Herausforderungen
Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gab es in Hiltrup weder eine Schule noch regelmäßigen Unterricht. Wahrscheinlich erst nach 1675 wurde eine Schule eingerichtet, als Bischof von Galen allen Kirchengemeinden die Einrichtung von Schulen vorschrieb. Den rudimentären Unterricht in Religion, Lesen und Singen erteilte der Küster in der Küsterei neben seinen übrigen Aufgaben.
Der Schulbesuch war freiwillig und kostete um 1800 einen halben Thaler Schulgeld jährlich; wer Schreiben lernen wollte, musste zuzahlen und kam in die 1. Reihe. 1811 (nach anderer Quelle 1820) wurde zur Zeit des Lehrerküsters Potthoff ein Schulzimmer an die Küsterei gegenüber Alt-St. Clemens angebaut, 1833 erhielt Potthoff die formelle Anstellung als Lehrer und schwor den Eid auf den preußischen König. 1886 endete die Schulgeldpflicht.

Bis 1887 stieg die Schülerzahl auf 96 und bis 1888 auf 128 Schüler, deshalb baute die Gemeinde 1890 die einklassige Mädchenschule mit Lehrerin-Wohnung für die Schulamtsbewerberin Nienhaus (Anna Neuhaus?, 1895 fest angestellt; ab 1897 Clara Beyermann) an der „Stiege“ (später: Burchardstraße / An der Alten Kirche). Ab 1902 unterrichtete hier bis 1924 Lehrerin Emilie Neisemeyer. Nach dem Tod ihres Mannes war sie Lehrerin geworden als erste im Regierungsbezirk Münster. Ab 1905 wurde sie unterstützt durch ihre unverheiratete Tochter Alma Neisemeyer (1886-1962): Der seit 1880 geltende Lehrerinnenzölibat wurde erst 1951 endgültig abgeschafft.

1904 baute die Gemeinde an der Klemensstraße (heute: Patronatsstraße) eine neue Knabenschule, sie hatte zunächst neben der Lehrerwohnung zwei Klassenzimmer. Der Schulplatz war von einem 35 Meter langen Eisengitter mit Tor umgeben. Auf Antrag der Handwerkerinnung beschloss die Gemeindevertretung im Juli 1904 die Errichtung einer „gewerblichen Fortbildungsschule mit Schulzwang“ für geschätzt 30 Gesellen, Gehilfen, Lehrlinge und Fabrikarbeiter. Der Unterricht fand sonntags in der Knabenschule statt, für das Verhalten der Schüler in und außerhalb der Schule galt die Schulordnung vom 27.9.1904. 1906 berichtete der Münsterische Anzeiger über die erste Schlußprüfung. Das Jahresgehalt für Hauptlehrer Wesseling wurde in diesem Jahr auf insgesamt 1500 Mark erhöht (entsprechend 10950 Euro im Jahr 2024), für den zweiten Lehrer auf insgesamt 1140 Mark. Wesseling war zugleich Vorsitzender der Sektion zur Hebung der Ziegenzucht im Stadt- und Landkreise Münster, Vorstandsmitglied des Gemeinnützigen Bauvereins Hiltrup, Referent beim landwirtschaftlichen Kreisverein über „Obstbau und Obstverwertung“ …

1905 hatte Hiltrup schon 1.447 Einwohner, Mädchen- und Knabenschule hatten zusammen 250 Schüler. Laut Lehrplan sollte „dankbare Liebe zum Vaterland und zum angestammten Herrscherhaus“ genährt werden, „mit Rücksicht auf die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ waren die „Verdienste der preußischen Herrscher um die Wohlfahrt der arbeitenden Klassen besonders hervorzuheben“.
1905 wurde die Schule um ein Stallgebäude ergänzt (Münsterischer Anzeiger 9.4.1905): Wie der Pfarrer musste auch der Lehrer für seinen Lebensunterhalt sorgen.
Küster- und Lehrerstelle wurden 1905 voneinander getrennt. Hauptlehrer Wesseling eröffnete 1905 „auf Wunsch der Behörde“ eine Volksbibliothek, Kreis und Gemeinde finanzierten die Sachmittel. Schon 1911 musste die Schule um zwei Klassenzimmer erweitert werden. Hiltrup wuchs weiter und hatte 1912 schon 2000 Einwohner. Die alte Schule in der Küsterei am Kirchplatz wurde 1912 aufgegeben. Später wurden bis 1940 8 weitere Klassenräume an der Klemensstraße (heute: Patronatsstraße) gebaut.

1913 sorgte Lehrerin Alma Neisemeyer dafür, dass für die Mädchen eine Kochschule eingerichtet wurde (das alte Küsterei- und Schulgebäude wurde im II. Weltkrieg durch Bomben zerstört). Mit dem Zuzug von evangelischen Arbeitern wurde 1914 auch evangelischer Religionsunterricht organisiert, für einen Lehrer aus Münster bewilligte der Gemeinderat Fahrkosten und 2,50 Mark pro Woche (Münsterischer Anzeiger 10.3.1914).
Gesundheitswesen:
Ein Wundarzt (handwerklich ausgebildeter Chirurg) hatte im 19. Jahrhundert in Hiltrup gelebt (Ludwig von Bischopinck, 1804-1881). Nachdem 1869 das Gewerbe der Wundärzte abgeschafft worden war, hatte sich zunächst kein Arzt in Hiltrup niedergelassen. Bei Krankheit half Pfarrer Spinn mit seinen kostenlos verabreichten (homöopathischen) „Pulvern“. (Siehe auch Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup.)
Seuchen wie die Cholera waren eine ständige Bedrohung. Die „asiatische Cholera“ war in Russland verbreitet, im 19. Jahrhundert trat sie immer wieder auch in Westfalen auf, zum Beispiel in Dorsten, Lünen und Telgte. Die Hamburger Choleraepidemie 1892 forderte viele Todesopfer; sie drohte sich in ganz Deutschland zu verbreiten, Isolationsmaßnahmen wurden auch in anderen Städten ergriffen. Cholera war 1894 auch beim Bau des Dortmund-Ems-Kanals um Hiltrup ein Problem. Verunreinigtes Trinkwasser war die Ursache. Hamburg baute erst nach der Epidemie von 1892 eine Reinigungsanlage für das Leitungswasser. Möglicherweise waren diese Erkenntnisse und Erfahrungen der Anlass, dass Hiltrup 1906 mit Münster einen Vertrag schloss wegen Abgabe von Wasser aus dem neu gebauten städtischen Wasserwerk in der Hohen Ward.

Erst um 1905 bis 1920 ließ sich Dr. med. Franz Wahlert in einer großen Villa an der Bahnhofstr. 52 (heute: Marktallee) nieder: Auf dem Foto von 1913 das helle Haus oben rechts (1944 durch Bomben zerstört, heute Sparkasse), dahinter die bis heute erhaltene Villa Dalhoff.
Gastronomie:
Hiltrup blieb auch Anfang des 20. Jahrhunderts Ausflugsziel für die Münsteraner. Wohnungen und Häuser wurden angeboten mit dem Hinweis besonders passend für Sommeraufenthalt. Ausflüge führten von Münster nach Hiltrup, für besonders großen Verkehr nach Hiltrup fuhren sogar Sonderzüge (Münsterischer Anzeiger 19.7.1908).

Die Entwicklung Hiltrups ist anschaulich nachzuvollziehen an den Ansichten des Gasthauses Scheller. Das Gasthaus Scheller sah 1905 schon etwas feiner aus als auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 (auf der ein Stier im Vordergrund präsentiert wird, s.o.). Heinrich Theodor Scheller, der Sohn des Gründers, hatte 1904 das Gasthaus übernommen, er heiratete die wohlhabende Tochter eines Holzhändlers. Das Scheunentor neben dem Gasthaus ist auf der Postkarte zwar noch zu sehen, aber eine Kutsche hat feierlich gekleidete Gäste gebracht, die am Tisch vor dem Haus sitzen. Links posieren zwei Eisenbahner (?, Weichensteller Stienemann wohnte bis 1905 neben Alt-St. Clemens), rechts zwei Postboten in Uniform. Ein Schild am Haus „Deutsche Radfahrer / Station“ wirbt um neue Kunden: Radfahren ist die neue Mode – das hat auch Folgen für die Kleidermode: Nur mit den neuen Reformbeinkleidern konnten Frauen Fahrrad fahren.

Wenige Jahre später zeigt die Postkarte des Gasthauses Scheller deutliche Veränderungen. Die Chaussee / Hammerstraße (heute:Westfalenstraße) ist zwar immer noch nicht gepflastert, aber das Scheunentor ist verschwunden. Zwei Wohnraum-Fenster sind an seiner Stelle entstanden, im ehemaligen Stallbereich eine kleinere Einfahrt; davor steht der einspännige Brotwagen der „Landbrotbäckerei Ww. Scheller“, mit dem die Kunden beliefert werden. Scheller hat sich noch mehr auf die neue Mode des Fahrradfahrens eingestellt. Am Haus wirbt über dem großen Schild „Deutsche Radfahrer – Station“ ein Schild „Große Pumpe für deutsche Radfahrer“, darunter ist eine Wasserpumpe am Haus zu erkennen; am Zaun lehnt ein Fahrrad. Vor dem Haus stehen Tische und Stühle, Pflanzkübel grenzen die Außengastronomie zur Straße hin ab. Am Straßenrand steht ein Hydrant – Hiltrup hat jetzt eine Wasserleitung.

Die Chaussee Münster-Hamm bleibt in den Folgejahren ungepflastert. Neben der wassergebundenen Steinbahn zeigt das Foto aus dem Jahr 1914 einen breiten Sommerweg. Das Haus der Missionsschwestern (erbaut 1899, 1910 bereits erweitert) steht noch allein auf weiter Flur.

Wieder einige Jahre weiter ist die Elektrizität nach Hiltrup gekommen: Im Oktober 1910 hatte der Gemeinderat die Versorgung der Gemeinde mit elektrischem Licht beschlossen. Den Auftrag zur Errichtung der elektrischen Licht- und Kraftanlage erhielt die Firma Felten & Guilleaume Lahmeyer-Werke unter der Voraussetzung, dass der Stromlieferungsvertrag mit der Stadt Münster zustande kam (das münstersche Elektrizitätswerk war im Jahr 1910 vergrößert worden). Angeschlossen war zunächst nur „das Dorf und der Bahnhof mit dem dazwischen liegenden Gelände“ (Münsterischer Anzeiger 29.7.1912).
1917 zeigt das Foto über der Tür des Gasthauses Scheller eine elektrische Lampe. Das Schild „Deutsche Radfahrer / Station“ ist verschwunden, die Pflanzen in den Kübeln der Außengastronomie sind gewachsen, am Straßenrand steht immer noch ein Futterkasten für die Pferde. Vor dem Haus posiert eine Gruppe von Männern in Zivil und in schlichter Uniform – Scheller auf Fronturlaub?
Persönlichkeiten:
Das öffentliche Leben in Hiltrup wurde wesentlich bestimmt durch den Bauern Anton Große Wentrup (Bürgermeister von 1897 bis 1918) und Pfarrer Franz Unckel (1858-1933, Pfarrer in Hiltrup von 1906 bis 1931). Welche Bedeutung Pfarrer Unckel in der Hiltruper Gesellschaft hatte, zeigen schon Details der Einführungsfeier zu Beginn seiner Tätigkeit in Hiltrup am 28.11.1906: Über 50 Geistliche der Umgegend waren an dem Festgottesdienst beteiligt, zu Beginn des umfangreichen Festessens im großen Saal der Wirtschaft Vogt feierte Dechant Lieftüchter Papst und Kaiser. Unckel wurde im Dezember 1906 von der königlichen Regierung mit der Ortsschulaufsicht betraut – im Zuge des Kulturkampfs war die Schulaufsicht noch von der katholischen Kirche auf den Staat übertragen worden.
Namen wie Schencking, Hanses und Winkelmann prägten das wirtschaftliche Leben. Max Winkelmann hatte die Farbproduktion „Glasurit“ nach Hiltrup gebracht, August Bernhard Schencking hatte sich für die Einführung moderner landwirtschaftlicher Methoden eingesetzt, maßgeblichen Einfluss auf die Verlegung des Hiltruper Bahnhofs (von der Station „Diecke Wief“) zum heutigen Standort und auf die Streckenführung des Kanals ausgeübt. Seine Anstrengungen zur Belebung der Hiltruper Wirtschaft waren übrigens auch durchaus politisch motiviert. Davon zeugt sein zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasstes Testament:
>> Von dem Wunsche beseelt,… die Zahl der Hauseigenthümer zu vermehren, wodurch am besten der Anarchismus bekämpft und Staat und Religion besser erhalten werden … <<
bestimmte er, dass erhebliche Teile seines umfangreichen Grundbesitzes Siedlungszwecken zuzuführen seien: >> Von dem Wunsche beseelt, recht bald das Dorf Hiltrup mit dem Bahnhof Hiltrup zu verbinden …, ertheile ich meiner Gemahlin das Recht, nach meinem Tode fortzufahren, Theile von meinem Gute Hülsebrock … zu verkaufen, vornehmlich zu Ansiedlungen … <<
Die Flurkarte von 1900 zeigt, was Schencking damit meinte: Fast die gesamte Fläche zwischen heutiger Marktallee und Max-Winkelmann-Straße war eingetragen auf den Namen seines Erben Paul Schencking und aufgeteilt in viele gleich große Flurstücke; nur wenige waren bis zu diesem Zeitpunkt vergeben.
Kirche
Vor dem Hintergrund der weiter steigenden Einwohnerzahl wurde in der katholischen Pfarrgemeinde immer hitziger diskutiert, ob Alt-St. Clemens (wie zuvor St. Sebastian in Amelsbüren) erweitert, durch einen Neubau an gleicher Stelle oder durch einen völligen Neubau an anderer Stelle ersetzt werden sollte. Dabei spielte auch die Einschätzung eine Rolle, dass mit dem Ort eines Neubaus die Lage des gesamten neuen Ortskerns und damit auch die künftigen Grundstückspreise bestimmt würden. Als Pfarrer Unckel 1906 sein Amt antrat, fand er heftig zerstrittene Lager vor. Die Vergabe der Bauplätze und die Grundstücksspekulationen waren schon im Gang. Die Familie Hanses zum Beispiel versuchte mit dem Angebot von Geld die Entscheidung zu beeinflussen, gleichzeitig kauften die Bauunternehmer Bröker von der Pfarre das spätere Baugrundstück an der Bahnhofstraße. Unckel vermied es, Stellung zu beziehen, und begann sehr erfolgreich, Geld für einen Neubau zu sammeln.
Anfang des 20. Jahrhunderts begann sich auch in Hiltrup ein Spannungsverhältnis verschiedener gesellschaftlicher Kräfte herauszubilden. Traditionell bestimmten noch die alteingesessenen Großbauern das öffentliche Leben in Hiltrup. Sie waren eng verbunden mit der katholischen Kirche, in deren Umfeld sie den Ton angaben (zum Beispiel im Männergesangverein 1848 Hiltrup und im Bürgerschützenverein Hiltrup von 1851). Der größte Hiltruper Bauernhof, das durch Schencking erworbene Gut Hülsebrock, hatte noch die Flächen für die Baumschulen von Hanses und für das Paterkloster zur Verfügung gestellt.
Die katholische Kirche suchte die gesamte Bevölkerung mit katholischen Vereinen eng an sich zu binden. Der Kriegerverein Hiltrup (ab 1959: Kameradschaft ehemaliger Soldaten Hiltrup) wurde 1896 von Pater Hubert Linckens initiiert.

1906 wurde die Katholische Arbeiter-Bewegung Hiltrup gegründet (Fahne: „Katholischer Arbeiter-Verein 1914“). Der katholische Arbeiter-Verein diente wie die anderen katholischen Vereine primär zur Absicherung des katholischen Milieus im Prozess der Industrialisierung. Er wurde von einem örtlichen Geistlichen, den der Bischof berief, als Präses geführt und richtete sich gegen Protestantismus und Sozialdemokratie. Am Delegiertentag 1909 beteiligte sich auch der Hiltruper Arbeiterverein, referiert wurde über das Thema „Welche Gefahren drohen uns noch heute von der Sozialdemokratie?“ Daneben wurde zum „Kampf gegen den Unglaube“ aufgerufen (Münsterischer Anzeiger 18.11.1909). 1910 hatte der Verein ca. 70 Mitglieder (Münsterischer Anzeiger 6.3.1910).
Die nach dem Vorbild von Regensburg gegründeten Vereine christlicher Mütter banden die Frauen unter der alleinigen Entscheidungsgewalt der Pfarrer eng an die katholische Kirche. Mit der Aufnahme in den Verein konnte ein Ablass gewonnen werden. Der Verein der christlichen Mütter Hiltrup wurde 1916 gegründet. Im selben Jahr zählte der Verein 254 Mitglieder; „nur ca. 30 Frauen sind nicht Mitglied“ berichtete Pfarrer Unckel; die Vereinszeitschrift hieß „Kommt alle zu mir“, Präses war Pfarrer Unckel.
Der „Katholische Frauenbund“ stand daneben für einen anderen Aspekt: Als Teil der Frauenbewegung unterhielt der Zweigverein Münster des Katholischen Fauenbunds am Domplatz eine Rechtsschutzstelle für Frauen “ohne Unterschiede des Standes und der Religion” (Münsterischer Anzeiger 2.8.1908).
Als dritte Kraft etablierte sich nach und nach verschiedene Industrie, die den kontinuierlichen Zuzug abhängig beschäftigter Arbeiter und Angestellter auslöste.
Hiltruper Arbeiter bekennen sich zur SPDÜber dreißig Jahre sollte es dauern, bis in Hiltrup der Schritt nachvollzogen wurde, den beherzte Sozialdemokraten in Münster mit der Bildung der ersten SPD-Organisation bereits 1878 wagten: Im Jahre 1909 gründeten fünf ortsansässige Steinarbeiter die SPD-Ortsgruppe Hiltrup.
Die Steinmetzarbeiter der Firma Dalhoff in Hiltrup hatten schon 1905/1906 kämpfen müssen. Dalhoff hielt sich nicht an Arbeitsschutz-Vorschriften und kürzte Löhne. Die Gründung einer Gewerkschaft und des SPD-Ortsvereins waren die Reaktion:
Als Gründer der SPD Hiltrup müssen 5 Steinmetzarbeiter angesehen werden, die in der Hiltruper Terrazzo- und Cementwarenwerke A.G. (vormals Kunststein-, Mosaik-und Terrazzofabrik F. M. Dalhoff) beschäftigt waren: Ignatz Züller (Steinmetz), August Landgraf (Stampfer), Otto Johlitz (1890-1973) und zwei weitere.
Die Schwierigkeiten, öffentlich für die Sozialdemokratie einzutreten, förderten zunächst eine Hinwendung der politisch Aktiven zur Gewerkschaftsarbeit. Hier lag, zumindest in Münster und Umgebung, der Schwerpunkt der Arbeit. Hier konnten Bemühungen unternommen werden, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Handwerker zu verbessern.
Dies galt offensichtlich auch für Hiltrup. Dort bildete sich noch vor der SPD-Ortsgruppe eine Filiale der sozialdemokratisch orientierten („freien“) Gewerkschaft der Steinarbeiter aus den Beschäftigten der Hiltruper Terrazzo- und Cementwarenwerke A.G.. Sie stand in scharfer Konkurrenz mit der christlichen Gewerkschaft. Am 13.7.1908 stießen die beiden Gewerkschaften in Hiltrup aufeinander, die „Christen“ vertagten darauf ihre Versammlung. Die „Christen“ reagierten öffentlich über den Westfälischen Merkur mit der Ankündigung, man werde den Genossen schon bei passender Gelegenheit die richtige Antwort geben. Im Mai 1909 kam es dann wieder zur Konfrontation in einer öffentlichen Gewerkschaftsversammlung in Hiltrup. Die „freien“ Gewerkschafter wurden dabei unterstützt durch den späteren Reichstags- und Bundestagsabgeordneten Fritz Henßler. Beide Seiten waren sich allerdings einig in der Notwendigkeit gewerkschaftlichen Engagements in dem Hiltruper Betrieb.

Wenn auch die Einzelheiten der SPD-Gründung in Hiltrup im Dunkeln liegen, es bleibt jedenfalls auffällig, dass im Jahre der Ortsgruppengründung die Hiltruper Steinmetzarbeiter streikten und dass die ersten 5 Mitglieder dieser Ortsgruppe allesamt Steinmetzarbeiter waren. Am 14.9.1909 traten 23 Arbeiter der Hiltruper Terrazzo- und Zementwarenwerke (vormals F. M. Dalhoff) in den Streik.

Der Vorwärts berichtete am 2.10.1909: „Der Streik der Steinmetzen in Hiltrup bei Münster in Westfalen ist mit einem Erfolg der Streikenden beendet worden, obgleich sich ein Vertreter des christlichen Keram- und Steinarbeiterverbandes bei dem Unternehmer erbot, genügend christliche Arbeitswillige liefern zu wollen“. Schon wenige Tage nach Streikende kam es in Hiltrup erneut zur Konfrontation zwischen christlichen und sozialdemokratischen Gewerkschaftern bei einer öffentlichen Versammlung in der Gastwirtschaft Stähler (Münsterischer Anzeiger 23.10.1909). Im Mai 1910 sperrte der Arbeitgeberbund die Beschäftigten des Baugewerbes aus.
Es liegt daher nahe, dass das Erstarken der Gewerkschaften in Hiltrup schließlich zum organisatorischen Zusammenschluss der örtlichen Sozialdemokraten geführt hat. Die mit dem Streik zusammenhängenden Probleme gaben vermutlich den Anlass zum politischen Zusammenschluss derjenigen Gewerkschafter, die zugleich Sozialdemokraten waren.
Die Hiltruper Gewerkschaft der Steinarbeiter hatte 1910 bereits 30 Mitglieder und damit ein Vielfaches der SPD-Ortsgruppenstärke. Auch der aus Kreisen der SPD und der freien Gewerkschaften gebildete münstersche Konsum- und Sparverein verfügte in Hiltrup bereits 1909 über eine Filiale. (Nicht zur Freude der örtlichen Metzger: Metzger Ant. Rohrkötter bot 1914 Fleisch an „unter Konsumpreis“, Münsterischer Anzeiger 28.2.1914).
1910 fand eine Generalversammlung des SPD-Wahlkreisvereins Münster-Coesfeld statt (24. Juli 1910). An dieser Versammlung nahmen zwei Hiltruper Genossen teil. Es handelt sich um „Ignatz Züller, Steinmetz“ und „August Landgraf, Stampfer“. Sie dürften mit einiger Sicherheit an der ein Jahr zuvor vollzogenen Gründung der Hiltruper Ortsgruppe beteiligt gewesen sein. Ihre Berufsbezeichnungen als Steinmetz und Stampfer weisen sie als Streikbeteiligte aus.
Weder die Gründung des Wahlvereins Münster-Coesfeld noch die entsprechenden Hiltruper Aktivitäten blieben der Obrigkeit verborgen. Nachdem der Oberbürgermeister von Münster bereits am 22. September 1908 dem Regierungspräsidenten berichtet hatte, dass sich
>> hier ein sozialdemokratischer Verein Münster-Coesfeld gebildet hat …… <<,
meldete er auf eine entsprechende Anfrage des Regierungspräsidenten am 21. März 1909, dass der Verein etwa 60 Mitglieder habe, darunter 25 Frauen, Ortsgruppen seien nicht errichtet worden. Etwa ein Jahr später berichtete die münstersche Polizeiverwaltung über eine Parteiversammlung in Münster und zählte dabei namentlich alle Teilnehmer aus Münster und Hiltrup auf. Unter ihnen befinden sich die beiden Steinarbeiter der Hiltruper Terrazzo- und Cementwarenwerke A.G..
Der eigentliche Nachweis des Gründungszeitraumes 1909/1910 ergibt sich aus dem Zusammenhang des Oberbürgermeisterberichts vom 21. März 1909, wonach sich (in Hiltrup) noch keine Ortsgruppe gebildet hatte, mit einer Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ aus dem folgenden Jahr, die von einer vor einiger Zeit gegründeten Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei in Hiltrup berichtet.

Demnach fällt die Gründung in die Zeit zwischen dem 21. März 1909 und dem Erscheinen dieses Zeitungsartikels. Ein weiteres Indiz für das Gründungsjahr 1909 ergibt sich aus folgendem: Der Bericht des Regierungspräsidenten in Münster vom Dezember 1909 erwähnt den Wahlkreisverein Münster-Coesfeld mit fünf nicht näher bezeichneten Ortsgruppen. Im nachfolgenden Jahresbericht 1910 werden diese fünf Ortsgruppen einzeln genannt, unter ihnen auch Hiltrup.
Der erwähnte Zeitungsbericht der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910 ist auch im Übrigen interessant, beleuchtet er doch schlaglichtartig das Verhältnis der christlichen zu den freien Gewerkschaften, die der SPD nahestanden und bis zum heutigen Tage nahestehen. Diese hatten im September 1909 den bereits erwähnten Konsum- und Sparverein gegründet. Im gleichen Jahr beantworteten die christlichen Gewerkschaften dies mit der Gründung einer eigenen Konsumgenossenschaft unter dem Namen „Eintracht“. Beide Genossenschaften verfügten über Filialen auch in Hiltrup. „Eintracht“ hatte 1911 bereits fast 1000 Mitglieder (Münsterischer Anzeiger 22.10.1911), 1915 rund 3600 Mitglieder und in Hiltrup eine Verkaufsstelle an der Bahnhofstr. 199 (Münsterischer Anzeiger 25.12.1915). Unter dem Titel „Wer übt Terrorismus?“ berichtete die Dortmunder Arbeiterzeitung 1909 unter Bezug auf Hiltrups christliche Konsumfiliale:
>> Aber Mitglieder muß der Konsumverein haben und wurde deshalb auf die Hauswirte verheirateter Kollegen eingewirkt. Wenn der Betreffende nicht beitritt, wird die Wohnung gekündigt. Das ist kein Terrorismus, sondern christliche Nächstenliebe! <<
Vorher heißt es in diesem Artikel:
>> In Hiltrup besteht seit einiger Zeit eine Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei, deren Mitglieder aus den hier beschäftigten … Steinmetzen bestehen. Die Tatsache hat nun den Vorsitzenden des christlichen Keram- und Steinarbeiterverbandes um den Rest seiner Überlegungen gebracht. Nicht eine Nummer des Keramarbeiterblättchens erscheint, in der nicht über die Genossen in einer Weise hergezogen wird, daß man meinen könnte, es wären lauter Diebe und Räuber. <<
Der Bericht zeigt aber noch ein Weiteres. Von Anfang an hatten die Sozialdemokraten in Münster es vermieden, eine antikirchliche Haltung einzunehmen. Mit welchem Erfolg, lässt sich ebenfalls der Zeitungsmeldung entnehmen:
>> Derselbe [der Hiltruper Pfarrer Unckel] faßte die Sache auch gleich richtig an und empfahl seinen Gläubigen von der Kanzel aus, keinen der roten Genossen in Logis zu nehmen und beileibe kein Lokal für Versammlungen herzugeben. Sogar die Wirtschafterin des Herrn [seine Schwester Anna Unckel] ging von Haus zu Haus, um die rote Flut zu dämmen.<<
Der Bericht ist ein sehr prägnantes Beispiel, unter welchen Bedingungen Sozialdemokraten auch in Hiltrup ihre Rechte erkämpfen mussten, dass sie auch in Hiltrup dem erbitterten Widerstand von Bürgern und Kirche ausgesetzt waren. Ihnen ist nichts geschenkt worden – sie mussten sich nehmen, was ihnen zustand, aber nicht zugestanden wurde. Ohne das oft genug verzweifelte Engagement unserer politischen Väter und Mütter sähe heute vieles anders aus. Wenn wir uns deshalb heute an die Gründung der Hiltruper SPD und die enormen Widerstände, die der organisierten Arbeiterschaft entgegengestellt wurden, erinnern, so geschieht dies vor allem in Respekt vor denen, die uns trotz aller damit verbundenen Mühsal die Wege geebnet haben, die wir heute wie selbstverständlich beschreiten. Ihr persönlicher Einsatz, ihr politischer Wagemut und ihre Unbeirrbarkeit sind beispielhaft. Unsere Aufgabe ist es, diese Arbeit fortzuführen mit dem Ziel, weiter für die Verwirklichung unserer Grundwerte Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit beharrlich zu kämpfen.
Weitere Dokumente, Fotos oder Wahlplakate der Hiltruper SPD aus dieser Zeit sind nicht bekannt. Politische Plakate waren bis 1919 in den meisten Ländern nicht zugelassen.
Einen Hinweis auf ein Umfeld, das größeres Selbstbewusstsein der Arbeiter und Mut zur Selbstorganisation beförderte, kann man vielleicht einer Stellenanzeige entnehmen, die am 19.11.1910 im General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen erschien: „Steinmetzen gesucht. Stundenlohn 60 Pf. Hiltruper Steinwerke und Betonbau Akt.=Gesellschaft Hiltrup i. W.“. Die Anzeige deutet darauf hin, dass die aufstrebenden Baustofffirmen Hiltrups (hier die aus der Firma F. M. Dalhoff hervorgegangene Firma) im Ort nicht genug Steinmetze fanden und deshalb überregional suchen mussten. Der Stundenlohn von 60 Pfennig liegt relativ hoch im Vergleich mit dem Durchschnittsentgelt des Jahres 1910 in Höhe von 1078 Mark: Rechnet man das Durchschnittsentgelt auf 60 Wochenstunden um, entspricht dem ein durchschnittlicher Stundenlohn von ungefähr 35 Pfennig. Wegen der Arbeitsbedingungen hatte es in den Vorjahren Auseinandersetzungen bei Dalhoff gegeben. Der Beruf des Steinmetz war auch wenig attraktiv wegen der gesundheitlichen Risiken; die Zeitung „Der Steinarbeiter“ (16.7.1910) berichtet 1910 über den Mangel an Steinmetzen in Herdecke: „Entweder sie sind verstorben oder sie haben sich einem anderen Berufe zugewandt, um der heimtückischen Berufskrankheit der Steinmetzen, der Lungenschwindsucht, nicht allzu früh zum Opfer zu fallen“.
Krise
Die Hiltruper Steinwerke und Betonbau AG waren zum 1.4.1911 in Konkurs gegangen (siehe oben). Am 4.11.1911 wurden Grundstücke der Firma in Borghorst versteigert: Möglicherweise hatten Heinrich und Hermann Dalhoff, die aus Borghorst stammten, die Grundstücke 1905 bei der Firmengründung eingebracht. Der frühere Vorstand der Hiltruper Steinwerke und Betonbau AG, Dr. Wilhelm Schaafhausen, kaufte von der Konkursverwaltung das Plattenlager der Firma und bot es ab Dezember 1911 bis April 1913 zu „bedeutend herabgesetzten Preisen“ an (Münsterischer Anzeiger 8.12.1911). Schaafhausen führte das Unternehmen fort unter der Firma „Hiltruper Steinwerke“, im Juli 1912 suchte er Tücht. Steinmetzen. Zum 1.5.1913 wurde die Firma „Hiltruper Steinwerke Dr. Schaafhausen“ wohl aufgelöst, zu diesem Termin wurde die Krankenkasse der Firma geschlossen (Münsterischer Anzeiger 18.5.1913). Der Verkauf von Lagerbeständen aus der Konkursmasse lief weiter (Münsterischer Anzeiger 1.3. und 12.4.1914).
Auf dem Werksgelände siedelte sich im Sommer 1914 die Holzhandlung Franz May & Co aus Münster mit einem Sägewerk an. Prokurist dieser Firma wurde im August 1914 Heinrich Dalhoff, der Ende 1908 aus dem Vorstand der Hiltruper Terrazzo- und Zementwerke A.-G ausgeschieden war. Franz May & Co ging bereits im Februar 1915 in Konkurs, Dalhoff blieb als Baustoffhändler in Hiltrup tätig. 1916 erbat der Konkursverwalter von Franz May & Co vom Gläubigerausschuss die Ermächtigung, den Holzplatz mit dem Sägewerk zu verkaufen. Die Reichswehr unterhielt bis 1918 auf dem Gelände ein Munitionslager.
Das Jahr 1911 brachte eine Teuerungswelle bei den Lebensmittelpreisen. Fleisch wurde teurer für die Endverbraucher, gleichzeitig klagten die Bauern in Amelsbüren und Hiltrup: „Das Metzgergewerbe verhält sich der Produktion gegenüber wie ein Syndikat.“ Die Bauern erlebten einen Preisverfall beim Verkauf an die Metzger: Der erste Schweineberg. Der Landwirtschaftliche Lokalverein Amelsbüren-Hiltrup stieg darauf in Zusammenarbeit mit einem Metzger und einer münsterischen Wirtschaft von November 1911 bis Februar 1912 in die Direktvermarktung ein (Münsterischer Anzeiger 14./15.11.1911).
Nach dem Boom auf dem Hiltruper Wohnungsmarkt trat eine Beruhigung ein. 1914/1915 – vielleicht auch durch den Kriegsbeginn verursacht – wurden im Münsterischen Anzeiger verschiedene Mietwohnungen und Einfamilienhäuser an Prinzbrücke und Bahnhofstraße inseriert.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)
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