parteien (Wikipedia). In Hiltrup gingen alle 76 Stimmen (laut Westfälischem Merkur; Münsterischer Anzeiger: 73 Stimmen) an den Freiherrn von Heeremann, und vor dem Hintergrund der ersten Wahlergebnisse ringsum triumphierte der Westfälische Merkur am 29.10.1881: „Der eiserne Ring des Liberalismus ist durchbrochen.“
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde im Westfälischen Merkur wiederholt zu Spenden aufgerufen für die Opfer von Naturkatastrophen. Als 1882/1883 ein Jahrhunderthochwasser das Rheintal verwüstete, sammelte der Männer-Gesang-Verein Hiltrup bei einem Benefiz-Konzert 550 Mark Spenden (Bericht des Westfälischen Merkurs vom 24.12.1882; in Kaufkraft von 2024 ungefähr 5.000 Euro).
Am 4.1.1883 wurde die Spar- und Darlehenskasse Amelsbüren eG gegründet, der Küster führte zunächst die Kasse (später: Volksbank Amelsbüren). Am selben Tage wurde im Dicken Weib unter dem Vorsitz Schenckings die Hiltruper Spar- und Darlehnskasse gegründet. Als Genossenschaft Hiltruper Bürger sollte sie auch Darlehen geben zu günstigeren Konditionen als die Geldverleiher („die Geldbedürftigen den Händen des Wucherers entreißen“). Schencking war der erste Vorsitzende und blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 1903; er stellte Kassenraum und Geldschrank unentgeltlich zur Verfügung, jedem neugeborenen Hiltruper schenkte er ein Sparbuch mit einer Einlage von 1 Taler. Pfarrer Spinn gehörte dem Aufsichtsrat an und führte dort das Protokollbuch. Der Charakter einer Selbsthilfeeinrichtung zeigt sich an den Zinssätzen: 1908 zum Beispiel betrug der Einlagenzins 4,0% und der Darlehenszins 4,25% (Münsterischer Anzeiger 29.11.1907).
Mit der Einführung effizienter Dampfmaschinen als stationärer und mobiler Antrieb in den verschiedensten Einsatzbereichen gab es einen technologischen Entwicklungssprung. 1871 warben in Warendorf und Dülmen Dampfsägemühlen (Münsterischer Anzeiger 15.1.1871 und 2.3.1871), 1875 in Lüdinghausen (Münsterischer Anzeiger 9.5.1875). Die neue Technik war nicht ungefährlich; am 22.3.1883 berichtete der Westfälische Merkur über Forderungen der königlichen Regierung in Arnsberg, „mit Rücksicht auf die vielen Dampfkessel-Explosionen“ die Ausbildung der Heizer zu verbessern. (Die regelmäßige Überprüfung der Dampfkessel durch Überwachungsvereine – Vorläufer von TÜV, Dekra usw. – wurde erst mit der Reichsgewerbeordnung vom 1. April 1900 auch für die Kessel von Nichtmitgliedern verpflichtend vorgeschrieben.)
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestand eine Wassermühle am Hof Bornemann. Der Zufluss zum Mühlenteich reichte nicht aus, 1884 beantragte Familie Bornemann eine Konzession für eine Lokomobile als Antrieb der Mühle. Der Mühlenteich musste dem Dortmund-Ems-Kanal weichen. Eine Windmühle stand bis zur Jahrhundertwende im „Himmelreich“ auf dem Geestrücken im Bereich der heutigen Straßen Friedhofstraße / Hummelbrink. Auf der Ostseite des Bahnhofs an der Wolbecker Straße (heute: Osttor) kaufte Josef Lütke Wentrup im Jahr 1884 (?) das Sägewerk Krummacher, dessen Inhaber 1884 gestorben war. Im Januar 1886 ist der Betrieb als Dampfsägemühle erwähnt, Wentrup gliederte ihm 1887 die Korndampfmühle an; als Antrieb diente zunächst eine Lokomobile, ab 1890 eine stationäre Dampfmaschine. Später kam auch eine Holz- und Kohlenhandlung dazu. Im Sägewerk wurden heimischer Hölzer für den Ruhr-Bergbau eingeschnitten (nach dem I. Weltkrieg umgestellt auf die Produktion von Bauholz mit Werkshafen am Kanal, 1967 wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt; stattdessen wurde die Verarbeitung von Tropenhölzern ausgeweitet, 1981 stillgelegt).
Die Bevölkerung teilte sich noch in Pferdehalter und „Kuhspänner“. Ob einer über Zugtiere verfügte oder nicht, ob sein Bauernhof die Haltung von Pferden erlaubte oder nicht, entlang dieser Frage verlief die Grenze zwischen Vollbauern und den kleinen „Krauterern“, die von ihrem Land allein nicht leben konnten. Wer kein eigenes Pferdegespann hatte, musste eins vom Nachbarn leihen und als Gegenleistung für diesen arbeiten – oder musste seine Kuh vorspannen.

Hiltrup feierte 1884 sein neues Kuhspännerfest; mit Bullen oder Kühen als Zugtieren wurde um die Wette gefahren und einen Tag lang gefeiert. Anfang 1885 referierte Schencking im Landwirthschaftlichen Local-Verein Ueber die Arbeit mit Hornvieh. Angeblich entstand daraus ein Verein, der jährlich „Kuhspännerfeste“ veranstaltete; sie spannten die stärksten Kühe vor mit Ziegelsteinen beladene Wagen und veranstalteten Wettrennen auf dem „Breiten Weg“, der heutigen Hohen Geest (Westfälischer Merkur und Münsterischer Anzeiger enthalten nach 1884 keine weiteren Berichte). Hiltrup wuchs von Herbst 1885 bis Herbst 1887 um 24 auf insgesamt 713 Einwohner; Amelsbüren gewann im selben Zeitraum 47 Einwohner hinzu (Münsterischer Anzeiger 18.1.1888).
Der kleine dörfliche Kern von Hiltrup rund um die Alte Clemenskirche wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst langsam entlang der Nord-Süd- und Ost-West-Achse (heutige Westfalenstraße und Marktallee). Ab 1885 mussten Wohngebäude mit einer Hausnummer versehen werden. Der Gemeinde-Etat 1889/1890 war mit 4920 Goldmark „pro 1889/1890“ sehr überschaubar.
Die Industrialisierung ließ noch auf sich warten. Im südlichen Münsterland wurde zwar Strontianit gefunden, das ab 1871 von der Zuckerindustrie verwendet wurde. Ab ungefähr 1880 verbreitete sich für kurze Zeit Goldgräberstimmung, rund um Ascheberg / Drensteinfurt entstand eine Vielzahl von Gruben und Schächten bis hin nach Rinkerode; aber schon 1885 berichtet der Münsterische Anzeiger über ein Abflauen des Strontianitfiebers und Umweltschäden.
1887 wurden auf Rinkeroder Gebiet 40 Strontianitgruben betrieben (die Grube Wickesack bei Ascheberg förderte zuletzt von 1941 bis 1945 Strontianit für die Rüstungsindustrie). Aber Hiltrup blieb davon unberührt.
(Goldrausch im Youtube-Film des LWL: Strontianitbergbau im Münsterland – Der Strontianit-Rausch der 1870er.)
Auch Hiltrup wurde von dem europaweiten Kulturkampf zwischen Staat und katholischer Kirche berührt. In Deutschland reagierte Bismarck auf den politischen und geistlichen Machtanspruch des
Papstes Pius IX, zuletzt 1870 manifestiert im Unfehlbarkeitsdogma. Den politischen und militärischen Kampf um die Selbständigkeit seines Kirchenstaates verlor Pius IX erst 1870, als sein Bundesgenosse Frankreich seine Truppen aus Italien abzog und Garibaldi den Kirchenstaat eroberte. Das 1871 aus einer Vielzahl von Staaten und Städten neu gegründete Deutsche Reich war aufgrund der Dominanz Preußens ein protestantisch geprägter Staat. Allein schon um die neue Staatlichkeit zu festigen lag es nahe, dem Machtanspruch des in Westfalen stark verwurzelten Papstes entgegenzutreten.
Der münstersche Polizeipräsident von Gedicke ließ Haussuchungen durchführen. Der Chefredakteur des von Coppenrath herausgegebenen Westfälischen Merkur Dr. Ludger Suing hatte 1873 einen Wahlaufruf des Zentrums unterzeichnet. 1874 wurde er erneut zu einer Haftstrafe verurteilt und vor Rechtskraft verhaftet. Er erhielt anschließend von Josef Hötte vorübergehend Asyl in Haus Heidhorn. Der münstersche Bischof Brinkmann wurde nach mehreren Strafprozessen einige Monate inhaftiert und ging 1875 für 9 Jahre ins Exil in den Niederlanden.
Mit der Einführung der obligatorischen Zivilehe verlor die katholische Kirche das Monopol, Eheschließungen vorzunehmen. Der Hiltruper Pfarrer Spinn war 1876 Mitunterzeichner einer Erklärung zum Religionsunterricht, die eine „kirchliche Sendung“ (missio canonica) für vom Staat angestellte Religionslehrer forderte.
Das Schulaufsichtsgesetz von 1872 hatte die Aufsicht über die Volksschulen von der Kirche auf den Staat übertragen. Der Hiltruper Pfarrer Spinn war 1879 Mitunterzeichner einer dagegen gerichteten Petition des Klerus der Bistümer Münster und Paderborn (Westfälischer Merkur 26.10.1879).
Mit Gesetz vom 11.05.1873 (Gesetz über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen, erstes Maigesetz) hatte der Staat Voraussetzungen aufgestellt für einen Anstellungsvertrag: Geistliche mussten von nun an ein Reifezeugnis eines deutschen Gymnasiums, das Studium an einer deutschen Universität, die Ablegung eines „Kulturexamens“ in Philosophie, Geschichte und Literatur nachweisen. Diese Voraussetzungen erfüllten nicht alle, so wurde zum Beispiel für den Hiltruper Geistlichen Bernard Gunsthövel genannt Münstermann 1884 vom königlichen Oberpräsidium eine Ausnahmegenehmigung erteilt (Westfälischer Merkur 25.1.1884).

Erst als Bismarck sich auf die Bekämpfung der Sozialdemokratie konzentrierte, arrangierte er sich mit dem neuen Papst Leo XII (gewählt 1878), Hiltrup feierte am 17.2.1884 die Rückkehr des Bischofs Brinkmann aus dem Exil; Brinkmann war 1875 vorübergehend verhaftet worden und danach in Holland im Exil. Die „Maigesetze“ wurden zum größten Teil aufgehoben, zuletzt 1885 das „Kulturexamen“ (Roerkohl, Anne: Der Kulturkampf in Westfalen).
Das von Bismarck 1878 initiierte Sozialistengesetz lief 1890 aus. Katholische Kreise beklagten „schwere Irrtümer und bedenkliche Umsturzpläne“ der Sozialdemokraten und sahen „die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung in ihrer Grundlage bedroht“. Auch Konsul a.D. Schencking schloss sich 1891 einem Aufruf an, der Gegenbewegung Volks-Verein für das katholische Deutschland beizutreten, und rief zur Katholiken-Versammlung im Rathaus von Münster auf (verbunden mit Angriffen auf den Protestantismus). „Ein Hoch auf Papst und Kaiser“ gehörte zum Standardprogramm der Versammlungen des Volksvereins. In Hiltrup konnte der Verein zumindest bis 1893 nicht Fuß fassen (Münsterischer Anzeiger 23.3.1893).
Zur Bekämpfung der Sozialdemokratie initiierte Bismarck die Anfänge einer umfassenden Sozialversicherung. 1884 trat das Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter in Kraft, 1891 das Gesetz betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung. In Hiltrup wurde 1891 die erste Altersrente ausgezahlt: Für die ersten drei Monate des Jahres 1891 erhielt die Taglöhnerin Christina Kattenbaum 26,70 Mark (Münsterischer Anzeiger 18.3.1891; in Kaufkraft von 2024: 213,60 Euro); im gesamten Landkreis Münster waren es bis Ende März 1891 87 Bewilligungen. Bismarck schrieb dazu: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“ Der Landw. Lokal-Verein Amelsbüren-Hiltrup beschäftigte sich 1887 mit der „Unfallversicherung der in land- und forstwirtschaftlichem Betriebe beschäftigten Personen“ (Münsterischer Anzeiger 1.12.1887) und 1890 mit der Alters- und Invalidenversicherung (Münsterischer Anzeiger 11.10.1890).
Für die zahlreichen Arbeiter der Eisenbahn in Hiltrup (z.B. Stationswärter, Weichensteller, Weichenwärter, Rangierer, …) wurden 1890 freie ärztliche Behandlung und Krankengeld im Krankheitsfall von 13 auf 26 Wochen verlängert.
Pfarrer Spinn war Nothelfer, wenn es um die gesundheitliche Versorgung ging. Bis zur Änderung der Gewerbeordnung 1869 durften handwerklich ausgebildete Chirurgen (Wundärzte) praktizieren, sie versorgten äußere Wunden und nahmen chirurgische Eingriffe vor; in Hiltrup war Ludwig von Bischopinck (1804 -1881) als Wundarzt tätig. Danach ließ sich in Hiltrup zunächst kein akademisch ausgebildeter Arzt nieder. Pfarrer Spinn kurierte mit (homöopathischen) „Pülverchen“. Als 1881 ein Fußgendarm von einem Kriminellen angeschossen wurde, brachte man ihn zu Spinn.
Todesanzeigen in den Zeitungen legen den Schluss nahe, dass Lungentuberkulose weit verbreitet war; die Angabe „Lungenleiden“ oder Hinweise auf „Auszehrung“ finden sich in etlichen Anzeigen. Die neu gegründeten Landesversicherungsanstalten („Klebemarken-Anstalten“) hatten in ihrer Startphase Beitragseinnahmen, aber relativ geringe Rentenzahlungen, sie investierten in die Bekämpfung der Lungentuberkulose. Sie finanzierten u.a. Arbeiterwohnungen, Kranken- und Genesungshäuser, Schlachthäuser, Wasserleitungen und Kanalisation, die Todeszahlen gingen zurück (Münsterischer Anzeiger 1.6.1905).
Neben dem Pfarrer war auch der Lehrer in die Gesundheitsvorsorge einbezogen; 1882 war Lehrer Raue zu Hiltrup als Fleischbeschauer bestellt für die 1866 eingeführte Trichinenschau (1893 war Schneider Westrup zugleich Fleischbeschauer, 1894 Weichensteller Stienemann, 1903 Frisör Joh. Gödecke).
Neben der Landwirtschaft mit Schafzucht (Schäfer Carl Klösener, in der Nähe der Wirtschaft Dicke Weib) lieferte Hiltrup Brennholz, Kies und Sand für Münster, seit 1887 auch Wasser aus dem Pumpwerk Geist am heutigen Vennheideweg, und Grubenholz für den Ruhrbergbau. 1887 wandten sich Hiltruper Bauern zunächst gegen das Wasserwerk-Projekt, sie fürchteten um ihre „Provinzial-Chaussee“, in deren Gräben Röhren verlegt werden sollten, und um den Wasserstand in ihren Brunnen (Westfälischer Merkur 14.8.1887, Münsterischer Anzeiger 17.8.1887). Im September 1887 wies die Königliche Regierung die Beschwerde der Gemeindevorsteher von Lamberti und Hiltrup zurück: Die Anlage sei im öffentlichen Interesse (Münsterischer Anzeiger 14.9.1887). Sie wurde mehrfach umgebaut, schon 1889 wurde ein zweiter Brunnen in Betrieb genommen. Die Pumpe wurde von einem Gasmotor angetrieben, das Gas wurde vor Ort aus Kohle erzeugt (23 Kilogramm pro Stunde; 1902 umgestellt auf Elektroantrieb). Wegen möglicher zukünftiger Schäden durch die Wasserentnahme legte „Herr Minister“ der Stadt Münster als Betreiber nahe, „nach Ermessen der Landespolizeibehörde“ weitere Vorkehrungen zu treffen – Münster lehnte das ab, das Thema spielt bis ins 21. Jahrhundert eine Rolle. 1890 wurde der Bau eines „neuen Maschinenhauses bei Vennemann“ ausgeschrieben (Münsterischer Anzeiger 4.5.1890); im Sommer 1899 wurde ein zusätzliches Reservepumpwerk gebaut, da Münster schneller wuchs als seine Wasserversorgung.
Auf Initiative des Landwirtschaftlichen Lokalvereins Amelsbüren-Hiltrup wurde 1888 in Wittlerbaum eine Gestütstation (Deckstation) eingerichtet, die stark nachgefragt wurde (Münsterischer Anzeiger 12.5.1888). Schencking veröffentlichte am 11.4.1888 im Münsterischen Anzeiger einen Artikel Die Pferdezucht in Westfalen zur Zucht von Militär- und landwirtschaftlichen Arbeitspferden.

Hiltrup war klein, aber man wusste zu feiern, 1884 beim Wirt Stähler mit dem Kuhspännerfest, 1888 spielte der Männergesangverein bei Ackermann Theater, „wie alljährlich“ auch im Jahr 1892 (Münsterischer Anzeiger 12.1.1892).
So dörflich diese Vergnügungen anmuten: Eine perfektionistische Bürokratie begann alle Bereiche des Lebens zu reglementieren. Im Dezember 1888 erließ das königliche Eisenbahnbetriebsamt eine Bekanntmachung zum Umgang mit Regenschirmen und Stöcken: Um Verletzungen anderer Personen zu vermeiden, durften sie nicht waagerecht unter dem Arm getragen werden.
Im Februar 1889 führten Kapuzinerpatres über 8 Tage eine heilige Mission in Hiltrup durch. Die Kapuziner waren 1875 im Rahmen des Kulturkampfes aus Münster ausgewiesen worden; 1887 war ihnen die Rückkehr nach Münster vom Staat genehmigt worden, 1888 hatten sie in Münster mit der Volksmission begonnen.

Mit dem allmählichen Wachstum Hiltrups wurde es eng in dem Schulzimmer an der Küsterei gegenüber von Alt-St. Clemens. Im Februar 1890 wurde daraufhin der Bau einer „Mädchenschule nebst Lehrerinnen-Wohnung“ an der Stiege / Burchardstraße / An der Alten Kirche ausgeschrieben (Münsterischer Anzeiger 22.2.1890, veranschlagte Kosten: 11648 Mark; 1985 abgerissen).

Alltagstaugliche Fahrräder kamen auf und wurden Grundlage einer Mobilität für Alle. Davon profitierten auch die Ausflugslokale in Hiltrup, sie waren bis dahin für die Münsteraner nur zu Fuß, mit Droschken oder mit der Eisenbahn zu erreichen, ab 1890 mit dem Pferdeomnibus. Planungen des Jahres 1896 für eine elektrische Straßenbahn Münster-Hiltrup -Rinkerode-Albersloh-Wolbeck-Münster wurden nicht realisiert. Radfahrer organisierten sich 1895 in Münster im Radfahrer-Club Schwalbe (heute: Radsportverein), Bernhard Knubel nahm 1896 als Radrennfahrer an der ersten Olympiade teil.
Auch die Eisenbahn entwickelte sich, Ende 1890 wurden die Oberbau-Arbeiten für ein zweites Gleis auf der Strecke Drensteinfurt-Hiltrup ausgeschrieben (Münsterischer Anzeiger 9.12.1890). Im Januar 1891 und 1892 wurden alte Bahnschwellen verkauft, darunter auch des Ladegleises der Kiesgrube Dickeweib östlich der Hauptstrecke (Münsterischer Anzeiger 12.1.1891, 16.1.1892); stattdessen wurde westlich der Hauptstrecke ein neues Ladegleis an der Sandgrube angelegt, aus der später der Steiner See entstand.

Ab ungefähr 1890 entstanden entlang der Hiltruper Nord-Süd- und Ost-West-Achse lange Ketten nebeneinander stehender Einzelhäuser, um die Jahrhundertwende vor allem an der „Dorfstegge“ / Bahnhofstraße (heute: Marktallee).
Um die Gesundheit der Hiltruper war es nicht gut bestellt. In den Zeitungen veröffentlichte Todesanzeigen nannten Mitte des 19. Jahrhunderts oft „Auszehrung“ oder „Lungenleiden“ als Todesursache, ein Hinweis auf verbreitete Lungentuberkulose. Die im Münsterischen Anzeiger um 1880/1890 veröffentlichten Personenstandsregister weisen eine dramatisch hohe Mütter- und Kindersterblichkeit aus; Frauen starben bei der Geburt, Kinder überlebten oft nicht die ersten zwei Lebensjahre. 1892 führte die Sanitäts=Kommission im Amte St. Mauritz eine Revision aller Wohnungen durch, im Dorf Hiltrup durch den Bauern und Gemeindevertreter Große Wentrup: Vermutlich ein Versuch, durch das Einwirken auf die Wohnverhältnisse eine Ursache der hohen Sterblichkeit zu bekämpfen. Erst 1894 wurde ein Heilserum gegen Diphtherie („Würgeengel der Kinder“) entwickelt.
Franz Anton Hanses-Ketteler (1871-1937) kam 1891 nach Hiltrup und erwarb in der Nähe des Bahnhofs einen rund 50 Morgen großen Teil des Gutes Hülsebrock von <a href=„https://hiltrup.eu/geschichte/reichskonsul-august-bernhard-schencking-1827-1903>Konsul a.D. Schencking. Er gründete hier eine rasch wachsende Forstbaumschule. Im „Februar 1893 stellte er Bauantrag beim Amt St. Mauritz für Wohn- und Wirtschaftsgebäude an der Bahnhofstraße 88 (heute: Marktallee / Ecke Glasuritstraße). Die Baumschule entwickelte sich auf dem Hiltruper Sand sehr gut.

Schencking forcierte die Entwicklung. Einen Teil seines Grundbesitzes südlich der Bahnhofstraße hatte er an die Forstbaumschule Hanses-Ketteler verkauft. Der größere Teil zwischen der heutigen Marktallee und Max-Winkelmann-Straße war laut Flurkarte von 1900 auf den Namen seines späteren Erben Paul Schencking eingetragen und in gleich breite Flurstücke aufgeteilt. Schencking verkaufte sie an Bauwillige; viele Grundstücke verschenkte er an Familien, um das Bauen zu fördern.
Amelsbüren hatte im Jahr 1895 1960 Einwohner, Hiltrup nur 1013. Aber die Gewichte begannen sich zu verschieben: Der Lokalverein des Westfälischen Bauernvereins hieß „Hiltrup-Amelsbüren“ – und nicht mehr „Amelsbüren-Hiltrup“ (Münsterischer Anzeiger 10.4.1893). In der Zentrumspartei Westfalen kam es im Mai 1893 bei der Aufstellung der Kandidaten für die Reichstagswahl zu einem heftigen Konflikt: Berufslandwirte forderten mit einem Wahlaufruf eine stärkere Berücksichtigung, fanden dafür aber keine Mehrheit. Zusammen mit dem Bauernfunktionär Freiherr von Schorlemer-Alst wurden sie öffentlich kritisiert, sie distanzierten sich darauf mit einer öffentlichen Erklärung von der Mehrheit der Centrum-Vertrauensmänner der Provinz Westfalen.
Hiltrups Einwohner um 1890/1900: 24 Bauernfamilien, mehrere Kötter, Arbeiter der Eisenbahn und der entstehenden Betriebe, Tagelöhner, Pfarrer Spinn (1827-1906, 1902 zu seinem goldenen Priesterjubiläum mit dem Rothen Adlerorden IV. Klasse ausgezeichnet), Küster, Lehrer Handwerker usw.:- Schuster Schlingmann, Kneilmann, Pannhoff, Wiethoff,
- Küfer: Lepper und Micke,
- Maurer: Hummers, Wildmann,
- Stellmacher: Holling,
- Schmiede: Hummelt und Lange,
- Zimmermann: Drees, Feldmann, Görtz, Hagehülsmann und Wiesmann,
- Holzschuhmacher: Langenkamp,
- Schneider: Berning, Elbers, Görtz, Schmitz, Staubermann, Stienemann, Westrup (zugleich Fleischbeschauer; 1894 wurde Weichensteller Stienemann zum Fleischbeschauer bestellt),
- 1903 ist auch ein Friseur Johannes Göddeke erwähnt,
- Wirte: Ackermann, Barwe, Bäumer, Buermann, Hülsmann, Scheller, Soetkamp, Stähler, Vogt (Bäcker und Wirt),
- Kaufleute: Getreidehändler Wilhelm Friedhoff, Kaufmann Heinrich Kempen.

Diese kleine Hiltruper Welt war durchgehend katholisch, selbst fürs Brotbacken musste man katholisch sein. 1895 waren erst 92 = 9% der Bevölkerung evangelisch – vielleicht erste Zuzüge durch den Arbeitskräftebedarf der neuen Forstbaumschule Hanses und durch den Kanalbau.

Der Hiltruper Bahnhof von 1866 war um diese Zeit ein vergleichsweise bescheidenes Gebäude, 1886 war es durch einen 43m² großen eingeschossigen Anbau erweitert worden. Das Bahnhofsgebäude wurde wenige Jahre später durch einen Neubau ersetzt (1907).
Von 1885 bis 1895 wuchs Hiltrups Einwohnerzahl um die Hälfte auf 1.013 (davon 92 evangelische). Im Vergleich: Amelsbüren hatte 1895 1.960 Einwohner. Mit dem Ortswachstum wuchs auch der Bedarf an Infrastruktur. 1851 hatte Hiltrup von der Aachen-Münchener Feuerversicherungs-Gesellschaft 200 Taler zur Beschaffung einer Brandspritze erhalten (Westfälischer Merkur 28.5.1851). Dafür wurde im selben Jahr auf dem Kirchplatz an der Wirtschaft Schmidtmann (später: Ackermann, danach Heithorn) ein Spritzenhaus gebaut. 1892 gründeten 32 Mitglieder die Freiwillige Feuerwehr Hiltrup, erster Leiter war der Schornsteinfegermeister Heinrich Seiler. (Bereits 1882 war die Freiwillige Feuerwehr Ascheberg gegründet worden. Die Freiwillige Feuerwehr Münster war vor 1880 gegründet worden.)
1893 wurde der erste hölzerne Steigeturm an der Amelsbürener Straße gebaut, ein Schlauchturm zur Trocknung der aus Hanffasern bestehenden Schläuche; er hatte fensterartige Öffnungen in mehreren Etagen, die im Übungsbetrieb zum Besteigen des Turms mit Hakenleitern dienten.
Der Hiltruper Pfarrer Spinn betrieb wie der Amelsbürener Kollege mit seinem Pfarrhof auch Landwirtschaft. Beide nahmen in Amelsbüren an Versammlungen des Westfälischen Bauernvereins Hiltrup-Amelsbüren und des Landwirthschaftlichen Localvereins Amelsbüren-Hiltrup teil und beteiligten sich an der Diskussion über Techniken der Bodenbearbeitung für den Getreideanbau (Wilhelm Spinn, Münsterischer Anzeiger 17.12.1895) oder über Kükenaufzucht (Josef Deermann, Münsterischer Anzeiger 11.1.1899). In einer Versammlung des Landwirtschaftlichen Kreisvereins Lüdinghausen sprach Spinn 1902 zur Rindviehzucht. Einen Hinweis auf seine Lebensverhältnisse gibt das Zeitungsinserat zur Nachlassversteigerung nach seinem Tod 1906: Ein durchaus gehobener Standard im Vergleich mit einem Kötter-Haushalt des Jahres 1908.
Bereits 1875 hatte Spinn einen Kirchbaufonds eingerichtet: Die Einhaltung des Sonntagsgebotes für die gesunde katholische Bevölkerung ab dem Erstkommunionalter war selbstverständlich. Es galt der Pfarrbann, d. h. die Ortsansässigen erfüllten die Sonntagspflicht nur, wenn sie in ihrer eigenen Pfarrkirche den Gottesdienst besuchten. In Hiltrup wie in den meisten Gemeinden gab es auch keine andere erreichbare Ausweichmöglichkeit. Ein Geistlicher durfte zudem nur ein Meßopfer am Tag feiern. Nur in Ausnahmefällen erhielt ein Geistlicher vom Bischof die Erlaubnis, an Sonn- und Festtagen zu binieren, d.h. zweimal am Tag die hl. Messe zu feiern. Für den Frühgottesdienst und das Hochamt am Sonntag reichte das Fassungsvermögen der Alten Kirche in Hiltrup nicht mehr aus. Viele Gläubige fanden während des sonntäglichen Gottesdienstes nur auf dem Vorplatz des alten Dorfkirchleins Platz. Sie bildeten den sogenannten „Kirchenvorstand“. Die Diskussion über einen Kirchenneubau in Hiltrup zog sich von da an über fast 40 Jahre.

Als Spinn 1902 sein goldenes Priesterjubiläum feierte, reichte der Platz in Alt-St. Clemens nicht. Der Festgottesdienst fand im Missionshaus der Patres statt.
Auch in Amelsbüren wurde über den Bau einer neuen Kirche diskutiert. 1889 beschloss der Amelsbürener Kirchenvorstand, eine neue Kirche zu bauen, „da unser altes Gotteshaus sehr alt und baufällig ist und schon längst auch räumlich nicht mehr hinreicht“ (Münsterischer Anzeiger 19.12.1889) – zum Glück kam es nicht dazu. Die alte Amelsbürener Kirche St. Sebastian wurde 1892 durch den Anbau eines Querschiffs erweitert. Der Amelsbürener Kirchenvorstand wurde 1896 wegen Nichterfüllung seiner Pflichten aufgelöst.
Die Diskussion über den Bau einer neuen Kirche in Hiltrup ist in August Bernhard Schenckings Testament von 1897 erwähnt, indem er sich zum Standort äußert und eine Schenkung verfügt: „a. Zwei Tausend Mark an die Katholische Kirche zu Hiltrup zur Errichtung eines Holzfußbodens von Nadelholz, welches wärmer hält, und zur Einrichtung der Heitzung darunter in der neuprojectierten Katholischen Pfarrkirche zu Hiltrup, und stelle ich hierbei die Bedingung, daß diese neue Kirche nicht wieder in dem zu engen Platze der alten Kirche ausgeführt werden darf, sondern auf dem schönen Hofgelände am Breiten Wege [heute: Hohe Geest] zwischen der neuen Missionsanstalt vom H. Herzen Jesu und dem … „Große Himmelreich“ gebaut wird, wo das Gotteshaus nach allen Seiten sichtbar gemacht werden kann. b. Sollte zu diesem Bau der neuen Kirche Grund vom Gute Hülsebrok etwa bei Jasper oder anderswo gewünscht werden, so schenke dazu um 2 à 4 Morgen Fläche.“
Die Hiltruper Bebauung hatte keinen Zusammenhang mit der Stadt Münster.

Im Bereich der heutigen Straße „An der alten Reitbahn“ legte 1898 der Westfälische Reiterverein (Geschäftsstelle in der Kürassier-Kaserne) seine Rennbahn an; bis dahin hatten die Rennen auf der Loddenheide stattgefunden. Der Landwirthschaftliche Lokalverein Amelsbüren-Hiltrup veranstaltete seit 1876 jedes Jahr Pferderennen auf der Amelsbürener Rüschhaide; der Bericht über das Jubiläumsrennen im Jahr 1901 vermerkt mit offensichtlicher Befriedigung: …, namentlich stellte Münster wieder ein großes Contingent der Besucher. Von der Rennbahn des Westfälischen Reitervereins starteten 1910/1911 erste Motorflugzeuge (Münsterischer Anzeiger 25.10.1911), die Loddenheide wurde Militärflugplatz.
Anstelle der Rennbahn Vennheide wurde hier 1914 ein großes Kriegsgefangenenlager angelegt.

Nach Kriegsende diente es als Durchgangslager für rückkehrende deutsche Soldaten. Erst später wurde die Umgehungsbahn durch dies Gelände gebaut, 1933 begann die Besiedlung (Vennheidesiedlung).

Die Vennheide diente als Parade-Gelände des Militärs und später als Startplatz für Flugzeuge.

Für die Kaiserparade am 30.8.1907 wurde hier östlich der Chaussee in Höhe der Gastwirtschaft Vennemann eine große Tribüne mit 10000 Sitzplätzen gebaut. Auf der Tribüne waren Zylinder und große Hüte ausdrücklich verpönt, um die Sicht nicht zu behindern (Münsterischer Anzeiger 23.8.1907). Von den Bahnstationen Hiltrup und Rinkerode wurden Feldeisenbahnen zum Paradefeld gebaut, um Truppen und Kriegervereine zu befördern. Mitglieder von Kriegervereinen, die keinen Tribünenplatz erhielten, wurden „zur Spalierbildung verwendet“ (Westfälischer Merkur 25.5.1907). Die Kriegervereine der Provinz Westfalen beteiligten sich mit etwa 15000 Mann an der Parade; auf dem Paradefeld nahmen sie Aufstellung „im offenen Viereck“, nach dem Abreiten der Aufstellung durch den Kaiser schwenkten sie zur Chaussee Hiltrup-Münster und nahmen hier in zwei Gliedern Aufstellung auf etwa 1000 Meter Länge (Westfälischer Merkur 22.8.1907).
Nicht alle Hiltruper teilten die Begeisterung über die Kaiserparade. So musste der ursprünglich geplante Ablauf geändert werden, weil der Besitzer eines Gartens im südlichen Teil des Geländes (heutiges „Swieneduorp“) die Genehmigung für den Weg des Kaisers über sein Grundstück verweigerte (Münsterischer Anzeiger 22.8.1907).
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 07.02.2026 aktualisiert.)


