Ein historischer Aprilscherz
Erschienen im Münsterischen Anzeiger am 1.4.1905:
(Der große neue städtische Wasserturm,) welcher mit seinem majestätischen Haupte weithin unser schönes Stadtbild beherrscht, ist seit etwa sieben Monaten voll in Gebrauch genommen. Tag für Tag sendet der Riese sein klares, stets gleichmäßig gutes Wasser bis in die entlegensten Winkel der Stadt. Für die weitere Entwicklung unser so prächtig aufblühenden Gemeinwesens ist es von größter Wichtigkeit, daß wir von Hiltrup das erforderliche bedeutende Wasserquantum dauernd in bisheriger einwandfreier Qualität bekommen können. Die anfänglichen Klagen der Hiltruper über Wasserentziehung bezw. Trockenlegung von Brunnen, Teichen und Gräben in der Hiltruper Gemarkung sind durch weitestgehendes Entgegenkommen der städtischen Verwaltung fast gänzlich gegenstandslos geworden, da man allen Besitzern den Anschluß an die Leitung ermöglichte. Eine sehr interessante und bisher noch nicht ganz aufgeklärte Erscheinung zeigen die in großem Stil angelegten umfangreichen Fischteichanlagen des Gutes Heidhorn. Bekanntlich pumpt die Stadt jetzt das Wasser von dort durch die großen, fast ein Meter Durchmesser haltenden Rohre zum Wasserturm. Nun beobachtet man schon seit längerer Zeit das vollständige Verschwinden der Goldfische, die zu Tausenden, groß und klein, die herrlich gelegenen Teiche belebten. Bei der jetzigen Jahreszeit schenkte man dieser Erscheinung zunächst weniger Beachtung, zumal es ja bekannt ist, daß sich der Goldfisch im freien Teiche im Winter tief in den Schlamm bohrt und selbst den feinen Adern des tiefsten Grundwassers nachgeht. Indessen bemerkte vorgestern der städtische Wasserwärter des Hochreservoirs zufällig, daß dieses voll von Goldfischen ist. Diese sind unstreitig durch den starken Druck in die großen Rohre gelangt und so frei schwimmend in das Reservoir gedrückt. Da die zur Stadt führenden Abflußrohre durch feine Siebe geschlossen sind, ist ein Weitergehen dieser niedlichen Wasserbewohner in die Hausleitungen unmöglich, somit die ganze Erscheinung für unsern Wasserbezug ohne jegliche weitere Bedeutung. Der Besitzer von Gut Heidhorn hat, wie wir erfahren, auf die Rückgabe der Goldfische großmütig zu Gunsten der Bürger verzichtet. Weil dem Wasserwerk ein Verkauf von Fischen bestimmungsgemäß verboten ist, sollen die bei der Reinigung des Reservoirs vorgefundenen Goldfische sämtlich heute(Samstag) nachmittag 5 Uhr unentgeltlich an Liebhaber abgegeben werden, und zwar am Schützenhof an der Haltestelle der elektrischen Straßenbahn. An jeden sollen drei Fische abgegeben, die etwa übrig bleibenden in die städtischen Teiche an den Promenaden eingesetzt werden. Es ist sehr erfreulich, daß die Stadtverwaltung sich der Mühe der Verteilung im Interesse der Bürger unterzieht. Für den Transport der Fische geeignete Gefäße sind mitzubringen.
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