Frankreich im Herbst III

Ziel für diesen Tag: La Roche-sur-Grane (Foto: Klare)
Ziel für diesen Tag: La Roche-sur-Grane (Foto: Klare)

Drôme

Die grobe Richtung Avignon, hatten wir am Vorabend beschlossen, und so weist uns das Navi gleich zweifelhafte Wege. Vom Stadtrand von Ornans, wo wir einen Zwischenstopp eingelegt hatten, geht es gleich schmal und steil hoch nach Süden. Sind wir hier richtig, wo gestern nur ein paar Mopeds und sonst niemand unterwegs gewesen war? Aber die allwissende (und durchaus fehlbare) Stimme bleibt dabei, und wir vertrauen dem Sträßchen. Lange geht es durch Wald, wird immer schmaler, dann großzügig mit Split geflickt, in dem man nach unvermuteten Löchern Ausschau hält, aber es geht weiter. Bis unvermutet ein improvisiertes Schild quer auf der Straße steht. Achtung, gebietet das Schild, und sehr improvisiert ist mit Farbe darauf gemalt „BARRE“. Hier geht’s also nicht weiter. Halblinks verschwindet ein schmaler Feldweg; zwar Asphalt, aber: wohin geht es da? Ein Einheimischer gibt Handzeichen, wir folgen ihm, und es geht gut. Mit einem Wohnwagen-Gespann von 12 Meter Länge und ca. 3,5 Tonnen Gewicht ist einem nicht nach Abenteuer zumute, immer hat man Wilhelm Busch im Kopf: aber wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe – bloß nicht irgendwo landen, wo es nicht weiter geht und man nicht wenden kann.

Die Strecke ist landschaftlich außerordentlich reizvoll. Hier macht man nicht Kilometer, auf den schmalen und kurvigen Straßen schneckt man genussvoll dahin, bis man durch viele Serpentinen nach Salins-les-Bains herunter kommt. In Arc-et-Senans die 240 Jahre alte königliche Salzsiederei und das Architekturmuseum, um Arbois das nächste Weingebiet – wir halten nicht an, noch einige eher langweilige Kilometer auf der Nationalstraße, und die Autobahn hat uns wieder.

Langweilig kann die französische Autobahn sein, wenn man viele Kilometer vor sich hat. Es ist nicht anstrengend auf der A39, der Verkehr ist dünn, man segelt mit dem Tempomat auf 90 recht entspannt dahin, und gegen die Langeweile hilft uns Irene Disches Großmama als Hörbuch. Lange hatte ich nur den Titel im Kopf gehabt und wegen der „Großmama“ einen Bogen gemacht, aber jetzt hat es uns gepackt. Die Generationen, die dort beschrieben werden oder besser gesagt zu Wort kommen, das sind ja unsere, und die Hoger bringt als Sprecherin diese bärbeißige, erzkonservative, konventionelle und gleichzeitig unkonventionelle Repräsentantin eines ganz bestimmten Vorkriegsmilieus zum Leben.

So wird die Fahrt durch Lyon nicht Abwechslung nach Langeweile, sondern Unterbrechung einer spannenden Lebenserzählung. Aber vorher halten wir Familienrat, Hoger muss schweigen, und es wird Kaffee gekocht. Wollen wir wirklich heute noch nach Avignon? Und wohin genau in oder rund um Avignon? Nein, wir wollen keinen Stress. Wir müssen nicht mehr die zwei Wochen Oster- oder Herbstferien optimal ausnutzen und so schnell wie möglich voran kommen, das ist vorbei. Drôme, da können wir doch Halt machen. Drôme, das ist erst einmal ein Fluss, der von Osten aus den Bergen kommt und zwischen Valence und Montélimar in die Rhône fließt. Das ist aber auch eine recht abwechslungsreiche Landschaft; in den Bergen saß während der Nazi-Besetzung die Résistance und wurde von der deutschen Luftwaffe bombardiert, Jahrhunderte davor versteckten sich hier die Protestanten ihres Glaubens wegen.

Camping La Magerie: Das Haupthaus (Foto: Klare)

Camping La Magerie: Das Haupthaus (Foto: Klare)

Wir kennen hier einen kleinen Camping, der in keinem deutschen Führer steht; ein pittoreskes Dörfchen auf einem Felskegel, unten ein kleines Rathaus, etwas weiter das kleine alte Häuschen, in dem die Familie aus Luxemburg wohnt und ihre Gäste empfängt. Ja, wir waren hier vor Jahren zu Gast, saßen mit an der langen Tafel und tafelten.

Wir haben „wirtschaftliche Route“ als Navi-Option gewählt, und das funktioniert. Führt auch mit Wohnwagen auf verschwiegenen Pfaden durch Frankreichs Pampa, und jetzt klappt auch die Lyoner Generalprobe. Wo wir sonst im großen Bogen Lyon umfahren und uns dabei an schlimme Staus der Vergangenheit auf der Uferstraße erinnert haben, folgen wir stumpf der Stimme. Kommen problemlos durch, finden uns wieder auf der Rollbahn nach Marseille. Rollen weiter, finden auch die Straßen und Sträßchen – bloß keinen Gegenverkehr bitte! – nach La Roche-sur-Grane.

Camping ohne Massentourismus (Foto: Klare)

Camping ohne Massentourismus (Foto: Klare)

Hmm, der Platz sei recht voll, meint der Chef, aber „voll“ hat hier eine andere Bedeutung. Natürlich gibt es Platz für uns, mit Aussicht, die Luft ist voller Duft, nur an der langen Tafel ist heute Abend kein Platz mehr für uns. 22 große grüne Teller deckt der Chef am Haus, mehr geht nicht.

La Magerie (Foto: Klare)

La Magerie (Foto: Klare)

Rund um uns Luxemburger und Holländer, einige wenige Deutsche, ein französisches Kennzeichen. Der Chef hat investiert, es gibt neue Duschen. Seit unserem letzten Besuch ist ein neues Haus entstanden, der Sohn soll es übernehmen, aber der Charakter ist unverändert besonders geblieben: viel Platz, viel Landschaft drum herum, wunderbare Aussicht über die Felder hinweg auf Wald, Berge und ein kleines Dorf, eine große Stille.

Landschafts-Camping (Foto: Klare)

Landschafts-Camping (Foto: Klare)

Rund um das alte Gemäuer gibt es WLAN. Wo denn in dieser eher abgelegenen Ecke das Leitungswasser herkommt, interessiert man sich; Wasser ist im Süden Frankreichs knapp, anders als zu Hause in Deutschland. Man könne es ruhig trinken, der Chef hat die Frage missverstanden.

La Roche-sur-Grane: Das kleine Rathaus, zweimal die Woche stundenweise geöffnet (Foto: Klare)

La Roche-sur-Grane: Das kleine Rathaus, zweimal die Woche stundenweise geöffnet (Foto: Klare)

Dann erklärt er: dies kleine Dörfchen mit 130 Einwohnern hat sein eigenes Rathaus und seine eigene Wasserversorgung. Ein Gemeinschaftsprojekt. Wer im Gemeinderat sitzt, packt mit an. Wenn ein Wasserrohr bricht oder die Wasseruhr ausgewechselt werden muss, kommt einer der Nachbarn und macht’s. Und dann empört sich der Chef. Hollande hat verfügt, dass diese Mini-Wasserwerke nicht mehr selbständig sein, sondern in die Hand der großen Firmen gehen sollen – 200.000 Euro Rücklage stehen als Guthaben in der Buchhaltung des kleinen Wasserwerks, Veolia oder ein anderer Großkonzern freue sich schon auf das Geld, und die Wasserrechnung für den Campingplatz werde von 2.500 auf 8.000 Euro steigen. Aber Macron wolle noch einmal darüber nachdenken, stattdessen will Macron die Unabhängigkeit der Mini-Kommunen beseitigen. Das ist Politik hautnah.

Harmlose Bergkette oder Donald Trump? (Foto: Klare)

Harmlose Bergkette oder Donald Trump? (Foto: Klare)

Große Politik wacht auch über dies Idyll. Die holländischen Nachbarn machen darauf aufmerksam: Trump ist nah, sein Profil ist in den nahegelegenen Bergen gut zu erkennen. Man lacht, verdreht die Augen und wendet sich wieder dem Naheliegenden zu: nebenan reifen die Mispeln, die Büsche sind voll von den 4 cm dicken Früchten.

Mispelfrucht (Foto: Klare)

Mispelfrucht (Foto: Klare)

Zwei Tage später haben Chef und Chefin Platz für uns an der langen Tafel. In der kleinen Küche muss sie den ganzen Tag über geschnippelt, gekocht und gebacken haben, und er hat am Abend mindestens 30 Gedecke auf den zwei großen Tischen im Hof des alten Hauses dekoriert.

Im Hof des alten Hauses wird abends gegessen (Foto: Klare)

Im Hof des alten Hauses wird abends gegessen (Foto: Klare)

Das sei das letzte Mal, verkündet er, aber er gibt zugleich Entwarnung; seine Luxemburger Gäste müssen am nächsten Tag zum Ferienende nach Hause, deshalb die große Abschiedsrunde, und gekocht wird auch an den Tagen danach.

Um 20h versammeln sich die Gäste – und man fühlt sich wirklich als Gast und nicht nur als Kunde. Aromatisierter Wein, Pastis und anderes stehen als Apéritif bereit, nach und nach nähert man sich und trifft seine Auswahl. Heute sortiert sich die große Gruppe nach Nationalitäten, holländisch, luxemburgisch, ein paar Deutsche, vielleicht der großen Menge wegen; normalerweise achtet der Chef auf eine gute Mischung. Am Ende des Tisches einige Kinder, die Erwachsenen alle durch Mund-zu-Mund-Propaganda an diesen Ort gelockt. Gegenüber erzählt der Elektrohändler, wie er auf Bitten eines Freundes das Ersatzteil für die deutsche Spülmaschine besorgt und per Post hier hin geschickt und so am Ende den Weg hierher gefunden hat; es ist 23h Uhr, als uns kalt wird und wir auf die Uhr schauen.

(Fortsetzung)