Im Zickzack am Rand
Zeitungen haben es schwer. Von den politischen Rändern schallt es „Lügenpresse“ und „Fakenews“, die Abonnements bröckeln ab, die Anzeigen sind zu den unsozialen Medien abgewandert und haben ein riesiges Loch in der Kasse hinterlassen. So werden die Zeitungen immer teurer. Allein von 2020 bis 2025 sind die Westfälischen Nachrichten (WN) im Abonnement um 40 Prozent teurer geworden, und die Lokalredaktion Hiltrup wurde 2025 aufgelöst.
Auf diese Veränderungen reagieren die Zeitungen auch inhaltlich. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel ist auf dem Weg zum Lifestyle-Magazin, gutes journalistisches Handwerk wird oft durch überflüssige bunte Bilder und aufgeblasene Artikel in anbiedernder Sprache ersetzt.
Auch der WN merkt man inzwischen diesen schleichenden Qualitätsverlust an. Nun kann man sich – zähneknirschend – mit der Flut bunter Bilder abfinden, die häufig gar keinen direkten Bezug zum Inhalt der Artikel haben. Offensichtlich sind bunte Bilder billiger einzukaufen als Qualitätsjournalismus. Aber inzwischen sind es nicht mehr nur die Bilder.
Am 5.11.2025 stolpert man auf Seite 4 der WN über eine Bleiwüste. Ein großer Artikel mit der Überschrift „Kritik an interner Schulung von ARD und ZDF“, am Ende des Artikels folgt ein Hinweis, dass es sich um einen Nachdruck aus der „NZZ Deutschland“ handelt. Man stutzt zunächst: Was hat so ein langer Artikel über eine interne Schulung auf der „politischen“ Seite 4 verloren? Gleichzeitig erinnert man sich, dass die NZZ, also die Neue Züricher Zeitung, früher einmal eine konservative seriöse Zeitung gewesen ist – bis es einen Rechtsruck in der Redaktion gab. Der NZZ Deutschland wird von Kritikern eine Nähe zur AfD attestiert – bis hin zur Forderung der NZZ, Björn Höcke solle Ministerpräsident von Thüringen werden. Das ist starker Tobak.
Was druckt die WN also hier nach? Man kann es kurz zusammenfassen:
Eine Portion einfache Empörungsjournalistik aus zweiter Hand, vom Hörensagen, abgekupfert von der BILD. Die Details der kritisierten Schulung kennt die NZZ nach eigener Aussage nicht und zitiert offensichtlich ungeprüft die Aussagen der BILD. Angeblich ging es in der Schulung um Sprache: Zum Beispiel „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“, das war angeblich die Frage. Was an solchen Überlegungen skandalös – und damit berichtenswert und kommentarwürdig – ist, erschließt sich nicht.
An zweiter Stelle fällt auf, dass die NZZ sich auf das Internetportal Nius als Quelle beruft. Nius kann sich jeder selbst ansehen und feststellen, wes Geistes Kind seine Macher sind. Dass ausgerechnet die Bundestagspräsidentin die Nähe zu Nius pflegt, macht es nicht besser.
Drittens zitiert man einen Rechtsprofessor mit einem allgemeinen Statement zur Medienfinanzierung. Der Professor erklärt, „möglicherweise“ sei die Schulung „auch mit Steuergeld“ finanziert und deshalb kritikwürdig – er weiß es aber genauso wenig wie die NZZ. Ein wertloses Statement.
Viertens zitiert die NZZ die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die PR-Kampftruppe einiger Arbeitgeber. Inhalt des Zitats: Drohungen gegenüber den öffentlichrechtlichen Medien – die AfD lässt grüßen.
Und richtig, an fünfter Stelle lässt die NZZ Frau Weidel zu Wort kommen mit der Forderung, den Rundfunkbeitrag und damit die öffentlichrechtlichen Medien abzuschaffen. In diesem Zusammenhang nennt die NZZ dann auch noch den früheren FDP-Granden Kubicki, man weiß, was man von ihm zu halten hat (nicht umsonst ist die FDP abgestürzt).
Man kann es kurz zusammenfassen: Unter einem belanglosen Vorwand bringt die NZZ eine eindeutig rechtsradikale Forderung der AfD unters Volk.
Frage an die WN: Was soll so ein Machwerk in der WN?
Zwei Tage später (7.11.2025) auf Seite 5 („Hintergrund“) findet sich der nächste bedenkliche Artikel. Als ob es nicht schon genug Krawalljournalistik über die Aussage des Außenministers zu Syrien gegeben hätte, wird getitelt „Unions-Ärger über Chefdiplomaten“.
„Unsere Korrespondentin“ lässt sich darin über Wadephuls „mangelnde Abgrenzung von der Außenpolitik der abgewählten Grünen-Politikerin“ aus. Oops, was meint die Korrespondentin denn damit? Eine Begründung für diese Aussage liefert der Text nicht. Man grübelt: Sollte Wadephul also alles anders machen als Baerbock? Wäre das vernünftig? Das Verhältnis zu anderen Ländern kann nur gedeihen, wenn Deutschland ein verlässlicher Partner ist, also nicht ständig seine Positionen ändert – Wadephul muss Kontinuität leben, er muss im nationalen Interesse Positionswechsel auf das unbedingt erforderliche beschränken.
Nun, die Tendenz des Artikels wird schnell deutlich. Es ist so einfach, Personen zu beschädigen: Mit der Frage, ob jemand ein „Problem-Minister“ sei, ist der Ton gesetzt – und als Autorin kann man sich darauf zurückziehen, man habe ja nur gefragt…
In diesem Stil geht es dann weiter. „Legt man ihm die Aussagen negativ aus“ – die Autorin fabuliert über Denkfiguren, wo sie als Korrespondentin Fakten berichten müsste -, dann sei er „ein schwacher Minister, der sich von einem rot-grünen Diplomaten-Apparat beeinflussen lässt“. Das sitzt, muss man zugeben. Nicht „Problem-Minister“, sondern „schwacher Minister“. Und der „rot-grüne Diplomaten-Apparat“. Endlich sagt das mal jemand. Woher hat die Autorin bloß diese Sprüche? Da müsste es doch in der kurzen Ampelkoalition eine Gehirnwäsche gegeben haben, anders ließe sich dies krasse Urteil nicht erklären. Alle in kurzer Zeit auf links gedreht? Abstrus.
Den rot-grünen Apparat lässt die Autorin als Feindbild stehen. Man ist peinlich berührt, zu nah ist die Wortwahl am „deep state“, den Trump in den USA als Feind ausgerufen hat. Aber selbst, wenn Wadephul einfach nur ein „empathischer Mensch“ wäre – die Autorin attestiert ihm wiederholte „Ausrutscher auf dem diplomatischen Parkett“. Das ist bekanntlich auch für Journalisten glatt. Vor allem, wenn man als Beweis für Ausrutscher anführt, dass Merz und Wadephul dieselben Positionen vertreten zu Gaza und zu Verteidigungsausgaben.
Das ist keine Qualitätsjournalistik. Auch und gerade in der Rubrik „Hintergrund“ ist der nüchterne Bericht von Fakten gefragt. Wenn man keine Fakten berichten kann, darf man dies Vakuum nicht mit Anwürfen füllen.
Die Alternative zum Bericht ist der Kommentar. Der Kommentar ist Meinung, die ist subjektiv. Den Kommentar zu Wadephul hat die WN zum Glück nicht eingekauft, sondern selbst geschrieben. Das liest sich am nächsten Tag (8.11.2025) akzeptabel: Der Kommentator zitiert den Bundespräsidenten: „… diesem Erschrecken [vor der syrischen Trümmerlandschaft] kann man auch mal eine Weile Raum lassen“, und verweist auf den schlimmen Zustand der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.
Das kann man unterschreiben. Aber die Ausrutscher mit der NZZ Deutschland und unqualifizierten Korrespondenten, die dürfen in der WN nicht wieder vorkommen.
Es hat den Anschein, dass die WN auch inhaltlich ins Taumeln gerät. Es ist kein Einzelfall, wie die Weihnachtsausgabe 2025 zeigt.
(Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 28.12.2025.)