Trauer um Gerda Hegel

Gerda Hegel in Aktion: Eröffnung einer Lesung im Hiltruper Museum (7.7.2017; Foto: Klare)
Gerda Hegel in Aktion: Eröffnung einer Lesung im Hiltruper Museum (7.7.2017; Foto: Klare)

Großer Verlust für die Hiltruper Kultur-Szene

Die Hiltruper Kulturszene hat sich in den letzten Jahrzehnten nachhaltig entwickelt und bietet heute ein breites, regelmäßiges Programm. Einen großen Anteil daran hat der VorLeseClub mit seinen regelmäßigen öffentlichen Lesungen. Die Mitgründerin des VorLeseClubs, Gerda Hegel, ist vor wenigen Tagen nach kurzer Krankheit verstorben. Als pensionierte Deutschlehrerin brachte sie ihre Begeisterung für Literatur und Jugendtheater, also für Neues ein; ihr Mann Günter Rohkämper-Hegel ergänzte sie mit seiner Berufserfahrung als Dozent für Sprecherziehung und Vortragskunst, Rezitator, Mediensprecher in Funk und Fernsehen und Produzent von Hörbüchern für die Westfälische Blindenhörbücherei. Beide hatten nach dem Ende ihrer beruflichen Laufbahnen vor mehr als zehn Jahren Zeit und Lust, gemeinsam ein neues „Kultur-Projekt“ auf die Beine zu stellen.

Zusammen entwickelten sie die Idee des VorLeseClub. Was ist Literaturbegeisterung, wenn man sie allein zu Hause pflegt? Und wie kann man Hiltrup, einem Stadtteil von der Größe einer Kleinstadt ohne Kino und ohne Theater, ein kulturelles Angebot machen? Ihre Überlegung führte zu dem Gedanken, ausgewählte Texte öffentlich vorzulesen. Daraus ergab sich schnell die weitere Frage, wie man eine solche Initiative auf eine breitere Basis stellen, wie man Mittäter außerhalb der kleinen Profi-Szene gewinnen könnte.

Das war der Hintergrund für die Entstehung des VorLeseClubs. Gemeinsam mit Magdalene Faber, Leiterin der Stadtteilbücherei Hiltrup, und Margret Enting von der Hiltruper Buchhandlung wurde öffentlich zu einem Workshop eingeladen. Adressaten waren Menschen, die selber gerne lesen und Lust hatten vorzulesen. Motor und Organisatorin für diese Aktion war Gerda Hegel. Die ersten 25 Vorlese-Interessierten kamen zusammen, Günter Rohkämper-Hegel war ihr Trainer, Gerda Hegel organisierte den ersten Auftritt im Rahmen des Hiltruper Frühlingsfestes und weit über 150 Auftritte in den folgenden Jahren.

Über all die Jahre fand der VorLeseClub sein Publikum. Er gehört zum kulturellen Leben in Hiltrup einfach dazu, das Publikum fragt die Jahresprogramme nach und ist es gewohnt, beinahe monatlich ein neues Thema präsentiert zu bekommen. So selbstverständlich dies wahrgenommen und auch angenommen wird, beinahe schon als Routine, so unterschiedlich und aufwendig war die Arbeit im Hintergrund. Wenn Gerda Hegel am Nachmittag bei Klostermann oder abends in Museum oder Kulturbahnhof eine Lesung anmoderierte, dann war dies nur ein sehr kleiner Teil der Arbeit – Arbeit ist hier durchaus das richtige Stichwort. Denn allein die Entwicklung der Jahresprogramme forderte sie; aus der höchst kreativen, leicht chaotischen Themensammlung mit vielen bunten Ideen musste sie konkrete Programme entwickeln. Die Diskussion in der jährlichen Mitgliederversammlung war die Grundlage, aber Gerda Hegel setzte dann anschließend zusammen mit ihrem Mann ihre eigenen Schwerpunkte. Hier verarbeitete sie auch die Anfragen, die von den verschiedensten Seiten regelmäßig an den VorLeseClub gerichtet werden, vereinbarte Termine und pflegte den Kontakt zu den Musikern.

Diese bestimmende Rolle bei Themen und Terminen des VorLeseClubs war eine Seite ihrer Arbeit. Mindestens genauso wichtig war ihre persönliche Ausstrahlung. Die Mitglieder des VorLeseClubs kommen aus allen Berufen und bringen unterschiedliche Literaturerfahrungen mit. Manche haben, was das Vorlesen angeht, einen professionellen Hintergrund, andere haben ihre Fähigkeiten im Laufe der Jahre erst im VorLeseClub entwickelt. Gerda Hegel hat dafür gesorgt, dass diese heterogene Gruppe reibungslos und eng zusammenwirkt. Sie schaffte dies durch ihre außerordentlich direkte und schnörkellose Ansprache, die keinen Platz ließ für Missverständnisse und Missstimmung. Wenn sie einen Text nicht gut fand, sagte sie es. Wenn ihr die Art eines Vortrags nicht gefiel, sagte sie es – immer gerade, unmittelbar, und in dieser Direktheit nicht verletzend. Genauso konnte sie loben und sich über Erfolge freuen. Verbunden mit einem warmen Humor prägte sie damit den gemeinsamen Auftritt.

Der VorLeseClub wird Gerda Hegels Arbeit in dankbarer Erinnerung fortsetzen.