Aus dem Münsterischen Anzeiger vom 23.10.1909
Deutsche Handwerksburschen in Italien. Unser Römischer Mitarbeiter schreibt uns: Noch niemals war Italien derartig von sogenannten deutschen Handwerksburschen überschwemmt als jetzt; sie zählen zu vielen Tausenden. Den Italienern ist öfters vorgeworfen worden, sie verständen nichts von der Poesie solcher Wanderschaften und hätten keinen Sinn für dies „freie Burschenleben“; mithin hielten sie alle diese harmlosen jungen Leute für mehr oder weniger gefährliche Vagabonden. Leider kann man diesen Italienern nur bis zu einem gewissen Grade Unrecht geben; denn in Wirklichkeit spielen die meisten dieser deutschen Handwerksburschen hier in Italien eine höchst zweifelhafte Rolle, was wir indessen weniger ihnen selbst anrechnen wollen, als vielmehr den Verhältnissen in welche sie hier hineingeraten. Wir wollen uns auf unsere jahrelangen Erfahrungen mit solchen Handwerksburschen in Rom beschränken, welches diese jungen Landsleute anzieht wie das Licht die Vögel. Doch gerade hier in Rom ist die Versuchung am größten. Die sogenannten teutonischen Nationalinstitute nehmen für einige Tage „Pilger“ gratis auf; so kommen denn nun viele dieser Handwerksburschen zu den betreffenden Vorstehern dieser Institute und geben sich für— fromme Pilger aus; ja es kam bereits wiederholt vor, daß sich solche jungen Leute eigens in ein Hospiz aufnehmen ließen, um sich zum katholischen Glauben bekehren zu lassen, obgleich sie schon katholischer Konfession waren… Der größte Verderb aber für unsere jungen nach Rom kommenden Landsleute ist die in der unmittelbaren Nähe des Vatikans gelegene sogenannte deutsche „Herberge zur Heimat“: ihr Wirt ist ein ehemaliger päpstlicher Schweizergardist; gegen gute Worte und Bezahlung händigt er den bei ihm einkehrenden Gästen sorgfältig zusammengestellte Listen aller in Rom wohnenden Deutschen und Österreicher aus und zwar entweder eine solche der evangelischen oder katholischen. Dann machen die Betreffenden sich auf den Weg und grasen die Börsen ihrer Glaubensgenossen ab. Später werden die Listen getauscht, was natürlicherweise zur Folge hat, daß die Betreffenden Glaubensbekenntnis wechseln! Daß dabei oft die pikantesten Verwechselungen vorkommen, braucht wohl nicht weiter erwähnt zu werden. Kam es doch mehr als einmal vor daß ein angeblicher Katholik bei dem Hauptvertreter der hiesigen evangelischen Kirche vorsprach und sich mit einer angeblichen Empfehlung des Rektors des teutonischen Campo Santo einführte… Für katholische Handwerksburschen existiert hier ein Gesellenverein, dessen Präses immer ein junger Kaplan des Campo Santo ist und in dessen Vorstand eine ganze Reihe von deutschen Prälaten sitzt. Aber auch dieser Verein kann gerade den Italienern kaum imponieren, denn schon auf der Straße hört man den „Gesang“ deutscher Lieder in einer Weise, die sich nun einmal gar nicht mit dem Gesange der musikalisch angelegten Italiener vergleichen läßt. Eine weitere Versuchung für unsere jungen Landsleute sind gewisse Stiftungen, aus denen den Konvertiten Geschenke gemacht werden: so erhält z. B. jeder Konvertit aus der Stiftung der Fürsten Borghese ein Gebetbuch, dessen Umschlag mit echtem Silber besetzt ist: selbstverständlicherweise wandert derartiges in den meisten Fällen sofort ins Leihhaus. Aber unter diesen vielen Tausenden, welche alljährlich aus Deutschland nach Italien kommen, befinden sich auch immer Hunderte, welche nur von einer krankhaften Lust nach Abenteuern getrieben wurden; sie werden bald sehr gefährliche Verbrecher, wie dies der Überfall der Villa des Bruders des Admirals Mirabello in Kortici bewies, welcher fast mit der Ermordung des Admirals (eines Bruders des gegenwärtigen Marineministers) geendigt hätte. Dadurch die deutschen Handwerksburschen sich „äußerlich sehr gehen lassen“ gewinnen sie auch gerade nicht an Ansehen in den Augen der auf äußerliche Dinge haltenden Italiener; kurz: es wäre sicherlich im Interesse des Ansehens des deutschen Namens in Italien, wenn hier etwas Wandel eintreten würde. Die Klagen werden wirklich immer größer.
(Transskript eines Artikels im Münsterischen Anzeiger vom 23.10.1909.)
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