Industrialisierung und Aufschwung in Hiltrup IV

Neue Kirche und Kriegsbeginn

Hiltrup war in dieser Zeit stark von der katholischen Kirche geprägt. Der 1893 von Pfarrer Spinn gegründete „Kirchbauverein“ hatte bis 1906 28.000 Mark im Kirchbaufonds angesammelt. 1908 veranstaltete der münstersche Bischof eine Kollekte für den Bau einer neuen Pfarrkirche in Hiltrup: Im ganzen Münsterland gebe es kaum eine Kirche, die so armselig sei wie diese. Armselig wie das Übrige sei auch das ganze Inventar der Kirche, es sei so schlecht und minderwertig, daß kaum ein Stück davon für die neue Kirche gebraucht werden könne.

Die Entscheidung über den Standort des Neubaus von St. Clemens – im alten Dorf unmittelbar an der Chaussee Münster-Hamm oder am jetzigen Standort auf einem Grundstück, das die Bauunternehmer Bröker erst kurz zuvor 1907 von der Pfarre gekauft hatten – traf zunächst 1910 der Generalvikar, da der Kirchenvorstand sich nicht einigen konnte. In mehreren Schreiben an verschiedene Beteiligte äußerte er, „daß wir nach reiflicher und sorgfältigster Erwägung das Bröckersche Grundstück als Platz für die zu erbauende Kirche bestimmt haben“. Pfarrer Unckel warb zweckgebundene Spenden ein als „Beitrag zur Erwerbung des Bröcker’schen Grundstückes“.

Darüber gab es Streit, der im Wahlkampf vor der Neuwahl von Kirchenvorstand und (Kirchen-)Gemeindevertretung im September 1911 ausgetragen wurde. Ein Wahlaufruf warb für das Bröcker-Grundstück und berief sich auf die Stellungnahme des Generalvikars. Der Gegenaufruf appellierte an die „kleinen Leute und Arbeiter, daß gerade Ihr es seid, die das Geld durch Steuern aufbringen müssen“, verwies auf die hohen Kosten und Gewinne aus der Grundstücksspekulation – möglicherweise eine Initiative der 1909 gegründeten SPD-Ortsgruppe?

Nach der Kampfabstimmung der Gemeindevertretung im Herbst 1911 wurde der Bau auf dem Grundstück der Bauunternehmer Heinrich und Bernard Bröker beschlossen. Die Brökers erhielten im Tausch ein größeres Gelände zwischen Bahnhof- und Klemensstraße. Das Angebot der Unternehmer Bröker und Rohlmann für den Bau der neuen Kirche lautete auf 147315,51 Mark Baukosten.

Zur selben Zeit wurde in Hiltrup diskutiert, ein neues Spritzenhaus und einen neuen Steigerturm für die Feuerwehr in der Nähe der neuen Kirche zu bauen (Münsterischer Anzeiger 6.5.1912). Das neue Spritzenhaus wurde dann aber 1912 an der Gartenstraße / Burchardstraße (heute: An der Alten Kirche) neben Alt-St. Clemens gebaut. Erst 1934 wurde ein neues Feuerwehrgerätehaus in der Nähe der neuen Kirche gebaut.

St. Clemens Hiltrup im Bau (1913; Foto: Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

St. Clemens Hiltrup im Bau (1913; Foto: Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

Die neue Kirche war für ein Fassungsvermögen von 1.400 Personen mit Erweiterungsmöglichkeit angelegt und wurde 1912/1913 im wesentlichen von Hiltruper Firmen gebaut, darunter die Bauunternehmer Bröker und der Zimmermeister Marx von der Klosterstraße; die Malerarbeiten führten die Firmen Quante (Bahnhofstr. 4) und Tecklenborg (Klosterstr. 10) aus.

St. Clemens Hiltrup: Innenausstattung aus der Bauzeit (Foto: Primizfeier Bernhard Poether am 26.12.1932, Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

St. Clemens Hiltrup: Innenausstattung aus der Bauzeit (Foto: Primizfeier Bernhard Poether am 26.12.1932, Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Der Innenraum der Kirche war ausgemalt, 1914 schuf der Maler Sommer einen Kreuzweg. Die Ausstattung war durch Schenkungen finanziert: Hochaltar mit halbkreisförmigem Grundriss aus der Werkstatt von Gerd Brüx in Kleve (Bauer Peperhowe), Marienaltar aus der Werkstatt von Brüx (Gärtnereibesitzer Hanses-Ketteler), farbige Fenster (Familien Schencking, Krohs-Kajüter, von Heeremann).

Hiltrup, St. Clemens, von Nordwesten gesehen (Foto: Adolf Lütke-Wentrup 1913; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup, St. Clemens, von Nordwesten gesehen (Foto: Adolf Lütke-Wentrup 1913; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Am 26.11.1913 wurde die Kirche geweiht.

Triumphbogen und Willkommen-Schild auf der Bahnhofstraße / Ecke Hammer Straße zur Weihe von St. Clemens (November 1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Triumphbogen und Willkommen-Schild auf der Bahnhofstraße / Ecke Hammer Straße zur Weihe von St. Clemens (November 1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Zur Begrüßung von Bischof Johannes Poggenburg auf dem Weg zur Weihe von St. Clemens war auf der Bahnhofstraße / Ecke Hammer Straße (heute: Marktallee) ein Triumphbogen aufgebaut mit einem großen Schild „Willkommen Du ersehnter Seelenhirt!“

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war zu dieser Zeit noch ein wassergebundener Steindamm, daneben ein Sandweg für die Pferdefuhrwerke, Alleebäume und Seitengräben. 1915 folgte der Bau des Pastorats an der Münsterstraße (heute: Hohe Geest) gegenüber der Kirche, das Grundstück war eine Schenkung der Familie Schencking. Das Gebäude wird seit 1998 von einer Anwaltskanzlei genutzt (Stand 2025).

"Gasthof und Restauration von B. Bröcker" (Postkarte um 1920, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

"Gasthof und Restauration von B. Bröcker" (Postkarte um 1920, Hiltruper Museum; Bearbeitung: Henning Klare)

1913/1914 errichtete Bernard Bröcker an der Bahnhofstraße 21 eine Gastwirtschaft unmittelbar neben dem Gotteshaus. Am 12.2.1914 eröffnete die „Restauration verbunden mit Gasthof und Ausspann“. Hier wurde vor und nach der Messe eingekehrt, eine Zeitzeugin berichtet: Bröckers Töchter gingen durch die Reihen und boten auf Tabletts Schnaps und Bier an. Im Hinterzimmer bediente Mutter Bröcker selbst, damit niemand sah, um wie viel Geld Karten gespielt wurden.

Kolonialwaren und Sattler Bloech, Bahnhofstr. 24 (Foto: um 1930?, Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Kolonialwaren und Sattler Bloech, Bahnhofstr. 24 (Foto: um 1930?, Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Der Kolonialwarenhändler und Sattler Bloech eröffnete sein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite (Bahnhofstr. 24, heute: Marktallee 24; im Jahr 2025 steht das Haus noch, Schaufenster und Eingang von der Straßenseite sind beseitigt).

Bäuerin Lütke Wentrup aus Hiltrup mit der Zeitung: Osterangebote des Kaufhauses Althoff (1911; Foto: Hiltruper Museum)

Bäuerin Lütke Wentrup aus Hiltrup mit der Zeitung: Osterangebote des Kaufhauses Althoff (1911; Foto: Hiltruper Museum)

Bloech stand wie die anderen Einzelhändler, die sich nach und nach in Hiltrup niederließen, damals schon in der Konkurrenz mit den Geschäften in Münsters Innenstadt. 1910/1911 hatte der Unternehmer Theodor Althoff aus Dülmen in Münster an der Salzstraße ein Kaufhaus eröffnet (1920 mit Karstadt fusioniert. In dem Gebäude befindet sich jetzt das Stadtmuseum.).

Als die neue St. Clemens-Kirche am 26.11.1913 eingeweiht wurde, hatte Hiltrup ungefähr 2.000 Einwohner. Die alte St. Clemens-Kirche am Alten Kirchplatz, geweiht um 1160, wurde nicht mehr benötigt. Am 8. Mai 1914 fragte der Landrat an, ob man sie nicht zum Zwecke gottesdienstlicher Handlungen der „evangelischen Gemeinde Münster“ (geschätzt ungefähr 100 Mitglieder) vermieten sollte. Der Kirchenvorstand lehnte ab.

Romanischer Taufstein von Alt St. Clemens in Hiltrup (1890; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Romanischer Taufstein von Alt St. Clemens in Hiltrup (1890; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Alt St. Clemens wurde profaniert. Von der damaligen Ausstattung ist fast nichts mehr erhalten, auch der romanische Taufstein wurde zerschlagen. Das Gebäude wurde in den folgenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt, und die St. Anna-Glocke von 1521 wurde 1926 an das Landesmuseum verkauft. 1948 diente das Gebäude zum Beispiel als Turnhalle für den Turn- und Sportverein. Erst ab 1961 wurde das Gebäude wieder hergerichtet und 1963 für Gottesdienste geweiht, parallel wurde auch die neue Kirche renoviert (dort wurde z.B. die alte Ausmalung von 1913 abgewaschen). 1971 kam die St. Anna-Glocke auf Betreiben des Heimatvereins zurück.

Hiltruper, die sich nicht selbst unterhalten konnten, hatten in früheren Zeiten das Recht, an bestimmten Tagen mit behördlicher Genehmigung zu betteln. 1715 beteiligte sich Hiltrup an den Kosten eines Armen-Aufsehers. 1834 gab es ein Armenhaus; 1913 befand sich das Gemeindearmenhaus an der Hammer Straße 168 (heute: Westfalenstraße). Aber Hiltrup war im Vergleich mit den Nachbargemeinden inzwischen reich geworden: Die 1914 erhobene Wehrsteuer betrug in Hiltrup 58107 Mark, in Amelsbüren nur 11343 Mark und selbst in St. Mauritz nur 55383 Mark (Münsterischer Anzeiger 23.5.1914).

Westfalenstraße / Bahnhofstraße, v.l. Hallen der Baufirma Bröker, St. Clemens, Haus Außendorf/Bosse (um 1915, historische Postkarte; Privatbesitz Frau Rita Bothe, Bearbeitung: Henning Klare)

Westfalenstraße / Bahnhofstraße, v.l. Hallen der Baufirma Bröker, St. Clemens, Haus Außendorf/Bosse (um 1915, historische Postkarte; Privatbesitz Frau Rita Bothe, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war um 1915 noch nicht gepflastert, die Nordseite war von der Westfalenstraße bis zur heutigen Hausnummer 15 (Haus Außendorf, später Bosse, 2023: Haversath) noch nicht bebaut.

Kriegsbeginn:

“Große Doppel-Carussell-Belustigung“ bei Heithorn am 12. und 13.7.1914 (Münstersche Zeitung; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

“Große Doppel-Carussell-Belustigung“ bei Heithorn am 12. und 13.7.1914 (Münstersche Zeitung; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Im Juli 1914 lief noch das „Große Doppel-Carussell“ bei Heithorn an der Hammer Straße – am 2. August 1914 ging Gendarm Hölscher mit lauter Glocke durch Hiltrup und verkündete die Mobilmachung.

Mobilmachung (Münsterischer Anzeiger 2.8.1914, Bearbeitung: Henning Klare)

Mobilmachung (Münsterischer Anzeiger 2.8.1914, Bearbeitung: Henning Klare)

Berlin, 1. August. Der Kaiser hat die Mobilisierung des Heeres und der Kriegsmarine und der beiden Landwehren ange­ordnet. Mobilmachung ist nicht Krieg, aber sie rückt ihn in aller­nächste Nähe. Das Vaterland ruft seine Söhne unter die Waffen. Auf denn, ihr deutschen Männer und Jünglinge, schart euch um die ruhmbedeckten Fahnen von 1813 und 1870, bereitet euch, die Grenzen zu verteidigen gegen die Verbündeten von Königsmördern. Seid standhaft, deutsche Frauen, deutsche Mütter. Eure Männer, Eure Söhne sollen, wenn die Not es fordert, kämpfen für euch und eure Kinder, für die Sicher­heit von Haus und Herd. Dann schütze Gott das teure Vaterland und segne unsere Waffen! (Münsterischer Anzeiger 2.8.1914)

Im Münsterischen Anzeiger vom 2.8.1914 wurde eine Kriegsversicherung der Gothaer inseriert, dazu „Militärstiefel … solange Vorrat reicht“; das in Hiltrup geplante D.H.V.-Sommerfest wurde „wegen der ernsten Lage“ abgesagt.

Mobilmachung und Kriegsbeginn (Münsterischer Anzeiger 2.8.1914 – Sonderausgabe, Bearbeitung: Henning Klare)

Mobilmachung und Kriegsbeginn (Münsterischer Anzeiger 2.8.1914 – Sonderausgabe, Bearbeitung: Henning Klare)

Ein Beispiel für den Kriegstaumel ist die Sonderausgabe des Münsterischen Anzeigers vom 2.8.1914: Eine Mischung von blasphemischem Nationalismus, Angriff auf die Pressefreiheit, Drohung mit Kriegsgerichten, Überheblichkeit und Ankündigung von Arbeitslosigkeit und Hunger.

Der Verweis auf „Slaven=Haß und =Neid“ in dieser Zeitungsausgabe korrespondiert mit einer Reihe von „Kriegsvorträgen“ der Universität Münster:

Der münstersche Völkerrechtler Prof. Dr. Ebers (Münsterischer Anzeiger 8.10.1914) sprach von „deutscher sittlicher Kraft“ und bei Frankreich, England und Rußland vom „niedrigen Grad ihrer sogen. Kultur“; Deutschland sei „gerecht und menschlich im gerechten Kampfe und beweist so seine wahre Kulturhöhe, seine Kulturaufgabe in der Welt, die am deutschen Wesen genesen soll“.

Der katholische Missionswissenschaftler Prof. Dr. Joseph Schmidlin (Münsterischer Anzeiger 22.10.1914) bezeichnete England als „neidischen Nebenbuhler in Weltpolitik und Welt­wirtschaft“, der den Krieg „wollte und veranlaßte“. Japan zeige „Deutschenhaß, der aus dem undankbaren, japanischen Volkscharakter entspringt.“ In ethischer Hinsicht seien die Japaner „die sitten­losesten Menschen des Ostens oder der Erde“. Deutschland werde „Flotte und Kolonialmacht so verstärken, daß wir auch im Osten unseren Willen durchsetzen. Damit kommt eine neue Zeit herauf, eine Zeit des Weltfriedens, die sich auf Deutschlands Macht stützt.“ Deutschland müsse „die weiße Rasse und die christliche Kultur vor dem heidnischen Mongolismus Ostasiens retten.“

Der Germanist Prof. Dr. Schwering (Münsterischer Anzeiger 31.10.1914) beklagte die „Flut fremden Wesens und fremder litera­rischer Strömungen in Deutschland“. Französische Theaterstücke und Schauspieler seien meist „Abschaum einer sinkenden Kultur“. Die deutsche Neigung zu den nordischen Dichtern erkläre sich „aus der germanischen Stammes= und Wesensverwandtschaft, die im Norden ihre Heimat hat. Und dann aus der gesunden, meisterlichen Art ihrer Dichtung.“

Der Anglist Prof. Dr. Wolfgang Keller trug laut Münsterischer Anzeiger 21.11.1914 vor, “im Gegensatz zur deutschen Schule lernt der junge Engländer in der Schule nicht gründlich arbeiten, sondern vor allem Sport und korrektes Benehmen. … Während der Deutsche durchweg Spezialist in irgendeinem Gebiete der Wissenschaft und Politik ist, das er ganz beherrscht, ist der Engländer Dilettant, der natürlich alles versteht. … Der Engländer denkt nicht gern, … Fast möchte man von einem romantischen Dilettantis­mus der Engländer auch im Kriege sprechen angesichts der Ereignisse der letzten Zeiten. … Es war nichts anderes als der Konkurrenzneid, der England zum Kampfe gegen das aufblühende Deutschland führte.“

Die überheblichen, teils offen rassistischen Inhalte der Vorträge wirken aus heutiger Sicht wie Vorläufer zur „Untermenschen“-Hetze der Nazis und ihrer Nachfolger.

Zur „Unterstützung be­dürftiger Kriegerfamilien“ in Hiltrup spendete Max Winkelmann 5000 Mark (Münsterischer Anzeiger 26.8.1914) sowie weitere 5000 Mark an das Rote Kreuz (Münsterischer Anzeiger 20.9.1914), weitere 5000 Mark für Hiltruper „Kriegerfamilien“ im März 1915 (Münsterischer Anzeiger 29.3.1915). Eine „Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen“ warb um Spenden (Münsterischer Anzeiger 17.9.1914).

Erste Tote: Am 5.9.1914 starb der erste Hiltruper den „Heldentod“.

Erster Orden für einen Hiltruper (Münsterischer Anzeiger 11.10.1914)

Erster Orden für einen Hiltruper (Münsterischer Anzeiger 11.10.1914)

94 (andere Angabe: 124) Hiltruper Soldaten kamen im 1. Weltkrieg um.

Mit Beginn des ersten Weltkriegs wurde die Verbindung aus dem Missionshaus der Hiltruper Missionare in die Welt unterbrochen. Sie konnten nicht mehr „in die Südsee hinaus­reisen, wo ihnen am 11. September das heuchlerische, gierige England seine brutale Gewalt aufzwang“ (Münsterischer Anzeiger 19.9.1914). Von September 1914 bis 1918 wurde im Missionshaus ein Vereinslazarett des Roten Kreuzes mit zunächst 40 Betten eingerichtet, etwa 1200 verwundete und kranke Soldaten wurden hier in dieser Zeit gepflegt. Die Verwaltung übernahmen die Hiltruper Missionare, Krankenpflege und Küche besorgten die Hiltruper Missionsschwestern (siehe Hiltrup heute und morgen Nr. 15).

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915; Privatbesitz Henning Klare)

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915; Privatbesitz Henning Klare)

Die Funktion der zivilen Strafgerichte übernahmen „außerordentliche Kriegsgerichte“, sie waren ab 1914 für die ganz normale Straßen-Kriminalität zuständig.

Eine Postkarte aus dem Jahr 1915 zeigt eine Gruppe von deutschen Soldaten als Patienten des Lazaretts im Hiltruper Missionshaus. Der Absender schreibt unter dem 10.7.1915: „Meine lieben Eltern! … kam Euer so liebes Paket, habt vielen vielen Dank dafür. – Mir geht es gut, auch operiert bin ich nicht worden. – Daß Ihr meine Lieben von dem Kuchen nur einmal gegessen habt, war nicht nötig, wenn ich etwas weniger bekommen hätte, wäre die Freude ebenso groß gewesen…“ Neben den Schrecken des Krieges – Patienten auf dem Foto brauchen einen Stock oder tragen einen Arm in der Schlinge – lässt diese Nachricht an die Familie ahnen, dass schon 1915 die Lebensmittelversorgung ein Thema war.

Ankunft neuer Kriegsgefangener im Lager II (Rennbahn) während des Ersten Weltkriegs (Foto: Stadt Münster/Stadtarchiv)

Ankunft neuer Kriegsgefangener im Lager II (Rennbahn) während des Ersten Weltkriegs (Foto: Stadt Münster/Stadtarchiv)

Ab September 1914 wurde ein Kriegsgefangenenlager auf der ehemaligen Rennbahn zwischen der heutigen Drachterstraße und dem Vennheideweg in Hiltrup errichtet. Beim Bau halfen französische Gefangene, sie mussten täglich vom Lager Spital zur Rennbahn marschieren und wurden unterwegs belästigt. In den Baracken waren über 8000 Kriegsgefangene untergebracht. Die meisten mussten in der Industrie oder Landwirtschaft im Münsterland arbeiten. Schon im Oktober 1914 wurde im Landwirtschaftlichen Lokalverein Amelsbüren-Hiltrup bekannt gegeben, dass die Kommandantur Gefangene in Kolonnen von je 30 Mann abgab für drei Mark täglich und Mittagessen (ohne Fleisch).

Versorgung und hygienische Verhältnisse waren unzureichend. Die Tagesbrotration für Gefangene im Lager II (Alte Rennbahn) betrug im August 1915 300 Gramm. Vor allem russische Gefangene starben an Unterernährung und ansteckenden Krankheiten. Eine Stele an der Drachterstraße erinnert heute an das Lager Rennbahn.

Stele zur Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager Rennbahn (Münster, Drachterstraße; Foto: 25.8.2024, Henning Klare)

Stele zur Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager Rennbahn (Münster, Drachterstraße; Foto: 25.8.2024, Henning Klare)

Seit dem 19. Jahrhundert wurden die Hiltruper Kies- und Sandvorkommen der Hohen Ward für Infrastrukturprojekte genutzt. Ab 1913/1914 wurde der spätere Steiner See entsandet. Der Bahndamm der Neubaustrecke von Münster nach Dortmund wurde damit aufgeschüttet. Das Material aus der später Steiner See genannten Grube (Nordteil des heutigen Steiner Sees) transportierte die Baufirma Philipp Holzmann mit der „Sandbahn“ über Heithorn nach Wittlerbaum, ab 1915 mit der Eisenbahn nach Rinkerode. Dort wurde es auf eine Schmalspurbahn umgeladen, die über Davensberg bis kurz vor Ascheberg führte. Von 1917 bis 1925 gab es auch Personenverkehr auf dieser Davertbahn.

Blick von St. Clemens nach Osten auf die Bahnhofstraße (heute Marktallee): Oben rechts die Häuser Nr. 52 und 54, gegenüber mit hellem Giebel die Bäckerei Klostermann (1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Blick von St. Clemens nach Osten auf die Bahnhofstraße (heute Marktallee): Oben rechts die Häuser Nr. 52 und 54, gegenüber mit hellem Giebel die Bäckerei Klostermann (1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

An der Bahnhofstraße waren neue Häuser entstanden. Das Foto von 1913 zeigt auf der Südseite die markanten Häuser des Arztes Dr. Wahlert (Nr. 52, 1944 zerstört), daneben die von dem Fabrikanten Dalhoff gebaute Villa aus dem Jahr 1907 mit neobarocken und Jugendstilelementen. Auf der Nordseite steht diesen beiden Häusern die Bäckerei Klostermann gegenüber (heller Giebel), dahinter zur Bahn hin: Das kleine Fachwerkhaus Grön (1976 abgebrochen), ein zweigeschossiges Haus mit Schmuckgiebel (bis 1909: Kaufmann Josef Reese, später Büro Dalhoff) und dahinter die Villa Dalhoff (ab 1970 „Jägerklause zur Wildsau“, 1980 abgebrochen). Nach Westen schließt sich an die Bäckerei Klostermann eine Reihe von einfachen Häuschen an, jeweils mit Stallgebäude und großem Garten zur Selbstversorgung (unten rechts Marktallee 31/33; seit 1934 Beitelhoff).

Auf dem Foto von 1913 verdecken die Alleebäume die „besseren“ Häuser, die auf der Südseite der Bahnhofstraße zum Bahnhof hin stehen:

Bahnhofstraße Hiltrup, Blick nach Osten: Nr. 60 bis 64 (um 1915, historische Postkarte; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Bahnhofstraße Hiltrup, Blick nach Osten: Nr. 60 bis 64 (um 1915, historische Postkarte; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Postkarte zeigt um 1915 im Hintergrund das 1897 gebaute Haus Harling (Nr. 64, bis 1970 Sitz einer Nebenstelle des Amtes St. Mauritz, später abgerissen für den Neubau des Kleinkaufhauses Burgholz / Woolworth). Das mittlere Haus davor (Nr. 62) hatte 1904 der Privatier Clemens Engberding gebaut, danach gehörte es dem Installateur Richters (später abgerissen für den Neubau mit Café Schrunz). Das vordere Haus (Nr. 60) hatte 1904 der Obermüller August Farwick zu Münster gebaut, 1940 nennt das Adressbuch den Eisenbahner Rabe als Eigentümer (im Nachfolgebau später der Fernsehtechniker Groll u.a., 2025 abgebrochen).

Die Kosten des Krieges trugen die BürgerInnen. Mit dem Aufruf Gold gab ich für Eisen wurden sie zu Spenden aufgerufen; sie finanzierten die Rüstungsindustrie mit Kriegsanleihen, die mit dem Kriegsende ihren Wert verloren. Auch die Gemeinde Hiltrup zeichnete 8000 Mark Kriegsanleihe (entsprechend 52000 Euro im Jahr 2024).

Drei Bronzeglocken von St. Clemens Hiltrup werden abgeholt zum Einschmelzen (5.9.1917; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Drei Bronzeglocken von St. Clemens Hiltrup werden abgeholt zum Einschmelzen (5.9.1917; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Die Gläubigen von St. Clemens in Hiltrup mussten am 9.7.1917 die Zinnprospektpfeifen der Orgel und am 5.9.1917 drei Glocken abliefern, die sie 1913 gerade erst angeschafft hatten. Nur die St. Anna-Glocke aus dem Jahr 1521 blieb ihnen. (25 Jahre später wurden ein zweites Mal die Glocken von St. Clemens für einen Krieg eingeschmolzen.)

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)

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