Fridays for future und die willigen Esel

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Warum langsamer manchmal schneller ist

Die Medien haben sich auf die Klima-Beschlüsse der Bundesregierung gestürzt, und nicht nur sie. Ein Wettbewerb tobt, wer die ätzendste Kritik in die Öffentlichkeit transportiert, wer den vernichtendsten Kommentar formuliert. Inkompetent, ignorant, unfähig, unwillig sei die große Koalition, völlig zu Recht müsse sie in den nächsten Monaten aufgekündigt werden, darin sind sich viele einig. Es herrscht völliges Unverständnis. Eine strahlende Lichtgestalt steht dagegen, Greta Thunberg begeistert Hunderttausende und hat sich zum absoluten Medienstar entwickelt.

Warum also wird der Spritpreis an der Tankstelle nicht sofort spürbar herauf gesetzt? Warum wird uns nicht sofort dieses und jenes verboten, wie die Grünen es vorschlagen, der nächste Flug in den Urlaub zum Beispiel?

Warum – ja warum fahren immer mehr Autos immer mehr Kilometer und fliegen immer mehr Menschen immer öfter und immer weiter, kann man genauso fragen. Irgendwie ist das nicht gut fürs Klima, aber für den Klimaschutz haben wir doch Experten und die Regierung, die werden das schon irgendwie hinkriegen. Und was den Spritpreis angeht, das haben doch inzwischen sogar die Grünen eingesehen, haben kapiert, dass man mit 5 Mark für den Liter Sprit keine Wahlen gewinnt?

Zwei Welten stoßen hier aufeinander, man muss nur hinhören. Da sind auf der einen Seite die zu Recht Besorgten und Engagierten. Sie kommen mit Bahn, Bus und Fahrrad zurecht, sie heizen mit Erdwärme und würden sich auch mit einem hohen Spritpreis arrangieren können. Aber es gibt auch die anderen, die finden Umweltschutz gut, weil alle das tun, und sie fahren trotzdem alle Wege mit dem Auto, ihre Wohnung ist nicht energetisch saniert, und Urlaub machen sie in Dubai, mindestens aber in der Türkei. Mit dem Flieger.

Was passiert nun, wenn man diesen „anderen“ ordentlich Geld wegnimmt und ihnen dieses und jenes verbietet? Sie sind vielleicht die schweigende Mehrheit, auf jeden Fall eine große Gruppe in unserer Gesellschaft. Sie sollen ihr Leben gründlich ändern, sollen weniger und anders fahren und Urlaub im bayerischen Wald machen, am besten mit dem Fahrrad, und sie sollen zahlen. Reichlich zahlen, ohne Ausgleich; nur die Besserverdienenden sollen durch die Pendlerpauschale entlastet werden.

Diese anderen werden zornig werden. Sie werden sich verraten fühlen, steht zu befürchten. Was dann passiert, dafür gibt es zwei Szenarien.

Das Szenario 1 haben unsere Nachbarn in Frankreich schon durchgespielt. Eine kräftige Preiserhöhung für den Sprit, von oben angeordnet, führt zu massiven Protesten, zu Aufruhr. Eilig rudert die Regierung zurück. Das Thema ist für die nächste Zeit verbrannt. Die Regierung hat das Gegenteil von dem erreicht, was sie gewollt hat.

Nun neigen die Deutschen nicht unbedingt zum offenen Aufruhr. Früher hieß es, dass deutsche Revolutionäre erst eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie im Bahnhof demonstrieren. Aber es gibt Druck im Kessel, der sucht sich ein Ventil. Irgendjemand muss sich doch um uns kümmern, wenn die Regierung es schon nicht tut – und irgendjemand wird sich finden. Die Populisten bemächtigen sich des Themas. Wie sähe das zum Beispiel aus, wenn die AfD sich als Interessenvertreter der Autofahrer und Mieter aufspielt, „die AfD kämpft für euch“? Und denen eine laute Stimme verleiht, die weder Bahn noch Bus vor der Tür haben und keinen Supermarkt in der Nähe? Die Regierung erreicht auch bei diesem Szenario das Gegenteil. Das wichtige und unaufschiebbare Anliegen wird diskreditiert, und schlimmer noch, die Feinde der Demokratie bekommen Aufwind.

Verantwortungsvolles Regierungshandeln verlangt, auch diese „anderen“ mitzunehmen auf dem Weg in die CO2-arme Zukunft. Mitnehmen heißt überzeugen, heißt Werbung und eine klare Perspektive der kleinen, gangbaren Schritte. Das nächste Auto und die nächste Wohnung, vielleicht ja auch die nächste Arbeitsstelle werden von den meisten Menschen in größeren Zeiträumen geplant und realisiert. Sich auf CO2-armes Wirtschaften einzustellen verlangt einen langfristigen Planungshorizont. Die dafür erforderlichen Investitionen müssen sich für Millionen Menschen auf Sicht rechnen.

Das Tempo dieser Veränderungen muss ausgehandelt werden. Um im Bild der Esel zu bleiben: Man mag die große Koalition für sehr langsame Esel halten, aber sie sind überwiegend willig. Man muss sie nur antreiben. Fridays for future können und müssen die Treiber sein – aber die große Mehrheit aller Bürger muss das Tempo auch mitgehen wollen. Und einen genialen Beschluss hat die Bundesregierung doch gefasst: Die Esel der Herde, die störrisch zurückbleiben, sollen in Zukunft regelmäßig den Knüppel bekommen.

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