Autsch: Das geht zu weit

Dank an Pflegepersonal: Münsters „Domfreunde“ und ihr „Pflegepreis“

Tue Gutes und rede darüber. In Münster gibt es extra einen Verein dafür, sie nennen sich ganz unbescheiden Domfreunde. Im Juni 2021 loben sie einen „Pflegepreis“ aus, und damit es kein unnötiges Gedränge gibt, verleihen sie den Preis auch gleich. So berichten es jedenfalls die Westfälischen Nachrichten (22.6.20219). Die Domfreunde sind allerdings zu bescheiden, Einzelheiten dieses Events auf ihrer eigenen Homepage zu veröffentlichen. Die letzte Pressemitteilung der Domfreunde laut www.domfreunde.de datiert von 2015. Danach sind sie wohl in den Untergrund gegangen, die letzte online vermeldete „Aktion & mehr“ ist der Geschäftsbericht 2012/2013.

Die aktuelle Startseite der Webpräsenz, Stand 22.6.2021, sieht zunächst eher wie ein Merchandise-Shop des Alt-Designerns Dieter Sieger aus. Aber sobald man sich die „ausdrucksvollen Designerobjekte“ ansehen möchte, die die Domfreunde „nunmehr jetzt allesamt der Öffentlichkeit vorstellen wollen“, führt gleich der erste Link ins digitale Nirwana.

So schaut man sich den Verein einmal genauer an. Immerhin hat noch Ende 2020 ein Abgeordneter für sich geworben, indem er sich als Vorsitzender der „Domfreunde“ präsentierte. Domfreunde in Münster, das muss eigentlich ein Selbstläufer sein: Das Wahrzeichen von Münster. Was sagen die Domfreunde denn über sich selbst?

Im Dezember 2020 war die Homepage der Domfreunde („Über uns“) ansehnlich gefüllt mit einem Foto, das in absoluter Überzahl ältere Männer zeigt. Das hat sich Mitte 2021 nicht geändert, wer auf sich hält, ist dabei. Auch hier bekommt man die hoch gelobten Merchandise-Produkte nicht zu sehen, auch dieser Link funktioniert nicht.

„Für soziale Projekte“, erklären die Domfreunde auf der Homepage, wollen sie sich engagieren und „schnell und unkompliziert helfen“. Sie listen vier Projekte auf, bis 2012 betrage des Spendenaufkommen 14.665,74 €, neuere Zahlen sind nicht veröffentlicht. Der Kinderkrebshilfe haben sie etwas gespendet, schreiben sie, und weiter heißt es dort unter „Unterstützung zu Hause“: „Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipisicing elit. Deserunt mollitia consectetur, dolorem aut commodi tenetur, tempora soluta distinctio. Neque, expedita.“ Blindtext, ein Platzhalter. Da hatten die Domfreunde wohl keinen Inhalt für den Webdesigner; der Link entpuppt sich als circulus vitiosus. Nun ja.

Der Verein „was abgeben e.v.“ ist der nächste Hilfe-Empfänger der Domfreunde, auch hier ist nicht mehr zu erfahren als „Lorem ipsum dolor sit amet…“. Die Google-Suche nach „was abgeben e.v.“ führt ins Nichts: Auf betterplace heißt es seit 10 Jahren, das Projekt sei zu 56% finanziert und könne „zur Zeit keine Spenden empfangen. Bitte versuche es morgen wieder“. Ein Herr Engel wird als Verwalter genannt, die angegebene Internetadresse von wasabgeben.de existiert nicht, und eine Nachricht an Herrn Engel kann nur schreiben, wer Mitglied bei „betterplace“ ist – das war wohl nichts.

Es ist ein etwas durchwachsenes Bild, das die Domfreunde da von ihren Aktivitäten zeichnen. Sie präsentieren auf ihrer Homepage noch ein Dombuch als „das neue Wunder von Münster“, unter „Produkte“ dann doch ein paar Merchandise-Artikel, wie man sie von Museen kennt.

Und nun der Pflegepreis. Laut WN meinen die Domfreunde, dass in diesem Jahr alle Pflegenden einen solchen Preis verdient haben: 40 Institutionen erhalten eine helfende Hand aus Aluminium (mit Kunststoff-Sockel) und dürfen eine Fahne aufziehen.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn alle anderen erst klatschen und dann Reden halten, dürfen das – mit einiger Verspätung – auch die Domfreunde. Für die Pflegenden aller Berufe wäre mehr Personal, weniger Stress und eine bessere Bezahlung vielleicht etwas wichtiger. Für die Gepflegten auch, denn die profitieren schließlich von solchen Verbesserungen. Aber die meisten Pflegenden und Gepflegten kann man mit solchen Aktionen überhaupt nicht ansprechen. Sie sind nämlich zu Hause in den Familien. Ihnen dient die schöne Rede „Lorem ipsum dolor sit amet, …“ nicht im geringsten. Der Nachbar pflegt seine Frau, er ist am Rande seiner Kräfte und kommt nur noch ganz kurz zum Einkaufen aus dem Haus. Die helfende Hand aus Aluminium würde er wahrscheinlich aus dem Fenster werfen. Es ist das Missverhältnis zwischen öffentlichem Auftritt und tatsächlicher Wirksamkeit. Die Domfreunde-Aktion kann vor diesem Hintergrund leicht den Eindruck hinterlassen, da hänge sich jemand mit einer wohlfeilen Aktion das Mäntelchen der Wohltätigkeit um. Das ist nicht nur geschmacklos. Es geht einfach zu weit, wenn ein Abgeordneter auf diese Weise seine politische Karriere promotet.