Wird sie es schaffen?

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Katholische Kirche diskutiert Kindesmissbrauch

Die FAZ, nicht gerade als Kirchenkritikerin bekannt, formuliert es spitz: „Wen die Erschütterungsrhetorik der kirchlichen Würdenträger nicht überzeugt, … der kann einfach selbst die ihm möglichen Konsequenzen ziehen, …“. Erschütterungsrhetorik, das ist ein hartes Urteil über die Erklärungen von Kardinal Marx zur Vorstellung des Forschungsberichts Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz. Scham und Reue, „die Betroffenen haben Anspruch auf Gerechtigkeit“ – wieder einmal, kommentiert trocken die FAZ.

Wieder einmal? Stimmt, auch im kleinen Hiltrup. Scham und Schmerz hieß es 2010; da wurde ruchbar, dass die Kirchenobrigkeit einen Pater in die Hiltruper Seelsorgearbeit, in die Arbeit mit Jugendlichen geschickt hatte, der vorher woanders in einem Schulinternat Jugendliche massiv sexuell missbraucht hatte.

„Scham und Schmerz“ war eine Formulierung in dem öffentlichen Aufruf des Bistums Münster an unbekannte Opfer, sich zu melden. Auf der Ebene der Hiltruper Pfarrgemeinde las sich das im Pfarrbrief von Mitte 2010 schon anders: „Der Missbrauch eines Kindes zerstört das Grundvertrauen und behindert häufig eine gesund entfaltete Liebesfähigkeit. Diese Einsichten hat es in der Klarheit, wie wir sie heute haben und öffentlich besprechen, früher – etwa in meiner Jugendzeit – so nicht gegeben.“ Als ob die Bewertung von Kindesmissbrauch als Verbrechen nur eine Erfindung des 21. Jahrhunderts wäre.

Aber lesen wir weiter: „H. L. Körber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin, hat darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit des Kindermissbrauchs durch katholische Priester 36 Mal geringer sei als „bei normalen Männern“. Das entschuldigt keine einzige Tat, die Zahl kann bei der generellen Einordnung des Phänomens Missbrauch helfen.“ Alles kein Problem? Bedauernswerte Einzelfälle? Eine groteske Fehleinschätzung.

Für die wenigen öffentlich gewordenen Täter hat der Verfasser des Beitrags im Pfarrbrief viel Verständnis. „Bei allem berechtigten Abscheu müssen wir uns hüten, die Täter endgültig zu verdammen. Einer, nicht aus unserer Gemeinde, hat mir gestanden: „Ich erlebe einen sozialen Tod.“ Ihr Tun belastet die Täter, wie sie es sich in ihren dunkelsten Stunden nicht ausgemalt hätten.“ Was ist mit den dunkelsten Stunden der Opfer?

Die aktuelle Diskussion um den von Kardinal Marx vorgestellten Forschungsbericht macht sich fest an der Intransparenz des Forschungsvorhabens. Die Datengrundlage ist zweifelhaft, die Bistümer als Organisationen der Täter haben Akten vernichtet, haben Akten „gereinigt“, haben selbst darüber entschieden, welche Informationen sie den Wissenschaftlern in anonymisierter Form übermitteln. Nur die wenigsten Opfer haben sich bei der kirchlichen Obrigkeit so hartnäckig beschwert, dass daraus eine Akte wurde.

Fragt man im eigenen persönlichen Umfeld, dann gibt es weitere Hinweise. Hier war ein Kind bei Patres im Internat, und die Eltern mochten seine Erzählungen von Missbrauch einfach nicht glauben; zu stark war bei den Eltern das Bild von den untadeligen frommen Männern. Dort war ein Bekannter in einem anderen Schulinternat: „Auch wir haben Missbrauch erlebt“. Und die heutige Erzieherin in einer Kita hat als Kind im Kinderheim bei Nonnen ihre Erfahrungen gemacht, ihre eigene Geschichte hat bei ihr ein scharfes Gespür entstehen lassen für Missbrauch in der Familie.

Selbst auf dieser zweifelhaften Datengrundlage ist ein gravierendes Missbrauchsproblem deutlich geworden. Völlig unklar ist aber geblieben, ob die katholische Kirche die Kraft und den Willen zur Beseitigung des Problems hat. Denn es ist wegen der Anonymität der Erhebungen nicht nur unklar geblieben, wer die Täter waren, welche Konsequenzen die Amtskirche gezogen hat und welche Funktionen die Täter heute ausüben (den alkoholabhängigen Hiltruper Intensivtäter hat man unter kirchlichen Verschluss genommen – vor dem Staatsanwalt hat die Kirche ihn geschützt). Genauso intransparent ist die Haltung der einzelnen Bischöfe. Welches Bistum setzt die Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche um, welcher Bischof unterläuft die Leitlinien? Wo wird sexueller Missbrauch in der Priesterausbildung thematisiert? Immerhin schätzt Dr. Wunibald Müller, katholischer Theologe und psychologischer Psychotherapeut, auf der Grundlage seiner Arbeit im Recollectio-Haus den Anteil homosexueller Priester auf 20 bis 30 Prozent; die Tabuisierung der Sexualität und die steigende Belastung im Seelsorgealltag können Jahre später Fehlverhalten auslösen. Die Wissenschaftler haben zur Priesterausbildung sehr unterschiedliche Antworten von den Bischöfen bekommen, manchmal auch gar keine, und Ross und Reiter werden nirgendwo in dem Forschungsbericht benannt.

Wenn man auf der Grundlage dieser Problembeschreibung davon ausgeht, dass jeder Bischof macht, was er will, und dass manche von ihnen an erster Stelle an den Ruf der Kirche denken und erst an zweiter Stelle an das Schicksal der Opfer, dann bleibt eine große Skepsis zurück, ob die Kirche die nötige Veränderung schafft.

Man ist geneigt, Analogien zu anderen großen Organisationen zu ziehen. In jeder größeren Organisation gibt es grundsätzliche Verhaltensgesetze: Wer eine Untereinheit (in der Analogie: ein Bistum) leitet, grenzt sich ab. Jeder ist sein eigener kleiner König; man verteidigt sein Königreich gegen Machtansprüche der Nachbarn und der übergeordneten Obrigkeit. In hierarchisch organisierten Einheiten verhindert häufig das Karriereinteresse der untergeordneten Mitarbeiter eine offene Diskussion über Leitlinien und Einzelentscheidungen, in der Folge verkümmert beim Leiter die Fähigkeit zur Selbstkritik. In der katholischen Kirche verstärkt sich diese Entwicklung in der Verbindung mit der Priesterweihe, der Überhöhung durch die Berufung auf Gott, und mit dem entsprechend respektvollen Verhalten des „Fußvolks“. Besteht eine Organisation aus einer Vielzahl solcher kleiner Königtümer, dann sind allgemeine Verhaltensänderungen so gut wie ausgeschlossen. Man trifft sich regelmäßig in Besprechungsrunden (der Bischofskonferenz), und „fortschrittliche“ kleine Könige müssen sich hüten, dass sie nicht für ihre kleineren Veränderungen in ihrem Königreich denunziert und bei der fernen Obrigkeit (der Kurie in Rom) verpetzt werden; die Auseinandersetzungen um die Teilnahme von evangelischen Christen an der katholischen Kommunion sind noch frisch in Erinnerung.

Aus diesem System der Beharrung gibt es eigentlich nur zwei Auswege: Entweder etabliert sich eine deutsche kirchliche Obrigkeit und setzt – vielleicht mit Hilfe einer Beraterfirma? – eine umfassende Neuorganisation durch. Unternehmenszweck, Ziele, corporate identity werden formuliert, und wer in diesem Prozess nicht mitspielt, wird pensioniert und durch Nachwuchskräfte ersetzt. Ein solches Vorgehen müsste von Rom in Zusammenarbeit mit dem Kirchenvolk initiiert werden – eine Utopie.

Oder das Kirchenvolk steht auf in einer zweiten Reformation und nimmt die Neuorganisation selbst in die Hand. Dieser zweite Ausweg funktioniert in der Wirtschaft nur in den seltensten Fällen. In der Kirche steht dem noch ein weiteres Problem entgegen: Großen Teilen des Kirchenvolks sind all diese Organisations-, Ethik- und Verhaltensfragen längst egal, die Beziehung zur Amtskirche hat sich auf Kirchensteuer und Beerdigung verdünnt. Die Amtskirche hat sich aus dem Alltag der meisten Menschen verabschiedet. Der für eine Reformation von der Basis her nötige Furor hat keine ausreichende Grundlage mehr.

Wird die katholische Kirche in Deutschland es schaffen, die nötigen Veränderungen vorzunehmen? Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sich nicht wirklich etwas ändern wird. Die Erschütterungsrhetorik wird alle Jahre wieder neue Formulierungen suchen, und irgendwann werden auch in Deutschland staatliche Stellen das Thema übernehmen müssen, auch der Staatsanwalt.

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