Lob der Provinz III

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Herrstein im Hunsrück (11.9.2019; Foto: Klare)
Herrstein im Hunsrück (11.9.2019; Foto: Klare)

Herrstein im Hunsrück

Eine ruhige Nacht auf dem Campingplatz Harfenmühle entschädigt die Reisenden für den Beton-Schock des Vortags in Idar-Oberstein. Nach diesem Schrecken muss es doch in dieser abgeschiedenen Gegend auch Sehenswertes, Unzerstörtes geben – der Ort Herrstein mit seinem historischen Zentrum ist nur wenige Kilometer entfernt, einige wenige Touristen sind hier unterwegs.

Altes Backhaus und Uhrturm (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Altes Backhaus und Uhrturm (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Die Straße verläuft im Tal, der Ort liegt am Hang, der Weg in das historische Zentrum führt am alten Backhaus (heute Museum) vorbei zum Uhrturm, dem alten Stadttor. Und dann kommt die Überraschung.

Blüten begrüßen die Besucher am Stadttor (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Blüten begrüßen die Besucher am Stadttor (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Blaue Blüten am Stadttor – nein, das ist zwar schön und bezeichnend für den Ort, aber die eigentliche Überraschung kommt erst noch: Man muss durch das Tor gehen und sich umsehen.

Im Ort: Blick auf den Uhrturm (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Im Ort: Blick auf den Uhrturm (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Sorgfältig restaurierte Fachwerkhäuser aus dem 18. Jahrhundert stehen nicht einfach da, sondern sie sprechen zu den Besuchern: Hier pflegen die Bewohner liebevoll die Geschichte ihres Ortes, erhalten ihre historischen Gebäude liebevoll und sachkundig als stimmiges Ensemble. An jedem Haus erklärt ein Hinweisschild das Baujahr und das Jahr der Restaurierung. Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass dieser Kraftakt Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre in zehn Jahren auf den Weg gebracht worden ist; in zehn Jahren hat der damalige Bürgermeister die Bürger motiviert, neuzeitlichen Verputz und praktisch-hässliche Verkleidungen von ihren wunderschönen alten Fachwerkfassaden abzunehmen, und hat Zuschüsse dafür eingeworben; die Zimmermannszunft hat geholfen und Herrstein als Ausbildungsprojekt für den Umgang mit Fachwerk aufgesetzt, noch heute betreibt die Handwerkskammer in einem der historischen Gebäude ein Zentrum für die Restaurierung von Fachwerk.

Uhrturm und Fachwerk-Erker (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Uhrturm und Fachwerk-Erker (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Die Uhr am Turm hat nur einen Zeiger – ein schlichtes einfaches Design, es passt zu den einfachen Materialien und schlichten Formen des Ortes. Die Viertelstunden schlägt die Glocke der Uhr, was braucht man da bei der ruhigeren Lebensweise der Vergangenheit noch Minuten?

Schieferdächer (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Schieferdächer (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Schiefer ist das Material, das die Natur in dieser Region für die Dächer anbietet, sein Grau kontrastiert mit dem Blumenschmuck der Häuser.

Rosen vor der ehemaligen Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Rosen vor der ehemaligen Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Rosen säumen den kleinen Vorplatz vor der Scheune am Hankelbrunnen. Hier zeigt der „Hankel“ als bronzener Vertreter der Einheimischen mit Hemd, Fliege und Jacket, dass er doch etwas Besseres ist: Unter der Burg bzw. dem Schloss lebten früher die Angestellten des Fürsten, sie verwalteten von hier aus das Land. Herrstein blieb bis heute Sitz von Verwaltung und Schule und bietet damit auch heute Arbeitsplätze für – eben für die Hankel (die angeblich früher alle Johann-Karl mit Vornamen hießen).

Blumenecke vor der Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Blumenecke vor der Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Hier laden Tische und Stühle zu Kaffee und Kuchen ein und zu einem Blick in die alte Scheune, restauriert und voller Leckereien und Kunsthandwerk.

Der „historische Laden“ in der Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Der „historische Laden“ in der Scheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Steil führt die Gasse nach oben, eine Treppe hinauf geht es zur Kirche, die aus der ehemaligen Burgkapelle entstanden ist, und zum Bergfried. Hier stand der mittelalterliche Kern der Burganlage, deren altes Schloss durch einen schlichten Barockbau ersetzt worden ist. Den Bergfried haben die Bürger der Stadt vor Jahrhunderten zum Teil abgetragen zusammen mit der Stadtmauer, um dem französischen General Turenne zuvorzukommen und größeren Schaden zu verhindern; denn der zog durchs Land und verwüstete mit Sprengstoff, was ihm als Befestigungsanlage im Wege war. So erhielt der Bergfried zunächst einen ebenerdigen Eingang durch die meterdicken Mauern und diente als Gefängnis, heute trägt er unter seinem spitzen Hut die Kirchenglocken.

“Glockenturm“ und Kirche (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

“Glockenturm“ und Kirche (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Auch hier leuchten die Blüten vor dem grauen Schiefer.

Rosen im früheren Burghof (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Rosen im früheren Burghof (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Was braucht der Tourist sonst noch? Einen Pranger natürlich, um sich ein wenig gruseln zu können, auch den findet er auf dem Rundgang – und am Abend ein deftiges regionales Essen.

Restaurant und Pension Zehntscheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Restaurant und Pension Zehntscheune (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

In der Zehntscheune sitzen die Einheimischen beim Bier zusammen und klönen; Kartoffelwurst, Klöße und Saumagen warten auf die Hungrigen, und wer riesigen Appetit hat, kann sich auch an den Rollbraten wagen – wer’s nicht schafft, kann die reichlichen Reste mitnehmen. Sehr moderate Preise gelten für das Essen in der alten Scheune und auch für die Übernachtung.

Uhrturm bei Nacht (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Uhrturm bei Nacht (Herrstein, 11.9.2019; Foto: Klare)

Begegnet man Einheimischen auf dem abendlichen Heimweg durch den Uhrturm, wird freundlich gegrüßt – hier zeigt Provinz sich von der freundlichen Seite. Wer sich’s aus der Nähe anschauen möchte: Am Donnerstag um 16.30h zum Uhrturm kommen, hier erwartet einer der Ehrenamtlichen die Besucher, er öffnet sonst verschlossene Türen und führt fachkundig und unterhaltsam durch Ort und Geschichte!

Mit dem Stadtführer unterwegs (Herrstein, 12.9.2019; Foto: Klare)

Mit dem Stadtführer unterwegs (Herrstein, 12.9.2019; Foto: Klare)

Vorher: Idar-Oberstein, nächster Tag: Rhodes

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