Hiltrup wächst schnell
Neue Baugebiete entstanden an der Ringstraße, Amelsbürener Straße und Lange Straße. In Hiltrup-Ost wurde 1955/1956 die Marienschule gebaut.
Für eine neue Kirchengemeinde in Hiltrup-Ost (ab 1958; 2012 zusammengelegt mit St. Sebastian Amelsbüren und St. Clemens Hiltrup) wurde 1955/1956 die Marienkirche gebaut. Dafür hatten Glasurit 75.000 DM und das Schenckingsche Kalksandsteinwerk 50.000 Steine gespendet, das Hiltruper Röhrenwerk schenkte die Dachkonstruktion im Wert von 18.252 DM (Westfälische Nachrichten, Bericht über die Grundsteinlegung vom 28.7.1955). Der Hiltruper Rat bewilligte 6000DM Zuschuss für die neue Turmuhr von St. Marien, das Zifferblatt fertigte der Hiltruper Kunstschmied Kleine-Wilke an.
Die Postkarte von 1957 zeigt die prägenden Elemente der Architektur von St. Marien: Unterschiedlich große Rundbögen der großen Fenster im Kirchenschiff (1965/1966 mit Glasmalerei ausgestattet), des Turmeingangs und der überdimensionierten Schallluken der Glockenstube. Der Architekturentwurf sah vor, die Schallluken nach der Aufhängung der Glocken durch „resonanzfähiges Metallgewebe“ zu verschließen, ohne die Optik des Gebäudes zu verändern. (Diese Lösung bewährte sich allerdings nicht, die Schallluken wurden später mit schlichtem Mauerwerk drastisch verkleinert; die Architektur wurde dadurch stark verändert.) Am 8.12.1956 wurde die Kirche geweiht.
Messgewänder usw. waren zum Teil von Gemeindemitgliedern angefertigt, die große Monstranz und der Speisekelch stammten aus der Werkstatt des Hiltruper Goldschmiedemeisters August Raring. Die erste Glocke stiftete 1957 die Familie Buermann.

Das Foto aus dem Jahr 1956 zeigt den Hiltruper Gemeinderat: Eine Runde überwiegend älterer Männer, die SPD-Gemeindevertreterin Marga Niedenführ fehlt – zufällig?
Ende der 1950er Jahre baute Glasurit in großem Stil Werkswohnungen. In Hiltrup-Ost entstand zwischen Hülsheide und Meinenkampstraße ein „Glasurit-Dorf“ mit 70 Wohnungen, alte Häuser an der Meinenkampstraße wurden dafür abgerissen; in Hiltrup-West entstand 1959/1960 ein weiteres „Glasurit-Dorf“ an der Langestraße mit rund 150 Werkswohnungen.
Das neue Miteinander mit den aus Schlesien und Ostpreußen kommenden zahlreichen Flüchtlingen war nach dem Bericht von Albert Schäpers anfangs nicht leicht.

1960 wurde die Bahnhofstraße ausgebaut; die Straßenbäume wurden gefällt, Radwege wurden angelegt, neue Bäume gepflanzt und moderne „Peitschenleuchten“ aufgestellt. Die Anlieger mussten einen Teil ihrer Vorgärten abgeben, 1961 wurde darüber verhandelt. Neubauten mussten mindestens drei Geschosse haben, bis zu sechs Geschosse („Hochhäuser“) sollten möglich sein. Von der alten kleinteiligen Bebauung fielen die ersten Häuser. Die Postkarte um 1962 zeigt bereits erste geschlossene Bebauung (Hausnummer 38/40).
Die Postkarte zeigt auch den beginnenden Umbruch im Einzelhandel. Der Schuhmacher Averesch in der Bahnhofstraße 34 hatte schon 1920 „Cigarren Cigaretten“ verkauft. 1926 eröffnete seine Frau im selben Haus ein Lebensmittelgeschäft; in den 1930er Jahren bauten sie an das alte traufständige Haus ein weiteres giebelständiges Haus an und vergrößerten das Geschäft: „Kolonialwaren Tabakwaren Schuhwaren“. Averesch verpachtete das Geschäft dann an den Lebensmittelhändler Wolske als Zweiggeschäft der sich weit ausdehnenden Hill-Ladenkette. Eine Filiale der überregionalen Lebensmittel-Ladenkette „Hill“ bestand in den 1940er Jahren in einem kleinen Ladenlokal in der Bahnhofstr. 35 gegenüber. Mit dem Neubau von Nr. 38/40 im Jahr 1954 ist „Hill“ umgezogen in das neue größere Ladenlokal gegenüber in Hausnummer 38/40 (rechts im Bild; 2024: Drogeriemarkt dm).

Die traditionellen kleinen „Kolonialwarenläden“ in Hiltrup (Tante Emma-Läden, häufig von Handwerker-Frauen betrieben) kommen unter Konkurrenzdruck: Einige Häuser weiter gibt es das Lebensmittelgeschäft Holthenrich an der Ecke Klosterstraße / Marktallee 30 (es gibt 1978 auf, ab 1996 nutzt CityFoto Wohlgemuth das Ladenlokal). Weitere kleine Lebensmittelgeschäfte: An der Münsterstraße 24 (heute: Hohe Geest) Miling, an der Friedhofstr. 13 Bernhard Terbeck (1948), an der Bodelschwinghstr. 13 Staeck, in Hiltrup-Ost an der Wolbecker Str.58 Nolte (und am Heckenweg 14-16), an der Ringstraße Schiffels, an der Westfalenstr. 152 Anton Heithorn, am Burgwall 52 ab 1950 Büscher, an der Langestraße ab 1963 Wietheger, an der Amelsbürener Straße 44 Vogelsang, usw.; „Hill“ gibt später auf in der Konkurrenz mit noch größeren Supermärkten (die Drogeriekette dm übernimmt dann das Ladenlokal an der Marktallee).
In dem kleinen Ladenlokal links von Hill existiert lange das Schuhgeschäft Hemp (im Jahr 2024 nutzt die Parfümerie Pieper das Ladenlokal); nachdem der Besitzer sich zur Ruhe gesetzt hat, kann hier und auch zwei Häuser weiter kein Schuhgeschäft mehr Fuß fassen in der Konkurrenz zu dem späteren „Schuhpark“ (Marktallee 56). Im Nachbarhaus rechts von Hill (Hausnummer 34a) verkauft später der Amelsbürener Bäcker Rose Backwaren und lose Süßigkeiten (Gummibärchen und Drops aus großen Gläsern), bis bei Hill der Filialbäcker Hosselmann einzieht; dem Schreibwarengeschäft „Schreib und Spiel“ in Nr. 38 ist die Miete später zu hoch, an seiner Stelle zieht der InfoPunkt als Geschäftsstelle der Stadtteiloffensive Hiltrup e. V. ein, die Häuser Nr. 34 und 34a werden 2017 durch einen Neubau ersetzt.

1960 waren in Hiltrup noch verschiedene “Milchmänner” unterwegs und lieferten Frischmilch bis an die Haustür. In der Konkurrenz mit den Supermärkten und anderen Vertriebsformen hatten sie keine Chance.

Mit dem anhaltenden Wachstum des Ortes mussten auch die Schulen weiter wachsen.

Im Herbst 1958 bezog die Paul-Gerhardt-Schule als evangelische Volksschule ihr neues Gebäude (rechte Bildmitte) an der Bodelschwinghstraße, wo gerade die Wohnbebauung begann. Die katholische Ludgerus-Volksschule hatte 1951 den Neubau an der Kardinalstraße bezogen (untere Bildmitte) und war danach in Leichtbauweise erweitert worden (Anbau links).
1960 wohnten in Hiltrup schon 9.300 Einwohner.

Von den alten Häusern der Bahnhofstraße, die das Luftbild um 1960 zeigt, ist bis zum Jahr 2024 kaum ein Stein auf dem anderen geblieben:

An der Nordseite: Die Bäckerei Klostermann an Nr. 49 (links oben im Foto) wurde durch einen Neubau ersetzt, der seit Mitte 2022 leer steht und auf den Abbruch wartet (Stand Mai 2024). An Stelle des Arbeiterhäuschens Nr. 51 steht der Neubau von Klostermann (2024: Krimphove), das Arbeiterhäuschen Nr. 53 wurde 2010 abgebrochen und durch ein Wohnhaus mit Arztpraxis ersetzt. Das Häuschen der Näherin Therese Grön an Nr. 67 wurde 1976 abgebrochen, der Nachfolgebau steht immer wieder über längere Zeit leer. Nebenan an Nr. 69 entstand ein Wohnhaus, das im Jahr 2024 wie Nr. 67 leer steht und einen verwahrlosten Eindruck macht. Die Falken-Apotheke an Nr. 71 wurde 1992 durch einen Neubau ersetzt. In der Lücke zwischen Volksbank (Nr. 73a) und Vogt (Nr. 73, Gaststätte „Nikos“) stand 1960 noch ein eingeschossiges Papiergeschäft mit Leihbücherei, auch diese Lücke ist mit einem Wohn- und Geschäftshaus geschlossen worden. Der große Saal der Gaststätte Vogt an Nr. 73 beherbergte 1960 noch das Gloria-Filmtheater, nach der Schließung 1965 wechselten sich hier Discounter verschiedener Branchen und zwischendurch Edeka-Wiewel ab. Wo an Nr. 75 und 77 im Jahr 1960 noch das Häuschen des Weichenstellers Aegidius Breuer stand, stehen im Jahr 2024 zwei Mehrfamilienhäuser aus den 60er/70er Jahren. Die nach Osten anschließenden Grundstücke haben sich vollständig verändert. Für den Bau der neuen Brücke über Bahn und Kanal 1979/1980 und der neuen Kreuzung Marktallee / Hülsebrockstraße mussten mehrere Häuser weichen, von West nach Ost: Ein zweigeschossiges Wohnhaus, daran anschließend giebelständig das Büro der Baustoffhandlung Dalhoff, die alte Villa Dalhoff (später Gaststätte „Wildsau“) im Foto rechts unten und der Landwirtschaftsverlag (nicht im Foto).

In Gegenrichtung an der Südseite der Bahnhofstraße / Marktallee: Die Gärtnerei Hanses (Nr. 88, links im Foto) und die alte Post (Nr. 78) sind durch Neubauten ersetzt, die Freiflächen sind bebaut. Nur Nr. 74/76 (Wiesmann) steht noch im Jahr 2024, alle nach Westen anschließenden Grundstücke wurden nach 1960 neu bebaut.
Erste „Gastarbeiter“ aus Spanien kamen im Jahr 1960 nach Hiltrup. Ihr spanischer Seelsorger gab ihre Zahl im Jahr 1971 mit gut 300 an, zwei Drittel davon bei Glasurit, die „im allgemeinen meist die unangenehmsten Arbeiten erledigen“ mussten. Ihre Wohnverhältnisse waren „im allgemeinen prekär“, eine Gruppe von ihnen gründete 1967 das Spanische Zentrum.
Mit den Steuereinnahmen von Glasurit und Röhrenwerk finanzierte die Gemeinde den Aufbau von Infrastruktur. Wasserleitung, Kanalisation, Straßenbau und Müllabfuhr standen 1960 auf dem Programm, ein „Leitplan“ zur Entwicklung der Gemeinde wurde erarbeitet. Im Erläuterungsbericht zum ersten Flächennutzungsplan für Hiltrup von 1962 hieß es: „Die Gemeinde, die in den letzten Jahrzehnten aus kleinen dörflichen Verhältnissen herausgewachsen ist, hat heute fast 10.000 Einwohner. Mit diesem Wachstum haben die gemeindlichen Pläne und Einrichtungen nicht Schritt gehalten. Da auch weiterhin damit zu rechnen ist, daß ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, steht die Gemeinde vor der Notwendigkeit, Bauleitpläne aufzustellen.“

Die Gemeinde war reich. „Hiltrup ist und bleibt die Gemeinde der idealen Möglichkeiten“ jubelte 1960 der Zeitungsbericht Gemeinde in der Gärung. In dem Bericht schwingen aber auch Töne aus vergangenen Zeiten mit: als kennzeichnendes Merkmal Hiltrups wird genannt „… ein volksverbindendes Gemeinsamkeits-Bewußtsein. Die Betriebsgemeinschaft setzt sich fort in den idealen Werkswohngemeinschaften. … So kann man Hiltrup in seiner Entwicklung auch Gemeinde der Betriebsfamilien nennen, …“.

Bürgermeister wurde 1960 der Mühlenbesitzer Ludger Wentrup, CDU-Vorsitzender war Rektor Theo Harbaum, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat war August Harling. Die CDU-Fraktion dominierte den Gemeinderat.
Vor dem Hintergrund der „atomaren Finanzkraft“ Hiltrups diskutierte der Gemeinderat 1961 sogar eine Senkung der Gewerbesteuer, der Antrag der SPD wurde nur knapp (7 zu 9 Stimmen) abgelehnt (Münstersche Zeitung 2.12.1961).
Hiltrup sollte „Stadtlandschaft im Grünen“ werden. Mit dem Leitplan sollte als Hauptaufgabe ein Zentrum geschaffen werden, nachdem “sich die Bautätigkeit über das ganze Gemeindegebiet erstreckt“ hatte. „Ein eigentlicher Mittelpunkt wie in alten Kreisstädten mit der konzentrischen Häufung von Geschäften hat sich nicht gebildet und wird auch derartig nicht geschehen, weil die beiden Reihenstraßen [heute: Marktallee und Westfalenstraße] gleichzeitig zu den Hauptgeschäftsstraßen geworden sind.“ An der Marktallee, heute fast durchgehend mit mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut, stand noch eine sehr gemischte Bebauung, darunter eine Vielzahl kleiner eingeschossiger Häuser mit großen Gärten.
Der Zeitungsartikel Leistungsfähiger Einzelhandel von 1960 lobt die Hiltruper Einzelhandelsgeschäfte, die aus den alten Handwerksbetrieben hervorgegangen seien: „Ein Supermarkt als neue Manie und Magie braucht hier nicht zu sein“, durch die Ausbreitung des Markenartikels gebe es keinen Unterschied in der Qualität der Ware und auch kein Preisgefälle mehr – man wollte sich abschotten.
Man diskutierte die Verbreiterung der Bahnhofstraße (heute: Marktallee), die Anlieger mussten dafür 1960/1961 ihre Vorgärten opfern; hier sollten „Hochhäuser“ mit bis zu sechs Geschossen entstehen. („Die Grundstückseigentümer an der Bahnhofstraße müssen im Interesse des Gesamtwohls der Gemeinde auch zu Opfern bereit sein“ heißt es im Zeitungsbericht vom 2.4.1960.

Der Gleisanschluss der Glasuritwerke wurde nicht mehr benötigt und stillgelegt. Daraufhin stellte die Deutsche Bundesbahn (DB) den Betrieb im Güterbahnhof ein.
1961 war Hiltrup bereits auf 10.137 Einwohner gewachsen. 1963 stand im Röhrenwerk die nächste große Werkserweiterung an mit einer neuen Fertigungshalle.

Das Selbstverständnis der Hiltruper Bevölkerung war durch den Übergang vom Dorf zur Kleinstadt geprägt, wenn man die Berichterstattung der Westfälischen Nachrichten betrachtet. Am 2.4.1960 berichtet die Zeitung über aktuelle Entwicklungen und stellt dazu mit Fotos heraus: „Reiten – von der Landjugend in Hiltrup eifrig gepflegt“, „Fußball – beliebter Sport der Dorfjugend“ und „Hiltrups Schützenfeste vereinigen jung und alt“. Wiederholt taucht das Stichwort der „Betriebsfamilie“ auf: „Wer in der Feuerwehr ist, ist zumeist auch Mitglied eines Schützenvereins. Ausdruck des Gemeinschaftsgeistes in den für Hiltrup typischen Betriebsfamilien ist der Schützenverein. Mehr als 500 Mitglieder des Schützenvereins Hiltrup-Ost waren in diesem Jahr allein auf dem in Hiltrup gepflegten Schützen-Frühschoppen erschienen.“ Gleichzeitig wird betont, Hiltrup sei „eine autarke Gemeinde mit großstädtischem Charakter“.
Verwaltung und Gemeinderat diskutierten vor diesem Hintergrund Anfang der 60er Jahre, wie Hiltrup sich weiter entwickeln sollte. Das Bauerndorf Hiltrup hatte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein klar definiertes Zentrum rund um Alt-St. Clemens. Nach dem Bau des Bahnhofs 1868 und dem Neubau von St. Clemens an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war Hiltrup entlang der Hauptachsen gewachsen, ohne ein eindeutiges Zentrum auszubilden. Mit der beginnenden breiten Motorisierung zeichneten sich Verkehrsprobleme auf diesen Achsen ab. Der gesamte Verkehr von Münster nach Süden lief durch Hiltrup über die Hammer Straße (die danach gebaute Autobahn A 1 brachte erst ab 1968 Entlastung). Mindestens 5 Tankstellen lebten in Hiltrup davon, eine links im Foto („Benzin 46 ₰ „).

Im Januar 1963 beschloss der Gemeinderat einen Flächennutzungsplan mit weitreichenden Zielen: Der Nord-Süd-Verkehr sollte über eine neu zu bauende Straße östlich der Westfalenstraße geführt werden. In Ost-West-Richtung sollten neue Straßen den Verkehr nördlich und südlich weiträumig um den Ortskern herumführen; die Südumgehung – heutige Hansestraße – sollte zwischen Bahnhof und Glasuritwerk die Bahn und den Kanal queren und erst in Höhe des heutigen Pfarrer-Ensink-Wegs auf die Straße Osttor treffen. (Realisiert wurde letztlich nur ein Teil der Hansestraße, für die sich die Hiltruper SPD beim SPD-Landesverkehrsminister Zöpel einsetzte. Die Anbindung der Hansestraße an den Knoten Glasuritstraße/ Hülsebrockstraße hat sich später als höchst problematisch erwiesen wegen der übergroßen Verkehrsmengen.)
Der Alltag veränderte sich, Textilien aus Kunstfasern kamen auf, zum Beispiel bügelfreie Nyltest-Hemden, und Wäsche wurde nicht mehr mühsam von Hand gewaschen.

Seit 1952 war die Hebamme Marga Niedenführ für die SPD im Gemeinderat, bis 1969 war sie Fraktionsvorsitzende.

Marga Niedenführ verfolgte eine Konsens-Politik mit der CDU. Man kannte sich … und fuhr im September 1964 kurz vor der Kommunalwahl schnell noch auf „Besichtigungsfahrt“.
Politik wurde am Abend beim Bier gemacht:

Der spätere Nachfolger Wentrups als Bürgermeister, Rechtsanwalt Dr. Franz Tölle, war mit von der Partie. Bier und Zigarre, man gab sich selbstbewusst.

Im 1964 gewählten Gemeinderat saß neben CDU und SPD auch ein Vertreter der Christlichen Volkspartei (Heinrich Schwöppe). Bürgermeister wurde erneut Ludger Wentrup (mit 23 von 25 Stimmen). Für die Position der/des 1. Stellvertreterin/s kandidierten die beiden SPD-Ratsmitglieder gegeneinander, Marga Niedenführ gewann mit 16 von 25 Stimmen gegen Otto Weinrich (8 Stimmen). 2. Stellvertreter wurde Dr. Franz Tölle (CDU, 15 Stimmen).

Das Zweite Vatikanische Konzil der römisch-katholischen Kirche von 1962 bis 1965 löste auch in Hiltrup Veränderungen aus. Die beschlossene Liturgiereform veränderte den Standort des Priesters am Altar: Er sollte den Gottesdienst jetzt mit dem Gesicht zu Altar und Gemeinde gewandt halten statt wie vorher zur Apsis gewandt. Pfarrer Dahlkamp ließ 1967 in St. Clemens den von Bauer Peperhowe gestifteten Altar abbauen, er wurde durch einen nach vorn gerückten Altartisch ersetzt. Die dunkle Ausmalung von Chor und Kirchenschiff wurde beseitigt. Konservativen Gemeindemitgliedern missfiel das; sie wandten sich auch dagegen, dass die Kinder ohne besondere festliche Kommunion-Kleidung zur Kommunion gehen sollten.
1966 übernahm die SPD die Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen. Im selben Jahr führten Willy Brandt und Herbert Wehner die SPD auf Bundesebene in die Regierungsverantwortung (zunächst im Rahmen einer großen Koalition mit der CDU, 1969 in einer sozial-liberalen Koalition mit der FDP). In den meisten Großstädten der Bundesrepublik gewann die SPD in den 1950er und 1960er Jahren das Vertrauen der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in der Kommunalpolitik.
1966 verlegte die Hoesch AG das Röhrenwerk nach Hamm, Hiltrup verlor rund 400 Arbeitsplätze. Die Firma Basalan übernahm das Betriebsgelände, Ende 1966 beantragte sie die Errichtungs- und Betriebsgenehmigung für eine Anlage zur Herstellung von Basaltwolle. Der Antrag gab an, dass die Anlagen gewaltige Mengen Feinstaub und Schwefeldioxid ausstoßen sollten, die als Bindemittel eingesetzten Phenolharze sollten angeblich in einer katalytischen Verbrennungsanlage vollständig verbrannt und über Dach abgeführt werden.

Hiltrup prosperierte: Alte kleine Häuser an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee) wurden allmählich durch größere Neubauten ersetzt und Baulücken geschlossen (z.B. Hausnummern 46 und 48 neben der Sparkasse). 1967 standen noch alte kleine Häuser an Hausnummer 23 (2024: takko), 25, 27, 39 (Eckhaus Moränenstraße mit Gaststätte) und 41 (gegenüber liegendes Eckhaus Moränenstraße, 2024: Onkel Alex und Ernstings), auch sie wurden bald ersetzt. Für die neue Realschule wurde 1967 mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes begonnen.

Mit steigendem Wohlstand nahm die allgemeine Motorisierung Fahrt auf. Kleinstfahrzeuge wie der Janus, die Isetta oder das von der Hiltruper Firma Karl Georges angebotene Goggomobil fanden keine Käufer mehr. An ihre Stelle traten in wachsender Zahl größere Fahrzeuge.

Vor der Firma Karl Georges steht auf der Postkarte um 1968/1969 nur noch ein einziges Goggomobil. Auf dem Hof steht noch ein Kleinwagen (NSU-Fiat Jagst 770) und mit dem Ford Escort Mk. I ein Vertreter der Kompaktklasse. Im Übrigen fährt Hiltrup bereits Mittelklasse-Modelle: Ford 12M und Ford 17M (P3 und P5), daneben ein Glas 1700.
Auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände an der Nobelstraße zwischen Eisenbahn und Kanal eröffnete 1968 die Basalan Isolierwolle GmbH ein Werk. Basalan verschmutzte die Luft in unzumutbarem Maß (Quelle: Bericht im Hiltruper Anzeiger Nr. 6 von 1968); laut mündlichem Bericht von Zeitzeugen fielen wegen der in die Luft abgegebenen Schadstoffe Passanten auf der Straße um. Basalan (später: Reinhold+Mahla / DEUTSCHE ROCKWOOL Mineralwoll GmbH & Co. OHG) musste später den Abluftkamin erhöhen und zusätzliche Filteranlagen einbauen, Umweltschutz war ein Thema geworden. (Das Werk wurde 2002 stillgelegt, die städtebauliche Brache an der Nobelstraße wartet auf eine der zentralen Lage angemessene Entwicklung.)
Mit steigender Lebenserwartung und Veränderung der Familienstrukturen stieg der Bedarf an Alten-Pflege. Im alten Pfarrhof An der Alten Kirche hatten die Schwestern schon seit 1927 alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen, nebenan baute die katholische Kirchengemeinde St. Clemens im Jahr 1968 das Marienheim für zunächst 60 Bewohner.
Im Sommer 1968 eröffnete die Familie Krautkrämer, die bis dahin das Davertjagdhaus in Amelsbüren geführt hatte, ihr Hotel am Steiner See. Die Kapazität betrug zunächst 66 Betten, von vornherein geplant waren 140 Betten. Im selben Jahr wurde nebenan das neue beheizte Freibad eröffnet, und der am 15.11.1968 gegründete Segelclub durfte an der Landzunge zwischen den beiden Seen eine Steganlage mit Schutzhütte bauen. (In den 1970er Jahren wurden die zwei Wasserflächen miteinander verbunden, 1984 entstand das Clubhaus am Nordufer.)
Hiltrup wuchs währenddessen unaufhörlich weiter: 1970 wohnten hier schon 14.663 Einwohner. Für ihre Kinder war das Schulsystem auch in Hiltrup 1968 neu geordnet worden. An die Stelle der zwei Volksschulen Klemensschule (an der Clemens-/Patronatsstraße) und Ludgerusschule (an der Kardinalstraße) traten eine Hauptschule (an der Kardinalstraße) und vier Grundschulen: Clemens- und Paul-Gerhardt-Schule in Hiltrup-Mitte, Marienschule in Ost und Ludgerischule in West.
(Dieser Artikel wurde zuletzt am 06.02.2026 aktualisiert.)

