Boom
Die Industrie- und Gewerbebetriebe in Hiltrup entwickelten sich. Am 15.9.1904 meldete der Westfälische Merkur: „Eine neue Zementfabrik in Westfalen. Die Firma F. M. Dahlhoff in Borghorst errichtet in der Nähe des Bahnhofes in Hiltrup bei Münster eine Zementfabrik, welche Anschluss an den Dortmund-Emskanal wie auch an die Staatsbahn erhält.“ Die königliche Baugewerkschule in Münster zählte das Gebäude im Jahr 1907 zu den „hervorragendsten Bauwerken der Stadt“ in einer Reihe mit Zuschauertribüne der Kaiserparade, Westfälischem Bankverein, Rathaus, Stadtweinhaus, Dom usw. (Münsterischer Anzeiger 27.8.1907).
Am 1.4.1905 eröffnete die Firma Franz-Mauritz Dalhoff – Inhaber: Heinrich und Hermann Dalhoff – die Kunststein-, Mosaik- und Terrazzo-Fabrik F. M. Dalhoff („Cementfabrik F.M. Dalhoff, Herstellung von Zementwaren, Zementrohren, Kunststeinen, Marmor- und Mosaikplatten, Trottoirplatten, Steinmehle und Betonwaren“, verbunden mit einem Baustoffgroßhandel mit Bahnanschluss und eigenem Frachthafen) an der Industriestraße 4 (heute: Nobelstraße; später Baustoffhandel, Büro an der Bahnhofstraße / Marktallee; danach Verlegung der Firma nach Fürstenwalde). Bereits im Juli 1905 meldete der Münsterische Anzeiger eine „bedeutende“ Vergrößerung, die Firma beschäftigte annähernd 100 Arbeiter und suchte noch Arbeiter, Tischler, Schlosser und Bildhauer. Zur selben Zeit suchte auch Glasurit „solide militärfreie“ Arbeiter (Münsterischer Anzeiger 21.1.1906).
Arbeitsschutzvorschriften wurden bei Dalhoff zunächst nicht eingehalten. 1905 musste die von den Arbeitern gerufene Gewerbeaufsicht einschreiten (Volkswacht 27.9.1905). 1906 gab es wegen Lohnabzügen und Kündigungen Auseinandersetzungen mit den Arbeitern.
„Behufs weiterer Ausbauung des Werkes“ wurde die Firma 1907 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt unter der Firma „Hiltruper Terrazzo- und Zementwerke A.G.“. Das Kapital betrug 700000 Mark und kam von verschiedenen Aktionären, darunter auch Zementindustrie aus Neubeckum. Mitlieder des Vorstandes waren die Kaufleute Hermann Dalhoff zu Münster und Heinrich Dalhoff zu Hiltrup (Westfälischer Merkur 1.3.1907). 1907 suchte sie mit vielen Zeitungsinseraten zunächst Arbeiterinnen, dann Arbeiter und Arbeiterinnen für „dauernde und lohnende Beschäftigung“. Mitte 1907 schied Hermann Dalhoff aus dem Vorstand aus, sein Nachfolger wurde Dr. phil. Wilhelm Schaafhausen zu Hiltrup (Wohnung: „Haus Dalhoff“, Bahnhofstr. 54). Das Produktionsprogramm der Firma zeigt ein Inserat im Münsterischen Anzeiger 1.2.1908. Heinrich Dalhoff und Ingenieur Dr. Wilhelm Schaafhausen waren 1908 an der Gründung der Coesfelder Buntweberei, A.-G. in Coesfeld beteiligt (Westfälischer Merkur 1.6.1908).
Die Hiltruper Terrazzo- und Zementwerke A.-G.wuchs kontinuierlich und suchte Arbeitskräfte, im Juni 1908 noch 20 Arbeiter mit einem Zeitungsinserat in italienischer Sprache. Zur selben Zeit suchte sie auch Arbeiterinnen mit dem Angebot „Bürgerliche Kost und Logis … in unserem Mädchenheim“ (Münsterischer Anzeiger 12.6.1908). 1908 wurden zwischen 120 und 150 Arbeitnehmer beschäftigt (Münsterischer Anzeiger 1.10.1908)). Heinrich Dalhoff schied Ende 1908 aus dem Vorstand aus, Schaafhausen blieb alleiniger Vorstand. Die Nachfrage nach den Fabrikaten der Firma war 1908 „unwesentlich“, für 1909 wurde mit einer erheblichen Zunahme des Absatzes gerechnet (Geschäftsbericht in: Münsterischer Anzeiger 9.7.1909). Neue Produkte wurden entwickelt, z.B. das Kriegerdenkmal in Ennigerloh aus Zement (5000 Mark; Münsterischer Anzeiger 1. und 28.7.1909) und Bauausführungen in Eisenbeton. Ende 1909 wurde die Eisenbeton-Sparte ausgegründet in Form der Schachtbau=Aktien=Gesellschaft Eisenbeton mit einem Grundkapital von 2 Millionen Mark, Vorstand wurde Dr. Schaafhausen (Münsterischer Anzeiger 17.12.1909). Beide Firmen hatten 1910 ein Büro an derselben Adresse (Windthorststr. 8) in Münster.
1911 firmierte die Gruppe als „Hiltruper Steinwerke und Betonbau A.G.“ und dementierte Gerüchte über eine bevorstehende Liquidation (Münsterischer Anzeiger 13.3.1911). Am 1.4.1911 wurde das Konkursverfahren eröffnet auf Antrag des Hauptaktionärs Dr. med. Wieschebrink, da Dr. Wieschebrink eine Forderung gegen die Gesellschaft auf sofortige Rückzahlung eines Darlehens geltend macht. Ungefähr 100 Arbeiter wurden entlassen, eine verkleinerte Belegschaft blieb in Arbeit; einer der Entlassenen erbettelte sich in Rinkerode 3 Mark und wurde deshalb mit 3 Monaten Gefängnis bestraft (Münsterischer Anzeiger 3.8.1911).
Neben diesen neuen Industriebetrieben gab es auch eine Holzschuhfabrik in Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 7.11.1908).
An der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) entstanden langsam weitere Häuser. 1902 erschienen Wohnungsangebote im Münsterischen Anzeiger, um 1904/1905 wurden über die Länge der Bahnhofstraße verteilt eine Reihe kleiner Arbeiterhäuser und auch bessere Einfamilienhäuser gebaut. Die Baugrundstücke waren nach heutigen Maßstäben billig: 1905 wurde ein Baugrundstück an der Marktallee für 25 Mark pro Quadratrute angeboten, also – in Kaufkraft von 2024 umgerechnet – 13,40 Euro pro Quadratmeter. Weitere Baugrundstücke mit 15 Meter Front kamen für je 2400 Mark auf den Markt, möglicherweise aus dem Erbe von August Bernhard Schencking, auch wurde 1905 per Inserat im Münsterischen Anzeiger ein Baugrundstück in der Nähe des Bahnhofs gesucht. 1907 wurde schon ein Grundstück zwischen Münster und Hiltrup als „zu Spekulationszwecken geeignet“ angeboten (Münsterischer Anzeiger 14.4.1907).

Der Grundriss dieses Hauses für den Arbeiter Wilhelm Röwekamp leitet sich noch von bäuerlicher Architektur ab:

In der Mittelachse des Hauses ist ein Raum als „Tenne“ bezeichnet mit Zugang an der Giebelseite; zur Tenne gehört eine offene Stallung. Der Dachboden hat eine offene Luke im Giebel, um hier Vorräte einzulagern. Der Hauseingang an der Längsseite führt direkt in die Küche als zentralen Raum analog der bäuerlichen Deele – man versorgte sich selbst.

Weitere Wohnhäuser entstanden an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee), sowohl in einfacher als auch gehobener Bauweise. Das im Foto gezeigte Haus Marktallee 53 aus dem Jahr 1904 wurde von Heinrich Schmitz und seiner Familie gebaut und bewohnt; im Adressbuch von 1928 ist sein Beruf mit „Steinhauer“ angegeben, er arbeitete zu dieser Zeit vermutlich in der Zementwarenfirma Suhrheinrich. Das Haus ist 2010 durch einen Neubau ersetzt worden, sein „Zwilling“ (Nr. 51) hatte schon in den 1960er Jahren dem Café Klostermann weichen müssen.
Der Münsterische Anzeiger berichtete am 4.7.1906: „Wer seit längerer Zeit Hiltrup nicht besucht hat, wird sich wundern über die Veränderung, welche dort stattgefunden. In industrieller und baulicher Beziehung hat dieser Ort einen nicht unerheblichen Aufschwung genommen.“ An der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) sei eine ganze Anzahl schöner Villen entstanden von „kleinen Rentnern, Gewerbetreibenden, Beamten usw. aus Münster“. Im November 1906 beschloss die Gemeindevertretung einen Fluchtlinien- und Bebauungsplan für Dorf (um Alt-St. Clemens) und Bahnhofsgelände. Die Grundstückspreise explodierten. 1906 wurden Grundstücke an der Bahnhofstraße für 44 Mark / Quadratrute angeboten ( in Kaufkraft von 2024 umgerechnet 22,64 Euro pro m²) – das war eine Steigerung um rund 70 Prozent innerhalb eines Jahres, und Ende 1907 wurden bereits 65 Mark / Quadratrute für ein Eckgrundstück gefordert (Münsterischer Anzeiger 11.11.1907). 1908 war im Münsterischen Anzeiger (2.4.1908) die Rede von dem „schüchternen Versuch einer Landhauskolonie in Hiltrup“.

Die Bäckerei Klostermann hatte 1907 Viehställe – und einen Pferdestall für den Brotwagen, mit dem die Bauernhöfe versorgt wurden; das Tor der Durchfahrt ist in der Ansichtszeichnung rechts.

1906/1907 (Schriftzug „1908“ an der Fassade) baute der Unternehmer Hermann Dalhoff an der Bahnhofstraße 54 eine repräsentative Villa mit neobarocken Elementen und leichten Anklängen an den Jugendstil. Er vermietete das Haus zunächst an seinen Geschäftspartner, den Ingenieur Dr. Wilhelm Schaafhausen. Frau Schaafhausen suchte zum 15.9.1907 ein „tüchtiges Mädchen … bei freundlicher Behandlung und gutem Lohn“; das Versprechen freundlicher Behandlung war durchaus ungewöhnlich für die Stellenanzeigen dieser Zeit. Später kaufte Bernhard Twenhöven gen. Schulze Brüning aus Überwasser, Münster (1866-1938) das Haus. Er hatte den Hof Schulze Brüning, Sandrup 1 in Kinderhaus an die Einrichtung Mariental verkauft und zog mit seiner Ehefrau (∞16.5.1906) Anna Gescher nach Hiltrup in seine „Villa Brüning“. Das Haus steht seit 1986 unter Denkmalschutz und wurde 1987 saniert; seit einer erneuten Renovierung im Jahr 2008 wird es von der Firma Beermann und Partner genutzt (Stand 2026).
Bernhard Twenhöven brachte auch seinen Schwager Bernhard Gescher, Oekonom zu Horstmar (verheiratet am 14.11.1906 mit Antonia Schulze Twenhöven gen. Schulze Brüning *22.2.1879) nach Hiltrup. Gescher baute nebenan an der Bahnhofstraße 56 die Villa Gescher mit einem überdimensionierten repräsentativen Treppenaufgang innen (1943 Büro der Firma Hanses, später wegen der Augenarztpraxis bekannt als „Villa Korte“; 1992 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt).
Auf der anderen Seite von Haus Dalhoff / Brüning stand seit 1906 (oder früher) an der Bahnhofstraße 52 das repräsentative Haus des Arztes Dr. Wahlert. Dr. Wahlert praktizierte bis 1920. Das Haus ging in das Eigentum der Familie Burmann über und wurde 1944 durch Bomben zerstört, 1956 entstand auf dem Grundstück ein Neubau der Sparkasse.
1906 machte sich der bisherige Obergärtner E. Stephan der Firma Gebrüder Hanses selbständig mit einer Landschaftsgärtnerei in Münster.
Heinrich Mertens kaufte 1907 den Mertens Kotten an der Hammer Straße und gründete eine Gärtnerei (auf einem Teil des Geländes steht heute die Hochschule der Polizei).
Anfang 1908 machte Josef Eschweiler (1878-1958) sich mit einem Gartenbaubetrieb selbständig. Büro und Wohnung hatte er zunächst an der Bahnhofstraße im Haus Abel, …

…, dann im Haus des Bauunternehmers Theodor Marx an der Adresse „Dorf 153“ in der Klosterstraße (heute: Am Klosterwald), „Nähe der Post“. Auch Eschweiler hatte zunächst als Obergärtner bei Hanses gearbeitet, bevor er 1908 seine eigene Baumschule in Hiltrup gründete (auf dem Betriebsgelände an der Westfalenstraße entstand 2022/2023 ein neues Baugebiet).
Einen weiteren Landschaftsgärtner-Betrieb in Hiltrup führte Heinrich Hundorf.
1912 und 1914 kamen noch die Landschaftsgärtnereien Renard und Remmel hinzu.
1906/1907 wurde an der Münsterstraße (heute: Hohe Geest) mit 12 Bohrtürmen vergeblich nach Öl gebohrt. Im März 1907 stieß die Internationale Bohrgesellschaft Erkelenz zwischen 1100 und 1200 Meter Tiefe auf Kohle (Münsterischer Anzeiger 17.3.1907: In 1000 Meter Tiefe). Der Internationalen Bohrgesellschaft Erkelenz und dem A. Schaaffhausenschen Bankverein zu Köln (Finanzier der deutschen Schwerindustrie) wurde 1908 auf ihren Antrag vom 6.7.1907 das Eigentum des Bergwerks Münster 2-5 in Hiltrup zur Gewinnung der Steinkohlen verliehen; man reservierte sich so die Rechte, der Betrieb eines Bergwerks wurde nie realisiert.

Im Juli 1905 berichtete der Münsterische Anzeiger, dass der Kaufmann Mittrop aus Münster nah am Bahnhof auf dem Gelände zwischen Bahn und Kanal mit einer Sodafabrik einen weiteren Industriebetriebs errichtete. Die Industriearchitektur ähnelte wie das erste Glasurit-Gebäude dem Tudor-Style. Südlich der Hiltruper Terrazzo- und Zementwerke A.-G. entstand nah am Kanal die „SODA-FABRIK H. MITTROP“. Das Foto von 1905 zeigt die Baustelle des Kesselhauses von Süden gesehen. 1906 suchte Mittrop per Zeitungsanzeige Arbeiter, …

…, die Größe des gesamten Betriebes gibt der Briefkopf einer Rechnung aus dem Jahr 1909 wieder. Der Betrieb beschäftigte 1908 8-10 Arbeitnehmer (Münsterischer Anzeiger 1.10.1908)); er wurde bis 1949 von Josef Rößing fortgeführt und bestand bis in die 1950er Jahre als Waschmittelfabrik, die Gebäude sind nicht mehr vorhanden.
Seit dem 15. Jahrhundert bestand an der Galgheide schon eine Ziegelei, 1668 ist sie als Stadtziegelei im Kirchspiel Hiltrup erwähnt. Sie verarbeitete Geschiebelehm und belieferte die Stadt Münster. Bis zum 19. Jahrhundert wurden Häuser überwiegend aus Holz gebaut, die Gefache der Fachwerkbauten wurden mit Geflechten und Lehm ausgefüllt. Im 19. Jahrhundert ging man in den ländlichen Bereichen zur Ausmauerung der Fachwerkbauten und zur Errichtung reiner Ziegelbauten über. Der wachsende Bedarf an Ziegelsteinen ließ weitere Ziegeleien in der Gemeinde Hiltrup entstehen. Im Jahr 1844 gab es in Hiltrup 6 Ziegeleien (Buermann, Helling, Lohmann, Kluck, Reismann, Schepers) und in Amelsbüren 8 Ziegeleien (Beckmann, Brüning, Haverkamp, Laumann, Kuhlmann, Mieling, Venschott, Herold). In Amelsbüren eröffnete 1850 die später von Ökonomierat Winkelmann betriebene Ziegelei. Die „Ziegelei der Herrenburg“ in Hiltrup wurde 1868 „zum Abbruch“ verkauft. 1869 errichtete Maurermeister Greve in Hiltrup einen Ziegelbrennofen. 1880 ist die Ziegelei von Ökonomierat Herold in Loevelingloh erwähnt, 1894 ein „Colon und Ziegeleibesitzer“ Lappe in Amelsbüren. Die kleinen Ziegelbrennereien – oft als Nebenbetrieb von Bauernhöfen, zB 1897 Hof Vogelmann – stellten vorwiegend Ziegelsteine im Feldbrand her, d. h. in meilerartigen, zu jedem Brand neu zu errichtenden Öfen. Neben den Feldbrennereien gab es auch Ziegeleien mit ortsfesten Kammeröfen, die rationeller arbeiteten und zudem bessere Steine lieferten. Etwa ab 1870 wurden die kontinuierlich zu betreibenden Ringöfen eingeführt (Eckhard Speetzen, Ziegelrohstoffe und Ziegeleien im zentralen Münsterland).
Mit der Einführung der Ringöfen blühte die Ziegelindustrie auf. 1889 gingen im Landkreis Münster drei neue Ziegeleien in Betrieb, darunter eine Ringofenziegelei mit Dampfbetrieb; 1900 wurde über ruinösen Wettbewerb berichtet. Mehrere Ziegeleien waren 1905 in Hiltrup in Betrieb (darunter 1908 drei Dampfziegeleien): Die Ziegelei Rosery / Kentrup / Menke (1890-1960) an der Hünenburg, Chr. Greve (bis 1937) und die Ringofenziegelei des Apothekers Dr. Carl Schmitz ( von 1899 bis 1921 – „Schmitz Kühlken“, ab 1901 mit Telegrafenanschluss und Verladung der Ziegelsteine im Kanalhafen Schencking II / Loddenheide) und in Amelsbüren Carl Herold sowie Ökonomierat Winkelmann (1850-1940). 1913 sind zusätzlich die Mecklenbecker Dampfziegelei sowie in Hiltrup W. Janinhoff & Co (gegründet 1906) bekannt. Erwähnt ist auch ein Kalksandsteinwerk Dr. Schaafhausen (früherer Geschäftspartner von Dalhoff; vermutlich Nachfolgebetrieb von F. M. Dalhoff).
WohnenMitte 1906 war ein „Einfamilienhaus in Hiltrup, in schöner und freier Lage, praktisch und modern eingerichtet, mit hübschem Vor- und Gemüse-Garten zum billigen Preise von 13300 Mark zu verkaufen“; das Grundstück war gut 1000m² groß, in Kaufkraft von 2024 kostete es knapp 100000 Euro.
Mit dem Wachstum der neuen Industriebetriebe in Hiltrup wuchs die Nachfrage nach Wohnungen für die Beschäftigten. Im Februar 1906 versammelte sich eine größere Anzahl Herren aus allen Ständen im Saal der Wirtschaft Heithorn, darunter der Amtmann Bartosch des Amtes St. Mauritz und vermutlich sowohl Arbeiter als auch Direktoren der örtlichen Betriebe: Die Wohnungspreise überholten noch die der Großstadt Münster, eine Mansardenwohnung ohne Garten [für die Sicherstellung der Ernährung nötig] koste 270 Mark im Jahr, die Schaffung billiger Wohnungen sei zum Bedürfnis geworden. Man beschloss, die Gründung eines gemeinnützigen Bauvereins in die Wege zu leiten. Im April 1906 wurde der Hiltruper Bauverein gegründet, unterstützt vom Amtmann Bartosch des Amtes St. Mauritz und vom Hiltruper Gemeindevorsteher, dem Landwirt Große Wentrup. Vorstandsmitglieder waren Anton Große Wentrup (Gemeindevorsteher), Hauptlehrer Heinrich Wesseling und der Fabrikant Heinrich Dalhoff – Dalhoff suchte laufend Arbeiter und war darauf angewiesen, dass sie Wohnungen in Hiltrup fanden. Die „Hiltruper Terrazzo- und Zementwarenwerke“ suchten im August 1907 per Zeitungsinserat „Arbeiterwohnungen in Hiltrup und Umgebung zu mieten“. Von den Fabrikarbeitern wohnte der größte Teil in Nachbargemeinden, besonders in Münster (Münsterischer Anzeiger 1.10.1908)).

Die Hiltruper Industriebetriebe begannen – wie zuvor schon der Gärtner Hanses – sich um Wohnraum für ihre Arbeiter und Arbeiterinnen zu kümmern. 1908 hatten die Hiltruper Terrazzo- und Zementwerke A.-G. Arbeiterinnen gesucht mit dem Angebot „Bürgerliche Kost und Logis … in unserem Mädchenheim“. 1914 warb die Glasuritwerke M. Winkelmann AG mit „Wohnung vorhanden“. 1914 übernahm der Gemeinderat eine Bürgschaft von 6000 Mark für ein Arbeiterwohnhaus (Münsterischer Anzeiger 10.3.1914). Die Miete für ein Einfamilienhaus mit Garten in der Nähe des Bahnhofs betrug 1914 jährlich 750 Mark (Münsterischer Anzeiger 19.5.1914).
Infrastruktur
Mit der Entwicklung von Industrie und Gewerbe entstand der Bedarf für eine bessere Infrastruktur. Die 1879 in der Gaststätte Stähler (später: Rohrkötter) eingerichtete Postagentur reichte nicht mehr aus. Sie wurde zum 1.10.1903 in ein Postamt an der Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße umgewandelt (heute: Grosche). 1904 wurde dort ein Fernsprechamt installiert mit einem Klappenschrank. Den Anschluss Nr. 1 hatte Ökonomierat Winkelmann (Haus Köbbing), Nummer 2 war die Bahnhofsgaststätte Soetkamp und Nummer 3 die Posthilfsstelle in Amelsbüren.
1905 kam auch Polizei nach Hiltrup: Das Amt Mauritz beschloss im Februar 1905, für Hiltrup einen Polizeidiener (Polizeisergeant) einzustellen. Der Schachtmeister Theodor Hölscher wurde nach dem Besuch der Polizeischule Recklinghausen zum 1.4.1905 eingestellt, ab Ende 1905 mit der Dienstbezeichnung „Polizeisergeant“. Er wohnte in einem Fachwerkhaus an der Hammer Straße gegenüber dem heutigen Restaurant Scheller. Seine Besoldung war knapp, das Anfangsgehalt betrug einschließlich Kleider- und Wohnungsgeld und einer Zulage 1288 Mark im Jahr – das entspricht einer Kaufkraft in Höhe von 9790 Euro im Jahr 2024. (Im Kreis Borken erhielt ein Polizeidiener im Jahr 1902 ein Jahresgehalt von 600 Mk. und Kleidergeld 60 Mk. – 600 Mark im Jahr 1902 entsprechen einer Kaufkraft von 4860 Euro im Jahr 2024.) Es gab durchaus Kriminalität, so wurde zum Beispiel von einem Räuber in der Davert berichtet (Münsterischer Anzeiger 11.7.1905).

1901 war ein „Ueberholungsgeleis“ für die Haltestelle Hiltrup genehmigt worden, 1902 wurden dafür Flächen im Eigentum Schenckings östlich des vorhandenen Gleises enteignet, 1906 wurden die Pläne ausgelegt („Überholungsgleis und Ausziehgleise“). 1907 wurden ein neues, vergrößertes Bahnhofsgebäude und ein Stellwerksgebäude im Heimatstil gebaut. Im preußischen Staatshaushaltsetat 1907 waren dafür 48000 Mark eingeplant, am 4.6.1907 wurden die Angebote eröffnet; das alte Empfangsgebäude wurde am 15.9.1909 „auf Abbruch“ verkauft.
Die Eisenbahn war wichtig, 1906 wurde der Hiltruper Weichensteller Beßmann mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen ausgezeichnet (Münsterischer Anzeiger 18.5.1906), 1907 der Hiltruper Bahnwärter Hermann Müllmann (Münsterischer Anzeiger 18.1.1907), 1908 der Hiltruper Weichensteller Langhorst (Münsterischer Anzeiger 30.8.1908) und der pensionierte Weichensteller Heinrich Münning aus Hiltrup (Münsterischer Anzeiger 14.9./13.10.1908). Ein Eisenbahnbetriebssekretär zu Münster erhielt 1906 den Königlichen Kronenorden IV. Klasse – wie zuvor der Hiltruper Pfarrer Spinn (mit dem gleichrangigen Roten Adlerorden IV. Klasse).
Die Stadt Münster baute 1904 den Wasserturm Geist und unternahm im selben Jahr Dauerpumpversuche in der Hohen Ward. 1905 begann der Bau des neuen Wasserwerks in der Hohen Ward, den Hiltrupern wurde im November 1905 der Anschluss an die neue Wasserleitung angeboten. Das Pumpwerk Hohe Ward eröffnete im Juli 1906. Der Kreistag des Landkreises Münster bewilligte im Januar 1906 eine Beihilfe von 1000 Mark zur Anlegung einer Wasserleitung in Hiltrup, und Hiltrup schloss im Mai 1906 einen Vertrag mit der Stadt Münster „wegen Abgabe von Wasser aus dem städtischen Wasserwerke“. In Münsters Stadtverordnetenversammlung kam dabei zur Sprache, dass bei einem Brand in Hiltrup kein Löschwasser zur Verfügung gestanden habe; Hiltrup habe noch nicht einmal ein Pferd zur Verfügung gestellt, um einen gefüllten Wasserwagen vom Pumpwerk zur Brandstelle zu bringen. Hiltrup bestand darauf, die Erfüllung des Vertrages nicht der Kommunalaufsicht zu unterstellen. Auf Vorschlag Hiltrups wurde vereinbart, dass der Eisenbahndirektionspräsident in Streitfällen entscheiden sollte (obwohl die Eisenbahn selbst angeblich der größte Wasserabnehmer war). Vorläufig wurden nur zwei Entnahmestellen in Hiltrup eingerichtet, die Entnahme wurde auf 40.000m³ jährlich beschränkt (Bericht des Westfälischen Merkur vom 25.5.1906). Im Dezember 1906 bewilligte der Landkreis Münster einen Zuschuss von 5000 Mark „zur Anlegung einer Wasserleitung“. Im Juni 1907 inserierte der Zimmermeister Wiesmann an der Bahnhofstraße bereits eine Mietwohnung mit dem Hinweis Wasserleitung vorh.. Im April 1908 begann der Bau des Wasserleitungsrohrnetzes für Hiltrup; es ging noch 1908 in Betrieb mit Anschluss- und Benutzungszwang, 1m³ Wasser kostete 20 Pfennig.
1908 wurde über die Anlage eines Kohlenhafens in Höhe des Hiltruper Bahnhofs diskutiert (Münsterischer Anzeiger 1.10.1908)). 1911 schien das Projekt der Zechenverwaltung Radbod kurz vor der Realisierung zu stehen: Die Zeche plante, die geförderte Kohle mit der Eisenbahn bis zum Hiltruper Hafen zu transportieren und hier auf Kanalschiffe umzuladen. Dafür waren schon die direkt am Hiltruper Kanalhafen gelegenen Sandgruben des Bauern Peperhove zu einem völlig übertriebenen Preis angekauft worden (Münsterischer Anzeiger 15.11.1911).
Auch der Bau eines eigenen Elektrizitätswerks für Hiltrup war im Gespräch (Münsterischer Anzeiger 1.10.1908)). Die öffentliche Straßenbeleuchtung in Hiltrup bestand nur aus drei Petroleumlampen, Elektrizität sollte auch die Straßenbeleuchtung verbessern (Münsterischer Anzeiger 16.1.1910). 1910 beschloss die Gemeindevertretung, Strom von dem Elektrizitätswerk der Stadt Münster zu beziehen.

Die Landkarte von 1907 zeigt noch eine sehr lückenhafte Bebauung. Das von Schencking parzellierte Gebiet südlich der heutigen Marktallee ist in der Karte als „Hiltruper Reihe“ bezeichnet, die Bebauung ist noch nicht in Gang gekommen. Die Eisenbahnstrecke Münster-Hamm folgt noch über Hackenesch / Stertmann hinaus dem Kanal nach Norden, die Bahnstrecke Münster-Dortmund und die Umgehungsbahn sind noch nicht gebaut. Aber Hiltrup wuchs. Die 1904 mit zwei Klassenräumen und Lehrerwohnung neu gebaute Knabenschule an der Clemensstraße nahm im selben Jahr die neu eingerichtete Berufsschule auf und musste 1911 erweitert werden.
Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur für das Automobil hatte noch nicht begonnen. Aber es gab erste Konflikte. 1908 ereignete sich auf der Hammer Straße „mitten im Ort ein schweres Automobilunglück“. „In rasend schnellem Tempo“ kam ein Automobil, eine Frau wurde getötet, als sie ein mitten auf der Chaussee stehendes Kleinkind rettete. Das Fahrzeug überschlug sich bei der Notbremsung und erschlug sie. Bemerkenswert ist die Berichterstattung des Westfälischen Merkur: Den Chauffeur treffe keine Schuld, denn er habe schon von weitem und vor der Einfahrt in den Ort Signale gegeben und fortwähren wiederholt – „freie Fahrt für freie Bürger“? Für Pferd und Wagen hatte längst eine Polizeiverordnung das „übermäßig schnelle Fahren und Reiten“ verboten.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)
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