Der Besuch bei der alten Dame

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Solidarität in Corona-Zeiten

Zuerst ging es um die Solidarität des Hausarztes. Der Hausarzt der alten Dame war der Enkelin eingefallen, als sie den 105. Geburtstag mit feiern wollte und kein Corona-Testergebnis hatte. Nicht dass die Enkelin nicht ans Testen gedacht hätte: Natürlich war allen Beteiligten klar, dass man sich nur mit einem negativen Corona-Test einer 105jährigen nähern darf. So hatte die Enkelin an ihrem Wohnort, 300 Kilometer von der Oma entfernt, bei den kleinen Urenkeln und bei sich selbst einen Abstrich machen lassen, innerhalb von 48 Stunden sollte ein Ergebnis da sein. Ob es daran lag, dass es ein Labor im Rheinland war – Wat kütt, dat kütt – , egal, nach 48 Stunden gab es kein Ergebnis. Enkelin und Urenkel setzten sich in den Zug und fuhren auf Verdacht los. Zwei Stunden später, im Zug, kam das negative Ergebnis für die Zwerge.

Fünf Stunden später kam die Schar bei der Uroma an, nur das Testergebnis für die Enkelin nicht. Was tun? Uroma in Gefahr bringen und es darauf ankommen lassen? Nein, russisch Roulette sollte nicht gespielt werden, und an dem Punkt kam der Hausarzt der alten Dame ins Spiel: Vielleicht könnte der helfen? Aber helfen wollte der nicht so recht, hatte keine Lust auf solche Fragen. Im Altersheim ein Dorf weiter könne man anfragen, vielleicht hätten die einen Schnelltest über, das war der einzige Rat.

Die Dame, die sich am Telefon des Altersheims meldete, war freundlich, verstand die Situation und wollte die Leitung fragen. Das war dann alles, eine Antwort kam nicht mehr.

Wer wird schon mit klarem Kopf in seinem eigenen Heim 105 Jahre alt? Wer kann dann noch auf Besuch verzichten und bis zum nächsten Mal warten?

Die Familie hat es dann geschafft, auf anderem Wege einen Schnelltest für die Enkelin zu organisieren. Der ist nicht ganz zuverlässig, mit etwas schlechtem Gewissen (und Maske) konnte die Uroma doch noch gedrückt werden. Es war eine herzliche, warme kleine Feier. Die unendliche Kälte der Einsamkeit und des Vergessens, der Gleichgültigkeit hatte diesmal nur kurz in diese Familie hinein geweht. Eine Ahnung, wie es den Alten und Schwachen geht, wenn sie Solidarität brauchen.

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