Endlich was tun

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Über die Kunst des Berichtens

In Bad Oeynhausen ist ein junger Mann von einem anderen jungen Mann getötet worden. Der Täter ist Syrer, er war in einer Gruppe mit drei Deutschen unterwegs. Er ist kein unbeschriebenes Blatt, aber er ist nicht vorbestraft.

Die Westfälischen Nachrichten (WN 4.7.2024) schreiben dazu auf ihrer „Nachrichtenseite“: „Der Ärger über SPD-Innenministerin Nancy Faeser ist groß“. Und transportieren die Äußerungen von Oppositionsführer Merz (CDU), „wie sicher man selbst in den kleinen Städten im Alltag noch leben könne“. Merz appelliert laut WN: „Wir müssen jetzt endlich etwas tun“.

Es ist das Recht einer Opposition, ins Blaue hinein Forderungen aufzustellen. In diese Rubrik fällt das „endlich etwas tun“. Merz ist Jurist, er weiß genau, dass man einen nicht vorbestraften Ausländer nicht einfach so ausweisen und abschieben kann. „Endlich etwas tun“ ist eine der vielen Leerformeln ohne Wert. Sie helfen nicht weiter, sie heizen nur Stimmungen an.

Es ist das Recht einer Opposition, unbequeme Fakten unbequem zuzuspitzen. „Unsicherheit im Alltag“ ist allerdings kein (oder kaum ein) Faktum. Es ist ein Gefühl, eine Stimmung, und ist unabhängig von messbaren Tatsachen. Sie wird folgerichtig nicht mit Statistiken erhoben, sondern mit Meinungsumfragen. Laut ARD-DeutschlandTrend sind es vor allem die Anhänger der AfD, die sich unsicher fühlen. Man fühlt sich unwillkürlich 100 Jahre in der Geschichte zurückversetzt: Die Nazis schürten das Gefühl der Bedrohung – durch Juden und fremde Mächte – und überhöhten den „Führer“ als Retter. Für die CDU gehört das Versprechen von Sicherheit zum Markenkern. Aber in der aktuellen Situation nutzt es ihr nicht, Stimmungen populistisch anzuheizen. Gewinner ist nicht die CDU, sondern die AfD mit ihrem Gerede vom Staatsversagen.

Damit ist man beim problematischen Teil des WN-Artikels. Der behauptete Ärger über die Bundesinnenministerin wird als Nachricht absolut in den Raum gestellt, als ob er breit von den wesentlichen politischen Akteuren des Landes geteilt würde. Tatsächlich ist diese „Ärger-Aussage“ des Artikels kein Tatsachenbericht, wie er unter „Nachrichten“ zu erwarten wäre. Es ist eine Einzelmeinung entweder des WN-Redakteurs (dann gehört sie in einen als Kommentar ausgewiesenen Text) oder von Herrn Merz. Problematisch ist diese Aussage, weil sie die AfD-Propaganda unterstützt: Die da oben tun nichts – zu unser aller Ärger -, sie sind Volksverräter.

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