Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup

Ärztliche Versorgung in Hiltrup

„Die beste Krankheit taugt nicht“, sagt der Volksmund. Aber wer half, wenn beispielsweise ein Kind den Arm brach oder eine Lungenentzün­dung drohte? Wenn eben möglich mussten alte Hausmittel helfen. Aber auch kräuterkundige und in der Pflege erfahrene Frauen aus der Nachbarschaft, oft von kleinen Kotten, halfen mit Rat und Tat. Ihr praktisches Wissen und Können hat­ten sie von ihren Müt­tern und Großmüttern erlernt. Aber auch Hilfe von außerhalb wurde geholt.

Auf dem Hof Bornemann am Emmerbach befindet sich eine alte Rech­nung, die über ärztliche Hilfe von November 1779 bis Februar 1781 Auskunft gibt. Sie führt auf, bei wel­chen Krankheiten der Chir­urg Anton Thome aus Telgte gerufen wurde. Er legte mehrmals diesen Weg zu Fuß in drei Stunden zurück, um mit seinem Wissen und Können zu helfen. Mehrfach ließ er Familienmitglieder zur Ader und setzte dafür 18 Schil­linge in Rechnung. Auf dem Hof ver­sorgte er den verwundeten Fuß des Ehemannes mit Heilsalbe für 3 Schillinge 6 Pfennige. Bei weiteren Besuchen praktizierte er mit Augen­salbe, heilendem Puder, ließ Kranke bei Halsentzündun­gen und Bronchitis zur Ader, verordnete Tees zum Gurgeln, Mixturen gegen Fieber, Kampfersalbe ge­gen Erkältung und andere Mixturen zum Heilen. Tochter Bornemann bekam Brandsalbe. Aber auch fiebersenkende China­rinde, Tee gegen Blähungen, Abführ­mittel und oftmals Mixturen für war­me Umschläge wurden bei bei entzündli­chen und nichtentzündlichen Erkran­kungen verordnet. Alle Tees, Salben und Mixturen brachte er pfundweise mit. Für den dreistündigen Weg Telgte-Hiltrup setzte er 22 Schilling in Rechnung. Er besuchte die Familie 22 mal und er­hielt dafür 22 Reichstaler, 5 Schillinge und 8 Pfennige. (1 Reichstaler = 23 Schillinge; 1 Schilling = 12 Pfennige. Ein Maurer verdiente an einem Tag 9 Schillinge, 4 Pfennige. Ein Pferd kostete etwa 28 Reichstaler; das Kleid einer Bäuerin etwa 1 Reichs­taler).

Hiltrup-Mitte im Jahr 1868 (Topographische Karte von 1868, Ausschnitt; Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup-Mitte im Jahr 1868 (Topographische Karte von 1868, Ausschnitt; Bearbeitung: Henning Klare)

Aus alten Urkunden wissen wir, dass Ludwig von Bischopinck (1804 -1881) in Hiltrup praktizierte. Er wohnte an der Hohen Geest / Ecke Friedhofstraße, die Karte von 1868 zeigt sein Haus [Drei rund 3600m² große auf seinen Namen einge­tragene Grundstücke mit Haus wurden 1890 versteigert: Flur 12 Nr. 168/107, 169/107 und 170/107: Wohnhaus mit Stallung, Garten und Acker]. Bischopinck war Wundarzt, d.h. ein handwerklich ausge­bildeter Chirurg, der äußere Wunden versorgte, den Aderlass und chirurgische Eingriffe vornahm. Mit einer Änderung der Gewerbeordnung wurde 1869 die Institution des Wundarztes abgeschafft, die medizinische Versorgung war von da an den akademisch ausgebildeten Ärzten vorbehalten.

Pfarrer Wilhelm Spinn, Hiltrup (um 1900, Foto: Hiltruper Museum)

Pfarrer Wilhelm Spinn, Hiltrup (um 1900, Foto: Hiltruper Museum)

Der erste, der im Bewusstsein der Be­völkerung vor allem erkrankten Kin­dern half, das war der allseits belieb­te Pfarrer Wilhelm Spinn (1827-1906, ab 1862 in Hiltrup). Als Bauernsohn hatte er zunächst Medizin studiert. Nach einigen Semestern wandte er sich der Theologie zu. Als Pfarrer erkannte er die Nöte der armen Müt­ter mit ihren kranken Kindern, für die ein Arztbesuch in Münster nicht be­zahlbar war. In seinem Pastorat, dem alten Pfarrhof an der alten Stiege (heute: An der Alten Kirche), hielt er in einem gro­ßen Schrank etliche homöopathische Mittel bereit, die er kostenlos abgab. Auch bei ungewollt kinderlosen Ehe­paaren sollen seine Kräuter und Tinkturen geholfen haben. Wenn sich zwei Jahre nach der Eheschließung kein Nach­wuchs angemeldet hatte, stand er eines Tages vor der Tür, gab den Frauen Kräuter und einen guten Rat – oft erfolgreich, berichtete eine alte Hiltruperin. Er war ein gütiger Pastor, der zu den Menschen ging, und die Menschen gingen mit ihren Sorgen und Nöten zu ihm. Auch bei medizinischen Notfällen war er die erste Anlaufstelle, der näch­ste Arzt prakti­zierte in Münster. Nur wenigen Hiltrupern war es mög­lich, die Arztkosten zu zahlen; Bargeld war knapp. Als 1881 bei Hiltrup ein „Fußgendarm von einem Kriminellen angeschossen wurde, brachte man ihn zu Spinn.

“Sprechstunden für Kranke“ in der Hiltruper Gastwirtschaft Stähler (Münsterischer Anzeiger 19.11.1876, Bearbeitung: Henning Klare)

“Sprechstunden für Kranke“ in der Hiltruper Gastwirtschaft Stähler (Münsterischer Anzeiger 19.11.1876, Bearbeitung: Henning Klare)

Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch in Hiltrup reisende „Heilkünstler“ ihre Kunden fanden. A. J. Boecker aus Düsseldorf führte 1876 in seinem Inserat im Münsterischen Anzeiger vielfältige Leiden auf, die er angeblich in der Gastwirtschaft Stähler behandelte – aber er verzichtete darauf, sich als Arzt zu bezeichnen.

"Sprechstunden für Kranke" in der Hiltruper Gastwirtschaft Stähler (Münsterischer Anzeiger 21.11.1876, Bearbeitung: Henning Klare)

"Sprechstunden für Kranke" in der Hiltruper Gastwirtschaft Stähler (Münsterischer Anzeiger 21.11.1876, Bearbeitung: Henning Klare)

A. J. Boecker versprach sichere Heilung von fast allen Krankheiten von Trunksucht bis Krebs.

Der erste in Hiltrup niedergelassene akademisch ausgebildete Arzt war Dr. Franz Wahlert (1886 -1927). Er stammte vom Bauernhof Lütke Wahlert in Havixbeck. Seine Frau war eine geborene Arnemann aus dem damals beliebten Gasthaus in Hohenholte.

Blick von St. Clemens nach Osten auf die Bahnhofstraße (heute Marktallee): Oben rechts die Häuser Nr. 52 und 54, gegenüber mit hellem Giebel die Bäckerei Klostermann (1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Blick von St. Clemens nach Osten auf die Bahnhofstraße (heute Marktallee): Oben rechts die Häuser Nr. 52 und 54, gegenüber mit hellem Giebel die Bäckerei Klostermann (1913; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Wahlert ließ sich vor 1906 in Hiltrup nieder. Er besaß eine große Villa an der Bahnhofstraße 52 (im Foto das helle Haus oben rechts). Sie wurde 1944 durch Bomben zerstört. Heute steht an dieser Stelle die Sparkasse. Dr. Wahlert fuhr mit einem Gigue (leichter, geländegängiger Jagdwa­gen, von einem Pferd gezogen) und seinem Arztkoffer durch Hiltrup. Später legte er sich ein Motorrad zu. Er war ein freundlicher, beliebter Arzt im kleinen Dorf.

"Von der Reise zurück Dr. Wahlert, Hiltrup, Fernruf 18" (Münsterischer Anzeiger 18.11.1906, Bearbeitung: Henning Klare)

"Von der Reise zurück Dr. Wahlert, Hiltrup, Fernruf 18" (Münsterischer Anzeiger 18.11.1906, Bearbeitung: Henning Klare)

Während des 1. Weltkriegs von 1914 bis 1918 war Dr. Wahlert Lazarettarzt des Reservelazaretts im Hiltruper Paterkloster.

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915; Privatbesitz Henning Klare)

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915; Privatbesitz Henning Klare)

Eine Radium-Badeanstalt eröffnete nach einem Bericht des Münsterischen Anzeigers am 10.5.1915 in Hiltrup. Täglich sollten 15 Bäder in einer durchschnittlichen Stärke von 300 M E verabfolgt werden entsprechend der Praxis in St. Joachimsthal in Böhmen. Die Badeanstalt sollte unter ärztlicher Leitung „unseren aus dem Felde heimkehrenden Kriegern die Heilung von Gicht und Rheumatismus ermöglichen und später den bedürftigen Kranken der Gemeinde Hiltrup zur Verfügung gestellt werden.“ – Eventuell eine Aktivität des Hiltruper Arztes Dr. Wahlert?

Im Jahre 1920 gab er gesundheitshalber seine Praxis auf, verkaufte sein Haus und zog nach Recklinghausen.

Am 20.09.1922 ließ sich Dr. Franz Wiese in Hiltrup nieder. Er hatte 1914 in Münster das Physikum bestanden, bevor er als Feldhilfsarzt in den Er­sten Weltkrieg zog. Nach dem Krieg beendete er seine Studien. Als Kriegsteilnehmer konnte er sich da­mals gleich nach dem Examen niederlassen, was aber sehr schwie­rig war, weil viele Ärzte um eine Existenz rangen. Es fehlten Räume und Geld, um eine Praxis einzurich­ten. Nach einer Assistenzzeit am Franziskus-Hospital in Münster kam er nach Hiltrup. Er hatte die Zusage der Missionsklöster, ihn als Hausarzt zu nehmen.

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum)

Alter Pfarrhof HIltrup (Foto: Um 1936; Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

1923 richteten die Hiltruper Missionsschwestern im Alten Pfarrhof ein kleines Krankenhaus ein für 10 bis 12 Kranke einschließlich Wöchnerinnen; auch „uneheliche“ Kinder wurden betreut, bis sich Pflegefamilien fanden. Ab 1927 wurden auch alte Menschen zur Dauerpflege aufgenommen (Adressbuch-Eintrag 1928: „Krankenhaus (Marienheim)“). Pastor Unckel, Pfarrer an der neuen St. Clemens-Kirche, bestellte Dr. Wiese als Arzt in das kleine Krankenhaus. Auch als Bahnarzt (ähnlich ei­nem Betriebsarzt) war er tätig. Nur durch diesen Rückhalt sicherte er seine Existenz.

Hiltrup, Bahnhofstraße 64 (heute: Marktallee), Haus Harling (um1970; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup, Bahnhofstraße 64 (heute: Marktallee), Haus Harling (um1970; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Dr. Franz Wiese richtete seine Praxis im Hause Harling, Bahnhofstraße 64 ein (später Amtsverwaltung St. Mauritz; 1979 abgebrochen, heute Parkplatz). Er berichtete dazu seiner Braut: „Sprech­zimmer mit Kohleofen, mit Wachs­tuch überzogene Liege, Waschtisch mit Geschirr, Eimer für Abfall, Spiri­tuskocher für Spritzen und Instru­mente.“ Das Wartezimmer war der Flur. Dazu gehörte eine ungeheizte Schlafkammer und im Hof ein paar Hühner im Kohleschuppen.

Einige Sätze aus den Briefen Dr. Wieses an seine Braut berichten von der turbulenten Zeit der Inflation in Hiltrup:

… Am Freitag, den 20.09.1922 fange ich in Hiltrup an … Verpflegung bei Bröker (an der Clemenskirche) für 150 Mark… Erster Tag: 2 Patienten in der Sprechstunde, 1 Besuch … 6-7 Stunden bei Dreckwetter mit dem Fahrrad gefahren, pudelnaß, bis oben mit Dreck bespritzt… Die Praxis dehnt sich aus, Amelsbüren, Mecklenbeck, Rinkerode … 3 Geburten … ein Bauer vom Bullen angefallen, werde Mühe haben, ihn durchzubrin­gen … Für einen Nachtbesuch 3/4 Zentner Roggen bekommen … 1 Zentner Kohlen kostet 5000 Mark, eine Fahrraddecke 15.000 … eine kleine Wohnung angeboten bekommen … für 20.000 Mark 1 kg Lack besorgt… 1 Paar Schuhe kostet 2,5 Mill. Mark, die Fahrt nach Rothenfelde 50 Mill. … Die Praxis läßt wegen der Inflation nach, nur dringendste Besuche werden bestellt … Man kann die Apotheke nicht bezahlen; Aspirin = 20 Mill., 20 g Salbe = 40 Mill. … vielen Kollegen in der Stadt geht es noch schlechter… Zangengeburt für ein Pfund Butter … 2 Zentner Roggen verdient … Schönes Wetter, die Bauern haben keine Zeit krank zu werden…

1924 konnte Dr. Wiese im Hause Dr. Wahlert (Bahnhofstraße 52, heute Sparkasse) eine kleine Praxis und Wohnung mieten.

Hiltrup, Marktallee 65 (1982; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Hiltrup, Marktallee 65 (1982; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Im Jahre 1928 ließ er von dem Architekten Georg Bruggaier, der mit ihm verwandt war, das Haus Bahnhofstraße 65 in Hiltrup bauen. Bruggaier verwendete Abbildungen dieses Hauses später als Werbung.

Die Praxis war 31 qm groß und hatte – höchst modern – fließendes Wasser. Zu den schon vorhandenen Möbeln gesellte sich ein Bücherschrank, ein Roll­schrank für Formulare, eine kleine Kommode mit Glasplatte für das Labor. Es war mit Mikroskop, Handschleuder für Urin und Blutsenkungsständer ausge­stattet. Spritzen und Instrumente wur­den in der Küche im Tiegel ausge­kocht. Eine gepolsterte Tür führte ins Wartezimmer, dessen eindrucksvoll­ster Schmuck ein Hindenburgbild war, schwarzgerahmt, das dort bis 1949 hing.

Der ärztliche Alltag begann mit der Morgensprechstunde. Nachmittags gab es im kleinen Krankenhaus eine Sprechstunde unter Assistenz von Schwester Albina. Die meiste Zeit verschlangen die Besuchsfahrten, häufig bis abends spät und in tiefer Nacht Die Menschen versuchten zunächst ihre Hausmittelchen. Erst wenn das Fieber in den Abendstunden stieg oder die Wehen einsetzten, holte man den Arzt. In den wenigsten Fällen geschah dies per Telefon, das es nur in den Wirtshäusern gab. Die Angehörigen mußten sich zu Fuß auf den Weg machen, um den Doktor zu holen.

Krankenbesuche machte Dr. Wiese mit dem Fahrrad und zwar in Hiltrup, Rinkerode, Amelsbüren, Mecklenbeck. „Das Fahrrad hatte eine Karbidbeleuchtung, die nachts immer erst in Gang gebracht werden muß­te.“ 1923 heißt es in einem Brief: „Ich habe etwas sehr Nützliches gekauft, eine Fahrradlampe mit Dynamo. …“ Die Wetterschutzkleidung war unzu­reichend und es heißt: „…..von Gewit­tern und Regenschauern triefend naß …“ oder: „… im Dunkeln gegen einen Pfahl gefahren und in den Graben gefallen …“ August 1924 legte er sich ein Motorrad zu, mit dem er auf nas­sen und glitschigen Wegen mehrfach ausrutschte und verunglückte. „Ich liege den ganzen Tag auf der Land­straße und sehe wie ein Landstrei­cher aus“.

1926 wurde ein Motorrad ange­schafft, 1927 ein Auto, ein offener „Wanderer“, der eine Lungenentzün­dung einbrachte, und 1928 kaufte er einen Ford, Modell T.

Feste Straßen waren nur die Bahn­hofstraße (Marktallee) und die Ham­merstraße (Westfalenstraße) mit ei­ner Basaltpflasterung, daneben be­fand sich ein Sandweg für die Pferde­fuhrwerke, dann beiderseits ein Was­sergraben. Alle Landstraßen (z.B. nach Wolbeck, Amelsbüren) und die Straßen im Ort waren einfache Schot­terwege ohne Bürgersteig, gelegent­lich mit einer Teerdecke. Diese Decke bekam bei Frost Schlaglöcher, die im Sommer wieder geflickt wurden oder auch nicht. Fahrten über Land­straßen waren in erster Linie ein geschicktes Umfahren der tiefsten Schlaglöcher.

Der Hiltruper Arzt Dr. Franz Wiese (um 1940; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Der Hiltruper Arzt Dr. Franz Wiese (um 1940; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Dem Arzt standen damals nur weni­ge Medikamente zur Verfügung; Pyramidon, Aspirin, Jod, Rizinus, einige Salben und Tinkturen. Weiterhin wur­den die Hausmittel genutzt: Brustwickel, kalte Umschläge, warme Umschläge, Senfpackungen, Kohlblätter, verschiedene Kräutertees. Große Sorgen bereiteten die Kinder­krankheiten Masern, Scharlach, Diphtherie, Röteln, Furunkel, eitrige Mandelentzündungen mit allen möglichen Kombinationen.

Besonders gefürchtet waren die Lun­genentzündungen; der Arzt besuchte täglich diese Kranken und verabreichte Kreislaufmedikamente. Dabei konnte er eigentlich nur abwarten, ob die Heilung eintrat oder der Tod nach etwa 10 Tagen. Oftmals wurde er des Nachts zu Geburten gerufen.

Der erste Hiltruper Krankenwagen: Ein von der Familie Winkelmann geschenkter PKW, in Hiltrup von der Firma Stein umgebaut; davor: Schneidermeister August Krause (*1907), Organisationsleiter der NSDAP-Ortsgruppe, und seine Frau Änne Krause (Foto: um 1940;

Der erste Hiltruper Krankenwagen: Ein von der Familie Winkelmann geschenkter PKW, in Hiltrup von der Firma Stein umgebaut; davor: Schneidermeister August Krause (*1907), Organisationsleiter der NSDAP-Ortsgruppe, und seine Frau Änne Krause (Foto: um 1940; Hiltruper Museum)

1934 war Dr. Wiese mit anderen Gründer des Hiltruper Roten Kreuzes; Schneidermeister August Krause fuhr über drei Jahre den ersten Krankenwagen, zu dem ein von Familie Winkelmann geschenkter PKW umgebaut worden war.

Dr. Franz Wiese war in den Kriegsjahren beansprucht. Der Kollege Tillmann musste zum Militär. Neben den Bewohnern aus Hiltrup, Rinkerode und Amelsbüren kümmerte er sich um die Kranken im Mutterhaus, aber teilweise auch um kranke Fremd­arbeiter und Kriegsgefangene. Bis zu 1.300 junge Männer und Frauen aus der Sowjetunion, Holland, Italien, Frankreich waren in Hiltrup in Lagern untergebracht. Abends hatte er viele Schreibarbeiten zu erledigen, denn eine Sprechstundenhilfe gab es nicht. Bei den Luftangriffen auf Hiltruper Gebäude und bei allen Einsätzen des Roten Kreuzes half er so gut es ihm möglich war. Abends kam er todmüde nach Hause; den­noch wurde er nachts oft zu Geburten gerufen. Infolge Erschöp­fung erkrankte er und erlitt einen schweren Herzinfarkt. Aber die Arbeit ging weiter bis zur Erschöpfung. Im Jahre 1949 starb er.

1936 ließ sich Dr. Walter Tillmann (geboren 1900 in Haltern) als prakti­scher Arzt und Geburtshelfer in Hiltrup nieder, nachdem er schon 5 Jahre in Rinkerode praktiziert hatte.

Der Hiltruper Arzt Dr. Walter Tillmann (um 1950; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Der Hiltruper Arzt Dr. Walter Tillmann (um 1950; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Er mietete drei kleine Räume im Hause Klostermann (Adolf-Hitler-Straße / heute: Marktallee 49), bezog dann aber das Haus Adolf-Hitler-Straße 9 (heute: Marktallee).

Hiltrup, Marktallee 9 (1983; Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Dr. Tillmann betreute Kranke in Hiltrup und den umliegenden Dörfern und machte kleinere Eingriffe in den Krankenhäusern in Hiltrup und Rinkerode. In unermüdlichem Einsatz erlebte er die Nöte und Freuden eines Landarztes. Im Jahre 1940 wurde er Soldat und diente als Oberstabsarzt in Straßburg und Siegburg. Wegen eines Nieren­leidens wurde er vorzeitig 1943 ent­lassen. Nach dem Krieg war er aktiv in Hiltruper Vereinen tätig.

Schützenfest der Hiltruper Bürgerschützen 1956: Dr. Walter Tillmann und das Königspaar Martha Holthenrich und Bernhard Elkendorf (Foto: Hiltruper Museum)

Schützenfest der Hiltruper Bürgerschützen 1956: Dr. Walter Tillmann (l.) und das Königspaar Martha Holthenrich und Bernhard Elkendorf (Foto: Hiltruper Museum, Bearbeitung: Henning Klare)

Unter sei­nem Vorsitz beim TuS Hiltrup konnte die Max-Winkelmann-Kampfbahn an der Kardinalstraße eingeweiht wer­den. Als Vorsitzender des Bürger­schützenvereins von 1851 sorgte er gemeinsam mit Leo Schencking, Josef Eschweiler und Hermann Vogt im Jahre 1951 für den Bau des Ehrenmals an der Westfalenstraße. Er praktizierte bis 1965 und starb 1975.

Dr. Ivo Ehring (1908-1970) erhielt 1949 als Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft die Erlaubnis, die Praxis Dr. Wieses an der Bahnhofstraße 65 (heute Marktallee) zu übernehmen. Er zog 1951 um an die Hülsebrockstraße 3.

Dr. Hans-Jürgen Höfinghoff arbeitete ungefähr 1955 bis min. 1966 als praktischer Arzt in der Finkenstraße 4 (heute: Max-Winkelmann-Straße). Die Praxis wurde später von Dr. Dömer fortgeführt.

Dr. Heinrich Quante (1909-1999) ließ sich 1951 in Hiltrup nieder und praktizierte bis 1974 an der Bahnhofstraße 4 (heute: Marktallee).

(Quellen: Elisabeth Egger, Vom Kranksein und Doktorn im alten Hiltrup, Hiltruper Anzeiger Nr. 50 September 1995; Unterlagen des Hiltruper Museums u.a.; Bearbeitung: Henning Klare, zuletzt aktualisiert und ergänzt am 09.02.2026.)