Industrialisierung und Aufschwung in Hiltrup

Hiltrup im Jahr 1898: Ein paar Häuser rund um Alt-St. Clemens (Postkarte, Ausschnitt)
Hiltrup im Jahr 1898: Ein paar Häuser rund um Alt-St. Clemens (Postkarte, Ausschnitt)

Über dreißig Jahre sollte es dauern, bis in Hiltrup der Schritt nachvollzogen wurde, den beherzte Sozialdemokraten in Münster mit der Bildung der ersten SPD-Organisation bereits 1878 wagten: Im Jahre 1909 gründeten fünf ortsansässige Steinarbeiter die SPD-Ortsgruppe Hiltrup.

Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, Historische Postkarte)

Die beiden 1897 und 1899 erbauten Missionshäuser prägten Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Bild von Hiltrup (31.8.1905, Historische Postkarte)

Das Bauerndorf Hiltrup erhielt um 1160 seine erste Kirche, Alt-St. Clemens. Im Jahr 1499 als „Hilttorp“ erwähnt (1558: Hylterpe, 1621: Hiltorpf), hatte der Ort im 18. Jahrhundert um 500 Einwohner. Hiltrup hatte Sandboden und war deutlich kleiner als das Nachbardorf Amelsbüren, das auf gutem Ackerboden um 1800 1.300 Einwohner hatte. In Amelsbüren lebten im 19. Jahrhundert auch einige Juden, das Judenbuch verzeichnet für das Jahr 1829 einige jüdische Familien in Amelsbüren, Telgte und Wolbeck, nicht aber in Hiltrup.

Einen Überblick gibt die Generalstabskarte von 1835. Das Kirchspiel Hiltrup verschuldete sich im 17. und 18. Jahrhundert für den Unterhalt der Landwehren und der Kirche mit den Pfarrgebäuden, erst mit dem Wachstum im 19. Jahrhundert konnten diese Schulden abgetragen werden.

Hiltrup im Jahr 1835 (Ausschnitt der Generalstabskarte)

Hiltrup im Jahr 1835 (Ausschnitt der Generalstabskarte)

Die Eisenbahnlinie Münster-Hamm wurde 1848 feierlich eröffnet, die Haltestelle „Dikke Wief„ („Dickes Weib“) für Hiltrup, Wolbeck und Albersloh lag inmitten der Heide der Hohen Ward. Das Verkehrsaufkommen war gering, die Münster-Hammer Eisenbahngesellschaft wurde wegen finanzieller Schwierigkeiten 1855 verstaatlicht. 1862 erwarb der spätere Ehrenbürger der Gemeinde, August Bernhard Schencking (1827-1903), hier das Gut Hülsebrock. Schencking war Konsul des norddeutschen Bundes in Toulon, von 1872 bis 1876 Reichskonsul in Nizza. Als umsichtiger Kaufmann setzte sich Schencking für die Verlegung der Haltestelle ein: „Die Haltestelle Dickeweib ist wohl die einzige in Europa, welche keinen öffentlichen Fahrweg hat und sich zudem noch in der unmittelbaren Nähe einer menschenlosen Heide, die Hohe Ward, befindet.“ Schenking stellte Grund und Boden für die Verlegung des Bahnhofs nach Hiltrup zur Verfügung. Bis 1865 stieg Hiltrups Einwohnerzahl auf 665. Im Jahr 1868 wurde die Bahnstation an ihre heutige Stelle verlegt, Schenckings Gut Hülsebrock verfügte nun über einen Gleisanschluss. Sofort stieg die Zahl der Fahrgäste und Verladegüter, Schencking betrieb den Bau der Bahnhofstraße (heute: Marktallee). 1883 wurde unter dem Vorsitz Schenckings die Hiltruper Spar- und Darlehnskasse gegründet, Pfarrer Spinn gehörte dem Aufsichtsrat an und führte dort das Protokollbuch.

Der kleine dörfliche Kern von Hiltrup rund um die Alte Clemenskirche wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst langsam entlang der Nord-Süd- und Ost-West-Achse (heutige Westfalenstraße und Marktallee). Lange Ketten nebeneinander stehender Einzelhäuser entstanden an diesen Straßen, um die Jahrhundertwende vor allem an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee). Die Bewohner: 24 Bauernfamilien, mehrere Kötter, Handwerker und Kaufleute, Pfarrer Spinn (+1906), der Küster und der Lehrer. Dank der Weitsichtigkeit und des Bemühens von Konsul August Bernhard Schencking wurde der Dortmund-Ems-Kanal durch Hiltrup gebaut. 1899 wurde der Kanal im Schiffshebewerk Henrichenburg in Gegenwart von Kaiser Wilhelm II. eröffnet.

1898: Der Hiltruper Bahnhof feiert 50. Jubiläum

1898: Der Hiltruper Bahnhof feiert 50. Jubiläum

Der Hiltruper Bahnhof war um diese Zeit ein vergleichsweise bescheidenes Gebäude. Es wurde aber schon wenige Jahre später durch einen Neubau ersetzt (1907).

Von 1885 bis 1895 wuchs Hiltrups Einwohnerzahl um die Hälfte auf 1.013 (davon 92 evangelische). Im Vergleich: Amelsbüren hatte 1895 1.960 Einwohner. Der Hiltruper Pfarrer Spinn hatte bereits 1875 einen Kirchbaufonds eingerichtet: Die Einhaltung des Sonntagsgebotes für die gesunde katholische Bevölkerung ab dem Erstkommunionalter war selbstverständlich. Es galt der Pfarrbann, d. h. die Ortsansässigen erfüllten die Sonntagspflicht nur, wenn sie in ihrer eigenen Pfarrkirche den Gottesdienst besuchten. In Hiltrup wie in den meisten Gemeinden gab es auch keine andere erreichbare Ausweichmöglichkeit. Ein Geistlicher durfte zudem nur ein Meßopfer am Tag feiern. Nur in Ausnahmefällen erhielt ein Geistlicher vom Bischof die Erlaubnis, an Sonn- und Festtagen zu binieren, d.h. zweimal am Tag die hl. Messe zu feiern. Für den Frühgottesdienst und das Hochamt am Sonntag reichte das Fassungsvermögen der Alten Kirche in Hiltrup nicht mehr aus. Viele Gläubige fanden während des sonntäglichen Gottesdienstes nur auf dem Vorplatz des alten Dorfkirchleins Platz. Sie bildeten den sogenannten „Kirchenvorstand“.

Kaiserparade auf der Vennheide (1907 oder früher, historische Postkarte)

Kaiserparade auf der Vennheide (1907 oder früher, historische Postkarte)

Die Hiltruper Bebauung hatte keinen Zusammenhang mit der Stadt Münster. Im Bereich der heutigen Straße „An der alten Reitbahn“ war 1898 die Rennbahn des Westfälischen Reitvereins angelegt worden, die Vennheide diente als Parade-Gelände des Militärs. Anstelle der Rennbahn wurde hier 1914 ein großes Kriegsgefangenenlager angelegt. Nach Kriegsende diente es als Durchgangslager für rückkehrende deutsche Soldaten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Umgehungsbahn durch dies Gelände gebaut und begann die Besiedlung.

"Gruß von der Geist / Wirthschaft A. Vennemann (historische Postkarte)

„Gruß von der Geist / Wirthschaft A. Vennemann“ (historische Postkarte)

Die Gaststätte Vennemann lag Ende des 19. Jahrhunderts isoliert zwischen der münsterschen Geist und Hiltrup. Das Kartenmotiv legt nahe, dass Vennemann um diese Zeit schon Ausflugsziel für die Münsteraner war.

Im Jahre 1901 zählte die Gemeinde Hiltrup 1.197 Einwohner (1157 katholische und 40 evangelische) und verfügte über ein Areal von 1969 ha. 131 der im Jahr 1901 vorhandenen 140 Haushaltungen hatten Viehbesitz.

Wie die Postkarte „Gruss aus Hiltrup / Hiltrup im Jahr 1898“ (s.o.) zeigt, bestand Hiltrup um die Jahrhundertwende neben den verstreut liegenden Bauernhöfen aus einer kleinen Ansammlung von Häusern rund um Alt-St. Clemens. Die Ansichten auf historischen Postkarten zeigen die in dieser Zeit beginnende rasche Entwicklung.

Es gab um diese Zeit eine Reihe von Gastwirtschaften in Hiltrup. An der Chaussee Münster-Hamm waren es von Nord nach Süd: Zunächst Vennemann, dann die Kaffee-Wirtschaft Buermann in der Nähe des heutigen Krankenhauses als beliebtes Ausflugsziel der Münsteraner, …

Buermann's Kaffeewirtschaft (Hiltrup 1909; historische Postkarte)

Buermann’s Kaffeewirtschaft (Hiltrup 1909; historische Postkarte)

…, dann am Kirchplatz von Alt-St. Clemens die „Gastwirtschaft von Wwe. Theodor Scheller“ (heute: Westfalenstr. 148).

"Gastwirtschaft von Wwe. Theodor Scheller" (1901; historische Postlkarte, Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0106, Ausschnitt)

„Gastwirtschaft von Wwe. Theodor Scheller“ (1901; historische Postlkarte, Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0106, Ausschnitt)

Scheller war um diese Zeit offensichtlich etwas einfacher. Auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 präsentiert der Bauer auf der heutigen Westfalenstraße vor der Gastwirtschaft Scheller als Blickfang den Stier. Die Straße ist noch nicht gepflastert, zur Gastwirtschaft gehören Wirtschaftsgebäude mit Scheunentor und Stallfenstern – eine recht ländliche Szene.

Hiltrup, Hammer Straße: Garthenwirtschaft B. Ackermann mit Kegelbahn (1898,historische Postkarte)

Hiltrup, Hammer Straße: Garthenwirtschaft B. Ackermann mit Kegelbahn (1898, historische Postkarte; später: Gastwirtschaft Heithorn, Westfalenstr. 150)

Nebenan kamen die Gäste der „Gartenwirthschaft B. Ackermann“ (mit Altbierbrauerei und Bäckerei, später: Gastwirtschaft Heithorn) nach der Postkarten-Darstellung zu Fuß, zu Pferde, mit dem Fahrrad oder der Kutsche.

Die Gastwirtschaft Heithorn (vormals Ackermann, Westfalenstr. 150) im Jahr 1904

Die Gastwirtschaft Heithorn (vormals Ackermann, Westfalenstr. 150) im Jahr 1904

Wenige Jahre später zeigt das Foto der Gastwirtschaft Heithorn (vormals Ackermann) die Zeichen des kommenden Umbruchs: Neben dem Pferde-Futterkasten und dem Fahrrad lehnt schon ein Motorrad.

Vier Häuser weiter (Westfalenstraße 158) warb Rohrkötter: „Säle mit Klavier / Schöner Garten / Kegelbahn / Gute Speisen und Getränke / Aufmerksame Bedienung“; Rohrkötter hatte eigene Landwirtschaft und Brennerei. Zum „Dicken Weib“ (mit Kegelbahn, eigener Brennerei und Brauerei) am Rande der Hohen Ward soll besonders an Sonntagnachmittagen Hochbetrieb gewesen sein, münstersche Studenten zählten hier zu den regelmäßigen Gästen.

"Gruss aus Hiltrup / Wirthschaft Herm. Vogt" (vor 1901; historische Postkarte)

„Gruss aus Hiltrup / Wirthschaft Herm. Vogt“ (vor 1901; historische Postkarte)

In der Nähe des Hiltruper Bahnhofs hatte sich zur selben Zeit schon Tagestourismus etabliert. Die „Wirthschaft Herm. Vogt“ an der Bahnhofstraße (heute: Marktallee 73) bot Ende des 19. Jahrhunderts neben einem Saal bereits Außengastronomie an, die Postkarte zeigt überdachte Sitzplätze in einer offenen Remise. Die Münsteraner kamen mit der Eisenbahn oder auch mit dem Rad. (Es gab eine Vielzahl von Ausflugslokalen rund um Münster: Maikotten, Pleistermühle, Hugerlandshof, Weiligmann, Sebon, Nobiskrug, nur wenige existieren heute noch.)

Hiltrup um 1900: Bäckerei Vogt / Kaffee, Restaurant (alte Postkarte; heute Marktallee 73)

Hiltrup um 1900: Bäckerei Vogt / Kaffee, Restaurant (alte Postkarte; heute Marktallee 73)

Einige Jahre später präsentierte Vogt sich als „Café, Restaurant und Bäckerei von Herm Vogt“: Ein großer Brotwagen steht vor dem Haus, mit dem die Bäckereiprodukte ausgeliefert werden.

Korporationsstudenten schicken eine Postkarte von ihrem Mai-Ausflug zur Schenkwirtschaft Wilhelm Soetkamp in Hiltrup (2.5.1908, historische Postkarte)

Korporationsstudenten schicken eine Postkarte von ihrem Mai-Ausflug zur Schenkwirtschaft Wilhelm Soetkamp in Hiltrup (2.5.1908, historische Postkarte)

Auf der anderen Seite der Bahnhofstraße gegenüber dem Bahnhof war die Schenkwirtschaft Wilhelm Soetkamp Ausflugsziel der Münsteraner (später „Restauration von Josef Elfering – Bahnhofs-Restaurant mit Garten!“, abgebrochen im Jahr 2011).

1910 Feldarbeit im Emmerbachtal

Hiltrup ist um diese Zeit (1905) ein Dorf mit 1.447 Einwohnern. Bauern prägen das Bild.

Kanal-Planung in Hiltrup 1891: Bornemanns Wassermühle und Mühlenteich fallen dem Kanal zum Opfer (Grunderwerbskarte vom 4.8.1891 Blatt 4)

Kanal-Planung in Hiltrup 1891: Bornemanns Wassermühle und Mühlenteich fallen dem Kanal zum Opfer (Grunderwerbskarte vom 4.8.1891 Blatt 4)

Es war eine Zeit der großen Projekte. Parallel zum Bau des Kanals (siehe Karte) wurden auch neue Eisenbahnlinien geplant.

Plan für eine direkte Bahn Beckum-Hiltrup-Münster (18.8.1895; Ausschnitt)

Plan für eine direkte Bahn Beckum-Hiltrup-Münster (18.8.1895; Ausschnitt)

Der „Geschäftsausschuss für direkte Bahn Beckum-Hiltrup-Münster i/W.“ entwickelte 1895 einen Plan für eine Bahnverbindung von Albersloh nach Hiltrup. Ein Abzweig wurde geplant vom Bahnhof Albersloh der Bahnstrecke Beckum-Münster durch die Hohe Ward zum „Staatsbahnhof Hiltrup“. Ein Alternativentwurf enthielt eine zusätzliche Bahnlinie östlich des Kanals von Hiltrup nach Münster, dieser Plan sah auch einen „Militair Bahnhof“ und einen „Militair Hafen“ vor sowie „Weitere Hafen Projecte“ im Bereich der heutigen Halle Münsterland. Vielleicht hatte auch hier Konsul Schencking seine Finger im Spiel, dessen Villa und Gut Hülsebrock im Plan eingezeichnet sind?

Um die Jahrhundertwende setzte ein kräftiger Entwicklungsschub ein: Eisenbahnbau und Aufbau der Handels- und der Kriegsmarine schufen den Bedarf für Rostschutz- und Lackfarben. Max Winkelmann hatte 1893 in Hamburg eine Lackfabrik (Glasurit) gegründet, mit deren „Hohenzollernweiß“ auch die kaiserliche Jacht gestrichen wurde; 1903 kaufte er in Hiltrup ein Grundstück mit Kanal- und Gleisanschluss für ein Zweigwerk und errichtete eine Ölfarbenfabrik.

Eisenbahn und Kanal (feierliche Eröffnung am 11.8.1899) brachten durch den Grunderwerb viel Geld in die Gemeinde, setzten damit ein verstärktes Baugeschehen in Gang und zogen Neuansiedlungen nach Hiltrup: die Baumschule von Hanses-Ketteler (1892), das Paterkloster (1897), das Missionshaus der Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu (1900), die Baumschule von Eschweiler (1908). Daneben entstanden Gewerbebetriebe, z.B. eröffnete am 1.4.1905 die Kunststein-, Mosaik- und Terrazzo-Fabrik F. M. Dalhoff (Cementfabrik F.M. Dalhoff, Herstellung von Zementwaren, Zementrohren, Kunststeinen, Marmor- und Mosaikplatten, Trottoirplatten, Steinmehle und Betonwaren, verbunden mit einem Baustoffgroßhandel mit Bahnanschluss und eigenem Frachthafen) an der Industriestraße 4 (heute: Nobelstraße). Mehrere Ziegeleien waren 1905 in Hiltrup in Betrieb: Die Canal-Ringofenziegelei Dr. Carl Schmitz (Schmitz Kühlken) und in Amelsbüren C. Herold sowie Ökonomierat Winkelmann. 1913 sind zusätzlich die Ziegelei von Franz Menke bekannt und in Amelsbüren die Mecklenbecker Dampfziegelei sowie W. Janninhoff & Co. Erwähnt ist auch ein Kalksandsteinwerk Dr. Schaafhausen. Auf der Ostseite des Bahnhofs war von 1887 bis 1961 die Korndampfmühle von Josef Lütke Wentrup in Betrieb (bis ins 19. Jahrhundert hatte eine Wassermühle am Hof Bornemann bestanden, im 19. Jahrhundert eine Windmühle auf dem Geestrücken im Bereich der heutigen Straße Hummelbrink).

Die Firma F.M. Dalhoff (1905)

Die Firma F.M. Dalhoff (1905)

Später kam das Betonsteinwerk Surheinrich dazu, die Soda-Fabrik H. Mittrop und einige Ziegeleien (Schmitz, Kentrup). Das Hiltruper Zweigwerk der Glasurit-Werke von Max Winkelmann entwickelte sich ab 1903 schnell zum Hauptstandort (ab 1908 als Aktiengesellschaft; 1965 von BASF übernommen, heute BASF Coatings).

Kaiserliches Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (1904)

Kaiserliches Postamt Hiltrup, Bahnhofstr. 32 (1904)

Mit der Entwicklung von Industrie und Gewerbe entstand der Bedarf für Infrastruktur: Hiltrup erhielt ein Postamt an der Bahnhofstr. 32 / Ecke Klosterstraße (heute: Grosche).

Königliche Eisenbahndirektion Münster i.W.: "Entwurf über die Erbauung eines Empfangsgebäudes auf Bahnhof Hiltrup" vom 16.4.1907 (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Königliche Eisenbahndirektion Münster i.W.: „Entwurf über die Erbauung eines Empfangsgebäudes auf Bahnhof Hiltrup“ vom 16.4.1907 (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

1907 wurde ein neues, vergrößertes Bahnhofsgebäude gebaut, man befasste sich mit der Planung eines Hiltruper Wasserwerks und eines Wasserleitungsrohrnetzes (1908) und schon bald mit der Erweiterung der Schule (1911).

Mädchenschule von 1890 an der Burchardtstraße (heute: An der Alten Kirche; Foto: 1935)

Mädchenschule von 1890 an der Burchardtstraße (heute: An der Alten Kirche; Foto: 1935)

Am Kirchhof von Alt-St. Clemens gab es seit 1820 ein einklassiges Schulgebäude. Bis 1888 stieg die Schülerzahl auf 128, deshalb wurde 1890 die einklassige Mädchenschule an der „Stiege“ gebaut (später: Burchardtstraße / An der Alten Kirche). 1905 hatte Hiltrup schon 1.447 Einwohner, Mädchen- und Knabenschule hatten zusammen 250 Schüler; von 1902 bis 1940 wurden 8 weitere Klassenräume an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße) gebaut. Die alte Schule am Kirchplatz wurde 1913 aufgegeben (das Gebäude wurde im II. Weltkrieg durch Bomben zerstört).

Knabenschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße), erbaut 1904

Knabenschule an der Clemensstraße (heute: Patronatsstraße), erbaut 1904

Die 1902, nach anderer Quelle 1904 gebaute neue Knabenschule hatte zunächst zwei Klassenzimmer.

Ein Arzt hatte sich in Hiltrup noch nicht niedergelassen, bei Krankheit half Pfarrer Spinn mit seinen kostenlos verabreichten (homöopathischen) „Pulvern“; erst um 1910 ließ sich Dr. med. Franz Wiese in Hiltrup nieder. Das ehemals ländliche Kirchspiel stand im Begriff, sich der gewerblich-industriellen Wirtschaft weiter zu öffnen.

"Gruss aus Hiltrup / Gastwirtschaft von Wwe. Theodor Scheller" (um 1905; historische Postkarte, Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0107)

„Gruss aus Hiltrup / Gastwirtschaft von Wwe. Theodor Scheller“ (um 1905; historische Postkarte, Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0107)

Das Gasthaus Scheller sah 1905 schon etwas feiner aus als auf der Postkarte aus dem Jahr 1901 (s.o.). Das Scheunentor neben dem Gasthaus ist auf der Postkarte zwar noch zu sehen, aber eine Kutsche hat feierlich gekleidete Gäste gebracht, die am Tisch vor dem Haus sitzen. Links posieren zwei Eisenbahner (?), rechts zwei Postboten in Uniform. Ein Schild am Haus „Deutsche Radfahrer / Station“ wirbt um neue Kunden: Radfahren ist die neue Mode.

Um 1900 war die heutige Westfalenstraße in Hiltrup vor der Gastwirtschaft von Heinr. Scheller ein Sandweg ohne Pflasterung (historische Postkarte zur Verfügung gestellt von Herrn Stoffers; heute Henrik's Restaurant, Westfalenstr. 148)

„Gruss aus Hiltrup / Gastwirtschaft von Heinr. Scheller“ (um 1910; historische Postkarte, Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv))

Wenige Jahre später zeigt die Postkarte des Gasthauses Scheller deutliche Veränderungen. Die Chaussee / Westfalenstraße ist zwar immer noch nicht gepflastert, aber das Scheunentor ist verschwunden. Zwei Wohnraum-Fenster sind an seiner Stelle entstanden, im ehemaligen Stallbereich eine kleinere Einfahrt; davor steht der einspännige Brotwagen der „Landbrotbäckerei Ww. Scheller“, mit dem die Kunden beliefert werden. Scheller hat sich noch mehr auf die neue Mode des Fahrradfahrens eingestellt. Am Haus wirbt über dem großen Schild „Deutsche Radfahrer – Station“ ein Schild „Große Pumpe für deutsche Radfahrer“, darunter ist eine Wasserpumpe am Haus zu erkennen; am Zaun lehnt ein Fahrrad. Vor dem Haus stehen Tische und Stühle, Pflanzkübel grenzen die Außengastronomie zur Straße hin ab. Am Straßenrand steht ein Hydrant – Hiltrup hat eine Wasserleitung.

Hiltrup, Chaussee Münster-Hamm: Haus der Missionsschwestern (1914)

Hiltrup, Chaussee Münster-Hamm: Haus der Missionsschwestern (1914)

Die Chaussee Münster-Hamm bleibt in den Folgejahren ungepflastert. Neben der befestigten Chaussee zeigt das Foto aus dem Jahr 1914 einen breiten Sommerweg. Das Haus der Missionsschwestern (erbaut 1900, inzwischen bereits erweitert) steht noch allein auf weiter Flur.

1915 ca. Gasthaus Scheller (Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv) 0108)

1915 ca. Gasthaus Scheller_(Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank – Stadtarchiv) 0108)

Wieder einige Jahre weiter ist die Elektrizität nach Hiltrup gekommen: Über der Tür des Gasthauses Scheller ist eine Lampe angebracht. Das Schild „Deutsche Radfahrer / Station“ ist verschwunden, die Pflanzen in den Kübeln der Außengastronomie sind gewachsen, am Straßenrand steht immer noch ein Futterkasten für die Pferde. Vor dem Haus posiert eine Gruppe von Männern in Zivil und in schlichter Uniform – Scheller auf Fronturlaub?

Das öffentliche Leben in Hiltrup wurde wesentlich bestimmt durch Bürgermeister Große Wentrup und Pfarrer Franz Unckel (ab 1906). Namen wie Schencking und Winkelmann prägten das wirtschaftliche Leben. Max Winkelmann hatte die Farbproduktion „Glasurit“ nach Hiltrup gebracht, August Bernhard Schencking hatte sich für die Einführung moderner landwirtschaftlicher Methoden eingesetzt, maßgeblichen Einfluss auf die Verlegung des Hiltruper Bahnhofs (von der Station „Diecke Wief“) zum heutigen Standort und auf die Streckenführung des Kanals ausgeübt. Seine Anstrengungen zur Belebung der Hiltruper Wirtschaft waren übrigens auch durchaus politisch motiviert. Davon zeugt sein zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasstes Testament:

>> Von dem Wunsche beseelt,… die Zahl der Hauseigenthümer zu vermehren, wodurch am besten der Anarchismus bekämpft und Staat und Religion besser erhalten werden … <<

bestimmte er, dass erhebliche Teile seines umfangreichen Grundbesitzes Siedlungszwecken zuzuführen seien: >> Von dem Wunsche beseelt, recht bald das Dorf Hiltrup mit dem Bahnhof Hiltrup zu verbinden …, ertheile ich meiner Gemahlin das Recht, nach meinem Tode fortzufahren, Theile von meinem Gute Hülsebrock … zu verkaufen, vornehmlich zu Ansiedlungen … <<

Vor dem Hintergrund der weiter steigenden Einwohnerzahl wurde in der katholischen Pfarrgemeinde immer hitziger diskutiert, ob Alt-St. Clemens erweitert, durch einen Neubau an gleicher Stelle oder durch einen völligen Neubau an anderer Stelle ersetzt werden sollte. Dabei spielte auch die Einschätzung eine Rolle, dass mit dem Ort eines Neubaus die Lage des gesamten neuen Ortskerns und damit auch die künftigen Grundstückspreise bestimmt würden. Als Pfarrer Unckel 1906 sein Amt antrat, fand er heftig zerstrittene Lager vor. Die Vergabe der Bauplätze und die Grundstücksspekulationen waren schon im Gang. Er vermied es, Stellung zu beziehen, und begann sehr erfolgreich, Geld für einen Neubau zu sammeln.

Hiltruper Arbeiter bekennen sich zur SPD

Als Gründer der SPD Hiltrup müssen 5 Steinmetzarbeiter angesehen werden, die in der genannten Hiltruper Kunststein-, Mosaik-und Terrazzofabrik F. M. Dalhoff beschäftigt waren. In jener Zeit streikten die gewerkschaftlich organisierten Hiltruper Steinmetzarbeiter. Die mit dem Streik zusammenhängenden Probleme gaben vermutlich den Anlass zum politischen Zusammenschluss derjenigen Gewerkschafter, die zugleich Sozialdemokraten waren. Überhaupt förderten die Schwierigkeiten, öffentlich für die Sozialdemokratie einzutreten, zunächst eine Hinwendung der politisch Aktiven zur Gewerkschaftsarbeit. Hier lag, zumindest in Münster und Umgebung, der Schwerpunkt der Arbeit. Hier konnten Bemühungen unternommen werden, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Handwerker zu verbessern.

Dies galt offensichtlich auch für Hiltrup. Dort bildete sich noch vor der SPD-Ortsgruppe eine Filiale der Gewerkschaft der Steinarbeiter aus den Beschäftigten der Terrazzofabrik, die 1910 bereits 30 Mitglieder und damit ein Vielfaches der SPD-Ortsgruppenstärke zählte. Auch der aus Kreisen der SPD und der freien Gewerkschaften gebildete münstersche Konsum- und Sparverein verfügte in Hiltrup bereits 1909 über eine Filiale.

Wenn auch die Einzelheiten der Gründungsumstände im Dunkeln liegen, es bleibt jedenfalls auffällig, dass im Jahre der Ortsgruppengründung die Hiltruper Steinmetzarbeiter streikten und dass die ersten 5 Mitglieder dieser Ortsgruppe allesamt Steinmetzarbeiter waren. Hier keinen Zusammenhang zu erkennen, fällt schwer. Es liegt daher die Feststellung nahe, dass das Erstarken der Gewerkschaften in Hiltrup schließlich zum organisatorischen Zusammenschluss der örtlichen Sozialdemokraten geführt hat.

Etwa ein Jahr später fand eine Generalversammlung des SPD-Wahlkreisvereins Münster-Coesfeld statt (24. Juli 1910). An dieser Versammlung nahmen zwei Hiltruper Genossen teil. Es handelt sich um „Ignatz Züller, Steinmetz“ und „August Landgraf, Stampfer“. Diese beiden Arbeiter sind die einzigen bislang namentlich bekannt gewordenen Parteimitglieder aus jenen Jahren. Sie dürften mit einiger Sicherheit an der ein Jahr zuvor vollzogenen Gründung der Hiltruper Ortsgruppe beteiligt gewesen sein. Ihre Berufsbezeichnungen als Steinmetz und Stampfer weisen sie als Streikbetroffene aus.

Weder die Gründung des Wahlvereins Münster-Coesfeld noch die entsprechenden Hiltruper Aktivitäten blieben der Obrigkeit verborgen. Nachdem der Oberbürgermeister von Münster bereits am 22. September 1908 dem Regierungspräsidenten berichtet hatte, dass sich
>> hier ein sozialdemokratischer Verein Münster-Coesfeld gebildet hat …… <<,

meldete er auf eine entsprechende Anfrage des Regierungspräsidenten am 21. März 1909, dass der Verein etwa 60 Mitglieder habe, darunter 25 Frauen, Ortsgruppen seien nicht errichtet worden. Etwa ein Jahr später berichtete die münstersche Polizeiverwaltung über eine Parteiversammlung in Münster und zählte dabei namentlich alle Teilnehmer aus Münster und Hiltrup auf. Unter ihnen befinden sich die beiden Steinarbeiter der Hiltruper Terrazzofabrik.

Der eigentliche Nachweis des Gründungszeitraumes 1909/1910 ergibt sich aus dem Zusammenhang des Oberbürgermeisterberichts vom 21. März 1909, wonach sich (in Hiltrup) noch keine Ortsgruppe gebildet hatte, mit einer Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ aus dem folgenden Jahr, die von einer vor einiger Zeit gegründeten Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei in Hiltrup berichtet.

Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910

Meldung der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910

Demnach fällt die Gründung in die Zeit zwischen dem 21. März 1909 und dem Erscheinen dieses Zeitungsartikels. Ein weiteres Indiz für das Gründungsjahr 1909 ergibt sich aus folgendem: Der Bericht des Regierungspräsidenten in Münster vom Dezember 1909 erwähnt den Wahlkreisverein Münster-Coesfeld mit fünf nicht näher bezeichneten Ortsgruppen. Im nachfolgenden Jahresbericht 1910 werden diese fünf Ortsgruppen einzeln genannt, unter ihnen auch Hiltrup.

„Wer übt Terrorismus?“

Der erwähnte Zeitungsbericht der Dortmunder „Arbeiterzeitung“ von 1910 ist auch im Übrigen interessant, beleuchtet er doch schlaglichtartig das Verhältnis der christlichen zu den freien Gewerkschaften, die der SPD nahestanden und bis zum heutigen Tage nahestehen. Diese hatten im September 1909 den bereits erwähnten Konsum- und Sparverein gegründet. Im gleichen Jahr beantworteten die christlichen Gewerkschaften dies mit der Gründung einer eigenen Konsumgenossenschaft unter dem Namen „Eintracht“. Beide Genossenschaften verfügten über Filialen auch in Hiltrup. Unter dem Titel „Wer übt Terrorismus?“ berichtete die Dortmunder Arbeiterzeitung unter Bezug auf Hiltrups christliche Konsumfiliale:

>> Aber Mitglieder muß der Konsumverein haben und wurde deshalb auf die Hauswirte verheirateter Kollegen eingewirkt. Wenn der Betreffende nicht beitritt, wird die Wohnung gekündigt. Das ist kein Terrorismus, sondern christliche Nächstenliebe! <<

Vorher heißt es in diesem Artikel:

>> In Hiltrup besteht seit einiger Zeit eine Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei, deren Mitglieder aus den hier beschäftigten … Steinmetzen bestehen. Die Tatsache hat nun den Vorsitzenden des christlichen Keram- und Steinarbeiterverbandes um den Rest seiner Überlegungen gebracht. Nicht eine Nummer des Keramarbeiterblättchens erscheint, in der nicht über die Genossen in einer Weise hergezogen wird, daß man meinen könnte, es wären lauter Diebe und Räuber. <<

Der Bericht zeigt aber noch ein Weiteres. Von Anfang an hatten die Sozialdemokraten in Münster es vermieden, eine antikirchliche Haltung einzunehmen. Mit welchem Erfolg, lässt sich ebenfalls der Zeitungsmeldung entnehmen:

>> Derselbe [der Hiltruper Pfarrer Unckel] faßte die Sache auch gleich richtig an und empfahl seinen Gläubigen von der Kanzel aus, keinen der roten Genossen in Logis zu nehmen und beileibe kein Lokal für Versammlungen herzugeben. Sogar die Wirtschafterin des Herrn ging von Haus zu Haus, um die rote Flut zu dämmen.<<

Der Bericht ist ein sehr prägnantes Beispiel, unter welchen Bedingungen Sozialdemokraten auch in Hiltrup ihre Rechte erkämpfen mussten, dass sie auch in Hiltrup dem erbitterten Widerstand von Bürgern und Kirche ausgesetzt waren. Ihnen ist nichts geschenkt worden – sie mussten sich nehmen, was ihnen zustand, aber nicht zugestanden wurde. Darauf bauen wir heute auf. Ohne das oft genug verzweifelte Engagement unserer politischen Väter und Mütter sähe heute vieles anders aus. Wenn wir uns deshalb heute an die Gründung der Hiltruper SPD und die enormen Widerstände, die der organisierten Arbeiterschaft entgegengestellt wurden, erinnern, so geschieht dies vor allem in Respekt vor denen, die uns trotz aller damit verbundenen Mühsal die Wege geebnet haben, die wir heute wie selbstverständlich beschreiten. Ihr persönlicher Einsatz, ihr politischer Wagemut und ihre Unbeirrbarkeit sind beispielhaft. Unsere Aufgabe ist es, diese Arbeit fortzuführen mit dem Ziel, weiter für die Verwirklichung unserer Grundwerte Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit beharrlich zu kämpfen.

Weitere Dokumente, Fotos oder Wahlplakate der Hiltruper SPD aus dieser Zeit sind nicht bekannt. Politische Plakate waren bis 1919 in den meisten Ländern nicht zugelassen.

Hiltrup war in dieser Zeit stark von der katholischen Kirche geprägt. Der 1893 von Pfarrer Spinn gegründete „Kirchbauverein“ hatte bis 1906 28.000 Mark im Kirchbaufonds angesammelt. Der neue Pfarrer Unckel erwies sich als Profi im fundraising, bis 1909 kamen weitere 50.000 Mark zusammen, bis 1912 über 100.000. 1910 stufte der Regierungspräsident Alt-St. Clemens als „kulturgeschichtlich wertvoll“ ein, verbot den Abriss und verfügte die Beseitigung von Anbauten.

Die Entscheidung über den Standort des Neubaus von St. Clemens – im alten Dorf unmittelbar an der Chaussee Münster-Hamm oder am jetzigen Standort – traf zunächst 1910 der Generalvikar, da der Kirchenvorstand sich nicht einigen konnte. In mehreren Schreiben an verschiedene Beteiligte äußerte er, „ daß wir nach reiflicher und sorgfältigster Erwägung das Bröckersche Grundstück als Platz für die zu erbauende Kirche bestimmt haben“. Darüber gab es Streit, erst nach einer Kampfabstimmung der Gemeindevertretung im Herbst 1911 wurde der Bau auf dem Grundstück der Bauunternehmer Herinrich und Bernard Bröcker beschlossen. Die neue Kirche war für ein Fassungsvermögen von 1.400 Personen mit Erweiterungsmöglichkeit angelegt und wurde 1912/1913 im wesentlichen von Hiltruper Firmen gebaut, darunter die Bauunternehmer Bröcker und der Zimmermeister Marx von der Klosterstraße.

Gleichzeitig mit dem Kirchenbau errichtete das Baugeschäft Bröcker eine Gastwirtschaft unmittelbar neben dem Gotteshaus. Der Kolonialwarenhändler Bloech eröffnete sein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Als die neue St. Clemens-Kirche 1913 eingeweiht wurde, hatte Hiltrup ungefähr 2.000 Einwohner. Die alte St. Clemens-Kirche am Alten Kirchplatz, geweiht 1160, wurde nicht mehr benötigt. Am 8. Mai 1914 fragte der Landrat an, ob man sie nicht zum Zwecke gottesdienstlicher Handlungen der „evangelischen Gemeinde Münster“ (geschätzt ungefähr 100 Mitglieder) vermieten sollte. Der Kirchenvorstand lehnte ab. (Alt St. Clemens wurde in den folgenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt, vorübergehend sogar profaniert und erst 1963 wieder für Gottesdienste hergerichtet.)

Westfalenstraße / Bahnhofstraße, v.l. Hallen der Baufirma Bröcker, St. Clemens, Haus Außendorf/Bosse (um 1915, historische Postkarte zur Verfügung gestellt von Frau Bothe)

Westfalenstraße / Bahnhofstraße, v.l. Hallen der Baufirma Bröcker, St. Clemens, Haus Außendorf/Bosse (um 1915, historische Postkarte zur Verfügung gestellt von Frau Bothe)

Die Bahnhofstraße (heute: Marktallee) war um 1915 noch nicht gepflastert, die Nordseite von der Westfalenstraße bis zur heutigen Hausnummer 15 (Haus Außendorf, später Bosse) war noch nicht bebaut.

Mit Beginn des ersten Weltkriegs wurde die Verbindung aus dem Missionshaus der Hiltruper Missionare in die Welt unterbrochen. Von 1914 bis 1918 wurde im Missionshaus ein Lazarett eingerichtet, etwa 1200 verwundete und kranke Soldaten wurden hier in dieser Zeit gepflegt. Die Verwaltung übernahmen die Hiltruper Missionare, Krankenpflege und Küche besorgten die Hiltruper Missionsschwestern (siehe Hiltrup heute und morgen Nr. 15).

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915)

Postkarte aus dem Lazarett im Hiltruper Missionshaus (Juli 1915)

Eine Postkarte aus dem Jahr 1915 zeigt eine Gruppe von deutschen Soldaten als Patienten des Lazaretts im Hiltruper Missionshaus. Der Absender schreibt unter dem 10.7.1915: „Meine lieben Eltern! … kam Euer so liebes Paket, habt vielen vielen Dank dafür. – Mir geht es gut, auch operiert bin ich nicht worden. – Daß Ihr meine Lieben von dem Kuchen nur einmal gegessen habt, war nicht nötig, wenn ich etwas weniger bekommen hätte, wäre die Freude ebenso groß gewesen…“ Neben den Schrecken des Krieges – Patienten auf dem Foto brauchen einen Stock oder tragen einen Arm in der Schlinge – lässt diese Nachricht an die Familie ahnen, dass schon 1915 die Lebensmittelversorgung ein Thema war.

(Dieser Artikel wurde zuletzt am 13.06.2022 aktualisiert.)

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